Das Zeitalter der Unterdrückung - Arbeitstitel (OneBrunou)

    • *Trommelwirbel*

      Die Semesterferien fangen für mich absolut triumphal an! Denn endlich komm ich wieder dazu mich Dingen zu widmen, die so viel schöner sind, als die Lernerei ... Schreiben zum Beispiel. So arbeite ich derzeit an weiteren Kapiteln und habe auch mein erstes Kapitel noch einmal gründlich überlesen und etwas korrigiert, um es euch hier nun endlich (endlich!) präsentieren zu können. Vorab seien allerdings noch ein paar Kleinigkeiten erwähnt:

      • Es kann sein, dass sich hier und dort missverständliche Namen einschleichen, weil ich diese im Bearbeitungsprozess doch ständig wieder abgeändert habe. Wenn ihr auf solche Dinge stößt, sagt es mir ruhig, dann korrigier ich das.
      • Mit manchen Beschreibungen, speziell wenn es um Orte geht, bin ich noch nicht 100%ig zufrieden. Auch hier werde ich wohl noch mal rangehen, um zu versuchen das Ganze noch etwas anschaulicher zu schildern.
      • Das Kapitel umfasst gut 25 Word Seiten (fast 17.000 Wörter). Persönlich kann ich da nur aus Erfahrung sprechen, aber ich würde daher eher dazu raten das Ganze in Druckform zu lesen. Mir selbst fällt es jedenfalls schwer extrem lange Texte am Monitor zu lesen, ist aber auch nur ne Empfehlung meinerseits.
      • Achja, fast vergessen: Als kleine Vorwarnung sei noch gesagt, dass das erste Kapitel im Grunde nix anderes ist, als ein einziger, 25 Seiten langer, Teaser / Prolog. Soll heißen, dass hier sowohl Mainplot, als auch unsagbar viele Sideplots angerissen werden, doch richtig verarbeitet wird davon noch keiner. Das kommt alles erst in nachfolgenden Kapiteln ... Bzw. Bändern ^^
      Das wär's dann jetzt auch. Allen möglichen Interessenten wünsche ich nun viel Spaß beim Lesen!



      Kapitel 1

      »Wer anderen die Freiheit verweigert, verdient sie nicht für sich selbst.« - Abraham Lincoln

      Das herzhafte und heitere Gelächter von elbischen Kindern hallte durch die Straßen von Folkwag. Einer kleinen Stadt inmitten des Westens von Midva. Die Händler versuchten mit lautstarken Ausrufen auf ihren Stand aufmerksam zu machen. Die Bürger dieser friedvollen Stadt, deren Wahrzeichen ein gewaltiger Tempel der Göttin Freya war, dessen Spitze beinahe bis in die Wolkendecke ragte, teilten miteinander Neuigkeiten aus, lachten herzhaft und erledigten ihre alltäglichen Besorgungen auf dem Marktplatz. In diesem kleinen, unscheinbaren Örtchen gab es keine Gewalt, keine Verbrechen. Noch immer gehörte Folkwag zu den wenigen Orten des Landes, das unberührt von all dem Hass und all der Zerstörung blieb, die sich in ganz Midva unlängst ausgebreitet hatten. Der Bürgerkrieg, der nun schon seit mehreren Jahrzehnten tobte, hatte sie noch nicht erreicht. Und sie waren dankbar. Dankbar für jeden Tag des Friedens, den sie genießen durften.
      In diesem kleinen, unscheinbaren Ort im Westen des Landes, herrschte die Idylle noch immer vor. Auch wenn die Bürger wussten, dass diese Ruhe nicht mehr als eine Illusion war. Die wohlbekannte Ruhe vor dem Sturm. Sie wussten, was außerhalb ihrer Stadtmauern vor sich ging. Doch versuchten sie den Frieden solange zu genießen, wie es die Welt ihnen erlaubte zu tun. Sie wussten, dass das Unheil und das Chaos eines Tages auch ihre Heimat erreichen würde. Und dennoch, trotz dieser unterbewussten Erkenntnis, traf sie das, was folgte, völlig unvorbereitet.
      Der Himmel verdunkelte sich. Düstere Wolken zogen auf. Hüllten Folkwag in vollkommener Finsternis. Eine gewaltige, magische Explosion entfachte. Helle und dunkle Blitze schossen durch die Lüfte, trafen einige der Elben. Durchbohrten sie. Regungslos fielen sie zu Boden. Mit weit aufgerissenen Augen. In ihren Pupillen konnte man sehen, wie das Leben langsam aus ihren Körpern entschwand.
      Ein Wirbelsturm entstand, fegte die Obststände der meisten Händler mit unbarmherziger Gewalt durch die Straßen. Mit einer gewaltigen Wucht krachten sie in den Winden aufeinander. Zerschellten aneinander. Und mit einem Mal endete die Zeit der idyllischen Stille in Folkwag. Das Chaos des Krieges und des Wahnsinns, es hatte schlussendlich auch sie erreicht.
      Der Wind wehte mit einer solch unbändigen Kraft, dass er alles niederriss, was sich ihm in den Weg stellte. Nicht einmal die massiven, steinernen Häuser konnten sich dem widersetzen. Umliegende Gebäude begannen zu bröckeln, bis sie dem Druck letztlich nicht mehr standhalten konnten und in sich zusammen stürzten. Die Bewohner dieser steinernen Hütten konnten nichts tun, nur ihrem eigenen Ende entgegen blicken, als die Trümmer auf sie herabregneten, ihre Knochen zerbersten und sie unter den Felsbrocken begraben wurden.
      Die Bürger auf der Straße rannten verzweifelt um ihr Leben. Mit einem Mal hörte das zivilisierte Leben von Folkwag auf zu existieren. Aus Freunden wurden Feinde. Kinder wurden zu Ungeheuern, für die Freundschaft auf einmal nichts mehr wert war. Jeder dachte nur noch an sich selbst. Und an seine eigene Familie. Die Elben schubsten einander aus dem Weg. Einige gerieten ins Straucheln, andere fielen gar zu Boden. Diejenigen, die stürzten, waren dem magischen Impuls schutzlos ausgeliefert. Sie schrien nach Hilfe, doch es kam niemand. Ohne Gnade wurden jene, die fielen, von ihren alten Freunden und Bekannten einfach zertrampelt.
      Jeder verfolgte nur noch einen Gedanken. Überleben. Und das um jeden Preis. Sie alle versuchten dem Sog der brachialen Windböen zu entkommen. Denjenigen, denen dies gelang, gelang es letztlich auch aus der Stadt zu flüchten. Die anderen jedoch, die einfach zurückgelassen wurden, konnten sich dem Strom der magischen Energie nicht länger entziehen. Eine Welle des Impulses traf sie und ihre Körper zerfielen zu Asche. Ein ganzes Leben, einfach ausgelöscht. Innerhalb eines Wimpernschlages.
      Die einst so friedliche Stadt versank im Chaos. Und es gab niemanden, der diese Tragödie abwenden konnte. Auch nicht die elbischen Soldaten, die in Folkwag stationiert waren. Zwar waren sie bemüht die Ruhe und Ordnung wiederherzustellen, doch war dies ein Unterfangen, das von Beginn an zum Scheitern verurteilt war. Sie alle wussten das, noch bevor sie es überhaupt versucht hatten, durften es sich jedoch nicht erlauben Schwäche zu zeigen. Sie mussten standhaft bleiben. Sie waren diejenigen, die nun in der Bringschuld standen ihrem Volk wieder Hoffnung zu geben. Und genauso traten sie auf. Mit erhobenem Haupt und gezogenen Waffen. Doch die Furcht vor dem unbekannten Auslöser dieser furchtbaren Tragödie, drohte auch sie zu überwältigen. Einige von ihnen gaben zwar vor tapfer um die Sicherheit und die Leben der Bevölkerung von Folkwag kämpfen zu wollen, doch die Angst, die von den Zivilisten Besitz ergriffen hatte und sie irrational durch die Straßen stürmen ließ, breitete sich langsam ebenso in ihnen aus. Ein paar Soldaten versuchten zwar die magische Energie mit ihren Schwertern zu zerschlagen, doch kam dies mehr einer Verzweiflungstat gleich, als einem wohldurchdachten Plan.
      Seit hunderten von Jahren war es zu keinem magischen Vorfall mehr gekommen. Lange hatte man angenommen, dass die Magier nicht mehr existieren würden. Doch dies war ein Irrglaube, wie sich unlängst herausgestellt hatte. Dieser Angriff war der Beweis dafür, denn er traf die Elben völlig unvorbereitet, die nicht wussten, wie sie mit dieser Situation umgehen sollten. Wie sie dem magischen Impuls etwas entgegen setzen sollten.
      Letztlich erging es ihren Klingen so, wie es nicht anders zu erwarten war. Der Stahl verpulverte. Zerfiel zu Asche. Und kurz darauf erging es ihren Körpern genauso wie ihren Waffen. Jenen, die sich dem Sog zu weit angenähert hatten und sich diesem – schlussendlich – nicht mehr länger widersetzen konnten.
      Eine ganze Kleinstadt stand kurz vor der Devastation, als sich die magische Energie, die all dies hervorgebracht hatte, letztlich in dem Abbild einer alten, längst vergessenen Kreatur manifestierte. Drei Hufe, denen drei knöcherige Beine folgten, die letztlich in einem Torso, der ebenfalls die Form eines Skeletts besaß, mündeten. Zwei Köpfe ragten über dem gewaltigen Körper der Bestie. Die Köpfe von Pferden, die ebenfalls den Eindruck erweckten, als bestünden sie nur aus Knochen.
      Für die geschichtsträchtigen Zivilisten und Soldaten, die mit der Mythologie der Menschen vertraut waren, gab es keinen Zweifel … Das dreibeinige Totenpferd. Die linke Seite weiß, die rechte Seite schwarz. Ein uraltes Ungeheuer, das bei den Menschen als Vorbote galt. Als Vorhut der Vernichtung. Helhesten, das Reittier der Totengöttin Hella.
      Ein junger Elb, gerade dem Kindesalter entwachsen, war völlig starr vor Angst, als er dieses gewaltige Geschöpf erblickte, das alles andere um es herum überragte. Alles um sich herum verwüstete.
      Seiner förmlichen Uniform zu urteilen gehörte er zur königlichen Garde. Doch noch nicht lange, denn dies war sein erster Einsatz. Es sollte eigentlich eine einfache Mission werden. Reine Routine. Doch stattdessen sah er sich mit etwas konfrontiert, dem niemand, den er kannte, gewachsen sein konnte.
      Und der Impuls wurde stärker. Immer stärker. Die magischen Wellen, die sich zu dem Totenpferd manifestiert hatten und von diesem nunmehr ausgeströmt wurden, schlugen weiter aus. Näherten sich ihm. Er wusste, dass jeglicher Widerstand gegen diese Übermacht zwecklos war. Er hatte es mit eigenen Augen gesehen. Wie seine Kameraden, die ihr Schwert gegen diese Bestie erhoben hatten, innerhalb eines Wimpernschlages zu Asche zerfallen waren. Er wusste, dass er davon rennen musste, wenn er überleben wollte. Doch er konnte es nicht. Seine Beine gehorchten ihm nicht. Sein Körper begann zu zittern, seine Lippen zu beben. Er war fast so, als wäre er eingefroren, konnte seinen Blick einfach nicht von dieser unheilvollen Macht ablassen, die ihn drohte zu verschlingen. Erst die wilde, ungezähmte Hand auf seiner Schulter, die ihn mit aller Kraft packte und um seine eigene Achse herum drehte, schaffte es letztlich ihn aus seiner Starre zu befreien.
      »Vater«, flüsterte der junge Soldat, denn mehr brachte er nicht über seine Lippen.
      »Verschwinde von hier, Junge!« fauchte ihn der kommandierende Offizier seiner Garde an, dessen Brust mehrere Medaillen zierten. Abzeichen, die seine Tapferkeit und Aufopferungsbereitschaft untermauerten.
      »Geh nach Alfheim! Berichte dem König von dem, was hier geschehen ist … Sag ihm, dass wir sie endlich gefunden haben!«
      Der verängstigte Junge zögerte zunächst noch. Er tat sich schwer mit dem Gedanken seinen Vater zurückzulassen. Ohne diesen zurück in die Hauptstadt zu reisen. Da ertönte eine weitere, magische Explosion, deren Druck so gewaltig war, dass sie ihn beinahe von den Beinen gerissen hätte. Mit einem Mal waren all seine Zweifel wie weggeblasen. Und er rannte nur noch. Rannte aus der Stadt heraus, schnappte sich das nächstbeste Pferd, das er finden konnte, und ritt los. Ritt so schnell er konnte. Die Welt, sie musste davon erfahren. Sie musste erfahren, dass die Legende wirklich existierte. Die Götter … Sie weihten unter ihnen!

      *

      Die Sonne kämpfte sich ihren Weg durch die dünne Wolkendecke. Inmitten der südlichen Gefilden Midva's. Die wärmenden Lichtstrahlen ließen die Blumen erblühen, die angebauten Früchte prächtig gedeihen. Ein zarter Windhauch strich durch die lilafarbenen Lilien und betonte damit ihre elegante Grazie. Der Wind riss vereinzelte Blüten ab und ließ diese anmutig durch die Lüfte tanzen. Eine herrliche Idylle herrschte auf dem Land, nicht weit von Alfheim, der elbischen Hauptstadt, entfernt.
      Der grazile Tanz der Blütenblätter musste jedoch schon bald dem Grauen, das durch Verzweiflung und Vernichtung hervorgebracht wurde, weichen. Die wunderschönen Lilien wurden von der dünnen Schuhsohle einer braunen Sandale zertrampelt. Ein leicht bekleideter, und zugleich ungepflegter Mann, dessen wertvollster Besitztum die Erhaltung seiner beiden vorderen Schneidezähne zu sein schien, eilte durch das Blütenbeet.
      Und er rannte. Rannte immer weiter. Die Angst, man hatte sie ihm förmlich ins Gesicht gemeißelt. Egal wie viele Gründe ihm die bezaubernde, vom Winde betonende, Blumenwiese auch gab zu lächeln, er tat es nicht. Die Furcht, die in ihm aufgekeimt war, war zu groß. Zu mächtig. Und sie wurde von Augenblick zu Augenblick gewaltiger. Je öfter er sich umsah, zu jenem Mann mit brauner, ins Gesicht gezogener Kutte, desto mehr nahm die Angst ihn ein. Übernahm die Kontrolle über ihn, über sein Handeln. Das ließ ihn unachtsam werden. So unachtsam, dass er die Wurzeln einer der wenigen Birken, die auf dem Blumenfeld wucherten, übersah. Beim Anheben seines Fußes blieb er mit seinem Gelenk an der Ranke hängen, verlor das Gleichgewicht und stürzte auf den kalten Boden. Dort blieb er liegen. In einem Graben aus zerquetschten Lilien.
      Der Gejagte blickte kurz von der Erde auf, stellte fest, dass die Sonne, die zuvor noch ihre hellen und wärmenden Strahlen auf ihn geworfen hatte, verschwunden war. Sie war einem Schatten gewichen, der ihm die Wärme des heißen Himmelkörpers verwehrte. Dem Schatten einer Person. Eines Mannes, wie er annahm. Jenes Mannes, der ihn durch das halbe Blumenbeet gehetzt hatte. War er ein Mensch? Oder vielleicht doch ein Elb? Die Kutte verhinderte, dass er erfahren konnte von welchem Volk sein Jäger abstammte. Doch letztlich war die Herkunft seines Jägers die kleinste seiner Sorgen.
      Nun war es nicht mehr nur das Entsetzen in seinem Gesicht und die bebenden Lippen, sondern auch der abrupte Schweißausbruch und das Erzittern sämtlicher Gliedmaßen, durch die sich die unnachahmliche Furcht, die sich in diesen Sekunden, vermutlich die letzten Momente seines erbärmlichen Lebens, hervortat.
      »W … Wer bist … du? Was … was willst du von mir?« stotterte der ärmliche Mann mit leiser, piepsiger Stimme heraus. Zu mehr war er nicht mehr im Stande, so sehr hatte die Angst von ihm Besitz ergriffen. Er lag noch immer mit dem Bauch auf der schönen Blumenwiese, den Blick gen Boden gerichtet. Wenn dies tatsächlich das Ende für ihn war, dann wollte er nicht, dass das Letzte, was jemand von ihm sehen würde, der erbärmliche Gesichtsausdruck war, den er zweifelsohne in diesem Moment aufgelegt hatte. Nicht einmal sein eigener Henker sollte ihn so sehen. Diesen letzten Funken des Stolzes wollte er sich bewahren.
      Plötzlich hörte er ein unauffälliges Rascheln, das an das Aufeinanderprallen zweier Metallringe erinnerte, gefolgt von dem unverkennbaren Geräusch, das ertönte, wenn man eine Stahlklinge aus ihrer Schwertscheide herauszog. Er kannte dieses Geräusch nur zu gut. Er hatte es oft genug gehört. In eben jenen Tagen, in denen er zu seiner Klinge gegriffen hatte. In den Tagen, in denen er sie benutzte, um Angst und Schrecken zu verbreiten. In den Tagen, in denen er sie benutzte, um einem weiteren Elben den Kopf von den Schultern zu trennen. Und das nur, weil er ein Elb war. Doch er hätte nie gedacht, dass er mal derjenige sein würde, den bei diesem Geräusch ein Gefühl von Ehrfurcht überkommen würde. Das war es also. So würde es enden. So würde die Geschichte von Sven, dem Schänder, ihr Ende finden.
      »Du stellst die falschen Fragen. Die Frage ist, wer mich geschickt hat«, erwiderte der Unbekannte ihm nur, als Sven, nur für den Bruchteil einer Sekunde, einen höllischen Schmerz an seiner linken Brust verspürte. Einen Schmerz, der mit keinem anderen, den er jemals durchleben musste, vergleichbar war. Doch dann, nichts mehr. Er spürte nichts mehr. Er fühlte nichts mehr, roch nichts mehr, schmeckte nichts mehr, hörte nichts mehr. Seine Sinne waren wie betäubt, nein, sie waren tot. Nicht einmal sehen konnte er mehr. Alles um ihn herum verschwand. Wurde von einer undurchdringlichen Finsternis verschlungen, die auch ihn unlängst erreicht hatte. Eine Dunkelheit, die ihn in die ewige Verdammnis zerrte. Hinab ins Totenreich. Nach Helheim. An jenen Ort, an den all jene gingen, deren Leben im Diesseits ihr jähes Ende gefunden hatten. An jenen Ort, wo die Totengöttin, Hella, bereits auf ihn wartete und ihn mit offenen Armen empfangen würde.
      Der Jäger holte sich indes seine Trophäe. Mit seiner freien, linken Hand packte er sein Opfer an den Haaren und hob dessen Kopf empor. Er streckte seinen Hals, setzte ihn unter Spannung. Ein kräftiger Hieb mit seinem Schwert genügte, um ihm den Kopf von den Schultern zu trennen. Sein regloser Körper, der wohl schon bald von einem der vielen Wölfe, die in dieser Gegend der Provinz ihr Unwesen trieben, gefressen werden würde, stürzte hinab auf den kalten Boden. Blut strömte aus seinem offenen Hals heraus. So viel, dass es nur wenige Augenblicke dauerte, bis er in seiner eigenen Blutlache zu treiben begann.
      Sein Henker band sich seine Trophäe mit einem Lederband an die rechte Seite seiner Taille, da sich an seiner linken Hüfte bereits seine Schwertscheide befand, und kehrte der kopflosen Leiche den Rücken zu. Der Weg, den er dabei nahm, war ebenso von Blut befleckt wie der Ort, an dem er Sven niedergestreckt hatte. Tod und Elend wiesen ihm den Weg.
      Überall lagen die Leichen von Männern, aber auch Frauen, verstreut. Auf den einst so anmutigen und herzerwärmenden Blumenfeldern. Dem einen fehlte ein Arm, dem anderen ein Bein. Manchen wurde sogar der komplette Torso mit einem einzigen, horizontalen Schnitt, zerstückelt. Manch anderer wurde dagegen einfach kaltblütig enthauptet. Und wieder anderen hatte er lediglich die Kehle aufgeschnitten, um sie erbärmlich ausbluten zu lassen. Dadurch war manch eines seiner Opfer zwar noch am Leben, klammerte sich jedoch verzweifelt, und letztlich auch vergebens, an das letzte bisschen Leben, das noch in ihnen steckte. Doch einen schnellen und schmerzlosen Tod gewährte er diesen Menschen nicht. Und er ließ ihnen ihre letzten Momente. Die letzten Momente, in denen ihnen klar wurde, dass ihr Leben so gut wie vorbei war. Und in denen ihnen klar wurde, dass sie die Fehler, die sie einst begangen hatten und womöglich bereuten, nie wieder gut machen könnten. Sie realisierten, dass man sie immer, falls man sich überhaupt an sie erinnern würde, nur als die Handlanger eines wahnsinnigen und verrückten Mannes in Erinnerung behalten würde. Als ein grausames und skrupelloses Gesindel, das keinem ihrer Opfer jemals Gnade erwiesen hatte … Und das ihr Ende letztlich auf dieselbe Art und Weise gefunden hatte. Und der Jäger genoss es. Genoss diese Blicke der Hoffnungslosigkeit. Ergötzte sich an ihrem Ächzen nach Luft. Denn all die Jahre, die er nun schon umher streifte, um Abschaum wie diesen unter die Erde zu bringen, hatten ihn abgestumpft. Hatten dafür gesorgt, dass ihm die Empathie für Verbrecher jeglicher Art abhanden gekommen war.
      Der Unbekannte holte einen Zettel aus einer seiner vielen Gürteltaschen hervor, faltete diesen auf und betrachtete auf diesem die Zahl, die unter der Skizze eines Gesichts, und dazugehörigen Namen, geschrieben stand.
      »Tot oder lebendig. Sven – Der Schänder … 500 Kronen«, flüsterte der Mann leise vor sich her, der um seinen Hals eine Lederkette trug, an der zwei silberne Ringe mit jeweils einer markanten Gravur hingen.
      »Nicht übel.«

      *

      „Euer Hoheit, wir müssen eine Entscheidung treffen. Wir können unmöglich an zwei Fronten gleichzeitig kämpfen« hallte die raue und zitternde Stimme eines gealterten Elben durch den pompösen Thronsaal. Innenarchitektonisch war man sichtbar bemüht die Halle so zu gestalten, dass der Thron das Zentrum des Saals darstellte. So führte ein ausgebreiteter, roter Teppich vom Eingang bis hin zum Sitz des Königs. An der rechten und linken Seite des Teppichs befanden sich, in gleichmäßigen Abständen zueinander, einige angezündete Kerzenständer, während hinter dem Thron, der mit allerlei Pflanzenwurzeln und Blüten bestückt war, selbst ein Feuer im Kamin loderte. Die Banner, die rechts und links neben den Kerzenständern von der Decke hingen, waren ebenfalls so ausgerichtet, dass sie direkt zum Thron führten. Ein grüner Stoff mit einem einzigen, goldenen Kleeblatt, das darauf abgebildet worden war. Es war das Wappen des elbischen Reiches. Das Wappen, das seit Anbeginn der Zeit versinnbildlichte wofür das Königreich stand. Für eine Anmut und Grazie, die nur von der Natur selbst übertroffen werden konnte.
      Dort, inmitten dieser herrlichen Halle, tagte der Kriegsrat des elbischen Reiches. Auf Geheiß des Königs. Waren diese Sitzungen vor einigen Jahren immer in einem Vierjahreszyklus abgehalten worden, so war dies bereits das fünfte Treffen in den letzten drei Monaten. Die Tagungen waren längst zur Norm geworden. Der König – vor allem durch seine goldene Krone, die von vereinzelten Kleeblättern geschmückt wurde, leicht zu erkennen – ließ sich dabei von seinen engsten Vertrauten beraten. Auch wenn er der Herrscher einer Monarchie war, und damit nur sein Wort alleine Gewicht im Land besaß, so legte er doch großen Wert auf die Meinung seiner Berater. Darunter zwei Elben, gezeichnet durch Alter und Narben vergangener Kriege, die sich besonders durch ihren reichen Erfahrungsschatz hervortaten und auch schon seinen Vater, als dieser noch auf dem Thron saß, in wichtigen Fragen beraten hatten, sowie eine junge, elbische Kriegerin mit langem, kastanienbraunem Haar, das ihr bis zum Po ragte. Um ihren Hals trug sie eine unscheinbare Kette, an der ein Anhänger in Form eines Herzens hing. Ein halbes Herz, das in der Mitte zerbrochen erschien. Es diente ihr als Sinnbild ihrer innerlichen Zerrissenheit, symbolisierte ihre Sehnsucht und ihre Liebe zu dieser einen Person … Jener Person, die um ihren Hals die andere Hälfte des Herzens trug. Nur gemeinsam konnten sie eine wahrhaftige Einheit bilden. Nur gemeinsam könnten sie sich wieder vervollständigen. Ohne ihn fehlte ihr etwas. Würde ihr immer etwas fehlen. Doch sie war sich sicher, wusste es tief in ihrem Innersten, dass ihr Herz eines Tages wieder heilen würde. Dass sie ihn wiedersehen würde. Früher oder später würde dieser Tag kommen.
      Die junge Elbin trug eine leichte Lederrüstung, die mit vereinzelten Stahlplatten an Schultern und Brust verstärkt worden war. Dadurch war sie im Kampf sowohl schnell, als auch hervorragend gepanzert, sollte ihr Gegner, entgegen ihrer Erwartungen, schneller sein als sie. Etwas, was ihr bisher jedoch noch nie widerfahren war. Ihre makellose Panzerung, die keinen einzigen Kratzer aufwies, bewies dies, zeugte sie doch von ihrer stetigen Überlegenheit im Gefecht. Noch nie hatte sie einen Kampf verloren – Weil sie noch von keinem Gegner getroffen wurde.
      An der linken Seite ihrer Taille befanden sich zwei Schwertscheiden. Sie hatte es sich zu eigen gemacht sich nicht nur auf eine Klinge zu verlassen, sondern im Kampf möglichst agil und variabel agieren zu können. Sie lebte von ihrer Schnelligkeit, von ihrer Wendigkeit, nicht von ihrer Stärke und Robustheit. Man nannte sie nicht umsonst »Dialya – Die Anmutige«. Ihr Beiname stand dabei weniger für ihre Schönheit, sondern mehr für ihre grazilen Bewegungen im Kampf. Balladen wurden ihren heroischen Taten gewidmet, Lieder hallten durch jede Taverne des Landes, die ihren Namen priesen. Über die unbesiegte Blüte. Man sagte sie gleiche auf dem Schlachtfeld einem Blütensturm, fegte sie über ihre Feinde doch mit einer solchen Grazie hinweg, wie es niemand sonst vermochte.
      »Ich werde beenden, was mein Vater einst begonnen hat … Doch dazu müssen wir den Norden endlich einnehmen. Wir müssen die Nordlinge unter Kontrolle kriegen. Das ist das Einzige, was zählt«, entgegnete der Elbenkönig seinen Beratern, nicht willens von seiner bisherigen Kriegsstrategie abzuweichen.
      »Euer Hoheit, bitte bedenken Sie das noch einmal … Wenn wir den Norden erobern wollen, dann müssen wir in dieses Vorhaben deutlich mehr Ressourcen als bisher investieren. Um wirklich eine Chance auf Erfolg zu haben, sollten wir unsere aufgebrachten Mittel auf einen Bereich konzentrieren … Den Norden oder den Osten. Denn so, wie wir es bisher handhaben, können wir weder die vermehrten Aufstände der Rebellen im Osten zerschlagen, noch den Norden – die letzte Provinz von Midva, die noch von den Menschen besiedelt wird – erobern«, erklärte ihm einer der gealterten Berater, der sich nur dank seines Gehstocks, mehr oder weniger, auf seinen klapprigen Beinen halten konnte.
      »Außerdem müssen wir das harte Klima des Nordens mit berücksichtigen. Im Norden herrschen eisige Temperaturen, mit denen unsere Soldaten noch nie zuvor konfrontiert worden sind. Die meisten unserer Männer sterben dort zurzeit nicht etwa im Kampf, sondern durch Erfrieren. Die Nordlinge sind uns gegenüber stark im Vorteil, weil sie mit dieser Kälte aufgewachsen sind und nichts Anderes kennen«, fügte der andere, ältere Ratsherr noch hinzu.
      »Ich schätze euren Rat, Mithírth und Athavar. Ihr habt meinem Vater lange und ehrenhaft gedient. Zuerst auf dem Schlachtfeld, dann als Berater. Doch ich bin nicht bereit mein Vorhaben, den Norden zu erobern, aufzugeben!« beharrte der Elbenkönig weiterhin auf seinen Entschluss. Es gab nichts Anderes auf dieser Welt, was ihm wichtiger war, als auch die letzte Provinz von Midva unter elbische Kontrolle zu bringen.
      »Was meinen Sie, Dialya?« wandte er sich an das jüngste Mitglied des Kriegsrats, noch bevor Mithirth oder Athavar einwerfen konnten, dass sie ein Aufgeben auch gar nicht verlangt hätten. Dialya hatte der Diskussion bisher nur teilnahmslos gelauscht, ohne sich aktiv an ihr zu beteiligen. Dabei tagte der Rat bereits seit mehreren Stunden. Ihr emotionsloser Blick und ihre vor dem Körper verschränkten Arme machten deutlich, wie wenig sie sich für diese Debatte überhaupt interessierte. Dennoch war sie Mitglied des Rats und als solches dazu verpflichtet an diesen Sitzungen teilzunehmen. Und dazu gehörte auch eine Anteilnahme an den dort besprochenen Themen, so sehr es ihr auch missfiel und so sehr sie sich selbst im Zaum halten musste, um nichts zu sagen, was sie am Ende womöglich noch bereuen würde.
      »Wir sollten uns vorerst darauf konzentrieren den Osten wieder unter Kontrolle zu bringen, bevor wir einen weiteren Vormarsch auf den Norden riskieren«, begann die junge Elbenkriegerin zu erklären und richtete ihren desinteressierten Blick auf den König, der nur darauf wartete, dass sie ihren Gedanken zu Ende brachte.
      »Wir mögen im Norden zwar den König der Nordlinge getötet haben, doch das wird die Menschen kaum schwächen. Im Gegenteil, sie werden erzürnt sein. Wild entschlossen ihren König zu rächen. Und sie werden jede unserer Unachtsamkeiten nutzen, um uns größtmöglich zu schaden«, fuhr sie fort, stoppte jedoch kurz, eines Blickes wegen, um zu sehen, ob man ihren Worten auch lauschte. Und so war es auch. Sowohl König, als auch Berater der Krone horchten aufmerksam ihren Worten, denn sie alle wussten, dass niemand die Situation besser einzuschätzen vermochte als jemand, der tatsächlich schon an der nördlichen, als auch an der östlichen Front gekämpft hatte.
      »Die Lage ist eigentlich ganz einfach … Greifen wir an zwei Fronten gleichzeitig an, mit aufgeteilten Mitteln, laufen wir Gefahr am Ende gar nichts zu gewinnen und trotzdem wichtige Ressourcen zu verlieren. Konzentrieren wir uns jedoch zunächst auf das einfachere Ziel – und das ist der Osten – und versuchen den dortigen Bürgerkrieg zu beenden, dann können wir anschließend sämtliche Mittel, die wir im Westen, Süden, und folglich auch wieder im Osten, aufbringen können, für einen Großangriff auf den Norden einsetzen. Und dann haben die Nordlinge nichts mehr, womit sie uns noch gefährlich werden könnten. Nicht einmal die Kälte wird sie mehr schützen können.«
      Stille trat in dem gigantischen, pompösen Thronsaal ein. Alle Augen ruhten auf Dialya. Nicht nur die der beiden Ratsherren und des Königs, sondern auch die der dort stationierten Soldaten. Denn noch nie hatten sie erlebt, dass jemand dem Elbenkönig derartig vehement widersprochen hatte. Schon gar nicht in einem solch herrischen, fast schon respektlosen, Tonfall. Die Männer und Frauen waren geschockt, fast wie gelähmt. Sie kannten die junge Kommandantin zwar, da die meisten von ihnen bereits gemeinsam mit ihr gekämpft hatten, doch sie hätten niemals erwartet, dass sie selbst dem König gegenüber kein Blatt vor dem Mund nehmen würde.
      Die gealterten Ratsmitglieder indes musterten sie nur verwundert, brachten keinen Laut mehr heraus. Nicht etwa wegen ihrem Widerspruch dem König gegenüber. Letztlich teilten sie ihre Meinung, doch hatten sie bloß nicht den Mut dieser Frau, um diese Worte auch so direkt an den König zu richten. Sie waren vielmehr überrascht davon, dass eine einfache Soldatin bereits bei ihrer ersten Teilnahme an einer Ratssitzung, über ein solch imposantes Verständnis von politischer Kriegsführung verfügte. Bei genauerer Überlegung legte sich ihre Verwunderung jedoch wieder, schließlich war sie auch nicht irgendeine elbische Kriegerin … Als Kommandantin der ersten Garnison musste sie bereits auf diversen Schlachtfeldern schwere, strategische Entscheidungen treffen. Kommandieren, koordinieren und strategisches Denkvermögen lag ihr im Blut. Es waren Fähigkeiten, durch die ihre Familie schon seit vielen Jahrhunderten von sich Reden machte. So war es auch ihr Vater, der einst die Truppen nach Midva geführt und den „zwanzigjährigen“ Krieg letztlich zu Gunsten des elbischen Reiches entschieden hatte. Dass sie ein besonderes Verständnis für Strategie und Taktik besaß war für diejenigen, die sie und ihre Familie kannten, daher wenig überraschend.
      Plötzlich vernahm der Rat einen Tumult, der vor den Toren des Schlosses aufgekeimt war. Konnte sie ihren Ohren trauen, so glaubte Dialya einen jungen Mann, den Äußerungen der Wachen zu urteilen wohl gerade erst den Kinderschuhen entwachsen, zu hören, der um Einlass bat, von den Soldaten jedoch zurückgehalten wurde. Diese verlangten von ihm sich in Geduld zu üben, da der Kriegsrat derzeit tagte und nicht gestört werden wollte. Doch der Junge behaarte auf Einlass. Sein Großvater würde hören wollen, was er zu sagen hatte. Doch die Soldaten gaben nicht nach, bis er schlussendlich auf das Tor zustürmte, unter den nach ihm greifenden Armen der Wachen hinweg huschte, und so sich selbst Zutritt verschaffte.
      »Großvater«, hallte es durch den pompösen Thronsaal. Die Wachen waren ihm nachgeeilt, fassten ihn und entschuldigten sich kurzerhand bei der Krone für diese Unterbrechung. Der König hob seinen Arm, streckte seine flache Hand nach ihnen aus.
      »Ist schon in Ordnung. Lasst meinen Enkel sagen, was er zu sagen hat.«
      Die elbischen Soldaten ließen von dem Jungen ab, verbeugten sich vor dem Thron und verließen schnurstracks den Palast.
      »Setzen Sie für mich einen Brief auf und schicken Sie ihn in unser Lager im Norden. Zeit unsere Männer nach Hause zu holen«, wandte sich der Elbenkönig kurzerhand Dialya zu, während sein Enkel durch den Thronsaal marschierte. Sie blickte ihn nur verwundert an, wusste im ersten Moment nicht, was sie mit diesen Worten anfangen sollte. Sie hatte noch gar nicht realisiert, dass es ihr scheinbar gelungen war mit ihrer direkten, schon beinahe forschen, Art zu dem König durchzudringen. Ihm klar zu machen, dass sie sich anders aufstellen mussten, wenn sie Midva wieder in Frieden wissen wollten. Schweigend nickte sie ihm zu, kehrte ihm den Rücken und begab sich gen Ausgang. Direkt an dem Enkel des Elbenkönigs vorbei, in dessen Gesicht sie eine beunruhigende Mischung aus Ehrfurcht und obsessiver Verzweiflung zu erkennen glaubte.
      »Ach ja, und Dialya … Sagen Sie Ihrem Bruder bitte, dass er mich umgehend aufsuchen soll.«
      »Wie Sie wünschen, König Rowyn.«

      *

      Der Jäger, der seine braune Kapuze noch immer tief ins Gesicht gezogen trug, schlenderte durch einen kleinen, dichten Wald, der direkt hinter den Blumenfeldern lag. Das Gezwitscher der Vögel verleitete ihn immer wieder dazu seinen Blick gen Himmel zu richten. Eine leichte Windbrise sorgte indes für das Herabfallen einiger Blätter und Blüten, die mit einer unbeschreiblichen Grazie durch die Lüfte tanzten. Ein Anblick, den er immer wieder zu genießen wusste. Weil er ihn stets in Erinnerungen schwelgen ließ. Ihn an eine Zeit zurückdenken ließ, die so viel einfacher war. Eine unbeschwerte und vor allem glückliche Zeit. Und er verlor sich selbst. Verlor sich in seinen Gedanken. Wieder einmal. In Gedanken an seinen Bruder. An jenen Elben, der sein Leben stärker als jeder andere geprägt hatte. An jenen Elben, der mit einem unvergleichlichen Geschick mit dem Schwert umzugehen wusste. Es besser führen konnte, als jeder andere, der ihm je begegnet war. Der wie eine Naturkatastrophe war, der seine Feinde schutzlos ausgeliefert waren.
      Er erinnerte sich an eben jene schöne Tage, in denen es nur sie beide gab. Sie beide und die einzigen beiden Frauen mit bernsteinfarbenem Haar, denen er sich jemals geöffnet hatte … Wie sie zusammen speisten, zusammen lachten, zusammen weinten. Wie sein älterer Bruder ihn trainierte, ihn das Kämpfen lehrte. Und wie er ihn lehrte, dass ein Kampf nicht immer mit der Klinge – oder mit den Fäusten – ausgefochten werden musste. Er brachte ihm alles bei, was er wusste. Was er konnte.
      Und er schmunzelte, als er an eine seiner ersten Lektionen zurückdachte. Mit einem hölzernen Übungsschwert in der Hand eilte er auf seinen großen Bruder zu. Ohne zu überlegen, ohne auf die eigene Deckung zu achten. Diese Naivität bestrafte sein Lehrer gnadenlos, in dem er mit einem einfachen Ausweichschritt seinem Angriff entging und ihm anschließend einen kräftigen Schlag auf den Hinterkopf verpasste, der ihn zu Fall brachte. Sofort spürte er, wie sich an seinem Kopf eine dicke Beule bildete, die ihm viele, schlaflose Nächte bereiten sollte.
      Nie hatte er jemanden gesehen, der mit dem Schwert geschickter umzugehen vermochte, noch sich auch nur ansatzweise so elegant zu bewegen wusste, wie er es konnte. Und immer, wenn er die Blätter bei ihrem eleganten Lufttanz beobachtete, dachte er an ihn … Und er lächelte. Etwas, was er in dieser grausamen Zeit, in der er lebte, ohnehin viel zu selten tat. Wofür er aber auch viel zu selten die Gelegenheit, geschweige denn einen Grund hatte.
      Er schwelgte so lange, und so intensiv, in seinen Erinnerungen, dass er überhaupt nicht bemerkt hatte, wie er den kleinen Wald unlängst verlassen hatte. Die dünne Wolkendecke am Himmel hatte sich verzogen. Die grellen Lichtstrahlen der Sonne fielen ungehindert auf die Erde hinab. Und das mit einer solchen Intensität, dass dem Jäger kurzzeitig schwarz vor Augen wurde, als er zum Horizont blickte. Der flammende Himmelskörper blendete ihn, als er plötzlich eine ihm vertraute Stimme vernahm.
      »Fethros, da bist du ja wieder! Wie ist es gelaufen?«
      Er blickte hinüber zu dem kleinen, kauzigen Mann mit Vollbart, der nach ihm gerufen hatte. Was er an Haar im Gesicht besaß, vermisste er schmerzlich auf seinem kahlen Kopf, auf dem sich das Sonnenlicht reflektierte. Diese freundliche, und zugleich tiefe, Stimme würde der Kopfgeldjäger immer und überall wiedererkennen. Sie war einmalig. Der Zwerg lehnte indes mit der rechten Schulter an seinem hölzernen Wagon, welcher von zwei Pferden gezogen wurde.
      »Wonach sieht es denn für dich aus, Brogar?« entgegnete der Jäger dem Zwerg und verwies dabei, mit einer unscheinbaren Gestik, auf den leblosen Menschenkopf, der an seiner rechten Hüfte baumelte und dessen Blut bereits zu trocknen begann.
      »Sieht so aus, als würde der Bürgerkrieg doch nicht jedem schaden, was?«
      »In der Tat können sich Kopfgeldjäger in diesen düsteren Tagen kaum noch vor Arbeit retten. Wenigstens in dieser Hinsicht unterscheiden sich die Elben nicht von den Menschen … Jeder scheint zu glauben, dass Gesetze im Krieg nichts mehr wert wären und man sie nicht länger zu befolgen hätte. Menschen, wie auch Elben, werfen ihre Ideale und Wertvorstellungen über Bord. Sie werden gierig. Sie werden skrupellos. Getrieben von der Gier, und dem Glauben daran keine Konsequenzen fürchten zu müssen, werden sie zu Dieben, Räubern, Vergewaltigern und Mördern. Bis sie eine Stahlklinge eines Besseren belehrt.«
      »Hast noch immer nen Stock im Arsch, was?«
      Die beiden Männer lächelten und begrüßten einander herzlich mit einem freundschaftlichen Händedruck. Dabei griffen sie sich beide an den Unterarm des jeweils anderen. Eine zwergische Geste, die in ihrem Land als brüderlicher Akt gewertet wurde.
      »Euer Angebot steht noch?«
      »Natürlich! Für einen alten Freund tue ich alles! Abgesehen davon schulde ich dir noch was. Da ist es das Mindeste, wenn wir dich mitnehmen. Wir wollen ja ohnehin beide nach Alfheim, wir müssen also sowieso in dieselbe Richtung«, sicherte Brogar dem Jäger seine Hilfe zu, was dieser als Anlass sah den kleinen Wagon zu erklimmen, der mit vollgestopften Taschen und unzähligen, eingerollten Decken gefüllt war. Sein zwergischer Freund nahm indes an der Seite seines Kutschers Platz. Dann ritten sie gemeinsam los.

      *

      Ein junger Elb, dessen waldgrünes Haar zu einem Zopf zurecht gebunden war und der einen speziellen, fast schon besorgniserregenden blassen Hautton besaß, saß inmitten eines einfachen, sehr schlicht gehaltenem Hauses an einem Tisch, auf dem sich nichts, außer einer kleinen Kette befand. Keine Möbel, keine Gemälde, nichts. Das Haus stand völlig leer. Bis auf die Spinnennetze, die sich an Decke und Wänden gebildet hatten. Das Einzige von Wert war sein Waffenarsenal, das an der hölzernen Platte des Tisches lehnte. Ein Bogen, mitsamt gefülltem Pfeilköcher, und zwei gewölbte Kurzschwerter mit elbischen Gravuren an Griff und Klinge.
      Die Kette hatte er mit seiner geballten Faust fest im Griff. Die Spitzen des Anhängers – Zacken eines halben Herzens – bohrten sich in seine Haut. Das Holz unter seiner Hand färbte sich rötlich, getränkt mit seinem Blut, doch es scherte ihn nicht. Er verzog keine Miene, zuckte nicht einmal. Er empfand keinerlei Schmerzen. Dann öffnete er seine Faust wieder und blickte hinab auf jenen Anhänger, auf dem der Name Trálir eingraviert worden war. Ein Name, den er immer und immer wieder vor sich hin flüsterte. Und mit jedem weiteren Mal zogen sich seine Augenbrauen mehr und mehr zusammen. Er knirschte mit den Zähnen. Sein Zorn brodelte so impulsiv, dass sein Gesicht rot anlief. Er biss sich auf die Unterlippe, versuchte seine unbändige Wut weiter zu unterdrücken. Doch es gelang ihm nicht. Er ballte seine Hand wieder zu einer Faust, hob seinen Arm empor und, um seinen in ihm angestauten Aggressionen endlich Luft verschaffen zu können, wenn auch nur für eine Sekunde, schmetterte er sie auf den leblosen Tisch. Ein dumpfer Knall ertönte, der im gesamten, leerstehendem Haus widerhallte. Wie ein Echo. Und erneut begann er diesen einen Namen leise zu flüstern. Trálir. Trálir. Trálir … Immer und immer wieder, so als gebe es nichts Anderes mehr, an das er noch denken konnte.
      Er wollte gerade zum zweiten Schlag ausholen, als es plötzlich an seiner hölzernen Tür klopfte. Blitzartig sprang er auf, ließ die Kette in einer seiner hinteren Gürteltaschen verschwinden und griff zu einem seiner Schwerter, das er sich um seinen unteren Rücken band. Seine rechte Hand ruhte stets auf dem Griff seiner Klinge. In diesen unruhigen Zeiten konnte man schließlich nie vorsichtig genug sein. Nicht einmal in der Hauptstadt des elbischen Reiches fühlte er sich noch sicher. Nicht nach alldem, was er auf seiner Pilgerreise gesehen und erlebt hatte.
      »Wer ist da?« fragte er misstrauisch, nachdem er seine Haustür erreicht und die Person draußen noch immer nicht aufgehört hatte gegen die Holzbalken zu hämmern.
      »Emetiel, mach die Tür auf. Ich bin's«, forderte ihn die sanfte Stimme einer Frau auf. Eine Schönheit, die er nur allzu gut kannte. Immerhin hatte er sich einst eine Gebärmutter mit ihr geteilt. Beruhigt nahm er die Hand von seinem Schwertgriff, vergewisserte sich jedoch noch einmal, dass die Kette mit dem halben Herzen gut verstaut war, so gut, dass sie für niemanden mehr sichtbar war, und öffnete anschließend die Tür. Ohne ihn auch nur eines Blickes zu würdigen trat Dialya in sein bescheidenes Heim ein, legte ihre Schwerter sorgsam an dieselbe Stelle, an der auch seine übrigen Waffen ruhten, und nahm dann auf demselben Stuhl Platz, auf dem auch er zuvor noch gesessen hatte.
      »Nein bitte, komm doch rein«, gab er nur flapsig von sich. Ihre Aufmerksamkeit galt jedoch vielmehr dem, was ihre Augen in seinem Daheim vorfanden. Oder vielmehr dem, was sie dort nicht vorfanden.
      »Bist wohl noch immer kein Freund von Inneneinrichtungen, was kleiner Bruder?« konterte die hochangesehene Kriegerin dem Reisenden, dem sie dadurch zunächst jedoch nur ein unauffälliges Räuspern entlocken konnte, während er seine Arme ineinander verschränkte.
      »Wozu denn auch? Ich bin doch ohnehin nie hier.«
      »Was glaubst du würde Vater sagen, wenn er sehen würde, wie du hier haust?«
      Plötzlich verfinsterte sich die Miene von Emetiel. Er knirschte mit den Zähnen, seine Fingernägel bohrten sich in die Haut seiner Arme. Doch Schmerzen nahm er keine wahr.
      »Du hast ihm immer noch nicht verziehen, nicht wahr?« hakte sie schließlich nach, als sie die bedrückende Stille nicht länger ertrug.
      »Wie könnte ich, nach allem, was er mir angetan hat? Hatten wir uns nicht darauf geeinigt, dass du ihn mir gegenüber nie wieder erwähnen würdest?«
      »Ich entschuldige mich«, entgegnete seine Schwester ihm. Sein Zorn verrauchte, er erkannte sofort, dass sie die Entschuldigung ernst meinte. Es dauerte nur einen Augenblick, da hatte er ihr bereits wieder verziehen. Dialya war die einzige Elbin, der er niemals nachtragend sein konnte. Dafür hatten sie einfach schon zu viel gemeinsam erlebt.
      »Ändert doch nichts daran, dass das dein Zuhause ist.«
      »Du hast meine Frage noch nicht beantwortet … Was willst du hier?«
      Während Dialya weiter sein ärmlich eingerichtetes Haus begutachtete, griff er sich erneut in seine hintere Gürteltasche, um sich noch einmal zu vergewissern, dass die Kette auch wirklich gut versteckt war. Denn wenn es jemanden gab, der sie nicht sehen sollte, sie nicht sehen durfte, dann war es Dialya. Sie war die letzte Person, die diese zu Gesicht bekommen sollte. Normalerweise wäre sie die Erste, der er davon erzählen würde. Zwischen ihnen hat es noch nie Geheimnisse gegeben. Doch er konnte es einfach nicht. So sehr er es auch wollte. Zwar redete er sich ein, dass er ihr seine jüngst gewonnenen Erkenntnisse verheimlichte, um sie zu schützen, doch instinktiv wusste er, dass das eine Lüge war. In Wahrheit versuchte er bloß sich selbst zu schützen. Vor einer Situation, die er unmöglich kontrollieren konnte, ja noch nicht einmal wusste, wie er sich in dieser überhaupt zu verhalten hätte. Vor einem Gespräch mit seiner Schwester, das unangenehmer kaum sein könnte. Er wusste, dass er es ihr sagen musste, doch suchte er noch nach dem richtigen Moment dafür. Und das hier, das wusste er, war er ganz sicher nicht.
      Doch so unauffällig er diese Bewegung auch machte, so entging Dialya doch nicht, wie er mit seiner Hand hinter seinem Rücken an etwas herumtastete. Zwar wusste sie nicht was es war, doch war es für sie kaum zu übersehen, dass er bemüht war etwas vor ihr zu verheimlichen. Die einzige Frage, die sich ihr letztlich stellte war was denn so wichtig sein konnte, so unaussprechlich, dass Emetiel nicht einmal seine eigene Schwester einweihen wollte. Es vielleicht nicht einmal konnte.
      »Wie war deine Pilgerreise?« lenkte sie von ihren Überlegungen ab, wich seinen Blicken allerdings weiterhin gekonnt aus.
      »Konntest du sie finden?« ergänzte sie. Emetiel horchte auf. Er überlegte kurz, wusste nicht was er sagen sollte. Er hätte ihr so gerne die Wahrheit gesagt, doch er konnte es nicht. Er durfte nicht. Er wollte nicht, dass sie sich noch mehr Sorgen machte. Er wusste, wie sehr sie die Abwesenheit ihres Mannes beschäftigte, wie es sie bedrückte. Welchen Zweck hätte es da sie auch noch zusätzlich mit seinen Problemen zu belasten? Er setzte ein gezwungenes Lächeln auf, gab sich jedoch alle Mühe es so echt wie möglich aussehen zu lassen. Doch Dialya durchschaute seine Fassade sofort. Das tat sie schon immer. Sie kannte ihren Bruder einfach zu gut, als dass dieser sie belügen könnte. Dennoch ließ sie ihn in dem Glauben, dass sie ihm glaubte.
      »Leider nicht, aber ich bin guter Dinge, dass ich sie noch finden werde«, erwiderte er ihr so überzeugend, wie es ihm in diesem Moment nur möglich war, und setzte sich auf den Platz, der dem Ihren direkt gegenüber lag.
      Die Geschwister tauschten intensive Blicke miteinander aus. Dialya verzog keine Miene, musterte ihren Bruder ganz genau. Seine Gestik, seine Mimik, sein gesamtes Auftreten. Eine einzige Schweißperle sammelte sich auf seiner Stirn und bahnte sich, langsam aber sicher, den Weg über seine rechte Wange, hinunter zu seinem Kinn, von wo aus sie im Sturzflug auf die kalte Tischplatte seines modrigen Holztisches aufschlug und in viele, kleine Tropfen zerbärste. Und erst jetzt, bei genauerer Betrachtung ihres Bruders, fiel ihr auf, dass er noch immer denselben, abgenutzten Umhang trug, den er auch schon vor zwei Jahren, am Tag seiner Abreise, getragen hatte. Denselben Umhang, den auch schon ihr Großvater vor ihm getragen hatte. Es war ein altes Familienerbstück, schon seit unzähligen Generationen, dem man deutlich ansah, dass es schon mehrere Epochen überstanden hatte. Die Ärmel waren fransig, die Kapuze leicht eingerissen und der braune Farbton schien von Moment zu Moment mehr zu verblassen. An einigen Stellen waren vereinzelte Stofffetzen aufgenäht, die durch den unterschiedlichen Farbton zum Umhang besonders hervorstachen.
      Plötzlich horchte sie auf. Beinahe hätte sie den Grund vergessen, aus dem sie ihn eigentlich aufgesucht hatte. So sehr Dialya auch die Zeit mit ihrem Bruder genoss – und von der gab es wahrlich genug nachzuholen – so wusste sie auch, dass sie den König nicht noch länger warten lassen konnten.
      »Das hätte ich beinahe vergessen … König Rowyn verlangt nach dir. Du hättest dich eigentlich bereits nach deiner Wiederankunft bei ihm einfinden sollen.«
      »Ich war beschäftigt«, wies Emetiel jegliche, mögliche Schuld von sich, was seiner Schwester nur ein verächtliches Schnauben entlockte. Gefolgt von einem kurzen Grinsen, das ihr so schnell über ihre vollen Lippen wich, sodass es für jeden anderen niemals erkennbar gewesen wäre. Emetiel jedoch hatte es bemerkt. Und er erwiderte es.
      »Ach ja, und womit?«
      »Mit … Dingen eben.«
      Sie seufzte.
      »Wirst du jemals aufhören dich wie ein Kleinkind zu benehmen und deine Pflichten als kommandierender Offizier endlich mal ernst nehmen?« löcherte ihn seine Schwester weiter, ohne Erbarmen mit seiner Hilflosigkeit zu zeigen.
      »Ich würde nicht allzu bald damit rechnen.«
      »Tue ich auch nicht.«
      Sie lächelten. Und sie schwiegen, denn Worte waren überflüssig. Für einen kurzen Moment vergaßen sie alles um sich herum. All den Schrecken, all die Tragik und all die Schlachten, die in diesem Augenblick, irgendwo dort draußen, tobten. Es gab nur sie. Zwar wussten sie, dass dieses Gefühl der Glückseligkeit nur von kurzer Dauer war, doch war dies für sie nur noch mehr Grund, um die Zweisamkeit, die sie in diesen Sekunden pflegten, besonders zu genießen. Es erfreute die beiden Geschwister einfach, dass sie auch jetzt, nach diesen zwei langen, schier endlosen Jahren, noch immer genauso vertraut miteinander umgehen konnten, wie vor Emetiel's Pilgerreise.
      »Ganz ehrlich, Schwesterchen … Es ist schön dich wiederzusehen«, beendete Emetiel die Stille zwischen ihnen.
      »Es ist auch schön dich wiederzusehen.«

      *

      Sanften Schrittes durchquerte sie den Weg, den ihr die betrunkenen Elben geebnet hatten. Sie alle warfen ihr, die ihr Gesicht unter einer Kapuze versteckt hielt, zwielichtige Blicke zu, die ihr zwar nicht unbemerkt blieben, denen sie jedoch stets versuchte auszuweichen. Wenn sie erfuhren wer, oder viel mehr was, sie war, dann wären sie nicht mehr zu halten. Sie würden sich auf sie stürzen. Ihr die Kutte vom Kopf reißen. Über sie herfallen. Ihre Beine spreizen. Sie schänden. Solange, bis sie nicht mehr Herrin ihrer Sinne wäre. Dann, und erst dann, wenn sie gebrochen wäre, würden sie sie von ihrer Qual erlösen und ihr eine Klinge in den Hals rammen.
      Und dort, am Ende dieses schmalen Weges, sah sie ihn. Einen alten Mann. Mit geschlossenen Augen. Sie kannte ihn nicht, hatte ihn noch nie zuvor gesehen. Und doch wirkte er überraschend vertraut auf sie. Er führte einen Gehstock mit sich, der neben seinem Stuhl, auf dem er saß, lehnte. Mit einem seiner Füße schob er den Stuhl vor sich ein Stück weit vom Tisch weg. So weit, dass es ihr letztlich möglich sein sollte, sich hinzusetzen, ohne diesen erst selbst verrücken zu müssen. Sie näherte sich ihm. Er hob seinen Kopf, sah zu ihr hinüber. Ihre Blicke trafen sich. Sie ging unbehelligt weiter. Bis der alte Mann seine Augen schlussendlich öffnete. Und sie in diesen weißen Abgrund des Nichts blickte. In diese leeren Augen.
      Sie wachte auf. Erwachte aus ihrem Schlaf. Ruckartig sprang sie auf, der Kristall auf ihrer Stirn funkelte in einem schimmernden, bläulichen Licht. Und da realisierte sie es. Realisierte, dass dies wieder nur einer ihrer Träume gewesen war, wie sie sie nun schon seit vielen Monaten zu ertragen hatte. Ein Albtraum. Doch etwas an ihren Träumen war anders. Sie wirkten so real. Viel realer als alles, was sie früher im Schlaf gesehen hatte. So als wäre das, was sie sah, Wirklichkeit. In diesem Leben oder einem anderen. Und das Licht, das von ihrem Kristall ausging, erlosch.
      Die Frau mit dem feuerrotem Haar, um deren Hals eine Eisenkette gebunden war, verließ ihr Bett, schlüpfte in ihre lumpigen Kleider und griff prompt zu dem Besen, der in der Ecke neben ihrem Kleiderschrank stand. Zuerst säuberte sie ihr eigenes Zimmer, dann begab sie sich in die anderen Zimmer. In den Raum neben dem Ihrem, einem wesentlich größeren und edleren Schlafzimmer, das von einem Kronleuchter und vielen, goldenen Kerzenständern geschmückt wurde. Die Küche war als nächstes dran, machte ihr jedoch die geringste Arbeit, womit sie sich baldig dem Wohnraum widmen konnte. Sie fegte den Boden, entfernte den überfälligen Staub von den Regalen und Tischen. Nur den Sessel, der direkt vor dem Kamin stand, umging sie. Den Sessel, in dem ihre Lehnsherrin thronte. Ein verstaubtes Skelett, das in edlen Gewändern gekleidet war und die lodernden Flammen im Kamin beobachtete.
      »Guten Morgen, Sadie.«

      *

      Das Sonnenlicht wurde schwächer, der grelle Himmelskörper verschwand hinter dem Horizont. Es dauerte nicht lange, bis die Sonne der dünnen Sichel des Mondes gewichen war. Die Nacht brach über Midva herein. Doch die Dunkelheit wehrte nicht lange. Lodernde Flammen bahnten sich ihren Weg in die Atmosphäre. Und er rannte. Rannte so schnell er konnte. Mit seiner rechten Hand hatte er den Griff seines Stahlschwerts fest umschlungen. Er wusste, dass dies kein Unfall sein konnte. Er wusste es einfach. Es konnte keiner sein. Die Indizien sprachen dagegen. Sein Instinkt sprach dagegen. Und wenn er sich auf etwas verlassen konnte, dann auf seinen Instinkt.
      Funken sprangen vor seinen Augen durch die Lüfte, trennten sich und regneten auf die trockene Wiese nieder. Das Feuer, es breitete sich von Augenblick zu Augenblick weiter aus. Ein unangenehmer Geruch von verbranntem Fleisch kroch ihm in die Nase, brachte ihn fast zum Erbrechen. Seine Augen tränten. In seinen Ohren dröhnte das verzweifelte Geschrei nach Hilfe der vielen Bürger, deren Häuser in Flammen aufgegangen waren. Die ihre toten Angehörigen in den Armen hielten. Sie betrauerten. Die sich selbst vor Schmerzen auf dem Boden krümmten. Die dem Tode nah waren.
      Seine Heimat brannte. Das ausgebrochene Chaos bedrückte ihn. Es quälte ihn. Es folterte seine Seele. Es zerriss ihn. Immer wieder spielte er mit dem Gedanken den Menschen zu helfen, doch er wusste, dass es nichts gab, was er für sie tun konnte. Er musste an sich selbst denken. Nur dieses eine Mal. An sich und an seine Familie. Er musste weiter. Immer weiter. Nur noch um die nächste Ecke, dann hatte er sein Ziel erreicht. Und er passierte sie, als das kleine Haus neben ihm plötzlich in sich zusammen stürzte und der Schrei nach Rettung unter den herabstürzenden Trümmern begraben wurde. Er wagte einen raschen Blick in das Innere. Eine ganze Familie lag dort. Vater, Mutter und zwei Kinder. Begraben unter den brennenden Steinbrocken. Er musste kein Arzt sein, um zu erkennen, dass für sie jede Hilfe zu spät kam.
      Geschockt von dem, was seine Augen da erspäht hatten, wanderte sein Blick gen Boden. Seiner Mimik war die Verzweiflung, die in ihm aufkeimte, deutlich anzusehen. Doch er gab ihr nicht nach. Er durfte es nicht. Konnte es nicht. Er musste durchhalten. Noch hatte er Hoffnung. Hoffnung, dass noch Zeit bestünde. Zeit um die, die er liebte, vor demselben, grausamen Schicksal zu bewahren.
      Plötzlich verlor er die Kontrolle. Die Kontrolle über sich selbst. Sein Körper begann zu zittern. Seine Beine, sie gehorchten ihm nicht mehr. Langsam, mit bebenden Gliedmaßen, hob er seinen Kopf an. Hinauf zu dem letzten Haus, am Rande des Dorfes. Das letzte Haus, das noch nicht bis aufs Fundament niedergebrannt war. Es lag auf einem kleinen Hügel. Er musste nur noch diese eine Straße hinaufgehen, dann wäre er da. Dann hätte er sein Ziel erreicht. Doch irgendetwas hinderte ihn daran. Etwas bremste ihn aus, sorgte dafür, dass er sich nicht rühren konnte. Als wäre sein Körper zu Eis erstarrt. Er wusste, dass es keine Angst war. Seine Furcht hatte er schon vor vielen Jahren zu Grabe getragen, doch was war es dann? Er wusste es nicht, versuchte einfach nur gegen seine Starre anzukämpfen. Doch wie sollte man etwas bekämpfen, was man nicht kannte?
      Plötzlich entfachte vor seinen Augen ein gewaltiges Inferno. Das Haus, das er so mühselig versucht hatte zu erreichen, ging in Flammen auf. Da gab sein Körper auf. Er fiel hinab auf die Knie, hielt sich seine zitternden Hände ans Gesicht. Tränen füllten seine Augen. Er drohte in seiner Trauer und Verzweiflung zu versinken. Doch dann bemerkte er aus dem Augenwinkel heraus eine Gestalt in der Ferne, die aus den brennenden Trümmern stürmte. Hinaus in die Wildnis, weit weg von dem Schauplatz des Grauens. Eben jenem Ort, den sie einst »Heimat« genannt hatte.
      Sein Kummer entwich seinen Gedanken, die Kontrolle über seinen Körper kehrte zurück. Ein warmes Gefühl breitete sich in seinem Inneren aus. Die Hoffnung, er fühlte sie. Fühlte, wie sie ihn wiederfand. Wie er sie wiederfand. Er erhob sich und bewegte sich langsamen Schrittes – denn mehr ließen seine müden Knochen nicht mehr zu – auf das Zentrum des Infernos zu. Da bemerkte er einige weitere, schattige Gestalten, die aus dem brennenden Haus heraus kamen. Zwei von ihnen stolperten und stürzten zu Boden. Drei weitere Personen traten wiederum mit erhobenem Haupt hinaus. Hinaus in die glühend heiße Nacht. Doch etwas an ihnen war anders. Es war nicht nur ihre Haltung … Jeder von ihnen hielt etwas in seinen Händen. Aus der Ferne erschien es für ihn fast unmöglich zu erkennen was es war. Erst bei genauerem Hinsehen glaubte er es zu wissen. Waffen. Stahlwaffen, die sie nur aus einem einzigen Grund gezückt haben konnten.
      Einer der Unbekannten stach besonders hervor … Ein Koloss von einem Mann. So groß, dass es aus der Ferne so schien, als würde er sogar die eingestürzten Kleinhäuser überragen, bevor diese von den Flammen verschluckt worden waren. Ein Muskelberg von einem Mann, der etwas beängstigend Animalisches an sich hatte.
      Da erkannte er, was wirklich geschehen war. Er hatte es zwar bereits geahnt, doch jetzt bestätigte sich sein Verdacht. Das, was der Menschensiedlung widerfahren war, war kein Unfall. Die bewaffneten Männer dort hinten in der Ferne … Sie waren diejenigen, die all das zu verantworten hatten. Ein Gefühl des Unbehagen umgab ihn. Die beiden Personen, die die Angreifer aus dem Gebäude gezerrt hatten, was hatten sie mit ihnen bloß vor?
      Er wollte sich gar nicht ausmalen, was sie planten. Es spielte sowieso keine Rolle. Es gab nur eines, was er jetzt tun konnte … Versuchen Schlimmeres zu verhindern!
      Mit seiner rechten Hand griff er zu seinem Schwert, das an der linken Seite seiner Taille befestigt war, und zog es blitzartig aus der Scheide heraus. Mit aller Kraft, die er noch aufbringen konnte, und erhobenen Hauptes, stürmte er auf die Gestalten zu, die sein Heimatdorf bis auf die Grundmauern niedergebrannt hatten. Und, auch wenn sein Zorn drohte die Überhand über sein Handeln zu gewinnen, so schaffte er es doch seine Emotionen so weit im Zaum zu halten, dass keine lauten, unbedachten Schreie über seine Lippen wichen. Denn er wusste, dass sie seine Feinde nur vor ihm warnen würden. Der Überraschungseffekt war entscheidend. Nie würden sie mit einem Angriff rechnen. Sie konnten schließlich unmöglich ahnen, dass es in diesem Dorf noch jemanden gab, der bei ausreichender Kraft war, um sich ihnen entgegen zu stellen. Sie in einem Kampf zu stellen. Denn um einen Eingriff einer elbischen Truppe mussten sie sich ohnehin nicht sorgen.
      Er machte einen Schritt nach dem anderen. Seine Gedanken kreisten. So viele Dinge malte er sich aus. So viele Dinge, die er mit ihnen anstellen würde … Er stellte sich vor wie er ihnen ihre Kehlen durchschnitt, ihnen sämtliche Gliedmaßen vom Torso trennte und sie ausbluten ließ. Er stellte sich vor wie er ihnen ihre Herzen aus der Brust herausriss. Mit bloßen Händen. Er stellte sich Unmenschliches, Animalisches, vor. Doch er wusste noch nicht, was er mit ihnen anstellen würde. Er wusste nur, dass es blutig werden würde. Sehr blutig.
      Und sein Plan ging auf. Niemand von ihnen schien ihn zu bemerken. Ihre Konzentration galt ganz den Leuten, die zu ihren Füßen lagen. Ächzend. Kauernd. Bettelnd. Offenbar versuchten sie mit ihren Angreifern zu reden, sie davon zu überzeugen sie am Leben zu lassen … Ein Unterfangen, das vergebens war. Das wusste er. Das wussten die Unbekannten. Und das wussten vermutlich sogar sie selbst, die vor ihnen auf dem Boden kauerten.
      Aber es verschaffte ihm Zeit. Hoffentlich genug, um sie rechtzeitig erreichen zu können. Doch dann bemerkte er etwas. Der Koloss – offenbar der Anführer der Gruppe – sah auf und warf einen flüchtigen Blick über seine linke Schulter.
      Ihre Augen trafen sich. Und in diesem Moment kehrte ein Gefühl zurück, von dem Fethros zuvor noch geglaubt hatte es längst abgelegt zu haben. Furcht. Für einen kurzen Augenblick stockte ihm der Atem. Schweißperlen sammelten sich auf seiner Stirn an. Die Angst umschloss ihn. Umhüllte ihn. Er hielt inne, als er in diese lodernden, feuerroten Augen sah. In diese schwarze Sichel von einer Pupille. In diese Augen des Wahnsinns und der Zerstörungswut.
      Und – nur für den Bruchteil einer Sekunde – glaubte er auf den Lippen des Giganten ein süffisantes Lächeln erkannt zu haben. Da wusste er, was als nächstes geschehen würde … Plötzlich bemerkte er, wie er die Kontrolle über seine Glieder vollständig zurückerlangt hatte. Die Angst, von der er zuvor noch geglaubt hatte sie würde ihn lähmen, ließ ihn wieder erstarken. Die Angst davor die zu verlieren, die er liebte. Und er zögerte nicht, sondern rannte. Rannte so schnell er konnte. So schnell ihn seine Beine zu tragen vermochten. Nur noch wenige Meter. Er konnte es schaffen. Er konnte sie retten … Er glaubte fest daran. Er glaubte so lange daran, bis ihn seine Augen Lügen straften. Solange bis der kleine Hoffnungsschimmer, der in ihm aufgeleuchtet war, mit einem Schlag erlosch.
      Der Koloss hatte sich von ihm abgewendet, seinen Schlagarm empor gehoben und die Spitze seiner Klinge in den Brustkorb des Mannes, der um Gnade gefleht hatte, gestoßen. Um nicht nur sein Leben, sondern auch das seiner Frau zu retten. Seine Frau, die im nächsten Moment von den anderen beiden Angreifern attackiert wurde. Wie wilde Tiere schlugen sie mit ihren Schwertern und Äxten auf sie ein. Zerstückelten sie. Von der einstigen Schönheit und Anmut der Frau mit den scharlachroten Haaren blieb nichts mehr übrig.
      Alles um ihn herum verschwamm. Wurde schwarz. Er sah nichts mehr. Fühlte nichts mehr. Roch nichts mehr. Hörte nichts mehr. Seine Sinne waren betäubt, sein Körper wie gelähmt. Nur noch eines hallte in der Finsternis immer und immer wieder. Ein Name. Ein Name, den er schon sein ganzes Leben gekannt und verehrt hatte.
      Anéng … Anéng … Anéng ...

      *

      Er öffnete seine Augen, erwachte schweißgebadet aus seinem Schlaf.
      »Na, gut geschlafen?« fragte Brogar ihn. Er schüttelte den Kopf.
      »Nicht besonders.«
      »Schon wieder derselbe Albtraum?«
      Fethros nickte.
      »Tut mir leid.«
      »Muss es nicht. Solange ich sie nicht in Sicherheit weiß, werde ich keinen ruhigen Schlaf finden können.«
      Die Pferde wurden langsamer. Der Kutscher des kleinen Wagens trieb seinen Hengst und seine Stute einmal mehr an. Ihre Schritte wurden wieder schneller, das Geräusch der auftretenden Hufen lauter.
      Doch plötzlich stoppte die Kutsche. Ohne jede Vorwarnung. Unsanft knallte Fethros mit dem Rücken gegen die harte Holzlehne, an die er sich zuvor noch angelehnt hatte.
      »Verdammte Scheiße, pass doch auf!« verschaffte er seinem Unmut Luft, doch eine Antwort auf seine Beschwerde blieb man ihm schuldig. Nicht einmal Brogar wandte sich an ihn, der sonst eigentlich immer versuchte das letzte Wort zu haben. Dessen ungewöhnliche Verschwiegenheit weckte seine Neugier.
      »Euren Geleitbrief bitte«, hörte er eine ihm unbekannte Stimme ertönen. Er erhob sich von den kalten Holzplanken und sprang über die Lehne des Wagons. Langsamen Schrittes begab er sich zu den Pferden, streichelte der Stute zärtlich über ihre Mähne, als er zwei Männer entdeckte, deren auffälligstes, äußeres Merkmal ihre spitzen Ohren waren. Offenbar waren sie in eine elbische Kontrolle geraten. Der einheitlichen Lederrüstung mit Stahlverzierungen nach zu urteilen, mit dem Wappen des elbischen Reiches in die eisernen Schulterplatten eingraviert – einem goldenen Kleeblatt – waren es Soldaten im Dienste des Königshauses von Alfheim.
      »Kann ich helfen?« warf er schließlich ein, was die Elben aufhorchen ließ. Offenbar hatte Brogar sie in dem Glauben gelassen, dass mit diesem Wagen lediglich die beiden Zwerge reisen würden.
      »Wer seid Ihr?« entgegnete ihm einer der Patrouille. Fethros reagierte, in dem er in seine innere Manteltasche griff und aus dieser einen Briefumschlag hervorholte. Ohne ein Wort zu sagen reichte er diesen der elbischen Kontrolle. Als sie das Siegel erkannten stockte ihnen der Atem.
      »Ich bin im Auftrag von König Rowyn unterwegs. Dieser Konvoi gehört zu mir.«
      Die Elben richteten ihren Blick auf seine Taille, wo sie den leblosen Kopf von Fethros letztem Opfer hängen sahen.
      »Ist dem so? Wozu braucht ein Kopfgeldjäger denn einen Konvoi voller Zwerge? Ich dachte immer ihr Kopfgeldjäger wärt Einzelgänger?«
      Fethros grinste.
      »Normalerweise schon. Wenn man allerdings so lange alleine unterwegs ist, dann vernachlässigt man mit der Zeit leider die eine oder andere Kleinigkeit … Unter anderem die Hygiene. Deswegen schleppe ich die beiden Zwerge mit mir herum. Sie helfen mir dabei sauber zu bleiben und kümmern sich vor allem darum meine Finger- und Fußnägel kurz zu halten. Nennt sich Körperpflege. Solltet ihr auch mal versuchen«, gab der Kopfgeldjäger sich verspielt und wedelte mit der Hand vor seinem Gesicht herum, um auf den Mundgeruch seines Gegenübers anzuspielen.
      Dieser begann mit den Zähnen zu knirschen. Der andere geriet in Versuchung nach seinem Schwert zu greifen. Fethros seufzte.
      »Es gibt keine besseren Schmiede in ganz Midva, als die wenigen Zwerge, die durch das Land streifen. Bei der Menge an Aufträgen, die der Krieg uns Kopfgeldjägern beschert, stumpft eine Klinge irgendwann ab. Die beiden helfen mir dabei meine Ausrüstung stets in hervorragender Verfassung zu halten, damit sie auch nicht versagt, sollte es mal darauf ankommen.«
      »Die zwei sehen aber mehr wie Händler, und weniger wie Schmiede, aus.«
      Sie ließen einfach nicht locker. Fethros war zwar bewusst, dass die Gemüter der Elben in letzter Zeit angespannter denn je waren – seitdem der Bürgerkrieg nun auch im Westen des Landes für Chaos zu sorgen drohte – doch allmählich verlor er die Geduld. Dieses Gespräch, das ihn zunächst noch amüsiert hatte, empfand er nun nur noch als lästig und nervtötend.
      »Ich möchte euch noch einmal daran erinnern, dass ich auf Geheiß des Elbenkönigs auf dem Weg nach Alfheim bin. König Rowyn erwartet mich bei Sonnenuntergang. Oder möchtet ihr ihm vielleicht mitteilen, dass ich mich verspäte? Dann können wir die ganze Sache gerne weiter ausdiskutieren … Ansonsten würde ich euch jetzt bitten die Straße freizumachen und uns passieren zu lassen.«
      Die Elben warfen einander zweifelnde Blicke zu, bis sie Fethros schließlich seinen Geleitbrief zurückgaben und den Weg für die Kutsche freimachten. Mit einem kurzen Nicken bedankte sich der Kopfgeldjäger bei den beiden Soldaten, kehrte ihnen den Rücken zu und begab sich zurück auf den Wagon.
      Der Kutscher trieb seine Pferde an. Hengst und Stute setzten sich in Bewegung, hielten jedoch an, als einer der Elben an der rechten Seite des Wagons mit seiner Hand die Lehne umschlang.
      Fethros warf dem Mann mit der Lederrüstung einen flüchtigen Blick zu und bemerkte in dessen Augen eine Mischung aus Wut, Frustration und Argwohn.
      »Ich behalt dich im Auge.«
      Der Jäger lächelte, zog sich die Kutte so weit ins Gesicht, das nicht einmal mehr sein Kinn von den herabfallenden Sonnenstrahlen getroffen werden konnte.
      »Wenn es dir Spaß macht.«

      *

      Die Kutsche fuhr weiter. Vorbei an murmelnden Bächen, grünen Wäldern und lebendigen Dörfern.
      »Das war knapp«, brach Brogar letztlich das angenehme Schweigen zwischen ihnen, das Fethros dafür genutzt hatte, um seine Augen zu schließen und einfach nur der friedlichen Natur zu lauschen. Dem Plätschern des Wassers, dem Zwitschern der Vögel und dem Herumtollen der Kinder. Er kostete diese idyllische Stille der Provinz in vollen Zügen aus. Denn er wusste, dass sie nicht mehr lange andauern würde. Der Krieg tobte. Im halben Land floss das Blut – statt des Weines – in Strömen. Im Norden und im Osten jagte eine Schlacht die Nächste. Nur der Westen, das wirtschaftliche Fundament, auf dem das elbische Reich fußte und es mit ausreichend Geldern für Männer und Waffen versorgen konnte, und der Süden, mit der Hauptstadt Alfheim im Zentrum, sind vom Krieg bisher noch verschont geblieben. Doch er wusste, dass es nur noch eine Frage der Zeit war, bis auch die letzte Region des Landes im Blut versinken würde.
      »Ja … Midva droht im Chaos des Krieges zu versinken und die elbischen Truppen haben scheinbar nichts Besseres zu tun, als zwei zwergische Händler zu belästigen. Die Rebellen im Osten festigen ihre Stellung und stehen kurz davor den nächsten Schritt zu wagen, während der König weitere Truppen in den Norden entsendet, um auch das letzte Fleckchen Land, das noch von den Menschen besiedelt ist, unter seine Kontrolle zu bringen.«
      »Eine Invasion der westlichen Provinz Skjálheimr steht kurz bevor. Die Frage ist nicht ob es passieren wird, sondern nur wann. Aber richtig begriffen scheint das bisher noch niemand zu haben. Jedenfalls niemand mit Bedeutung für das elbische Reich.«
      Brogar seufzte.
      »Was haben dir die Elben bloß getan, dass du sie so sehr ...«
      Der Zwerg hielt inne. Fethros blickte kurz zu ihm herüber. Sein Freund haderte mit sich selbst, war kurz davor sich seine eigene Faust ins Gesicht zu rammen. Für seine unbedachten Worte.
      »Ich verachte die Elben nicht. Ganz egal was damals auch vorgefallen ist … Ich bin Kopfgeldjäger. Mein Beruf verlangt nach Neutralität. Die muss ich bewahren. Aber ich verachte die Dummheit. Eine Krankheit, von der Elben und Menschen gleichermaßen befallen sind. Wenn dem nicht so wäre, dann würde es diesen Krieg überhaupt nicht geben.«
      »Aber die Sache hat doch auch ihr Gutes … Krieg fördert das Geschäft. Wir Händler verkaufen in letzter Zeit so viele Waren, dass wir in unseren verdienten Kronen schon schwimmen könnten.«
      Fethros schmunzelte kurz.
      »Bei euch Zwergen braucht es ja auch nicht allzu viele Kronen dafür«, scherzte er und lockerte so die zunehmend ernster werdende Stimmung wieder ein wenig auf.

      *

      »Auf gar keinen Fall!« hallte die Stimme Emetiel's durch die heiligen Hallen von Vala va Gwaith, dem Palast das elbischen Königs und Zentrum des elbischen Reiches.
      »Das könnt ihr nicht von mir verlangen. Nicht nach allem, was ich durchgemacht habe!« führte der elbische Krieger seinen Protest fort, musste jedoch baldig erkennen, dass er damit beim König auf taube Ohren stieß.
      »Gerade wegen dem, was dir widerfahren ist, bist du der Einzige, dem ich diese Mission anvertrauen kann.«
      Emetiel geriet ins Stocken. Er zog die Augenbrauen zusammen, rümpfte sich die Nase. Hatte er das wirklich getan? Hatte ihm der König den einzigen Wunsch, den er ihm gegenüber vor fast zwei Jahren veräußert hatte, wirklich verwehrt? Trotz des Versprechens, das er ihm damals gegeben hatte?
      »Soll das etwa bedeuten, dass Ihr mich über meine vergangene Reise hinweg durchgehend überwachen ließet? Von Euren Spionen? Und dass obwohl ich Euch darum bat dies nicht zu tun?« bestand der junge Soldat auf Antworten, während sich Rowyn von einem seiner Bediensteten weiteren Wein einschenken ließ.
      »So ist es. Meine Spione haben dich stets im Auge behalten. Deswegen wusste ich auch immer wo du warst, mit wem du geredet und was du erfahren hast. Ich war über alles stets im Bilde.«
      »Ihr habt mir Euer Wort gegeben.«
      »Ich bitte dich … Wir befinden uns im Krieg. Im Krieg mit den Menschen auf der einen und den elbischen Volksverrätern auf der anderen Seite. Glaubst du wirklich ich würde einen meiner besten Soldaten auf unbestimmte Zeit von seinem Eid entbinden, ohne mich zu vergewissern, dass er sich nicht den Verrätern im Osten anschließt?«
      »Wenn Ihr doch genau wisst, was mir widerfahren ist, wieso verlangt Ihr das dann von mir? Wieso gebt Ihr mir einen Auftrag wie diesen, der mich nur wieder mit dem dunkelsten Kapitel meines Lebens konfrontieren würde? Ein Kapitel, das ich gerade erst schließen konnte?«
      »Es herrscht der größte Krieg, den unser Volk je erlebt hat … In den nächsten Monaten, vielleicht sogar in den nächsten Jahren, werden wir jeden Mann, und jede Frau, brauchen, die wir haben. Und zwar in ihrer bestmöglichen Verfassung. Du jedoch bist weit davon entfernt wieder du selbst zu sein und ich denke, dass dieser Auftrag, gerade weil er dich mit deinem schlimmsten Lebensabschnitt konfrontiert, genau das Richtige ist, um aus dir wieder den herausragenden Soldaten zu machen, der du einst warst! Ein Mann, auf den ich bei dem, was uns bevorstehen wird, einfach nicht verzichten kann«, erklärte sich der König schlussendlich.
      Emetiel fühlte sich hin und her gerissen. Er wollte dienen, mehr als alles andere auf der Welt. Nicht nur wegen den Elben, die er schützen wollte, sondern vor allem auch wegen dem Eid, den er einst geleistet hatte. Dies war sein Lebenselixier. Dies war alles, was er sich je von seinem Leben versprochen hatte. Doch dieser Auftrag … Er verstoß gegen alles, an was er glaubte. Gegen all seine persönlichen Prinzipien. Gegen alles, was ihn seine Mutter einst gelehrt hatte. Emetiel zögerte, wusste nicht was er tun sollte. Bis er sich einen Entschluss fasste. Den Entschluss alles zu tun, was in seiner Macht stand, um seinen Schwur einzuhalten. Auch wenn das bedeutete, dass er gegen seinen eigenen Kodex verstoßen musste. Für das Reich. Für das elbische Volk.
      »In Ordnung. Ich nehme den Auftrag an.«

      *

      »Das ist es also … Das ist Alfheim?« kam es aus Brogars Mund, völlig überwältigt vom Anblick der südlichen Hauptstadt und der größten Festung in ganz Midva. Die Stadt wurde von einem Mauerwal umhüllt, der so hoch war, dass die Steine selbst die Wolkendecke am Himmel zerrissen. Innerhalb der Mauern lugten vereinzelte Pfeilspitzen aus den Fensterreihen heraus, die auf Fethros und seine kleinwüchsigen Freunde gerichtet wurden. Alfheim galt als einzige Stadt der acht Kontinente, die bis zum heutigen Tage noch durch keine Schlacht erobert werden konnte. Nicht einmal den Elben gelang dies bei ihrer Invasion in Midva.
      Vor den Stadtmauern befand sich ein tiefer Burggraben, in deren Schlucht massive Holzspeere auf all jene warteten, die einen Angriff auf Alfheim wagen sollten. Der einzige Weg, um die Hauptstadt betreten zu können, führte über eine Zugbrücke, die allerdings nur bei besonderen Anlässen heruntergelassen wurde. All jene, die in Alfheim geboren wurden, aufgewachsen sind und dort leben, verlassen die Hauptstadt in ihrem ganzen Leben ein, vielleicht zweimal. Und dies auch nur in wirklich wichtigen, wirklich bedeutsamen, Angelegenheiten. Und auch nur, wenn sie einen Geleitbrief ihr Eigen nennen können. Einen solchen, den Fethros einem der beiden Wachen vorzeigte, die vor der geschlossenen Zugbrücke patrouillierten. Der Soldat erkannte das darauf abgelichtete Siegel sofort und gab den Befehl an seine Männer, dass man die Brücke herunterlassen sollte.
      »Und ihr seid sicher, dass ihr mich nicht in die Hauptstadt begleiten wollt?« wandte sich Fethros schlussendlich wieder Brogar und dessen Kutscher zu, die äußerst bemüht darum waren möglichst großen Abstand zu den beiden elbischen Soldaten zu wahren.
      »Ganz sicher. Selbst wenn wir wollten, Zwerge sind in Alfheim nicht willkommen.«
      »Solche wie ich aber noch viel weniger.«
      »Mag sein, aber du trägst diesen Brief mit dir, der wie ein ausgestreckter Mittelfinger für all jene ist, die dich wegen deiner Abstammung wie einen Haufen Scheiße behandeln wollen!«
      Fethros schmunzelte. Er kannte Brogar schon länger als die meisten anderen, mit denen er sich abgab. Und das nicht nur, weil die meisten anderen Bekanntschaft mit seiner geschärften Stahlklinge gemacht haben. Und er genoss seine Gesellschaft. Wusste sie zu schätzen. Wusste sich stets über seine flapsige Bemerkungen zu amüsieren.
      »Und was werdet ihr jetzt tun?«
      »Fürs Erste bleiben wir hier. Wir haben eine Verabredung mit jemandem von der Stadtwache, der uns einige unserer Waffen abkaufen will. Danach sehen wir weiter. Vielleicht warten wir auch noch, bis du von dem Elbenkönig endlich das bekommst, was er dir schon vor Monaten versprochen hat.«
      Ein lautes Poltern ertönte, dem das Einrasten von Zahnrädern folgte. Die Zugbrücke war unten, ebnete den Weg ins Innere von Alfheim.
      »Ihr dürft passieren«, gab eine der Wachen dem Kopfgeldjäger zu verstehen, der dem Elben daraufhin nur anerkennend zunickte.
      »Wollen wir hoffen, dass er Wort hält«, entgegnete Fethros den Worten seines Freundes, ehe er diesem den Rücken kehrte und sich schnellen Schrittes dem Inneren von Alfheim näherte.

      *

      In den vergangenen Monaten war er schon oft in der Hauptstadt zugeben gewesen. Seitdem der König ihn vorgeladen hatte, um eine Vereinbarung auszuhandeln, die für beide Seiten profitabel ausfallen sollte. Fethros, seines Zeichens einer der gefragtesten Kopfgeldjäger, die sich in dieser stürmischen Zeit des Krieges und des Chaos in Midva einen Namen machten, wurde vom Elbenkönig angeheuert, um zu tun, wozu seinen eigenen Männern die notwendige Zeit fehlte. Die Provinz Vanagar, mit der Hauptstadt Alfheim im Zentrum, von Abschaum und Gesindel wie Sven, dem Schänder, zu befreien. Im Austausch sprach man ihm nicht nur die festgeschriebene Bezahlung zu, sondern noch etwas Anderes. Etwas, was für ihn von viel größerem Wert war. Was für ihn eine weit höhere Bedeutung hatte. Man versprach ihm Informationen. Wichtige Informationen, die ihm dabei helfen würden jemanden zu finden. Jemand ganz Bestimmtes, nach dem er nun schon seit vielen Jahren suchte. Ein Unterfangen, das bisher jedoch noch von keinerlei Erfolg gekrönt war. Durch die Mithilfe vom Elbenkönig versprach er sich in dieser Angelegenheit endlich Fortschritte machen zu können. Denn gerade jemand wie er, dessen Autorität in jedem Winkel des Landes zu spüren war, verfügte über ausreichend Ressourcen, um an derartig heikle Informationen zu gelangen. Fethros musste es wissen, war er in der jüngeren Vergangenheit doch mehr als nur einmal auf einen seiner elbischen Spione getroffen. Denn nur so war es ihm überhaupt möglich seinen Thron zu wahren, obwohl die Anzahl der Feinde, die ihn nur zu gerne von seinem Stuhl zerren und zerfleischen würden, in den letzten Jahren rapide zugenommen hatte. Wie Unkraut, das aus der Erde wucherte.
      Doch, so oft er auch Fuß in Alfheim setzte, so raubte ihm der dortige Anblick, jedes Mal aufs Neue, den Atem. Ein kalter Schauer jagte ihm über den Rücken, stellte ihm seine Nackenhaare zu Berge. Für einen Moment ballte er seine Hände zu Fäusten. Sein Ärger drohte über zu kochen, doch der Gedanke an sie ließ ihn seine Wut verdrängen. Er hasste die Hauptstadt. Hasste, wofür sie stand. Und er hasste es dort zu sein.
      Wo er auch hinsah, überall erblickte er sie. Menschen. Bis auf die Knochen abgemagerte Menschen, die um ihren Hals eine eiserne Kette trugen. Als Symbol für ihre Unterdrückung. Viele von ihnen wurden von ihren elbischen Herren und Herrinnen daran geführt. Wie ein Hund, mit dem man Gassi ging. Andere wiederum waren gezwungen auf allen Vieren über die verdreckten Straßen zu marschieren. Mit ihren Herren und Herrinnen auf dem Rücken. Brachen sie zusammen, so folgte die Bestrafung auf dem Fuße. Ihre Meister griffen zur Peitsche, zerfetzten ihren Sklaven die Haut. Ihre schmerzerfüllten Schreie hallten durch die gesamte Stadt, wurden zumeist jedoch von dem lauten Gelächter ihrer Herren übertönt. Die Wenigen, die die Schreie vernahmen, scherte dies jedoch nicht. Wieso auch, es waren schließlich nur Menschen. Menschen besaßen keine Rechte. Nicht in dieser Welt. Nicht in der Welt des elbischen Imperiums. Sie besaßen nur Pflichten. In diesem Zeitalter gab es für sie nur einen Nutzen. Nur eine Existenzberechtigung. Gefolgschaft. Sie mussten dienen. Der freie Wille existierte für ihre Spezies längst nicht mehr. Weigerten sie sich, so tötete man sie und erwarb sich einfach einen neuen Sklaven. Niemand würde um sie weinen. Niemand würde ihren Tod betrauern.
      In Alfheim, die Stadt der Aristokraten, lebten all jene Elben, deren Blutlinien edler Herkunft waren. Jedem von ihnen standen zwei Sklaven zu. Ein Mann und eine Frau. Männer für die schweren Arbeiten, Frauen für die häusliche Arbeit. Drohten die gehaltenen Sklaven an der Arbeit zu Grunde zu gehen, so standen ihre Meister in der Verpflichtung für den Fortbestand ihrer Rasse zu sorgen. Die Kinder würden in für sie vorgesehenen Lagern groß gezogen werden. Außerhalb der Stadtmauern, um diese nicht unnötig zu beflecken. Solange, bis sie alt genug waren, um ihren Pflichten, ihrer Bestimmung, als Sklaven nachzukommen. Dann wurden sie an den Höchstbietenden verkauft.
      Der praktizierte Zwang zum Geschlechtsverkehr innerhalb der einzelnen Häuser sollte dazu beitragen, dass das Reich niemals auf seine Sklaven verzichten müsste. Es sollte den Fortbestand ihrer Traditionen wahren. So widerwärtig diese auch immer waren.
      In vielen Fällen dienten die Frauen allerdings nicht nur für die Hausarbeit, sondern auch für die Stillung der niederen Gelüste ihrer Herren. Und auch ihrer Herrinnen. Auch wenn dies als Verbrechen eingestuft wurde, da man keine Mischlinge – Kinder, die sowohl Menschen-, als auch Elbenblut in sich trugen – akzeptierte, weil sie nicht reinrassig waren, so wurden die Sklavinnen dennoch immer wieder hinter verschlossenen Türe vergewaltigt. Fethros wusste das genau, denn er war ein solcher Mischling. Er hatte am eigenen Leib erfahren müssen, was das für jemanden bedeutete. Denn Mischlinge, selbst wenn in ihren Adern elbisches Blut floss, genossen einen noch schlechteren Ruf, als es die Menschheit tat. Diese Kinder gehörten keiner Spezies an, waren weder Elben, noch Menschen. In dieser Welt, in welcher jede Rasse ihren Platz kannte und hatte, hatten Mischlinge nichts verloren. Weil sie sämtliche Traditionen des Reiches in Frage stellten. Deswegen schafften es die meisten von ihnen auch nicht über das Alter eines Säuglings hinaus. Sofern sie es überhaupt schafften geboren zu werden. Um zu verhindern, dass ihr Verbrechen bekannt wird, werden diese Kinder von ihren elbischen Eltern – meistens den Männern – hinter verschlossenen Türen ermordet. Fethros jedoch war eine der wenigen Ausnahmen. Er hatte überlebt, obwohl sein Vater mehr als nur einmal darum bemüht war ihm das Leben zu nehmen. Denn er hatte einen Beschützer. Einen Mann, zu dem er aufsehen konnte, der seinen kleinen Bruder geliebt hatte. Ungeachtet der Rasse, der er angehörte.
      Weil die Mischlinge noch verhasster waren, als die Menschen, zog er es vor auch in der Stadt seine Kutte aufzubehalten. Auch wenn die meisten Elben ihn, aufgrund des körperlosen Kopfes, der an seiner Taille baumelte, prompt erkannten. Und das Geflüster begann von Neuem, das ihm, dank seines stark ausgeprägten Gehörsinns, noch nie entgangen war. Mörder nannten sie ihn. Ein Tier, das dem Blutrausch verfallen war. Ein Monster, das an die Leine gehörte. Doch das Getuschel der Elben scherte ihn nicht. Hatte es noch nie.
      In Gedanken versunken schlenderte er durch die belebten Straßen von Alfheim. Vorbei an den Händlern, vorbei an den Schmieden, vorbei an den Predigern, die mal wieder entweder vom bevorstehenden Weltuntergang oder aber von der nahenden Erlösung sprachen. Oder von beidem. Für Fethros war das alles nur Getuschel. Ein leises Flüstern, das ihm leise im Ohr rauschte. Ragnarok, Walhalla. Alles Legenden aus der alten Sprache der Menschen. Wieso aber auch die Elben an diese Mythen glaubten, von ihnen predigten, das hatte er noch nie verstanden. Erst die zierliche Stimme einer Frau, die aus einer der dunklen Seitengassen ertönte, ließ Fethros wieder aus seiner Trance erwachen.
      »Bitte, lasst mich in Frieden«, flehte sie, »Ich möchte einfach nur meine Besorgungen machen und dann wieder zu meiner Herrin nach Hause gehen. Sie ist schwer krank und bat mich ihr ein paar schmerzlindernde Kräuter zu besorgen.«
      »Ach, deine Herrin wird doch wohl ein paar Minuten länger warten können«, vernahm der Kopfgeldjäger eine tiefe, männliche Stimme. Ohne dem Gespräch noch weiter ungefragt lauschen zu müssen wusste er bereits, was vor sich ging. Und er wusste wohin ihn sein Weg zuerst führen würde, auch wenn das bedeutete, dass er den Elbenkönig noch etwas länger warten lassen müsste. Nichts, was dieser nicht längst von ihm gewohnt war.
      Und da sah er sie. Drei Männer, die eine junge Menschenfrau umzingelt hatten. Sie begrabschten, ihr unmissverständlich einen Klaps auf den Hintern verpassten und ihre Hände bereits an die Knöpfe und Schnüre ihrer Gewänder gelegt hatten. Bereit ihr diese von ihrem wohlgeformten Körper zu reißen.
      »Wann habt ihr euch das letzte Mal den Schmalz aus den Ohren gebohrt? Die Dame hat euch freundlich gebeten sie in Ruhe zu lassen. Und als Edelmänner, die ihr – ganz offensichtlich – auch zu sein scheint, solltet ihr ihrem Wunsch nachkommen.«
      Die Männer – allesamt Elben – warfen ihm einen flüchtigen Blick entgegen. Doch alles, was sie sahen, war ein vermummter Mann, von dem ein leises Rascheln ausging. Den Kopf seines letzten Opfers sahen sie nicht. Dazu war es in der Gasse zu schattig. Zu düster. Die Sonne stand längst zu tief, um enge Straßen wie diese ausreichend beleuchten zu können.
      »Und was wenn nicht?« fragte ihn einer der Elben, was dem Kopfgeldjäger ein kurzes, unscheinbares Lächeln auf die Lippen zauberte.
      »Dann werde ich euch zwingen müssen.«
      Die Elben, sichtbar genervt davon, dass sich ein Fremder meinte in ihre Angelegenheiten einmischen zu können, widmeten sich wieder der Menschenfrau, die nur wie gelähmt da stand. Die einfach nicht glauben konnte, dass ihr jemand, in dieser perfiden Stadt, versuchte zu helfen. Da verfinsterte sich der Blick des Kopfgeldjägers. Denn wenn es etwas gab, was er hasste, dann wenn man ihn ignorierte. Ihn nicht ernst nahm. Ihm keinen Respekt zollte. Und in diesem Moment fiel es ihm schwer einzuordnen in welche Kategorie die elbischen Streuner fielen.
      »Ihr scheint mich nicht richtig verstanden zu haben. Das war keine Bitte, sondern eine Aufforderung. Lasst eure Finger von ihr!«
      »Sonst was?« fauchte ihn einer der Drei erneut an.
      »Sonst werde ich sie euch von euren Händen abtrennen müssen.«
      Der Anführer der Gruppe begann plötzlich zu lachen.
      »Seht ihr das auch, Jungs? Wir haben einen Helden in unserer Mitte!«
      »Ich bin kein Held«, begann Fethros, »Ein Held sorgt für Gerechtigkeit. Aber das tue ich nicht. Hab ich nie, werd ich nie. Nein, ich bringe Bestrafung. Ich bin Richter und Henker zugleich. Von Gesindel wie euch.«
      »Würde sich endlich mal jemand um dieses anmaßende Arschloch kümmern?« fauchte der Kopf der kleinen, elbischen Bande seine beiden Komplizen an. Einer von ihnen begab sich schnurstracks auf Fethros zu, knackte mit seinen Fingerknöcheln. Als universales Zeichen dafür, dass er gewillt war ihm sämtliche Knochen zu brechen. Sofern er ihm diese Chance bieten würde. Doch der Kopfgeldjäger verfolgte ganz andere Absichten. Der Elb holte zum Schlag aus, ließ seine Faust direkt auf Fethros zu sausen. Er jedoch brauchte nicht mehr, als zwei Bewegungen, um seinen Gegner gezielt auszuschalten. Ein Ausweichschritt nach links und der Schlag des Elben ging ins Leere. Er strauchelte, geriet ins Wanken. Fethros ballte seine rechte Hand zu einer Faust, der Elb schreckte auf. Wohl wissend, was ihm bevorstand. Ein brutaler Schmerz setzte ein. Er hörte ein lautes Knacken, spürte wie die Knochen in seinem Arm zerbarsten. Mit einer ungeheuren Kraft und Geschwindigkeit hatte Fethros ihm gegen seinen ausgestreckten Arm, direkt auf den Ellbogen, geschlagen. Der Knochen lugte aus seiner Haut heraus, war völlig zertrümmert und entstellt. Ein schmerzerfüllter Schrei verließ seine Lippen, als er zu Boden fiel und sich an die betreffende Stelle fasste.
      »Du Mistkerl, was hast du mit meinem Bruder gemacht?!«
      »Stell keine Fragen zu offensichtlichen Dingen. Das lässt dich dumm erscheinen.«
      Da stürmte der Anführer der Gruppe auf ihn zu. Trotz der Dunkelheit bemerkte Fethros, wie der Elb seine Hand um den Griff eines Schwertes geschlungen hatte.
      »Wenn ich du wäre, würde ich das lieber sein lassen.«
      Doch der Elb hörte nicht. War blind und taub vor Wut auf ihn. Er zückte seine Klinge, nur einen Spalt weit, aus der Schwertscheide. Er war bereit zu töten, wusste aber nicht, dass er mit dieser Gestik einen Dämon geweckt hatte.
      Fethros zögerte nicht, zückte sein Schwert bedeutend schneller, als es sein Angreifer je gekonnt hätte und führte eine einzige, blitzschnelle Bewegung mit seiner Klinge aus. Eine Fontäne aus Blut färbte die Wände der sonst so sauberen Häuser in einem schimmernden Rot. Ein Stumpf fiel zu Boden. Ein Torso tat es ihm gleich. Ein Schrei ertönte. Blut sammelte sich zu einer Pfütze an. Die Schmerzen waren kaum in Worte zu fassen. Er wollte nachsehen, musste sich selbst von seiner Befürchtung überzeugen, doch er wagte es nicht. Ihm fehlte es an Mut.
      »Ich hab dich gewarnt«, gab der Kopfgeldjäger nur spöttisch von sich und da wusste er es. Wusste, dass der Schmerz echt war, nicht nur Einbildung. Wusste, dass er nie wieder derselbe sein würde. Und das nur wegen einer Menschenhure, die er wie einen ungezähmten Hengst besteigen wollte.
      »Und was ist mit dir?« wandte sich Fethros dem nunmehr letzten der drei Elben zu, dessen Lippen bebten und dem die Angst förmlich ins Gesicht geschrieben stand.
      Eine kurze Kopfbewegung zu seiner Rechten genügte bereits, um diesem zu signalisieren, dass er verschwinden sollte. Solange er noch konnte. Was er dann auch umgehend tat.
      »Alles in Ordnung?«
      Der Kopfgeldjäger näherte sich der verängstigten Frau, hatte seine Klinge längst wieder weggesteckt, und berührte sie leicht an der Schulter. Ein unbekanntes, aber ungemein wohles, Gefühl breitete sich in ihrem Inneren aus. Eine unverkennbare Wärme, die von seiner zärtlichen Berührung ausging. Die ihren Körper elektrisierte.
      »Ja … Ich … Es geht mir gut … Danke«, stotterte sie. Ihre Wangen erröteten, sie konnte ihr Glück kaum in Worte fassen. Noch nie hatte sich jemand so für sie eingesetzt, wie er es soeben getan hatte.
      Plötzlich bemerkte Fethros etwas Sonderbares. Etwas, was sich auf der Stirn der jungen Frau befand. Und ihm einen Schauer über den Rücken jagte.
      »Woher habt Ihr das?« fragte er sie, noch immer wie hypnotisiert von dem Kristall, der fest mit ihrer Stirn verbunden war. Der ein Teil von ihr, ihrem Körper, war. Verlegen blickte sie zur Seite, als der Schwertkämpfer einen gewaltigen Schmerz vernahm, der von seiner rechten Kniekehle ausging und ihn auf die Knie zwang. Noch bevor er aufschreien konnte fand er sich im Schwitzkasten eines schwer gerüsteten Soldaten wieder, dem die Schreie, die aus jener Gasse ertönt waren, nicht entgangen waren.
      »Du schon wieder, Fethros? Gefällt dir unser Kerker so sehr, dass du jedes Mal, wenn du hier bist, unbedingt eine Nacht darin verbringen willst?«
      Er erkannte die Stimme der Wache sofort. Er hatte schon oft genug mit ihr zu tun gehabt. Öfter, als es ihm lieb war.
      »Haedim, wie lange ist das jetzt her? Drei Wochen? Vier? Was hältst du von einem gemütlichen Met in der Taverne, dann können wir uns gegenseitig auf den neuesten Stand bringen«, versuchte sich Fethros aus der Affäre zu ziehen. Auch wenn ihm bewusst war, dass er damit auf taube Ohren stoßen würde.
      »Ach stimmt ja, ihr Elben trinkt ja lieber Wein, als Met. Warum auch immer.«
      »Du und deine lockere Zunge … Dein Glück, dass König Rowyn nach dir hat suchen lassen. Andernfalls hätte ich sie dir schon längst aus deinem Mund herausgerissen.«
      »Des einen Glück ist des anderen Unglück«, der Kopfgeldjäger ächzte nach Luft, sein Peiniger lockerte seinen Griff, ließ ihn schließlich ganz los. Allerdings nur, damit er ihm ein paar Eisen um die Handgelenke legen konnte.
      »Ach komm schon, ist das denn wirklich nötig?«
      »Ausgehend von dem, was ich hier sehe … Ja, ist es.«

      *

      Er röchelte verzweifelt nach Luft. Lag am Boden. Müde. Kraftlos. Blutend. Sein Körper trieb ziellos in der gewaltigen Blutlache umher, die sich unter ihm gebildet hatte. Lange hatte er nicht mehr. Seine Zeit lief ab. Das wusste er. Doch wollte er es nicht wahr haben. Egal wie furchtlos die Menschen auch durchs Leben marschierten, jeder fürchtete sich vor dem Tod. Vor dem Unbekannten. Vor dem, was einen im nächsten Leben erwartete. Sofern es überhaupt ein nächstes Leben gab.
      Männer wie er, die in ihrem Leben nie etwas Gutes vollbracht hatten, verspürten diese Angst vor dem Tod ganz besonders stark. Aber nicht wegen dem Unbekannten, denn sie wussten ganz genau, was sie erwartete. Für Menschen wie ihn gab es nur einen Ort, an den sie, nach dem Tod, gehen konnten … Helheim. Das Totenreich, wo sie unter der Peitsche der Totengöttin ein Leben in Folter und Knechtschaft erwartete. Um Buße für all ihre Sünden, die sie zu Lebzeiten vollbracht hatten, zu tun.
      Er hob seinen Arm. Öffnete seine Hand und versuchte damit nach dem grellen Himmelskörper zu greifen, dessen Wärme ihn erfüllte. Dessen Wärme ihm ein Lächeln auf seine, mit Blut beschmierten, Lippen zauberte. Dessen Wärme er nun wohl zum allerletzten Mal spüren würde.
      Doch plötzlich verging diese milde Hitze. Durch einen schattigen Körper, der über ihm stand und die Sonne vor seinen Augen verdeckte. Ein großer und muskulöser Mann, auf dessen Kopf sich kein einziges Haar mehr befand. Dafür allerdings schwarze Tinte, die auf seinem kahlen Schädel die Form von zwei gekreuzten Streitäxten darstellte. Er trug eine leichte, ärmellose Lederrüstung.
      »S … Sjard? Bist … bist du das?« stotterte der im sterben liegende Mann mit letzter Kraft heraus, ehe er erneut damit begann Blut zu husten. Der Unbekannte musterte seine Verletzungen. Eine tiefe Stichwunde im Bauch, sowie sein abgetrenntes, linkes Bein hatten dafür gesorgt, dass er Unmengen an Blut verloren hatte. Wäre er etwas früher gekommen, hätte ihm womöglich noch geholfen werden können. Doch inzwischen wussten sie beide, dass dem Verwundeten nicht mehr viel Zeit blieb.
      »Gib mir einen Namen. Und ich schwöre dir, beim Namen der heiligen Mutter Freya, dein Tod, und der deiner Kameraden, wird gerächt werden!«
      Mit aller Macht versuchte er es, doch der Blutverlust war einfach zu groß gewesen. So sehr er sich auch bemühte, er schaffte es nicht mehr laute und deutliche Worte auszusprechen. Mit einer kleinen, beinahe unscheinbaren, Handbewegung vermittelte er seinem Gefährten, dass dieser sich zu ihm hinabbeugen sollte. Und das tat dieser dann auch. So tief, dass sein rechtes Ohr nur hauchdünn vor den Lippen des röchelnden Mannes innehielt. Und, bevor der letzte Hauch des Lebens seinen Körper verließ und er, mit weit aufgerissenen Augen, regungslos in seiner Blutlache liegen blieb, gelang es ihm noch ein einziges Wort, einen Namen, an den ominösen Fremden weiterzureichen. Ein Name, der ihn, nur für den Hauch einer Sekunde, erschaudern ließ. Seine Pupillen weiteten sich, seine Hände ballte er entschlossen zu Fäusten.
      Dann richtete er sich wieder auf, sah sich kurz um. In der Hoffnung noch jemanden zu finden, der den Anschlag auf diese Gruppe von Menschen womöglich überlebt hatte. Doch dem war nicht so. Verwundert war er jedoch nicht, denn von demjenigen, den sein sterbender Kamerad beschuldigt hatte, hatte er auch nichts Anderes erwartet, als gründlich zu sein. Eher hätte es ihn überrascht, wenn er derartig große Spuren hinterlassen hätte, dass er diesen problemlos hätte folgen können.
      Er wandte sich ab. Von dem einst so friedvollem und anmutigem Blumenfeld. Von dem Schlachtfeld, an dem viele seiner Freunde gefallen waren. Wild entschlossen den Mann, der dafür verantwortlich war, zur Strecke zu bringen ... Fethros.

      *

      Eine kühle Brise wehte ihr durch ihr scharlachrotes Haar. Der schauderhafte Geruch von Verwesung folgte, kroch ihr in die Nasenhöhlen. Egal wie oft sie diesen Gestank auch zu ertragen hatte, nie würde sie sich daran gewöhnen können.
      Den Schlüssel legte sie auf eine kleine, modrige Kommode im Hausflur ab, ihre Schuhe behielt sie an. Normalerweise zog sie diese bereits vor der Tür aus, um sich so selbst weitere, unnötige Hausarbeit zu ersparen. Denn schließlich lag es an ihr jenen Dreck, den sie durch die einzelnen Räume schleppte, fein säuberlich wieder zu entfernen. Doch war dies ein Gedanke, den sie sofort wieder verwarf, ehe er sie lähmen konnte. Denn etwas hatte sich verändert. Sie hatte sich verändert. Es war Jahre her, seitdem sie dieses Gefühl verspürt hatte … Ein Anflug von Erleichterung. Von Freiheit. Jener Tugend, die ihr länger verwehrt geblieben war, als sie sich entsinnen konnte. Und sie lächelte. Konnte gar nicht mehr aufhören zu lächeln.
      So betrat sie letztlich jenen Wohnraum, in dem ihre Herrin ruhte. In dem ihre Gebeine vor dem lodernden Kamin auf einem Stuhl thronten. Sie beugte sich hinab zum Feuer, das zu erlöschen drohte. Ihre Hand regte sie gen Flammen, woraufhin diese plötzlich wieder aufloderten, als hätte man das brennende Holz neu entzündet. Sie erhob sich, griff sich an die Eisenfessel, die ihr um den Hals gebunden war. Und öffnete diese. Ohne den passenden Schlüssel zu benutzen. Sie nahm sich die Fesseln ab, legte diese auf einen kleinen Holztisch, der neben dem Kamin stand. Und wandte sich noch einmal, ein letztes Mal, zu dem Skelett ihrer Herrin.
      »Ich danke dir, Sadie. Für alles.«
      Ohne noch einmal zurückzublicken schritt sie zur Haustür. Bereit das abgelegene Gebäude zu verlassen. Bereit ein neues Leben zu beginnen. Ein besseres Leben. Ein Leben, auf das sie schon viel zu lange sehnsüchtig gewartet hatte. Und so verschwand sie. Aus dem Haus ihrer Herrin, wie auch aus ihrem alten Leben.

      *

      Mehrfach wurde er nun schon durch diese pompösen Gänge geschleift. Die hellen Wände und gewaltigen Fenster, auf denen vereinzelte, geschichtsträchtige Ereignisse der elbischen Bevölkerung abgebildet worden waren, verschafften den langen Fluren eine angenehme Wärme. Ein wohlwollendes Gefühl, das jedoch trügerischer Herkunft war. Niemand, mit Ausnahme der Elben höherer Blutlinien, war es bestimmt dieses Schloss zu betreten. Vala va Gwaith, Sitz von König Rowyn, Mittelpunkt von Alfheim und damit auch von ganz Midva.
      Sollte er schon einmal das Privileg genossen haben jene Fluren selbstständig zu passieren, so konnte er sich nicht daran erinnern. Zu oft wurde er diesen Weg, vorbei an den salutierenden Leibwächtern der Königsfamilie, nun schon gewaltsam entlang geschliffen. Weil er seine Nase stets in Angelegenheiten stecken musste, die ihn nichts angingen. Immer wieder sorgte er in der Hauptstadt für Ärger, obwohl er genau wusste, mit welchen Konsequenzen er dadurch zu leben hatte. Genauso wie er jedoch auch wusste, dass der König es sich nicht erlauben konnte ihn so zu bestrafen, wie es das elbische Gesetz eigentlich vorsah. Für die Vergehen, die er immerzu begann. Von einer leichten Körperverletzung, bis hin zu Verstümmlung und Mord hatte er schon jede nur erdenkliche Gräueltat begangen. Ernsthafte Konsequenzen hatte er jedoch nicht zu befürchten. Denn schließlich war es nicht nur er, der etwas vom König brauchte. Sondern brauchte der König ebenso etwas von ihm. Seine Hingabe, seine Talente. Sein Geschick als Kopfgeldjäger. Schließlich war er einer der Wenigen, der fähig genug war, um die andauernden Unruhen in den umliegenden Provinzen zu beenden. Eine Nacht in der Zelle war für ihn daher ein leicht zu verschmerzender Preis, wenn er dafür seinen eigenen Prinzipien treu bleiben konnte.
      Seine Gedanken kreisten um jene Pattsituation, die zwischen ihm und den Elben bestand. Solange, dass er gar nicht bemerkt hatte, wie Haedim ihn losgelassen und zu Boden geworfen hatte. Direkt vor die Füße von König Rowyn, der mit eben jenem Maß an Arroganz und Ignoranz auf ihn herabsah, wie man es von einem Mann in seiner Position erwartete. Einem Mann, dem dessen Macht, und was er damit erreichen könnte, nicht nur bekannt, sondern dem jene längst zu Kopf gestiegen war. Der sich für unangreifbar hielt. Berechtigterweise. Denn genau das war er. Unangreifbar. Trotz des tobenden Bürgerkrieges, der sich durch halb Midva zog.
      »Wie ich sehe war dein letzter Auftrag von Erfolg gekrönt, Fethros«, riss der Elbenkönig ihn letztlich aus seinen Gedanken, nachdem diesem der blutige Kopf, der an Fethros Taille baumelte, aufgefallen war.
      Der magere Elb schnipste mit seinen Fingern, öffnete anschließend seine Hand, woraufhin einer seiner Diener einen kleinen, klimpernden Beutel in seine Handfläche legte. Ohne zu zögern warf er Fethros diesen zu, der ihn elegant auffing, zweimal in die Luft warf, ehe er ihn in einer seiner hinteren Gürteltaschen verstaute.
      »Willst du gar nicht nachzählen?« fragte ihn der König verwundert, wodurch er dem Kopfgeldjäger ein unscheinbares Schmunzeln abringen konnte.
      »Hab ich gerade«, entgegnete dieser ihm, als er plötzlich einen jungen Elb bemerkte, der dem König beinahe wie aus dem Gesicht geschnitten war. Aus den Schatten erhob er sich, um seinen Platz neben dem Thron seines Königs einzunehmen.
      »Setz dich«, forderte ihn Rowyn auf und der Bursche gehorchte ihm. Ohne auch nur an Widerworte zu denken.
      »Wer ist das?«
      »Mein Enkel. Er hat Informationen für dich. Wichtige, bedeutende, Informationen, die unseren Handel zum Abschluss bringen werden.«
      Fethros horchte auf, wurde hellhörig. All seine Mühen, die er in den vergangenen Monaten aufgebracht hatte, schienen nun endlich Profit abzuwerfen. Profit, der nicht in Münzen aufzuwiegen war.
      »Eine junge Frau mit bernsteinfarbenem Haar, auf die deine Beschreibung passt, wurde in Folkwag gesichtet«, begann der Elbenkönig zu erläutern, als Fethros ihm plötzlich den Rücken zukehrte. Mehr brauchte er nicht zu wissen. Aus einem Impuls heraus wollte er gen Ausgang stürmen, doch wurde ihm der Weg von Haedim versperrt.
      »Geh mir aus dem Weg«, forderte der Kopfgeldjäger den elbischen Krieger auf, der dieses Gesuch jedoch ablehnte.
      »Ich bin noch nicht fertig, Fethros«, ertönte die Stimme von Rowyn. Jede Faser seines Körpers sträubte sich gegen einen längeren Verbleib in diesen Mauern, in dieser Stadt, als er es unbedingt musste, doch erkannte er, dass dies nicht seine Entscheidung war. Auch wenn er bisher Immunität gegenüber dem Gesetz genossen hatte, so stand ihre Vereinbarung kurz vor der Erfüllung. Wodurch er auch seine Immunität verlieren würde. Er erkannte schnell, welch Brisanz in seiner derzeitigen Situation ruhte. Und dass es höchst unklug wäre, den König ausgerechnet jetzt, wo er seinem Ziel endlich einen großen Schritt näher gekommen war, zu verärgern.
      »Es hat ein schreckliches Blutbad in Folkwag gegeben. Eine magische Explosion, hervorgerufen durch einen Erzmagier, die die gesamte Stadt zerstört hat. Soweit wir wissen ist Genevieve – deine Nichte – die einzige Überlebende gewesen.«
      »Ein Erzmagier? Ich dachte die Magier und Zauberinnen seien längst ausgestorben?« hakte Fethros, neugierig wie er von Natur aus eben war, nach. Obwohl es für ihn eigentlich weit dringlichere Dinge gab, die er in Erfahrung bringen musste.
      »Das haben wir auch gedacht, doch offenbar haben wir uns geirrt. Jene Magier, die die Übernahme von Midva durch mein Volk überlebt hatten, wurden anschließend von meinem Vater gejagt. Über mehrere Jahrhunderte hinweg brannten Scheiterhaufen in jeder Stadt dieses Landes. Doch wie es scheint ist es einigen wenigen Zauberern gelungen, sich unserem Urteil zu entziehen.«
      »Und was ist mit Genevieve?« wechselte Fethros schlussendlich das Thema.
      »Meinem Enkel zur Folge konnte sie rechtzeitig fliehen. Doch da sie die einzige Überlebende war, machte Lord Ibrín von Falbar sie für das Chaos verantwortlich.«
      »Ibrín?« unterbrach der Kopfgeldjäger den Elbenkönig aus dem Affekt heraus.
      »Kennst du ihn?«
      Fethros nickte. Und wie er ihn kannte. Insgeheim hatte er gehofft, dass sich ihre Wege nie wieder kreuzen würden. Doch schien es so, als würde ihm dieser Herzenswunsch verwehrt bleiben. Als würde sein Weg ihn, früher oder später, doch wieder nach Falbar führen.
      »Lord Ibrín hat ein immens hohes Kopfgeld auf sie ausgesetzt. Ich habe versucht ihm die Fahndung nach ihr auszureden, doch ließ er sich nicht umstimmen.«
      »Alles andere hätte mich auch gewundert. So starrsinnig wie ich den Lord von Falbar in Erinnerung behalten habe.«
      Einem Fingerschnippen von Rowyn folgte ein junger Elb mit waldgrünem Haar, der über seinen Rücken sowohl Bogen, als auch Köcher gespannt hatte. In seiner Hand hielt er ein eingerolltes Stück Pergament, das er dem Kopfgeldjäger überreichte.
      »Was ist das?« fragte dieser missmutig. Eine Antwort blieb der König ihm jedoch schuldig. Er öffnete das Papier und erkannte sofort, anhand der großen Aufschrift, dass es sich dabei um einen Steckbrief handelte. Dachte er zunächst noch, dass es jener von Genevieve war, so wurde er bald Lügen gestraft, als er bemerkte, dass die Fläche, auf der für gewöhnlich ein Bild der gesuchten Person gezeichnet war, ein alter Mann abgebildet war. Dieser schien eine Glatze zu haben. Ein Feuermal zierte seinen kahlen Kopf. Zwei Schnittnarben in Kreuzform befanden sich auf beiden seiner Augen. Ausgestattet mit einem Kopfgeld, das deutlich höher lag als jedes andere, das er sich je zuvor verdient hatte.
      »Das ist der Auftrag für die Jagd nach dem Erzmagier, der für die Vernichtung von Folkwag, und damit für den Mord von mehreren hunderten Elben, verantwortlich ist. Betrachte es als letzte Gefälligkeit, die ich von dir erwarte. Im Austausch für die Informationen, die ich dir soeben überreicht habe.«
      Fethros jedoch scherte all dies nicht. Und er wurde nicht müde darin dem König einvernehmlich zu demonstrieren, wie er zu seinem subtilen Versuch stand die Bedingungen, die sie einst ausgehandelt hatten, rückwirkend umzuschreiben. So zerriss er das Pergament und warf Haedim, der noch immer hinter ihm stand und ihm so den Ausgang blockierte, die Überreste über seine Schulter hinweg zu.
      »Das geht mich nichts mehr an. Ich bin nicht hier, um einen neuen Auftrag von Euch entgegen zu nehmen. Ich bin hier, damit Ihr Euch an Euren Teil der Vereinbarung haltet und unser Pakt damit erfüllt wird. So wie wir es vor sechs Monaten übereinstimmend vereinbart hatten.«
      Argwöhnische Blicke warf Rowyn dem unflätigen Jäger zu. Dessen Respektlosigkeit war dem König zuwider. Seine Hände ballte er zu Fäusten, indes umklammerte Haedims rechte Hand den Schwertgriff der Klinge, die er über seinen Rücken gebunden hatte. Was Fethros nicht entgangen war.
      »Zukünftig solltest du deine Worte mir gegenüber besser abwägen, bevor du sie veräußerst. Sonst kostet dich deine Ungehobeltheit eines Tages noch deine Zunge, wenn du nicht aufpasst. Ich halte mich an unsere Vereinbarung, Fethros. Mehr noch, ich stelle dir einen meiner fähigsten Soldaten zur Seite, der dich auf deinem Weg nach besten Kräften unterstützen und deinen Aufforderungen folgen wird«, erwiderte der Elbenkönig letztlich, während er mit einem kurzen Fingerzeig auf den Mann deutete, der ihm zuvor noch den Steckbrief gereicht hatte.
      »Ich arbeite allein«, zeigte sich Fethros wenig begeistert von dem Gedanken, dass er diese Reise gemeinsam mit einem Elb antreten sollte. Noch dazu einem, den er nicht kannte und bei dem er sich deshalb nie sicher sein könnte, ob oder wann er ihm wohl ein Messer in den Rücken rammen würde.
      »Normalerweise erwartet dich auf deinen Reisen auch kein diplomatischer Konflikt mit einem hiesigen Lord. Doch da dir genau dies droht, brauchst du jemanden, der stellvertretend für mich sprechen und etwaige Verhandlungen übernehmen wird.«
      »Ich glaube wirklich nicht, dass ...«, doch weiter kam Fethros mit seinen erneuten Einwänden nicht.
      »Genug jetzt. Das war keine höfliche Bitte, sondern ein Befehl. Emetiel wird dich auf deiner Reise begleiten. Die Audienz ist beendet. Ihr dürft nun gehen.«
      Fethros juckte es in den Fingern. Zu gerne hätte er das Gespräch fortgesetzt, zu gerne hätte er einen weiteren Einwand erbracht, doch er wusste, dass er sein Glück nicht überstrapazieren durfte. So sehr der König ihn auch gebraucht hatte, so entschwindet dieser Nutzen in jenem Augenblick, in dem er zu den Türen herausschreitet und den Palast verlässt. Zumindest hatte er dies solange geglaubt, bis Rowyn ihm einen elbischen Krieger zur Seite gestellt hatte, der ihn begleiten sollte. Denn wieso sollte er mit diesem zusammen nach Genevieve suchen, wenn für den König darin letztlich doch überhaupt kein Nutzen lag? Er traute ihm nicht. Hatte er noch nie und würde er auch nie. Jetzt noch weniger als zuvor. Die ganze Situation wirkte auf ihn höchst bizarr und, so argwöhnisch wie ihn Emetiel musterte, so schien dieser seine Unzufriedenheit über ihre gemeinsame Reise zu teilen.
      Doch, so unangenehm es für die beiden auch war, so mussten sie ihren eigenen Stolz herunterschlucken. Und so schritten sie gemeinsam gen Stahltoren. Um den pompösen Palast von Alfheim zu verlassen und ihre Reise anzutreten. Eine Reise durch ganz Midva. Unwissend darüber, was diese ihnen abverlangen würde.

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