Von Patienten und Psychiatern (blink)

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    • Von Patienten und Psychiatern (blink)

      Guten Abend!

      Das FFT hat mir einen Motivationsschub verliehen, weshalb ich richtig Lust auf eine neue Geschichte habe. Nichts macht als Autor mehr Spaß, als sich neue Konzepte sowie Strukturen aufzubauen und diese im Austausch mit den Lesern auszuweiten. Daran habe ich mich in meiner ersten Geschichte entlang gehangelt und das hat mir über Jahre hinweg riesigen Spaß bereitet. Das möchte ich wieder erleben, wofür es nach längeren Pausen einfach etwas Neues braucht.

      Von Keksen und Kaisern

      „Das sind leckere Kekse!“

      Fragend blickt er sein Gegenüber an. Alles um ihn herum verschwimmt. Das Diplom an der Wand, der Schlüsselbund auf dem Tisch, die gedämpften Laute, die von draußen her noch an ihre Ohren dringen. Alles geschieht für ihn im hier und jetzt. Das hat er in diesen Gesprächen begriffen. Die Vergangenheit wird ihn nur noch mehr schädigen. Darum ist er im hier und jetzt. In einem beschaulichen Büro, ihm gegenüber ein Mann sitzend, der freundlich nickt.
      „Bedienen Sie sich ruhig.“
      Nicht alles lief wie erwartet. Er betrachtete sein Diplom, nickte noch einmal zur Selbstbestätigung. Schloss die Augen. Ohne Zweifel. Er war der Beste in seinem Gebiet. Der Mann am Ende des Schreibtisches nahm sich einen weiteren Keks und tunkte ihn in ein Glas Milch. Er war jetzt friedlich, dachte nicht daran, was war, was ihn verfolgte. Nur so konnte er ihn sehen, ihn betrachten. Ihn studieren!

      Calm Belt. Impel Down.
      Gestürzte Monarchen, gefallene Himmelsdrachen, gefasste Piraten, enttarnte Revolutionäre. Sie alle waren verschieden, hier aber wurden sie vereinheitlicht. Als Verbrecher. Damit sollte ihnen Individualität und Größe genommen werden. Diesen Gedanken hegten die Erbauer des Gefängnisses.
      Er aber war Psychiater und sah die Welt, eher die Menschen, die die Welt durch ihr Handeln veränderten, mit anderen Augen. Er betrachtete die Beschaffenheit eines jeden geistigen Antriebs, um den Grund einer Tat zu verstehen. Denn Verstehen bedeutete für ihn Veränderung. Er konnte seiner Ansicht nach nur etwas verändern, wenn er verstehen würde, weshalb Menschen Verbrechen begingen. Aus dem Grund war er anders.
      Er wollte nicht einfach irgendjemanden vom Antlitz der Welt tilgen. Nein. Damit würde sich gar nichts ändern. In seiner Arbeit wollte er nur eine Frage beantwortet wissen: Was macht einen Menschen „böse“? Was machte ihn böse?

      Wie war das nur möglich?
      Der Psychiater grübelte, während sich sein „Patient“ zwei Kekse auf einmal in den Mund schob. Die Marine hatte ihn hierher gebracht. Sie schätzten sein Alter auf Anfang 30. Der Name und ein ausgestelltes Kopfgeld waren ihnen hingegen nicht bekannt. Normalerweise war das nicht außergewöhnlich. Viele kleine und große Fische saßen ihm gegenüber, um messerscharf analysiert zu werden. Früher oder später hatte er sich ein klares Bild machen können. Er hier war anders. Das sah er ihm an.
      Dieser Mann hatte etwas getan, das ein unbeschriebenes Blatt nicht getan haben konnte. Es geschah aus dem Nichts, ohne Vorwarnung.

      „Die besten Kekse seit Tagen!“
      Der namenlose Mann blickt auf. Sein linkes Auge zuckt. Die Narbe, wenige Tage alt, verursacht nach wie vor ein brennendes Gefühl. Sein rechtes Auge ist unversehrt geblieben. Auf diesem sieht er die Welt in aller Klarheit, während sie auf der anderen Seite mehr und mehr verschwimmt. Eine frische Wunde, die ihn zeichnet. Die ihn auszeichnet und mit Stolz erfüllt. Er hat die Welt verändert. Seine alte Identität ist Vergangenheit, sein alter Name sehr bald vergessen. Der Psychiater war der Beste in seinem Gebiet, er ist es in seinem. Zumindest hat es keiner vor ihm geschafft.
      Beide blickten sie auf die Zeitung, die auf dem Tisch lag.
      Kaiserin ‚Big Mum‘ getötet

      „Die Kekse sind alle!“, merkte der „Patient“ an und schüttelte die geleerte Schale.
      Zum ersten Mal in ihrem Gespräch lächelte er.

      Kapitel 1: Dienst nach Vorschrift

      „Bitte, machen Sie es!“


      Das Flehen in seiner Stimme war kaum zu überhören. Normalerweise sollte es ihm, einem Beamten, ganz gleich sein, was hier passierte. Bald war sein Dienst zu Ende, dann konnte er sich in sein Haus zurückziehen und mit seinem neuen Enten-Puzzle beschäftigen. Doch diese Situation war außergewöhnlich heikel.
      „Herr Magellan, bitte übernehmen Sie wieder die Leitung des Impel Down!“, bemühte sich der tattrige alte Mann und hielt einen großen Blumenstrauß in Richtung der Tür, hinter der sich der ehemalige Direktor zurückgezogen hatte. Ehe ein weiteres Wort gesagt wurde, donnerte es hinter besagter Holztür und das daran befestigte Messingschildchen – mit der Aufschrift WC – fiel dem Beamten vor die Füße. Vor Schreck ließ er die Blumen fallen, die noch in der Luft verwelkten. Er ahnte wieso, während ein bestialischer Gestank ihm die Tränen in die Augen trieb. Nur noch wenige Wochen bis zur Pensionierung und man entsandt ihn ins Impel Down. Dorthin, wo es heiß war, und kalt, und düster, und es stank zudem grausig. Der alte Amtsstubenbüttel schüttelte den Kopf, wobei ihm einzelne graue Haare ausfielen. Entsetzt fasste er sich auf seinen lichter werdenden Schädel.
      „Ich will doch nur zu meinen Enten“, jammerte er leise, bis ein weiteres lautes Geräusch ihn innehalten ließ. Es war – zu seiner Erleichterung – die Klospülung, die diesem olfaktorischen Fiasko ein jähes Ende bereiten sollte. Erfreut strich sich der Beamte über die schweißgetränkte Stirn und streckte dem Mann, den er erwartete, die Hand entgegen. Die Tür öffnete sich und ein großgewachsener Mann kam ihm in geduckter Haltung entgegen, bis er den Türrahmen passierte und sich nun zu voller Gestalt erstreckte. Fluchend stieß er sich am Kronleuchter, der direkt neben dem Toilettenhäuschen aufgehängt wurde.
      „Argh, willkommen, Beamter Ravehouse. Jetzt auch persönlich!“, murmelte Magellan mit Unbehagen in seiner Stimme. Das lag nicht an der schmächtigen, lichtscheuen, gealterten Gestalt, die ihm gegenüber stand, viel eher an den Blumen, in denen er stand und seiner Zunge, auf die er sich vor Schreck gebissen hatte. Der Beamte schüttelte diese ganzen Umstände von sich ab, zu sehr überkam ihn die bürokratische Routine – und die Lust nach Käsekuchen.
      „Magellan, Sie wissen, dass sich Direktor Hannyabal noch immer in stationärer Behandlung befindet, nachdem er auf Level 4 eines Ihrer mobilen WC-Häuschen abbauen wollte…“
      Magellan, er musste ein schelmisches Kichern unterdrücken, nickte mit ernst gehaltener Miene. Kaum zu fassen, was seine zusammenbrechende Rückzugskonstruktion für Schäden verursachen konnte. Der arme Hannyabal. – Doch genauso, wie der Beamte in seine Dienstsprache zurückkehren konnte, war es Magellan ein Leid, sich an seine Schande erinnern zu müssen. Blackbeard, Ruffy, er hatte sie entkommen lassen. Diese Schmach wollte er nicht vergessen. Es war richtig, dieses Amt abzutreten und aufstrebenden, kompetenten Männern zu überlassen.
      „Ich werde dem Impel Down ein treuer Wächter bleiben, jedoch nicht als leitender Direktor. Dabei bleibe ich.“ Die verwelkten Blumen knirschten unter seinen schwarzen Stiefeln.
      „Da überzeugen mich keine Bitten und keine gut gemeinten Präsente!“, ergänzte er prompt.

      „Sie wissen, dass dies keine einfache Position ist!“
      Ravehouse räusperte sich und nahm die Packung Pralinen vom Schreibtisch. Das letzte heil gebliebene Präsent verstaute er unter seinem Arm und begann zu grummeln.
      „Sie wissen, dass das zartbitter ist. Und dass ich zusehen muss, dass diese Pralinen als Bestandteil der Präambel eines formalisierten Gespräches nicht privat verzehrt werden dürfen.“ Magellan zuckte verwirrt mit den Schultern und hielt sich den gluckernden Magen.
      „Ich muss…dann…wünsch‘ ein‘ schön‘ Taaaag!“, schrie er mit aufgerissenen Augen, stieß erneut gegen den Kronleuchter und bückte sich danach in sein Toilettenhäuschen hinein. Nachdem die Tür zuknallte und etwas Putz von den Wänden rieselte, schüttelte Ravehouse missmutig den Kopf.
      „Jetzt darf ich die Pralinen morgen umtauschen…“
      Der alte Mann verließ das Büro und schloss die Tür. Niemand geleitete ihn nach draußen. Alle waren sie beschäftigt.
      Wie unhöflich, dachte er, während um ihn herum schreiende Insassen in Richtung des großen Fahrstuhls gezogen wurden. Der Mief dieser Hölle war unerträglich, doch schlimmer als ein kleines Büro in Mary Joa war es gewiss nicht. Pistolenschüsse waren von draußen zu vernehmen, denn Gefangene, die von Booten geschleppt wurden, randalierten, und traten durch das riesige hochgezogene Tor, gingen schreiend, tobend, um sich schlagend an ihm vorbei. Es interessierte ihn alles überhaupt nicht.
      Nicht meine Sache, murmelte Ravehouse zu sich selbst. Ein Streifschuss riss Teile seiner Wange auf. Die Stimmen um ihn herum verkamen zu einem Rauschen. Lachen und belustigtes Jaulen der neuen Insassen, panische Schreie der Wärter, die sich sofort bei dem alten Beamten für den Querschläger entschuldigten, Sanitäter anwiesen und mit Kompressen die Blutung stillen wollten. Rauchgranaten wurden in Richtung der Gefangenen geworfen. Ein heilloses Durcheinander brach im Eingangsbereich aus.
      „Wo ist Magellan?“, riefen die Wärter.
      „Nicht meine Sache, ich hab Feierabend!“, murmelte Ravehouse mit zaghafter Stimme, entfernte sich von den Menschen, die ihn verarzten wollten und schritt in aller Seelenruhe aus dem größten Gefängnis der Welt.
      ‚Vakante Stelle ausschreiben lassen‘ – dies notierte er in seinem Notizblock, den er sogleich in seiner Hemdtasche verschwinden ließ. Morgen ist die Zeit dafür. Blutend ließ er das Chaos in seinem Rücken hinter sich. Jetzt warteten Enten und ein paar Gänse auf ihn.
      Einige Tage später sollte sich ein gewisser Psychiater melden. Nachdem sie ihn prüften, war klar, wer der neue Direktor werden sollte.
      Dr. Ryan Jay Krueger. Zweifelsfrei. Doch das war eine andere Geschichte.

      Kapitel 2: Erinnerungen

      Akteneintrag 1


      Name:
      Grund der Inhaftierung: Patient ist in ungeklärtem Ausmaß mit dem Tod von Piratin Charlotte Linlin in Verbindung zu bringen.
      Kopfgeld: -
      Überführung ins Impel Down: Kein Widerstand.
      Einordnung: Hohe Priorität
      *


      Die Welt war in Schieflage geraten.
      Er hatte dazu eine klare persönliche Meinung: Wer in etwas gut war, der musste einen Funken Intelligenz besitzen. Big Mum war intelligent. Über Jahre hinweg war es ihr gelungen, ein unfassbar großes Schreckensregiment zu errichten. Das war – selbstverständlich – eine Untat. Doch es war eine klug durchdachte. Auf einer moralischen Ebene war es nicht hinnehmbar, auf rationaler Ebene war es allerdings einflussnehmend und stabil. Es starb nun ein Mensch, der viele Gesetze brach, viel körperliches und psychisches Leid verursachte, zugleich aber viele Gesetze etablierte, viele Strukturen festigte. Wie man es nun abzuwägen versuchte: Der Fall der Kaiserin beendete alles, was vorher schlecht war und schuf Neues, das vorher im Zaum gehalten wurde – nämlich Chaos. Darum war es richtig, dass derjenige bei ihm war, der für diese aufkommende unberechenbare Zeit verantwortlich gemacht wurde. Ob er nur ein kleines Rädchen oder der Stein des Anstoßes war – diese Frage galt es zu beantworten.
      Dr. Krueger legte das eine beschriebene Blatt in einem Ordner ab und ließ diesen auf seinem Schreibtisch liegen. Hinter ihm zierten mehrere aneinandergereihte Regale die Wand, wo vorher rostige Ketten hingen. Dem martialisch anmutenden Flair mit blutverschmierten Streitäxten und brennenden Kerzen im ausgehöhlten Schädel waren nicht sein Stil. Er war ein Mann der Bildung und des Geistes. Bücher, Ordner und angelegte Karteien waren fast alles, das hinter seinem Rücken bis an die Decke gestapelt werden durfte. Dr. Krueger war niemand, der beim Armdrücken eine Medaille gewinnen würde. Niemand, der einen flüchtigen Verbrecher auf schnellem Fuß verfolgen konnte. Er war sich seiner Menschlichkeit nur zu sehr bewusst.
      War er es auch?
      Der Psychiater betrachtete sein Gegenüber. Wenn es stimmte, dann hatte dieser Mann eine der mächtigsten Personen getötet. Mit verwundet. Den Gnadenstoß verpasst. Die Begegnung miterlebt. Er sah ihm keinerlei Bedenken an. Selbst eine unmittelbare, unbedeutend klein erscheinende Beteiligung war Impuls genug, um ein Erdbeben sondergleichen auszulösen. Der namenlose Mann verzog keine Miene. War er ein laues Lüftchen oder der tobende Sturm? Der willfährige Handlanger oder der Teufel, der urplötzlich aus dem aufgetanen Schlund der Hölle hervorkam? Der Psychiater dachte stets in Extremen, da es schlichtweg töricht ist, an einem solchen Ort in kleinen Dimensionen zu suchen. Diese Sichtweise sollte damals er auf eindrucksvollste Art und Weise verinnerlicht haben. Immerhin lernte er ihn kennen...

      [vor einigen Jahren]


      „Bitte nimm die Urkunde und mhh schließ die Tür…“
      Zwei Männer waren hier, beide von immenser Bedeutung für das Machtgefüge der Welt. Einer von ihnen saß am Tresen, träge stützte er sich seinen Kopf mit der Faust, während er mit der rechten Hand einen Löffel Suppe schlürfte. Die Wirtin, die hinter dem Tresen hervorgekommen war, kniete noch immer. So wie alle anderen Gäste in dieser beschaulichen Taverne. Von Draußen zog ein eisiger Wind durch den Raum und ließ die am Boden kauernden Gestalten erzittern. Es war die Kälte, die in den Bergen nur zu alltäglich war. Gleichzeitig – und das musste der wahre Grund sein – fürchteten sie sich alle vor seiner Anwesenheit. Der Mann, der an der Tür stand...es konnte eigentlich nicht sein. In gestähltem Körper und schwarzem Anzug war er in dieses Gebirge gewandert. Allein gewandert, um ihn - am Tresen - zu sehen. Das war außergewöhnlich. Dermaßen außergewöhnlich, dass es ihnen allen noch immer den Atem verschlug. Zu stark war seine Präsenz. Der blonde Mann, alleine sah man ihn bislang nie, entfernte sich von der Tür, die er hinter sich ins Schloss fallen ließ. Die Temperaturen würden nun wieder steigen, wo zuvor der flackernde Kamin sich einen Kampf mit dem einfallenden Schneegestöber lieferte. Doch kühl war es noch immer. Der Mann, der ruhig seine Suppe schlürfte, saß noch immer am Tresen. Der zweite, sein blondes Haar war mit einzelnen grauen Strähnen versehen, trat an die Bar und nahm die Urkunde, die unter einem Bierglas stand. Missmutig schüttelte er das dünne Papier, Schaum und vereinzelte Tropfen berührten die Holzdielen, die unter seinen Füßen knarrten.
      „Wenn wir nicht wüssten, wer Du bist, würden wir deine ganze Art aufs Schärfste verurteilen!“ Ein Schaudern fuhr durch jeden einzelnen Körper. Jeder hier wusste, dass diese Situation nicht eskalieren würde. Doch in jedem anderen Fall würde keiner hier überleben.
      „Ich kümmere mich ja um ihn“, entgegnete der müde Mann, legte den Löffel beiseite und schlug sich mit der nun freien Hand auf den Bauch. Ehe der Blonde was sagen konnte, durchbrach ein lauter Rülpser die Stille.
      Gewinner der Martelliarts, das war die Überschrift der feucht versifften Urkunde. Darunter stand kein Name. Sie hatten für die Welt seit 800 Jahren einen feststehenden Begriff. Sie als Individuen wiederum nicht. Der blonde Mann, stets um Fassung bemüht, zuckte kurz. Er hatte so viel durchgemacht und höchstpersönlich an diesem Wettbewerb teilgenommen. Sie wollten, nein, sie mussten sichergehen, dass ihr Vorhaben umgesetzt werden würde. Wer die Martelliarts gewann, durfte ihm einen Auftrag erteilen. Wer ihn kannte, wusste, was das bedeuten musste. Sie kannten ihn, sie kannten seine Familie und ihre Tradition.
      Erneut blickte er auf die Urkunde und kehrte mit leichtem Zögern zum Tresen zurück, an dem der Mann seinen Teller anhob, um den Rest seiner Suppe mit lautem Schlürfen zu verzehren.
      „Mein Name ist Adam, ändern Sie dies!“
      Still war es und still wurde es umso mehr, als dieser eine Mann diesem anderen Mann einen Befehl erteilte.
      „Ein oder zwei m?“, fragte der Mann – dem erstmals die Trägheit in seiner Stimme verloren ging. Sie wich einem Anflug von Süffisanz, doch das würde niemand, nicht einmal Adam, ernsthaft behaupten. Schweigend nahm Adam die Urkunde und verließ nickend die Bar.
      Draußen angekommen, unterdrückte er jegliche in ihm aufkommende Wut. Diese Demütigung würde er ihm nie vergessen. Der schneebedeckte Boden unter seinen Füßen dampfte förmlich. Doch sein persönliches Empfinden durfte nicht im Vordergrund stehen. Er, Adam, hatte die Martelliarts gewonnen und durfte dem Mann da drinnen einen Auftrag seiner Wahl erteilen.
      Eine Chance, die sich nur alle paar Jahre bot. Die sie wahrnehmen mussten. Darum entsandten sie ihn: Adam, jüngstes Mitglied der Fünf Weisen.
      Drinnen richtete sich die Barkeeperin mit zitternden Knien auf. Jetzt, wo der Weise sie verließ, durften sie sich aus der ehrfürchtigen Verbeugung lösen. Wieder sie selbst sein, ihre eigenen Gedanken denken…
      „Was haben Sie dir aufgetragen?“, fragte sie den Mann, der nun auch sein Bier ausgetrunken hatte. Erstmals hob er seinen aufgestützten Kopf ab und wandte sich lächelnd seiner guten Freundin zu.
      „Ich soll jemanden töten“, antwortete er und wischte sich den Schaum aus dem Gesicht. Nachdem sie erfuhr, wer es war, stockte ihr der Atem. Die übrigen Gäste, die eben noch ehrfürchtig erstarrt waren, atmeten nun stoßweise ein und aus.
      „Die Yonkou sind die mächtigsten Piraten...“ Sie stotterte und blickte ihren Stammgast an. Dieser rührte sich nicht. Ob er wollte oder nicht: Seine Familie verpflichtete sich seit ewigen Zeiten demjenigen, der die Martelliarts gewann. Diesen Auftrag musste er ausführen. Entweder ging er daraus lebend hervor – oder er würde sehenden Auges seinem Tod begegnen…
      „William, wirst Du es wirklich machen?“
      Die fehlende Rührung wich einem Beben. Sein ganzer Körper zitterte. Der Löffel in seiner Hand klapperte gegen das leere Glas, bis es von der Theke auf den Boden fiel und die Stille im Raum endgültig brach.
      „Ich zittere vor Glück“, erwiderte der, den sie William Martell nannten.

      Kapitel 3: Gigas
      Ein Martell war eigentlich kein beeinflussbarer Zeitgenosse, der seine Dienste schlicht dem höchsten Bieter zur Verfügung stellte. Dafür waren sie gewiss nicht bekannt. Allerdings waren sie auch nie in die bestehende Ordnung der Welt zu integrieren. Daher suchten sie sich seit je her einen eigenen Weg, um eine Entscheidung herbeizuführen. Dafür veranstalteten sie die Martelliarts, einen Wettbewerb, der zeigen sollte, wem sie Respekt entgegenbringen sollten. Jeder, der sich dabei nicht die Hände schmutzig machen wollte, disqualifizierte sich von selbst. Do ut des - Ich gebe, damit Du gibst. Nach diesem alten Sprichwort handelte die Familie Martell.
      Adam hatte gewonnen. Auch wenn William es nach außen hin nicht zeigte, so respektierte er ihn dafür. Nicht für seinen Status als Weisen, nein, er achtete seinen Erfolg in den Martelliarts, nicht mehr, nicht weniger.
      „Wie es aussieht, werde ich einige Zeit fort sein“, murmelte er nun leise in die Runde.
      Das sichtbare Zittern seines Körpers hatte nachgelassen. Die Wirtin schaute William an, entdeckte einige Tropfen Schweiß an seinen schwarzen Haarspitzen. Es war ganz und gar nicht warm in dieser Taverne. Nicht seitdem ein solch mächtiger Mann noch vor wenigen Minuten hier gewesen war. Der Weise Adam strahlte eine unnatürliche Kälte aus. Es war Ehrfurcht, es war Ungläubigkeit, es war die Präsenz eines Mannes, der mehr Macht verkörperte, als sie es sich in ihren kühnsten Träumen vorstellen konnten. Er beherrschte die Welt, das System, welches seit Jahrhunderten bestand. Ein Zucken seines Augenlids hätte ausgereicht, um diese Berge, das weite Tal und alles, was auf dieser Insel war, für nichtig zu erklären. Einen Tag später hätte man diese Winterinsel von allen Landkarten streichen dürfen. Selbstverständlich war eine solche Machtdemonstration nicht notwendig, doch allein der Gedanke daran ließ sie, ließ sie alle hier erschaudern.
      Sie schaute in Williams Gesicht. Manche Menschen erkrankten an dem Stress, alterten merklich, nachdem der schiere Druck auf ihren Schultern sie zu zermürben begann. William Martell aber alterte in ihren Augen anders. Sie sah sich seine Augen an und, sie mochte romantisch gedacht haben, sah ein Leuchten. Er akzeptierte seine Aufgabe und das damit verknüpfte Schicksal, eines, das sehr wahrscheinlich seinen Tod herbeiführte. Die Wirtin war sich sicher: Ihn zermürbte absolut gar nichts. Sie legte ihre Hand auf seine Schulter und bemerkte ein flüchtiges, verschmitztes Lächeln seinerseits. Jetzt war sie sich ganz sicher!
      William Martell alterte in Würde, während weitere Schweißperlen sich den Weg über seine Stirn bahnten. Er zeigte Angst, und Vorfreude, alles was ihn menschlich machte. Ja, das war sicher eine gute Voraussetzung, da er schon bald einem Monster gegenüberstehen würde. Er nahm seine Waffe, deren langer Holzgriff an der Theke lehnte, und nickte in die Runde.
      „Ich bin kein großer Redner, daher, mhh…tschüss!“ Er drückte die junge Wirtin vorsichtig und ließ sie errötet zurück, wie er ohne weiteres die Tür öffnete und verschwand.
      „Hoffentlich stirbt er nicht“, flüsterte sie nervös und blickte ihm durchs Fenster nach. Sie kannte ihn jetzt schon einige Zeit und doch wusste sie im Prinzip nichts über ihn. Hier war er William, ein älterer Mann (41) – im Vergleich zu ihr (27) - der tagein tagaus hier herumhing oder Pfade in die Berge schlug. Doch wer war er, wenn er jemandem einen Gefallen tat? – Eine Arbeit ausführte, die von der banalen Suche eines Sammlererpels, über die Versöhnung zweier Monarchen, bis hin zur Tötung eines Kaisers reichte?
      „Natürlich darf er nicht sterben, immerhin hat er nichts für sein Essen bezahlt!“, raunte ein alter Mann und klopfte mit seinem leeren Krug auf den Tisch.
      „Nachschenken!“
      Ertappt wandte sie ihren Blick vom Fenster ab, wo inzwischen nichts weiter als die abendliche Dämmerung zu sehen war. Alice schmunzelte. Ja, ihr Name war in der weiten Welt kein besonderer, doch er genügte ihr. Zufrieden zog sie etwas Trinkgeld aus ihrer Tasche und bezahlte Williams Essen. Er hatte sicher ganz andere, weniger banale Sorgen…

      [zwei Tage später]


      Es war sonnig und kein Wölkchen war am Himmel zu sehen. Nur noch ein Regenbogen fehlte, um dieses skurrile Bild zu vervollständigen. Über ein Inselkönigreich, das vom Bergbau und dem damit ergiebigen Handel lebte, war diesen Morgen die Hölle hereingebrochen. Ohne Vorankündigung war ein Mann herbeigerudert, der seine Nussschale am Hafensteg antaute, über diesen in die nahegelegene Werft spazierte und dort jeden Mitarbeiter mit bloßen Händen in Stücke riss. So einfach und so grausam war dieses Szenario zu beschreiben.
      Genauso zügig erklärt sei die Tatsache, dass alle Menschen dieser wohlhabenden Bevölkerung dem Tode geweiht waren. Vielleicht nicht sofort, doch er würde kommen: Gigas hatte sie ausgewählt. Dafür war er berüchtigt und gefürchtet. Er war kein Mann, der lange fackelte oder überhaupt den Sinn seines Handelns großartig reflektierte. Für ihn war klar, dass Macht sich ausdrücken ließ. Nicht in Worten, Gesten oder Gefühlen – sondern in Gewalt. Gewalt, die nicht gestoppt werden konnte, war der Beweis von Macht. Das war kein tiefsinniges Motiv, es war ein wirksames. Nur das zählte für ihn. Seine Willkür suchte sich ein Opfer und es würde stets eingefordert werden.
      Diese schonungslose Konsequenz war seit Jahren zu beobachten und es war nur eine Frage der Zeit, bis die Weltregierung immer mehr ihrer eigenen Mitgliedsstaaten zu verlieren drohte. Fremde Territorien waren ihnen gleich, denn diese hatten jetzt die Konsequenzen ihrer Unabhängigkeit zu tragen. Doch wenn es bald nur noch Mitgliedsstaaten treffen würde, war die höchste Gefahrenstufe auszurufen. Jetzt wütete Gigas auf Goldback-Island, einem Königreich, dessen Reichtum für die Weltregierung von großer Bedeutung war.

      Der Regierungsagent richtete sich die Sonnenbrille, als er einen Beamten in Mary Joa kontaktierte. Die Sprechmuschel lag in seinen zittrigen Händen, der Boden unter seinen schwarzen Lederschuhen bebte noch immer.
      „Ich habe Ihren Bericht, Agent Nummer 15647!“, sagte die Stimme am anderen Ende der Leitung. Der in Goldback-Island tätige Mitarbeiter der Cipherpol konnte die langsame Bedächtigkeit in der Stimme seines Gesprächspartners kaum mehr ertragen. Er wollte Meldung erstatten und vor allem eines: Hilfe. Er, seine Kollegen, die Bewohner, jeder hier wollte einfach nur eine Chance kriegen, um diesen Albtraum zu überstehen. Diese markanten Schreie, die vom Rande der Insel kamen, sie waren ihnen nur zu sehr bekannt. Aus dem Hörensagen, den Zeitungen, die von unzähligen Gigas-Massakern berichteten.
      „Entschuldigen Sie“, unterbrach die Stimme seine Gedanken. „Ich habe Ihre Nummer wohl falsch aufgesagt: War Ihre die 15647 oder 15674? Denn die erste ist einem gewissen John zugeordnet. Den kenne ich. Sind Sie zufällig John?“, fragte die ruhige Stimme des alteingessenen Beamten.
      „Was…wie…15674…kann sein“, wimmerte der Agent. Lauter werdende Schreie und ein übertönend markantes Gebrüll der Bestie übertönten sein Gespräch. Der Beamte sprang vor Schreck auf und riss beinahe die Teleschnecke von der Parkbank, von der aus er telefonierte.
      „Kann sein?“, fragte der Beamte aus dem Heiligen Land ihn.
      „Ich lass es Sie später überprüfen“, ergänzte er freundlich, als ob er dem nun um sein Leben schluchzenden Agenten einen großen Gefallen getan hätte.
      „Ach, ehe ich es vergesse. Die Hilfe ist schon lange unterwegs, noch ehe Sie hier Meldung erstatteten.“
      Ehe der CP-Agent vor zerknirschter Wut in seinen Tränenbach hinein schreien konnte, wurde ein herzliches „Das habe ich wohl vergessen“ in den Hörer gemurmelt, ehe Ravehouse auflegte und Agent 15674 alias Montgomery seinem Schicksal überließ.
      Wie aufs Stichwort des alten Ravehouse bewahrheitete sich dessen Ansage. Die lauten Geräusche, die durch verzweifeltes Schluchzen und wahnwitziges Gebrüll verursacht wurden, verstummten schlagartig. Nur das Zusammenbrechen von Gebäuden und ganzen Hallen bestimmte die Geräuschkulisse. Montgomery hielt inne. Er blickte sich in der Innenstadt um. Die Menschen hier, sie zitterten und weinten. Doch mehr taten sie nicht. Es war furchtbar – und ermutigend zugleich. Die Hölle, die sich am Rande der Insel auftat, breitete sich anscheinend doch nicht ins Zentrum aus. Es war ein Wunder – oder war es etwas ganz Anderes?
      Gigas blickte sein letztes Opfer an. Irgendein Mitarbeiter dieser Werft. Es war unkenntlich für ihn. Nicht nur, weil er es zerfleischt hatte. Der rote Schleier vor seinen Augen lichtete sich, die unklaren Umrisse, die ihm Aussehen seiner Beute nur schemenhaft verdeutlichten, sie wurden klarer, präziser und er war kurz überrascht über die Intensität, mit der er seinem Rausch mal wieder nachgegangen war. Doch die Überraschung wich der Genugtuung, die der Machtbeweis ihm vergegenwärtigte. Hier waren Marinesoldaten und andere hochrangige Personen, die den Schutz dieser wichtigen Produktionsstätte gewährleisten sollten. Einige sahen sogar aus wie vom Rang eines Vizeadmirals. Er wusste es nicht, da er nur viele verschwommene Abzeichen wahrnahm, die von einer gewissen Relevanz innerhalb der Marinehierarchie zeugten. Ganz gleich, denn sie wurden innerhalb von Augenblicken von seinen Händen in zwei Teile gerissen.
      Der weltberühmte Pirat blickte sich noch einmal um. Eine Ruhe umgab ihn, die er zutiefst genoss. Unfassbar, wie viel Blut diese Vorhalle in ein typisches Gigas-Umfeld verwandelten. Rote Farbe, dazu der Geruch von Eisen und eine abfallende Temperatur, nachdem die Toten jegliche Körperwärme mit der Zeit vermissen ließen. Es war tragisch. Für andere.
      Seine Gedanken nach dem Gemetzel, sie waren wohl seine tiefsinnigsten. Umso überraschter war er nun tatsächlich, als eine Stimme diese, seine, erzeugte Stille durchbrach.
      „Kaiser Gigas – Der Todbringer.“
      William sprach diesen einfallslosen Piratentitel so aus, wie er ihn empfand: Mit Bewunderung. Er sah das Blutbad, das der Kaiser in der Hafenwerft hinterlassen hatte. Doch das durfte ihn nicht beeindrucken. Dieser Pirat war mächtig geworden, weil er unberechenbar agierte. Heute war er alleine hierhergekommen, obwohl er eine riesige Flotte unterhielt. Einfach, weil er es konnte und es sonst nahezu unmöglich war, sich darauf vorzubereiten.
      Woher Adam wusste, dass der Kaiser hier aufschlagen würde, wusste William nicht. Doch auch dieses detaillierte Wissen durfte ihn nicht beeindrucken. Nichts durfte ihn ins Grübeln bringen, sonst würde er sehr schnell sterben. Jetzt würde er langsam, später oder gar nicht sterben.
      Schnell jedenfalls nicht, denn er sah dem Kaiser etwas an, was diesen innehalten ließ. Ein Lächeln, gefolgt von einer Zunge, die begierig über die blutverschmierten Lippen leckte.
      „William Martell.“
      Die Hände des Kaisers wurden mit Schuppen übersät, der Rücken krümmte sich und knackte als die Wirbelsäule sich streckte und Gigas in die Höhe wachsen ließ. Spitze Zähne wuchsen aus seinem Mund, der inzwischen viel mehr als ein gieriger Schlund zu sehen war.
      „Ich bin mächtig, jedoch nicht lebensmüde.“ Die tiefe, rauchige Stimme des Kaisers brach, wandelte sich zusammen mit diesem in etwas, das alles an ihm ungeheuerlich aussehen ließ. William blickte auf die Gestalt, die nichts mehr Menschliches an sich hatte, umgriff den langen Holzstiel seiner Waffe. Der rechteckige Hammerkopf schleifte über den Boden, während William diesen hinter sich her schleifte, den Bestienkaiser stets vor Augen haltend. Die Familie Martell war berüchtigt, doch es behagte William ganz und gar nicht, dass jemand wie Gigas ohne Umschweife auf seine Teufelskraft zurückgriff.
      Die Klaue seines Feindes näherte sich seinem Kopf. Das Schleifen auf dem Boden suggerierte eine langsame Handhabung seines Hammers. Doch dem war gewiss nicht so. Gigas schrie und es zeigte sich darin das Geräusch, das nichts mehr mit etwas Lebendigem zu tun haben konnte. Es dröhnte in Williams Ohren. Er zog mit zusammengebissenen Zähnen durch und schlug die Hand seines Feindes weg, ehe sie seinen Schädel umklammern und von seinem Hals reißen konnte. Es bebte, mehr als in den Minuten, oder Stunden, die der Kaiser hier zu wüten begann. Es bebte und die Gebäude um sie herum wurden regelrecht zerrissen, als der Hammerkopf auf die schuppenbesetzte Hand des Kaisers traf. Nichts gab nach, außer ihrer Umgebung.
      „Danke!“, schrie Gigas und sprang einen Schritt zurück. Es knallte unter seinen Füßen als er wieder auf dem Boden aufkam. Er brachte eine kurze Distanz zwischen sich und William, genügend, um den Hammer zu betrachten. Den Hammer, mit dem William kämpfte, mit dem jeder Martell zu Lebzeiten kämpfte.
      „Zeig sie mir, diese Waffe, diese alles vernichtende Waffe!“, brüllte der Kaiser mit einem Lächeln auf seinen animalisch verzerrten Gesichtszügen. Wieder sah er alles um ihm herum wie durch einen roten Schleier. Doch eines konnte er erkennen. Jenen Hammer, der ihn vernichten oder den er mitsamt seinem Träger vernichten würde. Es war ihm alles recht, da es ihm eines zeigen würde: Wahrhaftige Macht!
      Kapitel 4: Gigas II - Nimm keine Rücksicht

      „Was machen wir mit all dem Gold?“


      Sein Blick war suchend, doch was er zu finden hoffte, war weit und breit nicht zu sehen. Die ganze Insel bebte inzwischen. Es wäre demnach nur eine Frage der Zeit, bis der Bergstollen hier zusammenstürzen würde. Montgomery wusste nicht, wie er zu handeln hatte. Da dies hier eine Ausnahmesituation war, setzte sein Verstand alles daran, um unbeschadet aus diesem Szenario hervorzugehen. Er war im Begriff zu fliehen. Wenn hier nur der Tod auf einen wartete, wer sollte ihm hinterher ins Gewissen reden? Die Stimme seines älteren Kollegen war im Lärm nur undeutlich zu hören. Was sie mit dem Gold machen würden, das hatte er ihn inzwischen wohl ein drittes Mal gefragt.
      „Gold ist nur eine Ware.“
      Es zischte. Die neue, ihm unbekannte Stimme, so leise sie aus einer anderen Richtung an das Agenten-Ohr drang, umso deutlicher, geradezu klar war sie in diesem Tumult zu verstehen. Montgomery zuckte auf, da es ihm so vorkam, als würde irgendjemand direkt neben ihm stehen. Kurz drehte er sich einmal im Kreis, sah nur den alten Kollegen, der eine Lore voller abgeschlagenen, verdreckten, doch an manchen Stellen hell schimmernden Steinen vom Gleis zu schieben versuchte.
      „Hast Du etwas gesagt?“, fragte Montgomery irritiert.
      „Ich habe gefragt. Gesagt hat es dieser Alligator neben dir!“, erwiderte der alte Kollege mit semantischer Präzision und grunzte daraufhin schweißdurchnässt, nachdem er die Lore vom Gleis setzte.
      Allig…?
      Erneut drehte sich Montgomery und nach nicht einmal einer Zehntelsekunde erblickte er eine Gestalt, deren Gesicht nur wenige Zentimeter von seinem entfernt war. Wie zum…? Ehe er sich diese Frage stellen konnte, übernahm der menschliche Instinkt diese Situation. Seit je her war der Agent darauf bedacht, es einfach dem zu überlassen, was die Natur einst für ihn – und jeden anderen Menschen – als Notfallplan erdachte. Er stieß einen spitzen Schrei aus und kürzlich angelegte Dämme, die seine aus der Panik geborenen Tränenflüsse bremsten, brachen umgehend auf. Den Kaiser Gigas vor sich wähnend, brach der Agent in einem mundschäumenden Anfall zusammen. Was früher sinnvolles Totstellen war, wirkte heutzutage nicht mehr allzu häufig, nachdem die fremde alligatorenartige Gestalt den Lebenden eben noch vor sich sah.
      „Ich bin kein Kaiser!“, murmelte die Gestalt berichtigend und richtete sich die purpurne Kapuze auf ihrem Kopf.
      „Aber Sie sind schon sehr exotisch“, merkte der lorenschiebende Agent an und tupfte sich die nasse Stirn mit einem dreckigen Goldklumpen. Er blickte auf den grünen Schweif, der unten aus der langen Robe des Fremden herausragte. Wo normalerweise die Füße sein müssten, befand sich beim Fremden nämlich gar nichts. Das passte für den nicht-kollabierten Agenten wiederum ganz gut, da es sonst wenig Sinn machen würde, in der Luft zu schweben.
      „Wie ich sagte, ist Gold nur eine Ware!“, wiederholte die Gestalt, die exotische Bemerkung übergehend, und deutete mit ihren langen grünbeschuppten Fingern auf den Bergstollen.
      „Schaffen Sie die Menschen da raus und verschwindet alle!“
      Die Stimme des Fremden blieb klar und war trotz eines lauten Knalls zu verstehen. Wie dieser das – und das Schweben – bewerkstelligte, wusste der triefnasse Agent nicht, doch es schien ihm sinnvoll, auf diesen Mann, dieses Tier, was immer es war, zu hören. Woher er diese Gewissheit nahm? Wahrscheinlich ein Überlebensinstinkt. Unter den wachsamen Augen des Fremden ohrfeigte er Montgomery wach und erklärte diesem, was nun zu tun sei. Nachdem besagter Agent mit rotgehauenden Wangen und mit zitterndem Blick die schwebende Gestalt beäugte, nickte er schließlich. Seine Fluchtgedanken waren wie ausgelöscht. Er hatte jetzt nicht mehr das Gefühl, dass es niemanden geben würde, der ihm hinterher ein schlechtes Gewissen bereiten könnte.
      „Leitet die Evakuierung der Insel ein, leitet die Räumung sämtlicher Bergwerke ein!“ Mit energischer Stimme erteilte Montgomery nun Anweisungen an alle Agenten, alle Marinesoldaten und jeden Bewohner, der darüber hinwegsehen wollte, dass der Agent fürchterlich nach Urin stank.
      „Erbärmlich!“, murmelte der ehemalige Lorenschieberkollege und roch an seiner eigenen Achsel, woraufhin auch er endlich in Tränen ausbrach.
      Es war alles vorbereitet.
      Die Gestalt drehte sich in Richtung der lautesten Geräuschkulisse, welche von William und Gigas erzeugt wurde. Sie waren nur ein, zwei Kilometer von ihm entfernt, doch er hörte ihre Stimmen ganz genau.
      „Wenn alle Menschen hier fort sind, wird auch William Martell seine menschliche Zurückhaltung ablegen.“
      Es war alles gut. Für ihn.
      [auf der anderen Seite der Insel]


      „Ist es das Original?“
      Gigas zog seine spitzen Klauen aus Williams Arm und beobachtete dessen regungsloses Gesicht. Nicht der Schmerz, nicht das schmatzende Geräusch, nachdem der Kaiser einiges Fleisch aus dem Körper eines Martells riss. Nichts schien diesen näher zu beschäftigen. Es war beeindruckend, zugleich aber furchtbar ernüchternd. Gigas war es gewohnt, den Ausdruck im Gesicht seines Opfers zu lesen. Panik, Angst, dieser Funken Erkenntnis, der in den Augen des Sterbenden aufflammte. Eher aufglimmte, da es kaum als lodernde Flamme bezeichnet werden durfte. Ein kurzes Aufzucken, das sagte: Jetzt folgt der Tod, das war´s nun. All diese Genugtuung wurde dem Kaiser nicht zuteil. Das war anders und ungewohnt. Vielleicht auch, weil William Martell kein klassisches Opfer, sondern ein Gegner war. Was bei jedem anderen ein abgetrennter Arm war, war für diesen eine Fleischwunde.
      William merkte, dass der Kaiser diese Frage ernst meinte. So ernst, dass er ihn nicht sofort angriff. Ihm Zeit ließ, um zu antworten.
      „Ich kenne nur diesen Hammer!“, antwortete William ehrlich und beendete das Gespräch mit einem Schlag. Die Erwartung dessen, was nun geschah, konnte Gigas sich nicht ausmalen. Ein langgezogener Schrei war von ihm zu hören, nachdem der Grund unter seinen Füßen nicht einfach rumorte, bröckelte, nachzugeben drohte, einstürzte, ein Prozess, der Sekunden dauerte, der Boden unter seinen Füßen war schlichtweg verschwunden. Der Hammerträger wischte sich eine Schweißperle aus dem Gesicht. Es erforderte sehr viel Konzentration. Der Krater vor seinen Füßen war schon sehr lang. Sogar die Werft war in ihm verschwunden. Es ging alles sehr schnell, doch es war notwendig. Er musste sich drosseln, so geschah es, dass vor seinen Augen noch die Teile der Insel zu sehen waren, auf denen Menschen um ihr Leben rannten. Doch was hinter seinem Rücken geschah, das vermochte er nicht zu zügeln. Wozu auch? Schlechtes Wetter würde auch ohne ihn gefährlich für die Seefahrt sein.
      William hörte das Branden des Meeres in seinem Rücken, welches mit immer weiteren, höheren, brechenden Wellen unerträglich laut wurde. Er kaute und schluckte, um das Rauschen in seinem Ohr zu unterdrücken. Riesige Wellen türmten sich weiter auf. Alles hinter ihm, all jener Bereich, in dem er keine Inselbewohner wähnte, begann zu Beben. Das Meer selbst schien von seinem Schlag erschüttert worden zu sein. Wie weit es reichte, wusste er nicht. Ob er den Grund des Meeres mit der Erschütterung erreichte, wusste er ebenfalls nicht. Möglich wäre es, doch dazu erforderte es viel mehr. Er blickte den Hammer an. Was bedeutete schon das Original? Es war sein Hammer. Er wusste, wie er zu benutzen war. Und was man besser nicht machen sollte. William wurde aus seinen Gedanken gerissen, da das Rauschen in seinen Ohren wieder lauter wurde – bedingt durch eine riesige Welle, die ihn zu verschlingen drohte.
      Er ließ den Hammer fallen. Sein Körper zitterte noch immer. Die innere Anspannung ließ allerdings nach und er hielt sich nun den verwundeten Arm. Adrenalin. Ein wahrer Lebensretter. Lässt einen unbeirrt seinen Weg gehen. William war schon wieder in Gedanken verloren, immerhin hatte er gerade einen Kaiser vom Antlitz der Welt befördert. Im wahrsten Sinne. Ob er tot war? Erst einmal musste William zusehen, dass er nicht vom aufgepeitschten Meer in ein nasses Grab gezogen wurde. Das wäre wirklich bitter und pure Ironie. Er lachte erstmals an diesem Tag. Jetzt hatte er Zeit dafür. Kurz, doch es war ganz angenehm.
      Er ließ den verwundeten Arm los, griff den Hammerstiel und drehte seinen Hammer um die eigene Körperachse. Wie ein inkonsequenter Hammerwerfer schleuderte er seine Waffe nun in die nahende Welle, ohne diese in letzter Konsequenz loszulassen. Es war einfach erklärt. Getroffen vom Luftzug drückte es die Welle und alle sich dahinter anbahnenden in die andere Richtung. So genau hinterfragte es William auch nicht, da er eines wusste: Mit etwas Kraftaufwand und einem Erbstück waren die Launen der Natur zu zähmen. Die Insel wurde nicht von einer gigantischen Welle überschwemmt.
      Es war alles gut.
      Bis auf das laute Gebrüll, das da unten aus dem dunklen Krater kam. Damit hatte er gewiss nicht gerechnet. Dass der Kaiser klein beigeben würde. Doch William hatte das Gefühl, alles in der eigenen Hand zu haben.
      „Bring es zu Ende“, sagte eine Stimme in seinem Kopf. Zumindest war sie so klar und deutlich, dass es sich für William Martell wie ein eigener, nach innen gerichteter, wahrnehmbarer Gedanke anfühlte. Doch es war natürlich keine innere Stimme. Das wäre doch ziemlich verrückt. Es war die klare Stimme der Gestalt, die schwebend am anderen Ende der Insel weilte und sich die Kapuze vom Kopf zog.
      Es war warm. Und menschenruhig. Alle anderen waren fort. So waren sie nur noch zu Dritt.

      Jetzt brauchte William Martell auf niemanden mehr Rücksicht nehmen.

      Kapitel 5: Gigas III - Die Macht des Hammers
      Sterben war eine Option. Keine besonders schöne, doch darum ging es ihm gar nicht. William lauschte dem wütenden Brüllen des Kaisers. Lauschen, er dachte über dieses Wort nach. Es war nicht richtig gewählt. Für gewöhnliche Personen, die darin keine Entspannung – sondern vielmehr Angst – fanden. Es dauerte vielleicht noch zwei, drei Sekunden, ehe diese kleine Verschnaufpause ihr Ende fand. Der aktive Martell drehte den Stiel in beiden Händen, folgte aufmerksam dem sachte rotierenden Hammerkopf. Wie viele Schläge mit diesem bereits durchgeführt wurden? Man mochte meinen, dass das niemand gezählte hätte…
      Roooooooooooooooooooooooooooooaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaahhhhhhhhhhhhhhhh
      Wassermassen bewegten, überholten, überlagerten, stauten sich immer weiter auf, bis sie – auf stattliche Größe herangewachsen – von der Insel hinweg drängten. William trat ein paar Schritte zurück, und wo er eben noch nassen Fußes in seiner Bewegung eingeschränkt worden wäre, betrat er trockenen Untergrund. Das Meer in seinem Rücken zog sich weiter zurück. Doch wie weit, wollte William gar nicht wissen. Erfahrungsgemäß wollte er den sich ankündigenden Kaiser im Sichtfeld behalten, zum anderen hätte es ihm die Sprache verschlagen.
      „Martellllllllll“
      Was eben noch ein Urschrei war, der einen Krieg unter Tausenden in einem infernalischen Schlachtenlärm einläutete, hörte sich nun William nach das Menschliche aus der verzerrten Kaiserstimme heraus. Menschliche Wut, Menschliche Neugier. Es war beides, es war eines von beiden, es war weder das eine noch das andere. Gigas war ein wütendes Naturell mit einem berechtigten Interesse an dem, das folgte. Eine Hand griff nach dem Hammerkopf, versuchte ihn nach unten zu drücken, während die zweite nach der Kehle Williams griff. Der Kaiser war gerade noch zu hören, schon tauchte er geradezu schleichend leise aus dem Loch heraus auf. Trotz seines dichtbeschuppten Körpers bewegte er sich wie ein Blatt im Wind. William war über dieses Bild amüsiert, ignorierte die fehlende Schwerfälligkeit seines kompakt aussehenden Gegenübers. Dessen Vorhaben hatte er nämlich unlängst begriffen. William konzentrierte sich darauf, sich in kein direktes Kräftemessen zu begeben, ließ daher keinerlei Widerstand aufkommen. Zu Gigas Überraschung konnte er die Waffe ohne jegliche Reaktion gen Boden drücken, wodurch sein Halt ins Wanken geriet. William ließ seine Waffe fallen, sah, wie der Kaiser diese instinktiv zu ergreifen versuchte, dabei jedoch den Fehler beging und sich für einen Moment unwillkürlich nach vorne beugte. Dies genügte William für eine platzierte Kopfnuss. Die Schläfen der beiden bebten fürchterlich, jedoch war William auf seinen Schmerz vorbereitet. Gigas hingegen taumelte nach hinten, ließ den Hammer allerdings nicht los. Was wäre ein Martell ohne seinen berüchtigten Hammer? Dieser Treffer war eine Überraschung, doch nichts, was ihn in irgendeiner Form in die Knie zwingen würde. Gigas warf den Hammerkopf in die Luft, mit ihm drehte sich der Stiel, den er ergriff. So standen sie sich jetzt erneut gegenüber. Kaiser Gigas mit blutender Schläfe und einem Hammer – auf der anderen Seite William Martell mit keinem Hammer. Ein Lächeln zierte das Gesicht des Kaisers. Jetzt war er rundum zufrieden. Denn jetzt hielt er die Macht in seinen ohnehin mächtigen Händen. Es übertraf seine Vorstellungen, die er in den kurzen Momenten der Einsicht gewann. Kurze Momente, die ihn wie William überrumpelten. Die dicken Schuppen in seiner Brustgegend knackten, als sich die Faust Williams in seinem Feind widerfand, sich öffnete und mit den Fingern einzelne Organe ertastete. Der Kaiser spürte keinerlei Schmerz, es ging alles furchtbar schnell.
      „Der Hammer versprüht seinen eigenen Reiz.“
      Jetzt, mit den gesprochenen Worten, die er vernahm, spürte Gigas, dass seine Rüstung mit einem Schlag durchbrochen wurde.
      „Seine Macht ist allerdings wertlos“, jetzt spürte der Kaiser, dass er handeln musste, der Schmerz, der in ihm aufkommen sollte, er kam einfach nicht. Zu groß war seine Wut auf seinen Körper, der nicht nachgeben wollte, jedoch aufgeben musste, sobald sein mickriges Herz ihm entrissen werden würde. Es war so enttäuschend, dass eine unzerstörbare Maschinerie einfach stillstehen würde, sobald man ihr den Antrieb entfernte. Diese Regeln wollte er nicht wahrhaben und er würde sie nicht wahrhaben. William sah den roten Glanz in den Augen des Kaisers, spürte, dass das eben noch weiche pulsierende Herz plötzlich stahlhart wurde. Er riss dran, doch es half nichts. Selbst die Arterien und Venen, an denen es hing, waren erhärtet. Nichts gab nach. Gigas brüllte und schlug beide Fäuste zusammen. William stieß sich von der schuppigen Brust ab, griff im Fall seinen Hammer und wurde von der Wucht des Kaisers fortgeschleudert. Zwar wurde er nicht getroffen, doch der Druck den Gigas zwischen seinen geballten Fäusten entfachte, war nicht ohne. Prüfend blickte der Kaiser in das Loch in seiner Brust und sah, wie sich sein Herz von einer schwarzen Schicht befreite, wieder weich und beweglich wurde. Er wusste, dass ein Herz nicht allzu lange mit Rüstungshaki verstärkt werden durfte. Sonst würde es danach womöglich gar nicht wieder anfangen zu schlagen. Instinktiv riss er seine Hand nach oben und fing den Hammerkopf ab, der schleunigst auf seinen Kopf herabsauste. Der Boden unter seinen Füßen verschwand dieses Mal nicht, sondern brach lediglich. Gigas schleuderte den Kopf nach unten und schlug seine freie Hand in die Luft. Doch Martell wandte den gleichen Trick nicht ein zweites Mal an, wodurch der Kaiser ins Leere langte. Mit dem Kopf voran sprang William zwischen den Beinen des Kaisers durch, seinen Hammer hinterherziehend, und riss den Kaiser von den Füßen. Ein dumpfer Aufprall zeugte von seinem Fall.
      William sah, während sich der Kaiser wiederaufrichtete, etwas in dessen Augen. Es war nicht mehr der Zorn, der diesem tiergewordenen Mensch stets zuteil war, sondern etwas Anderes. Ein Ausdruck, der ihm Angst bereitete. Nun, es war nur ein kurzer Augenblick, sah er hinter sich. Seine Angst war nun Gewissheit. Das Meer in seinem Rücken, es war weg. In der Ferne sollte er etwas erkennen, doch nach dieser Bestätigung war ihm nicht zumute. Der Kaiser richtete sich vor ihm zu voller Größe auf, leckte sich über seine Lippen. William sah das Herz, wie es unbeirrt vor sich hinschlug. Man mochte meinen, dass es Angst vor Gigas hatte. So zaghaft, wie es manchmal einfach einen Schlag aussetzte. Gigas selbst wusste nicht, was er sagen wollte. Ihm waren so viele Worte eingefallen, die er diesem arroganten Martell ins Gesicht schleudern wollte. Zugleich allerdings war ihm nicht nach Reden zumute. Die Ebenbürtigkeit, die er zu sehen schien, war nur ein Trugschluss. Eine Illusion, die ihn ein, zwei Mal nachdenken ließ. Eine Manipulation, die ihn zu Fehlern zwang und sein Gegenüber am Leben ließ. Wäre er einfach nur stumpf auf ihn losgegangen, wäre es eine Frage der Zeit, eine Frage, die er sich nach dem erfolgten Blutbad vielleicht gestellt hätte – es wäre alles so viel einfacher vonstattengegangen.
      All diese Gedanken in Gigas Kopf, sie existierten nicht. Er blickte William durch einen Schleier an. Unterbewusst, unwillkürlich. Das animalische Treiben bewegte ihn Schritt für Schritt auf den Hammerträger zu. Dieser zuckte zusammen, da er nun den Unterschied zwischen dem Kaiser Gigas und William Martell ausmachte. Nur einer von ihnen verlor seine Menschlichkeit, etwas, das ihn dem anderen gegenüber auszeichnete. Aber es war noch nicht so, dass er gestorben war. Diese Option war natürlich noch da, jedoch nahm er sie nicht wahr. Stattdessen ging in Williams Kopf ein anderer letzter Gedanke seines Weges.
      „Alle Menschen außer dir sind fort. Du kannst es zu Ende bringen.“
      Die fremde Stimme in seinem Kopf, sie hatte ihn zum richtigen Zeitpunkt eingeholt. Was immer ihn vorher nachdenken ließ, es war fort. Er spürte die unendliche Schwere, die im Hammerkopf verborgen lag. Verborgen, da sie mit jedem Schlag gesteigert und somit unerkenntlich groß wurde. Gigas sprang auf ihn zu, William tat es ihm gleich und holte aus.
      Die Macht des Hammers ist nutzlos, wenn man sie nicht einzusetzen weiß.
      Die schwebende Gestalt brachte Williams angeführten Gedanken zu Ende, wusste, dass es soweit war. Wie oft hatte sie dieses Geräusch bereits gehört? Das erste Mal war es noch was Besonderes. Der Aufprall des Hammers und seine entfesselte Kraft. Eine Kraft, deren Wirkung bis zur Unendlichkeit getrieben werden konnte. Eine, die die gesamte Welt mit einem Schlag zerstören konnte. Doch noch war es dafür nicht an der Zeit. Noch war kein Martell dazu imstande. Die Gestalt lächelte, als sie den Ausklang des Schlages vernahm. Ein Geräusch, das niemand beschreiben konnte. Der Boden unter ihren nicht vorhandenen Füßen. Die Gebäude, die Bergwerke, das Meer, die Geräusche, die Atmosphäre. Alles um sie herum war verschwunden. Die Gestalt drehte sich, sah blauen Himmel und das klare Wasser in der Ferne. Doch alles, was vor dieser Ferne war, es ist das richtige Wort, ‚war‘ nicht mehr da. Gigas und William Martell waren nicht mehr zu sehen. So wie alles um die Gestalt herum. Einsam schwebte sie im Nichts.
      Nachdem sie aus dem Nichts ‚etwas´ machte, entschwand sie und hinterließ blauen Himmel, ruhiges Meer, alles war so wie immer. Mit dem feinen Unterschied, dass Goldback-Island nicht mehr existierte.
      Kapitel 6: Der Grillmeister des Grauens

      Das Schiff schaukelte im Wellengang. Ganz leicht, geradezu sorgsam gegenüber den seekrank gewordenen Gestalten. Was sich aber auf ihm abspielte, war ganz anderer Natur. Dort war die Stimmung eines Mannes geradezu in Wallung, wandelte sich in tobende Wut.


      „Was soll der Mist?“
      Seine blutunterlaufenen Augen stierten auf einen Fetzen Papier, der unter einem Glassockel gepolstert sein Dasein fristete. Beziehungsweise eben nicht, was für ratloses Kopfschütteln bei ihm hätte sorgen müssen. Doch da dies nicht seine Natur war, stampfte er stattdessen auf und brüllte herum. Schließlich erbarmte sich eine kleine Gestalt, ein Matrose, und nutzte die eingetretene Stille für seine gefassten Gedanken.
      „Die Vivrecard des Kapitäns verbrennt und stellt sich danach wieder her. Dabei bewegt sie sich kein Stück vom Fleck.“ Nachdem er die Situation erläuterte, endete das Leben des Matrosen abrupt. Dumpf prallte sein lebloser Körper auf den Boden.
      „Vielen Dank für das Offensichtliche“, entgegnete Jack nun sarkastisch und würdigte den soeben Erschlagenen keines Blickes. Ihn nervten Klugscheißer. Oder kluge Menschen. Oder viele andere Menschen, Tiere und Gegenstände. Doch da ihn jemand gefragt hatte, wo denn der Käpt'n sei, suchte er nach der Antwort, die er dem Kameraden, vermutlich war ihm durch das Foltern von Gefangenen langweilig geworden, mit den Worten 'na gut' zugesichert hatte. Er war ja niemand, dessen Wort nichts zählte, drum stand er jetzt hier in der Kajüte des Kaisers Gigas. Nichts auffälliges schien in ihr zu sein. Vor seinem Tisch lag ein großer Sack Kartoffeln, die dem Kaiser als Schlafplatz dienten. Die Abdrücke des stämmigen Mannes waren noch klar auf den ungeschälten Nachtschattengewächsen zu sehen. Auf dem Tisch war lediglich ein Karton voller Papierfetzen, neben denen zahllose blankgeleckte Teller aufeinandergestapelt standen. Ein zerkauter Bleistift lag an der Kante und drohte jeden Moment auf den Boden zu fallen. Jack wusste, dass der Kaiser hin und wieder den Namen einer Insel zog, um diese und die darauf lebenden Einwohner zu massakrieren. Doch bei der Unordnung war es kaum ersichtlich, welches Ziel der Kaiser für einen spontanen Besuch ins Auge gefasst hatte.
      „Anscheinend lebt der Käpt'n noch“, murmelte eine Stimme. Jack drehte sich, erblickte seinen Kameraden, der neben ihm vor einer geöffneten Holztruhe stand. Noch so ein Klugscheißer. Die Augen des 'Mammuts' weiteten sich vor Wut. Am liebsten würde er jetzt noch jemanden für seine unnötig vielen Worte erschlagen. Doch das würde sich hier als wesentlich schwieriger erweisen. Vor ihm stand Pizarro, der sich fragend an seiner silbernen Mähne kratzte.
      „Die Vivrecard verbrennt, doch die Frucht verwandelt sich nicht in die vorgesehene Kaimangattung zurück.“ Ehe Pizarro fortfahren konnte, wurde der Kapitänstisch durch Jacks Faust in zwei Teile geschlagen. Die Zettel flogen durch die Gegend, die Teller landeten klirrend auf dem Boden.
      „Genug geredet“, tobte Jack.
      Was er für ein Mammut war, das interessierte ihn nicht. Was der Kaiser für ein Tier war, interessierte diesen auch nicht. Hauptsache, sie waren stark, konnten Verletzungen verkraften und vor allem Verletzungen bereiten. Das war wichtig. Nicht, was sie waren, sondern was sie taten. Alles weitere würden die Maden zusammenfantasieren, die irgendwie überlebten. Gedankliche Arbeit, für die sie sich selbst zu fein waren.
      „Wer soll jetzt der neue Käpt'n werden?“
      Jacks Frage war dieses Mal ernster Natur. Eine, die ihn, so schnell er beschloss sie zu stellen, durchaus interessierte. Wäre der erschlagene Matrose noch am Leben, hätte er für die Antwort, die ihm Pizarro schließlich nannte, womöglich nicht den Tod verdient. Es gab nämlich einen Unterschied zwischen Information und Geschwätz. So geschah es an diesem unstürmischen Morgen, dass Gigas der Todbringer, kein Kapitän und dessen rechte Hand zum Kapitän ausgerufen wurde.
      „Der neue Käpt'n ist ein Guter“, sagte Jack. Mit dem Wissen, diesen nicht einfach umbringen zu können, hatte das Mammut einen gewissen Respekt für den weinerlichen Trinker entwickelt. Pizarro nickte zustimmend und kratzte sich erneut am Kopf. Sein Blick war fragender Natur.
      „Zuerst müssen wir ihn aus der Gefangenschaft befreien, nicht wahr?“
      „Ja“, entgegnete Jack zugeknöpft und verließ schnurstracks den verwüsteten Raum. Nur noch eine verrücktspielende Vivrecard, ein in einer Truhe verstautes Obst, ein Bleistift und ein Sack Kartoffeln zeugten von der Habe des Kaisers Gigas, der er weder Kaiser noch Kapitän mehr sein würde.
      Geduld war nämlich nicht unbedingt ein Wesenszug seiner Piratenbande.

      [in der Gegenwart]


      Er hatte ihn getroffen. Und er hatte William Martell kennengelernt. Seitdem wollte er das Extreme nicht mehr von vornherein ausschließen. Der Psychiater kratzte sich am Bart und betrachtete den namenlosen Patienten. Seine Gedanken kreisten beim Anblick des jungen Mannes.
      Gigas ging, Kaidou kam.
      Es war das Glück der Weltregierung, dass dieser weit weniger willkürlich agierte. Zwar war auch er ein unberechenbares Naturell, doch der Todbringer war weitaus schlimmer. Wie der Kampf zwischen Gigas und Martell wohl abgelaufen war? Krueger schmunzelte. Er konnte sich ausmalen, was Martell dachte – doch was genau geschah? Er hatte keinen blassen Schimmer. William Martell konnte er schlecht fragen und mit einem Kaiser wollte er – das gebot ihm der gesunde Menschenverstand – ganz und gar nicht in Kontakt treten. Dafür war er nicht bereit, seine Leibwache nicht stark genug. Ansonsten hätte sie ganz woanders sicher besseres zu tun gehabt. Dr. Ryan Jay Krueger war nicht das Zentrum der Welt und dessen war er sich durchaus bewusst. Er beugte sich nun nach vorne und stellte dem Patienten ein neues Glas Milch auf den Schreibtisch.

      „Werden Sie dieses Gefängnis verlassen?“, fragte der Psychiater nun. Kruegers Patient wirkte kalt wie ein Eisblock, drum galt es ihn aus der Reserve zu locken. War er ein Newcomer, der etwas auf dem Kasten hatte, ein armer Wicht, ein Verzweifelter? Wo war er einzuordnen? Bislang ließ er sich weder von den Schreien, noch von der Hitze, noch von der Tatsache, dass dies das Impel Down war, beeindrucken. Er nahm es alles so hin, aß Kekse, trank Milch und redete von sich nicht besonders viel. Trotzdem sah er interessiert aus – verlangte etwas. Etwas, das er nicht kriegen konnte.
      „Ich möchte mit jemandem reden“, entgegnet der Patient.
      Sein vernarbtes linkes Auge zuckt erneut. Er will nicht daran denken, was passiert ist, sondern was noch unweigerlich zu folgen hat. Sein Körper zittert. Er ist voller Stolz, da er etwas verändert, etwas verändern wird. Es gab…

      Krueger sah, wie der Körper des Patienten plötzlich bebte, dieser seine Hand auf das rechte Auge presste. Er kämpfte mit sich, sah die Vergangenheit, die ihn einholen und der er entrinnen wollte. Der Psychiater sah, wie sein Patient auf die Zähne biss, beinahe vom Stuhl fiel.
      „Schließen Sie die Augen und denken Sie an Leiter Hannyabal, den nackten, grillenden Hannyabal, der mit einer good-cock-bad-spelling-Schürze ein Stück Wurst wendet.“

      „Was?“



      Verdutzt stockt der Patient. Was soll diese Vorstellung? Sein Körper zittert nicht mehr aus den bisherigen Gründen, sondern aus Ekel. Blankem Horror. Er schiebt den Teller Kekse weit auf den Schreibtisch, da ihm der Appetit jeden Moment vergehen wird.

      „Konzentrieren Sie sich auf die Gegenwart, solange alles andere Sie krank macht!“

      Den Blick des Psychiaters empfindet er als streng, eine Strenge, die mit Erfahrung gepaart ist. Der Erfahrung, dass in heikler Lage nicht viele Worte gebraucht werden, um etwas zu verändern. Er fürchtet das, was er sich gerade vorstellt. – Denn wenn ihn diese Hölle hier kalt lässt, jene, in der es einen riesigen flammend brodelnden Topf für Gefangene gibt, so fürchtet er den kleinen Grill mitsamt seinem Grillmeister Hannyabal.

      Krueger sah, wie sich der Patient schüttelte. Sein großgewachsener Körper, sein braunes struppiges Haar. Noch hielt er die Augen geschlossen, atmete tief ein und aus. Wer immer er war und was immer er auch tat. Es verfolgte ihn. Mehr, als ihm lieb war. Mehr, als er zu ahnen glaubte. Der Psychiater fragte sich, ob sein Gegenüber menschlich sei – oder ein Monster.

      Monster machten keine Fehler, sie nahmen sie lächelnd in Kauf.
      Und Menschen fürchteten einen dicken, nackten Beamten, der beinahe von einem Toilettenhäuschen erschlagen wurde. Ganz klar!

      Langsam begann der Psychiater Spaß an dieser Arbeit zu haben.

      Kapitel 7: Des Psychiaters Überblick

      „Das ist eine kritische Situation“, fauchte Magellan und rannte in Richtung des großen Aufzuges, der ihn wieder an die Oberfläche bringen sollte. Seine Überzeugung hatte sich ein weiteres Mal bestätigt. Es war richtig, sein Amt ruhen zu lassen. Wenn er nämlich nicht einmal seinen eigenen Arbeitsplatz in- und auswendig kannte, war es gewiss nicht hinnehmbar, dass er einfach über diesen toten Winkel hinweggesehen hatte. In der Hand hielt er eine kleine mit Gasmaske bekleidete Teleschnecke, die ihn treu anstierte. Es konnte jeden Moment etwas Furchtbares geschehen. Verdammt! Der ehemalige Direktor hielt sich die Magengegend, bereitete etwas vor, um im Notfall schnell eingreifen zu können. Es gluckerte in seinem Bauch, während er weiterlief. Die Zeit war knapp.


      Argh.
      Ächzend blieb er stehen. Dieser vermaledeite Stress übermannte ihn. Ein lauter Furz entwich seinem Darm.
      Ohhh.
      Erleichtert und zugleich schuldbewusst hatte Magellan die Augen geschlossen. Die Mitarbeiter konnte er nicht mehr warnen, wie sie hinter ihm schreiend in Flammen aufgegangen waren.
      „Hoppla!“

      [kurz zuvor im Büro des Psychiaters]


      Geduldig blickte er auf die Uhr, die hinter dem Patienten über der Tür hing. Schweigend saßen sie sich gegenüber. Weshalb wollte der Patient jemanden sprechen? Den Psychiater faszinierte nicht die Tatsache, dass eine Forderung gestellt wurde. Ihn beschäftigte jetzt auch nicht, wer als Gesprächsziel auserkoren wurde. Er dachte bereits einige Schritte weiter. Dafür benötigte er seine Konzentration, weshalb er seinen Gesprächspartner einen Schale Kekse hinstellte und sich mit eiem Nicken aus der ohnehin sehr überschaubaren Konversation ausklinkte.
      Dr. Krueger war dazu imstande die Menschen anzusehen und wie ein offenes Buch zu lesen. Wenn er jemandem eine Frage stellte, suchte er nicht die Antwort in den Worten, sondern in den sich verändernden Denkprozessen im Kopf seines Gegenübers. Manche Menschen waren regelrecht zu verschlingen, anderen wollte er ihre Belanglosigkeit nur ungern offenbaren. Sein Patient war für Psychiater Krueger als ein zensiertes Buch in neuer Auflage zu sehen. Eines konnte er schnell in den Gedanken des Patienten entdecken:

      Der Moment, als die Kaiserin starb, war der erhabenste Augenblick seines Lebens gewesen.

      Ihr großer massiver Körper lag vor ihm und alles Leben, das sie erschaffen hatte, war mit einem Schlag ausgelöscht. Die laute Musik, die zu einem fröhlichen Tanz einlud, war zugleich alles, was man während dieses Blutbades hörte. Menschen wurden von lebendigen Gegenständen verfolgt, von Klippen gestoßen, von tanzenden Messern durchbohrt, fielen von fliegenden Teppichen. Big Mum war ein fröhlicher Mensch, nach außen hin. Innerlich war sie ein Strudel der Verwüstung, der brennende Städte besang und zum Tee einlud, wenn es hieß, dass nun Krieg zu führen sei. Es war grotesk. Und es endete an jenem Tag.
      Krueger blickte erneut auf die Uhr, wandte sich dann wieder seinem Patienten zu. Der Psychiater sah die Gedanken im Kopf seines Patienten, einem Bild innerhalb einer brennenden Wolke gleichend, wie er in aller Stille vor der Kaiserin stand. Eben war sie von hunderten Sachen umgeben, die ihr stets Gesellschaft leisteten, während sich die menschlichen Weggefährten bereits von ihr abwandten – und jetzt, jetzt war sie mutterseelenallein. Die Piratenmutter, die allem eine Seele einhauchte, sie war allein.
      Krueger stutzte innerlich, wie er den Gesichtsausdruck des Patienten erblickte. In den gesehenen Gedanken und hier in der Realität waren sie just in diesem Augenblick komplett identisch. Dieses siegessichere Lächeln, diese bittere Erkenntnis für die einen, sie war die süßeste Versuchung für ihn. Es waren zwei verschiedene Situationen, zwei völlig verschiedene Zeitabschnitte. Einmal der stillgewordene Abschluss eines blutigen Kampfes – und hier das ruhige Innehalten in den alten Mauern dieses Gefängnisses.
      Was hatte das zu bedeuten?
      Der Psychiater hatte eine Vermutung, die gleichsam naheliegend wie verstörend war. Er blickte ein drittes Mal auf die Uhr.
      „Entschuldigen Sie mich einen Augenblick“, merkte er sofort an und stand auf. Der Patient blieb sitzen, lehnte sich zurück. Krueger schaute ihn an, ließ sich seine Unsicherheit nicht anmerken. Eigentlich musste man es genau genommen als Sicherheit bezeichnen, da der Psychiater ziemlich genau zu wissen glaubte, dass sein Patient hier nicht dauerhaft einzusitzen gedachte. Diese ganze Situation war von einem völlig anderen Blickwinkel zu betrachten. Um diesen Verdacht zu stärken, musste er Antworten kriegen. Die Zeit drängte, doch sie war ihm in diesem Augenblick wohlgesonnen. Er war sich sicher.
      Dr. Krueger schloss die Tür, zog eine Teleschnecke aus der Tasche seines weißen Arztkittels und rief die eine Person an, die nicht für Begrüßungen bekannt war. Darum schoss er rhetorisch sofort aus der Hüfte, als er sie am Apparat wähnte.
      „Wie hat man #65-19-2 aufgefunden…!“
      Dr. Krueger wäre mit diesen ersten Worten zu jedem anderen Zeitpunkt auf berechtigte Irritation gestoßen. Er blickte auf die Uhr, konnte sich in dieser Situation ein verschmitztes Lächeln abringen, als die Antwort genauso schnell folgte, wie es von dieser Person zu erwarten war.
      „Der mutmaßliche Mörder von Big Mum wurde apathisch aufgefunden. Außer ihm und der Leiche der Kaiserin befand sich kein weiterer Mensch auf der Insel.“
      Die Stimme, die zu Krueger sprach, klang scharf geschliffen. Geradezu auf den Laut präzisiert sprach sie die Schlüsselwörter aus, die der Psychiater hören wollte.
      „Ich danke dir!“, murmelte dieser und legte auf. Kurz, ohne Umschweife und prägnant. Diese Person am anderen Ende der Leitung war eine seiner Geheimwaffen. Krueger verstaute die Teleschnecke in seiner Tasche und warf ihr einen Kekskrümel hinterher. Ein erfreutes Quietschen brachte ein kaum hörbares Geräusch der Freude in diese sonst so freudlose und zermürbende Einrichtung. Krueger rieb sich zufrieden die Hände, da sich seine Idee wie ein Puzzle zusammensetzte. Zugleich überkam ihn ein leichtes Zittern, da die Idee eines bedeutete…
      Der Psychiater kehrte ins Zimmer zurück und fand den Patienten genauso vor, wie er ihn die letzten 20 Sekunden zurückgelassen hatte.

      „Wie viele werden bald hier sein?“, fragte er den Patienten.
      Sie blickten sich an. Der Patient wusste weit weniger über Dr. Krueger als ihm lieb war. Der Psychiater praktizierte diesen Beruf seit Jahrzehnten, dachte so weit, dass es ihn eigentlich wahnsinnig machen musste. Wenn er nicht wüsste, was es damit auf sich hätte, müsste er unlängst selbst auf der Couch sitzen. Doch er war der Mann jenseits der Couch. Sein Patient wollte hierher ins Impel Down, warum, das wusste Dr. Krueger noch nicht. Doch er würde es sehr bald herausfinden.
      „Das möchte ich Sie zurückfragen!“, antwortet der Patient nickend und überschlägt die Beine.
      „Zwei“, entgegnete der Psychiater und rief Magellan an.

      „Das Impel Down wird jeden Moment angegriffen, kommen Sie bitte nach oben“, erklärte Direktor Krueger kurz und ruhig in die Teleschnecke. Danach legte er auf und blickte den Patienten an.
      „Sie wissen nicht, was gleich passieren wird?“, fragte der Psychiater nun und setzte das Glas Milch an seine Lippen.
      „Erklären Sie es mir“, erwidert der Patient.
      Der Psychiater verschluckte sich fast vor Lachen und lehnte sich gelassen zurück.
      „Ich werde Ihnen gerne erklären, was hier eigentlich los ist.“
      Er stand auf, gebot dem Patienten mit einer Handgeste es ihm gleichzutun. Gemeinsam verließen sie das Büro und gingen in Richtung des Ausgangs.
      „Lassen Sie die Zugbrücke herunter“, sagte der Psychiater und kniff die Augen zusammen, nachdem das einfallende Sonnenlicht seinen verdutzten Patienten und ihn blendete.

      „Sie sind ein Köder – ohne es zu wissen!“, erklärte der Psychiater.
      Plötzlich durchfuhr den Patienten ein gewaltiger Schmerz, nachdem eine blutige Wunde seinen Rücken zierte.
      „Doch der wahre Angler bin ich“, murmelte der Psychiater ungerührt. Sein Blick war auf diejenigen gerichtet, die er nicht sehen konnte.

      „Herzlich Willkommen in der Hölle!“

      Kapitel 8: Alle mögen Beck

      Jemand schmiedete einen perfiden Plan, um unerkannt ins Impel Down zu gelangen. Weshalb, das wusste er noch nicht. Doch das spielte keine Rolle. Sie waren ihm nämlich ins Netz gegangen.


      Dr. Krueger blickte auf den Patienten, der schwer atmend am Boden lag. Außer Atem war auch Magellan, der jetzt vor den Toren des Gefängnisses angekommen war. Sie waren vollzählig. Der Psychiater hob ruhig den Arm, woraufhin das riesige Eingangstor unter lautem Ächzen heruntergelassen wurde. Da standen sie nun im windstillen Bereich – im Calm Belt. Die Schreie des Impel Down waren hermetisch von der Außenwelt getrennt, nur noch das leise Atmen des Psychiaters, das angestrengte Röcheln Magellans und das stockende Keuchen des Patienten waren für das ungeschulte Ohr zu vernehmen. Doch der Psychiater war keineswegs ungeschult, drum fächelte er sich den angenehmen Duft seiner Umgebung mit der Hand zu, schnupperte auffällig laut, während er sich leicht nach vorn beugte. Ehe Magellan fragen konnte, was hier los war, durchbrach die Stimme des Psychiaters die rhythmisch untermalte Stille.
      „Zeigt euch, dann habt ihr nichts zu befürchten.“
      Sein Blick war noch immer auf diejenigen gerichtet, die er nicht sehen konnte. Doch er wusste, dass sie da waren. Ein Überraschungsangriff war für ihn der amüsanteste Spaß, sobald die Leute nämlich begriffen, dass sie offene Türen einrannten. Dass ihre akribische Planung vergebens war. Sie würden gereizt reagieren und dadurch weitere Fehler begehen. Das lehrte ihn die Erfahrung und genauso geschah es auch hier: Einer der Männer rannte auf ihn zu, bewaffnet. Den Psychiater berührte es herzlich wenig, obwohl er sich selbst nicht wehren konnte. Trotzdem brauchte er nicht beunruhigt zu sein. Er spürte die aufsteigende Wut des Unsichtbaren, er sah dessen aufkeimenden Gedanken der Gewalt. Dr. Krueger lächelte in die Richtung des Angreifers. Er musste ihn nicht sehen, da selbst ein Unsichtbarer nach wie vor ein bestehender Körper mit Gefühlen war. Solange er diese Gefühle spüren konnte, konnte sich niemand vor ihm verbergen. Es machte sowieso keinen Unterschied, denn ehe der Psychiater verletzt werden konnte, wurde der Angreifer mit einem Faustschlag niedergestreckt. Gelassen beobachtete Krueger, wie das Gestein vor seinen Füßen brach. Klirrend fiel ein Gegenstand zu Boden. Ruhig griff er in die linke Tasche seines weißen Kittels und holte einen Streuer mit einem eingravierten S hervor.
      „Mal sehen, wen wir hier haben“, murmelte der Psychiater und schüttelte etwas Salz in das kleine Loch, welches der Angreifer unfreiwillig mit seinem Kopf in den Steinboden hineingeschlagen hatte. Die schwere Atmung des Bewusstlosen reihte sich zum Patienten und Magellan ein, der sich allerdings inzwischen fassen konnte. Nicht aber mental, da ihm diese Situation sehr unbefriedigend erschien.
      Als er noch Gefängnisdirektor war, wusste er in etwa, was um ihn herum passierte. Doch seit Kruegers Antritt fand wesentlich ungewöhnlichere Methodik ihren Einzug ins Tagesgeschäft. Solange es klappte, wollte er da auch keine Fragen stellen. Denn es klappte tadellos.
      Magellan sah jetzt im eben noch staubaufgewirbelten Krater einen sichtbar gewordenen Körper, der regungslos in seiner ganzen Länge dalag. Der Angreifer maß nämlich über zwei Meter und trug ausschließlich rote Kleidung. Krueger und Magellan empfanden das als sehr passend, da dessen Gesicht unter den orangen Haaren ebenfalls von dem Blut gezeichnet war, das aus Nase, Mund und Schläfe lief. Der ehemalige Direktor griff den „Roten“ am Träger seiner Latzhose und hielt ihn schweigend in die Höhe. Wer hatte ihn niedergeschlagen? Magellan sah sich um, weit und breit nichts zu sehen. Doch weiter ließ man ihn nicht denken.
      „Zeigt euch, dann habt ihr nichts zu befürchten.“, wiederholte der Psychiater nämlich mit Nachdruck und hob das Messer hoch, welches der Angreifer fallen ließ. Ein gewöhnliches Küchenmesser. Für ein gelungenes Attentat völlig ausreichend. Doch hier klappte gar nichts. Entsprechend kam langsam eine leichte Ungeduld in der Stimme des Psychiaters zum Vorschein. Das Impel Down hatte gewonnen.
      „Ihr seid zwei Leute, einer unsicher, einer gefasst.“
      Ohne weitere Worte zu verlieren, krempelte Dr. Krueger seine Kitteltasche nach Außen, woraufhin das darin enthaltene Salz zu Boden rieselte. Es würde eine Frage von Sekunden sein, ehe er erfahren würde, wie viele Leute an diesem Plan beteiligt waren. Hier im Eingangsbereich standen sieben Personen: Drei vom Impel Down, drei Angreifer und der Patient. Die entscheidende Frage lautete, ob noch eine vierte Person in dieses misslungene Unterfangen involviert war. Krueger nickte in Richtung Magellan und trat ein paar Schritte vom Salzhaufen zurück.
      „Ihr habt zehn Sekunden, um euch zu zeigen. Ansonsten wird die schöne Luft hier ungenießbar.“ Der ehemalige Direktor klopfte sich auf die Brust, woraufhin ein lautes, ungesund wirkendes Gluckern ertönte.
      „Fünf Sekunden“, murmelte Direktor Krueger, blickte auf Magellan und auf seine Uhr.
      Wie erwartet wurde der Salzhaufen vor seinen Füßen angehoben und es wurden zwei Angreifer durch die Kraft des Salzes sichtbar gemacht. Salz, es war die Macht des Meeres, es bekämpfte die Kräfte des Teufels, die auf die drei Angreifer gewirkt wurden.

      „Sie sind wahrhaftig ein kluger Kopf“, sagte der Mann, der von Krueger als gefasst charakterisiert wurde. Er klatschte anerkennend in seine Hände und strich sich danach das Salz aus den kurzen schwarzen Haaren. Hinunter rieselte es, vorbei an seinem freien Oberkörper und der weißen Trainingshose, hinauf auf seine nackten Füße, die er sachte schüttelte, um salzfrei vor den Toren des Impel Down stehen zu können. Ob es gelang? Er zog scharf die Luft ein und schnaubte, wollte gerade auf einem Bein stehen, um seine zweitliebste Kampfhaltung einzunehmen, als ein weiteres Mal Salz auf seine Haare herabrieselte. Es gelang nicht!
      „Beruhige dich, mein Freund!“, mahnte der athletisch aussehende und gefasst wirkende Mann, der er seinen Blick auf die großgewachsene Gestalt neben sich richtete. Nervös bewegte die Gestalt ihren riesigen Körper, ihr wuschiges Fell tanzte und ließ immer mehr Salz auf den Kämpfer hinunter rieseln. Ihr gelang es bald, salzfrei vor dem Impel Down zu stehen.
      „Rawr, mjam!“, murmelte die bärenartige Gestalt nun und holte einen Löffel aus den Tiefen ihres Fells hervor. Interessiert beobachteten Krueger und Magellan den Bären, wie er sich Salz aus seinem Fell auf den Löffel schüttelte und zu seiner Schnauze führte. Der Bär war noch größer als der bewusstlose, rotgekleidete Mann, maß er knappe drei Meter. Doch das war nicht das Besondere. Neben der talentierten Benutzung eines Löffels stachen eine offene schwarze Lederjacke und eine Sonnenbrille hervor, die dem Braunbären in seiner aufrechten Haltung vorzüglich standen.
      Ist das nicht furchtbar warm?, grübelte Magellan und musterte den salzschleckenden Bären vor sich.
      „Groar!“
      „Du hast Recht, Beck, wir sollten erst einmal kooperieren!“
      Der Gefasste hielt sich die Hände hinter den Kopf und verbeugte sich. Der Bär tat es ihm gleich, nahm zuvor aber der Höflichkeit halber seine Sonnenbrille ab, welche mitsamt dem Löffel in den Untiefen seines Fells verschwand.
      „Raaa!“
      „Keine Hintertürchen, okay okay! Wir werden vollends kooperieren!“, berichtigte der Mann in seinem halben Karateoutfit.

      „Sie wissen auch weshalb?“, fragte Magellan, um sich produktiv einzubringen.
      Der Bär raunte, blickte kurz nach oben, hinauf auf die Zinnen des Gefängnisses, nur um danach den Gefassten mit seiner kalten schwarzen Nase anzustoßen.
      „Wir wissen es. Da oben ist jemand, der unseren voreilig handelnden Freund hier ausgeknockt hat.“ Zähneknirschend blickte der Schwarzhaarige auf den blutüberströmten Kopf ihres großen Freundes, dem rotgekleideten Percy. Ein kurzes Zittern war in der Stimme des Gefassten zu vernehmen, jedoch nicht, weil es um sie drei jetzt nicht gut bestellt war. Nein, Dr. Krueger würde sie nicht exekutieren lassen. Der Schwarzhaarige sah oben auf den Zinnen des Gefängnisses eine Gestalt sitzen, die lange Zeit als wahrer Mythos galt.
      „Es ist aller Ehren wert, dass sie ihn wahrgenommen haben!“
      Nun war es Dr. Krueger, der zu Magellans Irritation in die Hände klatschte und einen dankbaren Blick nach oben warf. Er hatte es dem Patienten gesagt: Zwei Leute würde er mitnehmen. Magellan, den ehemaligen Direktor des Impel Down und seinen eigenen Leibwächter. Einen Mann, den er einst therapierte und der ihm eben mal wieder das Leben rettete. Schmunzelnd blickte der Psychiater auf das Messer, das der Rotgekleidete gegen ihn einsetzen wollte. Er ging einige Schritte weiter und trat sachte gegen den Patienten, der ein letztes Mal hustete.
      Der Bär blickte erstaunt auf das, was sich vor seinen großen Knopfaugen abspielte. Hätte er seine Sonnenbrille nicht bereits verstaut, wäre es einer dieser Momente gewesen, in der er sie leicht nach unten gezogen hätte, um mit einem fragenden Gesichtsausdruck über die Gläser hinweg zu sehen. Ein Ratschen war zu hören und der Patient warf eine schwarze Weste zu Boden. Es polterte kurz, als mit ihr das Messer auf den Steinboden fiel.
      „Was macht Ihr Rücken?“, fragte Krueger beiläufig.
      „Etwas taub“, erwidert der Patient und schüttelt seine eingeschlafenen Gliedmaßen. Ein warmes, unangenehmes Gefühl strahlt von seinem Rücken aus. Diese Schutzweste ist doch enger um seinen Körper geschnallt gewesen als ihm lieb war. Aber es stimmt, was man über den Psychiater sagt. Er plant und handelt untypisch, doch er lässt niemanden ins sprichwörtliche Messer laufen.

      Krueger nahm das Messer, das eigentlich im Rücken des Patienten steckten sollte. Kaum zu fassen, wie gut dieser den abgefederten Treffer überdramatisierte. Doch es wirkte. Die Angreifer glaubten an ihr überfallartiges Erscheinen.

      „Wer hat euch drei geschickt?“, fragte Dr. Krueger nun und blickte den Bären, den oberkörperfreien Kämpfer und den großen rotgekleideten Kerl an, der sich inzwischen zu ihnen auf den Boden gekniet und die Hände hinter den blutenden Kopf gelegt hatte.

      „Lassen wir uns doch erst einmal reingehen, es wird gleich regnen!“, sagte der Bär und zog sich seine Sonnenbrille tief ins Gesicht. Der Leibwächter und der Patient staunten nicht schlecht, als diese mit jazzig rauchiger Stimme vorgetragene Aussage von einem plötzlichen Gewitter untermalt wurde.

      „Faszinierend!“, stammelte Magellan, der jetzt noch weniger verstand. Manchmal beneidete er Hannyabal um dessen gemütliches Bett mit Haferbrei, Krankenschwestern und weit weniger Irrsinn als hier. Doch das würde er natürlich niemals zugeben. Drum tat er seinen Dienst und führte die drei Angreifer ins Impel Down.


      Kapitel 9: Ihre Gedanken I

      [Mary Joa]



      Ein Ort, der zum Träumen einlädt. Hoch oben über allem thronend. Der perfekt ist. Abgesehen von den Menschen, die keine sind, da sie sich für etwas Besseres halten. Die, die Sklaven halten und sie verkaufen, ihrer Willkür nachgehen und trotz all dieser Laster Herrschende sind. Selbst diese 'Menschen', die Weltaristokraten, hielten sich aus diesem Park fern. Niemand sollte hier sein. Nicht um diese Uhrzeit.
      Der Wind wehte sachte durch die Baumkronen, die hinter ihm in der höchsten Höhe lagen. Mary Joa lag so nahe am Himmel wie irgend möglich. Umso beeindruckender waren die riesigen Laubbäume, die ihre Schatten in den Park warfen. Ein kleiner Pfad lag hinter ihm, doch es war niemand da. Niemand ging hier entlang, niemand spielte oder lag in der Sonne. Niemand schwamm im Teich und ganz und gar niemand saß auf der Bank, die einsam und verlassen inmitten dieser Kulisse stand.
      Der alte Mann blickte auf seine Taschenuhr, danach auf den leeren Sitzplatz neben sich. Er brach noch etwas Brot ab und warf es in den kleinen Teich, blickte den Enten nach, die sich um ihr Futter zankten. Beinahe wäre ein wütender Kampf mit lautem Geschnatter ausgebrochen, doch selbst die Vögel hielten inne, als der Mann einen leisen Seufzer ausstieß.
      „Es ist Zeit.“
      Er warf den Rest des Brotes ins Wasser und stand auf. Pfeifend kehrte er in sein Büro zurück, beendete seine Pause.

      [Impel Down]


      Der Psychiater blickte auf die Uhr an der Wand. Die Zeit der unbeschwerten Einfachheit war vorbei. Ab jetzt würde er erst einmal keine Informationen mehr aus dem Heiligen Land anfordern können, ohne einen bürokratischen Hürdenlauf über sich ergehen zu lassen.
      Er trommelte mit den Fingern auf der Holzplatte, die seinen Schreibtisch zierte. Er wollte, in aller Stille, ein kleines Liedchen anstimmen. Jetzt, wo er mal alleine war, unbeobachtet. Ein kurzer Pfiff ertönte. Er war furchtbar anzuhören für jeden Hund, und jeden, der ein Instrument spielte. Mehr spuckend als melodisch agierend saß Krueger in seinem Zimmer. Es war einer dieser Momente des Tages, in denen er diesen Beruf verabscheute. Er war niemand, der sich jeden Tag irgendwo hinsetzen und abschalten konnte.
      Seine Gedanken waren auf einem Schiff, das immer in Bewegung war. Mal ging es schnell und wüst, geradezu zerstörerisch zu. Dann wieder war es sacht und ruhig, rhythmisch schaukelnd. Für seekranke Menschen eine Tortur, für andere das, was sie unter Freiheit verstanden. Das höchste Gefühl, das sie jemals in ihrem Leben kennenlernen würden. Es passierte immer etwas auf dem metaphorischen Schiff in jeglichem Gewässer. Stillstand, den gab es nicht. In seiner Pause versuchte sich der Psychiater von all dem hier zu entfernen. Sei es für zehn, für fünf, wenigstens eine Minute. Doch es fiel ihm schwer.
      Wenn andere nach dem ‚per Du‘ Ryan fragen würden, was würde er antworten? Fernab von steuernder Kommunikation, auf einer Ebene. Krueger hielt seine Finger still, kratzte sich am Bart. Es juckte. Er hatte sich das seit Jahren so gut wie gar nicht gefragt – und noch seltener hatte er sich mit einer zufriedenstellenden Antwort beschäftigt. Seine Finger zitterten, folgten dem Rhythmus. Sei es drum. Takttreffend trommelte er an der Lehne seines Stuhls, hinter den er sich gestellt hatte. Pfeifen konnte er nicht. Doch er konnte vieles, von denen sich andere nicht einmal eine Vorstellung machen konnten. Er war hier, um Verbrecher auszulesen und einzusperren.
      Dr. Ryan Jay Krueger war der Direktor des Impel Down – niemandes Freund. Von niemandem der Mann, von niemandem der Vater. Er hielt noch einmal inne. Ein, zwei Sekunden. Er atmete aus, blickte auf die Uhr, rückte den Stuhl näher an seinen Tisch und verließ das Büro.

      Sein Kopf brummte. Leise stöhnend legte sich Percy einen Lappen auf die Stirn, den er aus einem Eimer mit Wasser fischte. Dass es sich dabei um einen Putzeimer mit hineingebürstetem Bodenbelag handelte, war ihm herzlich egal. Hauptsache es kühlte seinen warmen, donnernden Schädel. Der großgewachsene Mann blickte sich im Raum um. Ein wenig fühlte er sich hier drinnen beengt, obwohl er alleine war.
      Eine Pritsche, ein Eimer, kein Fenster – und durch die Gitterstäbe waren auch kaum mehr als zusammengekauerte Gestalten zu erblicken, die zuhauf gegenüber in ihrer Sträflingsmontur eingekerkert wurden. Keine Gespräche, lediglich lautes Atmen. Weshalb er hier war, das wollte keiner wissen. Sie waren nur wenige Meter und zwei Gitterzeilen voneinander entfernt. Doch in diesem Stockwerk des Gefängnisses gab es kaum noch Aufregung. Die früheren Foltermaßnahmen und Mutanten wurden größtenteils verkauft, verzehrt oder ins Meer entlassen. Kaum noch einer erfreute sich am Leid des andern, es war eine der wenigen Freuden, die einem früheren Insassen tagtäglich zuteil wurde.
      Percy seufzte.
      Nicht einmal Magellan schien es zu interessieren, wer er war. Dabei sollten sie sich doch noch kennen. Beiläufig, irgendwie. Doch womöglich war selbst er, der große Percy, bei der Masse an Gefangenen auch nur eines von vielen Gesichtern gewesen. Der rotgekleidete Mann schüttelte den Kopf. Hätte er früher gewusst, dass er ihrem Ziel schon so nahe war, hätte er nicht die Gunst der Stunde genutzt. Er ließ sich leiten.
      Von allen Dingen, die ihn umgeben hatten, ließ er sich verführen. Hinauf ins Sonnenlicht, hinaus zu den Stimmen der unschuldigen Menschen, raus aufs Meer, dessen Größe sie lediglich umgab. Sie wenige Meter weiter zermalmen würde. Doch dicke Steinmauern schützten sie vor allem. Nicht aber vor dem Unwissen, welches er nun beinahe bereute. Ihre heutige Aufgabe und sein damaliger Kenntnisstand waren völlig unterschiedliche Welten. Piraterie ist halt anders. Percy warf den Lappen in den Eimer, schüttelte den Dreck aus seinen roten Haaren. Von ihnen Dreien wirkte er groß und unbeholfen, ohne Bartwuchs geradezu kindlich. Er war intelligent und unvorsichtig. Doch er war gewiss nicht dumm. Was immer ihn erwartete: Er kannte es, diese ganze körperliche Tortur. Der Direktor würde sie sicherlich mental fordern. Dafür war er nicht bekannt, er kannte ihn schließlich nicht, jedoch legte es sein ganzer Werdegang nahe. Direktor Magellan, Direktor Krueger, sie waren unterschiedliche Typen.

      Wie aussichtsreich war ihr Unterfangen? Unsichtbarkeit und Zielmarkierung, zwei Teufelskräfte, die geradezu für Infiltration geschaffen wurden. Die Gedanken bezüglich ihres Versagens spukten in seinem Kopf, obwohl er sich jetzt nur konzentrieren wollte. Der Stoff seiner weißen Hose rutschte hin und her, als er seine Beine runter und wieder hoch bewegte. Sein ganzes Körpergewicht lag inzwischen auf allen seinen Zehen. Schnaufend machte der ‚Karatekämpfer‘ seine Liegestütze. Mit zwei Händen, mit einer Hand, mit einem Finger und nun hatte er beide Hände auf seinen Rücken gelegt, während sein Gesicht nur noch wenige Zentimeter über dem Steinboden lag. Für ein Gefängnis war es hier erstaunlich sauber, das freute ihn.
      „Weiter, immer weiter!“
      Es brannte in seinen Füßen, seinen Armen, der Brust, ein angenehmes Brennen der körperlichen Ertüchtigung. Er hob einen Fuß an und machte weiter. Man sagte ihm nach, dass er ehrgeizig sei. Wie töricht. Er lachte jedes Mal darüber, sobald jemand Ehre und Geiz in einem Wort vereinte. Wann sparte, wann schonte er sich denn jemals? Das wurde ihm in die Wiege gelegt. Konzentration, Fokussierung, Ausdauer. Seine Lunge, sein ganzer Körper war nach allem Training immer noch menschlicher Natur. Magellan drohte sie zu vergiften, darum mussten sie kapitulieren. Das war keine Schwäche, es war Fokussierung: Auf das Wesentliche, den lebenserhaltenen Trieb.
      Er wollte gerne weiterleben, weiter an seine Grenzen gehen. Den Wettbewerb suchen, ihn annehmen. Er wollte gewinnen, verlieren, er wollte alles, was dazu gehörte. Brände mit einem Schlag löschen, über Wasser laufen, durchs Eis schwimmen. Vieles war unmöglich, darum versuchte er es. Der ‚Karatekämpfer‘ hatte sich sein Gedankenkonstrukt über Jahre zurechtgelegt. Das machte ihn sicher, glücklich.
      Unmöglich ist das, was als solches bezeichnet wird. Was an Grenzen gebunden ist. Doch alles im Laufe der Geschichte veränderte sich. Menschen kamen nicht als Menschen auf die Welt. Sie entwickelten sich, passten sich an, um zu überleben. Grenzen verschoben sich über Jahrtausende. Weshalb sollte er nicht dazu imstande sein, an dieser Grenzverschiebung mitzuwirken? Er konnte derjenige sein, der den Stein letzten Endes umwirft, nachdem sich jahrelang andere dagegen stemmten. Irgendwann würde alles nachgeben. Auch er. Doch solange es nicht an der Zeit war, wollte er derjenige sein, der Neues entdeckte.

      „Was machen Sie da?“
      Die Stimme des Wärters war laut. Er brüllte geradezu, um den lauten Gesang aus dem Inneren der Zelle zu übertönen.
      Eins, zwei, drei, vier.
      Seine Tatzen waren um einen dünnen Wischmob gelegt und er tat sich schwer, den dünnen Stiel nicht zu zerbrechen. Beck bewegte sich galant durch den Raum, drehte sich, fing seine Sonnenbrille mit schnellen Reflexen, ehe sie von seinem zotteligen Gesicht weg an einer der Wände zerspringen würde.
      „Das ist meine Liebste, oh yeah!“
      Er verstaute seine schwarzen, heilgebliebenen Gläser in seinem Fell und schmetterte weitere Lieder.
      Kapitel 10: Ihre Methoden II

      „Ich werde Beck genannt


      und dreh hier ganz entspannt
      ‘n paar Runden durch den Gang
      lauf bis zu diesem Hang
      dreh mich um
      dum – deli – dum
      geh‘ zurück
      – und fertig ist das schöne Stück“


      Mit an den Hüften angelegten Tatzen tänzelte der Kodiakbär durch den Gang, entlang an den Zellen der Mithäftlinge, die inzwischen aus ihrer Lethargie gerissen wurden. Wie seine zwei Kompagnons war er vorrübergehend in eine Einzelzelle verfrachtet worden. Doch da er zum Tanz mehr Platz haben wollte, beschloss er nach draußen zu gehen. Hinaus und entlang an den aneinandergereihten Zellen, in denen sich Scharen an Verbrechern auf engsten Raume miteinander arrangieren mussten. Die Selbstverständlichkeit, mit der Beck die sonst so gelangweilten Häftlinge amüsierte, stand der Irritation der Wärter gegenüber, die sich dem Bären mit ihren Gewehren im Anschlag näherten.
      „Zurück in deinen Käfig, du Bestie!“
      Die Worte, so scharf sie ausgesprochen wurden, umso effektiver trafen sie das Gemüt des Tanzbären. Schwerer als jedes Stückchen Blei traf ihn diese Aussage. Ein Kloß steckte in seinem Hals, als Beck ein Seidentaschentuch aus seinem Fell zog und sich die schwarze, kalte Nase schnäuzte. Das entstandene Geräusch, so laut es durch den Gang hallte, ließ die Wärter vor Schreck aufspringen. Einer von ihnen, es war keine Absicht, betätigte dabei den Abzug seines Gewehres. Ein lauter Knall übertönte das Schnäuzen des Bären bei weitem, auch aus dem Grund, da es abrupt endete. Die Gefängnisinsassen rüttelten an ihren Stäben, sprachen laute Flüche aus, die Wärter traten ein paar Schritte zurück, vorbei an dem Unglücksraben, der zitternd im Gang stand. Unter lauten Schreien schüttelte er sich, roch den aufziehenden Schwefel in der Luft. Eine Berühmtheit stand vor ihm – getroffen. Sonst würden sie sich keine Gedanken machen, und kein Gefangener würde rebellieren.
      Doch dies war anders.
      Hinter ihm standen die Wärter, schauten, ob der Tumult der übrigen Insassen irgendwelche Konsequenzen hatte. Natürlich würden die Gitterstäbe nicht nachgeben, doch wenn selbst ein Einzelner hinaus spazieren konnte – was war dann mit denen, die es mit aller Macht in den Gang drängte?
      „Nichts ist passiert.“
      Hinter den Wärtern schob sich ein Mann entlang, der ihnen allen wohlbekannt war. Nicht sonderlich klein, doch gewiss kein Hüne. Unscheinbar ging er ruhigen Schrittes durch den Gang – auf den Bären zu – und während er die rüttelnde und schreiende Meute passierte, begannen diese ruhiger zu werden. Nur noch wenige Sekunden blieben, bis sich eine gespenstische Stille in die Etage legte. Der Direktor ging auf Becks geöffnete Zelle zu und deutete auf das Schloss.
      „Hier wurde nicht abgeschlossen“, begründete der Psychiater den Freigang des Bären ungerührt und ging ein paar Schritte hinüber. Ehe sich seine Hand dem anderen Schloss näherte, zogen die Gefangenen sofort ihre Hände zurück, traten ein paar Schritte nach hinten. Dr. Krueger nickte, während ihn die Gefangenen hinter den Gitterstäben anstarrten.
      Magellan und sein berühmt berüchtigter, durch Hannyabal bekannt gemachter Stuhlgang konnte die Autorität des ehemaligen Direktor tatsächlich schmälern. Selbst wenn er sich durch sein Gift einen gehörigen Eindruck verschaffte, war er für viele Gefangene zugleich eine Witzfigur.
      Doch dies war anders.
      Der jetzige Direktor machte keinen Hehl aus seiner physischen Schwäche. Er legte von vornherein alle seine Mängel offen und nahm damit all denen den Wind aus den Segeln, die über „den Neuen“ tuscheln wollten. Kaum jemand wusste, wie sich Gerüchte in einem Gefängnis verbreiten konnten, jedoch war klar, welche Macht hinter dieser Kommunikation stand. Geschichten und Erzählungen prägten das Bild eines Menschen, machten es für denjenigen realer, der weggesperrt von allem keine Möglichkeit hatte, um selbst einen Eindruck gewinnen zu können.
      Der Direktor stand seelenruhig im Gang, die Gefangenen waren hinter ihren Stäben nur wenige Meter von ihm entfernt. Ein jeder von ihnen besaß die Macht, ihn zu töten. Ein Gedanke, der jeden antreiben müsste, der sich nach der Welt da draußen zurück sehnte. Trotzdem blieb der Direktor ruhig. Ihr Antrieb war es gewiss nicht, ihn umzubringen. Sie respektierten ihn, weil sie ihn nicht zu fürchten hatten. Er würde sie nicht vergiften, nicht foltern, nicht verhöhnen.
      Dr. Krueger zog einen Schlüssel aus seiner Tasche und ging langsam auf die offene Zelle von Beck zu. „Wer nicht fliehen will, muss auch nicht eingesperrt werden.“
      Vor den Augen der Gefangenen, der Wärter und seinen eigenen verschloss er die leere Zelle des Bären und legte diesem die Hand auf die Hüfte, zu hoch waren seine Schultern gelegen.
      „Ich möchte noch ein Lied hören!“
      Der traurige Schütze traute seinen Augen kaum, als sich der Bär ein weiteres Mal schüttelte und die Kugel aus seinem Fell flog. Unversehrt und auf einen dramatischen Moment bedacht, umarmte der großgewachsene Bär den Psychiater und begann mit diesem zu tanzen. Etwas unbeholfen ließ es der Direktor über sich ergehen und folgte den Bewegungen des Tänzers, der seine Tatzen auf seinen Schultern abgelegt hatte.
      „Ich singe hiiier,
      ich tanz´ mit diiir,
      ich frage diiich,
      sagst du es miiir,
      weshalb – bin – ich – eigentlich – hiiier?“


      Pirouetten drehend bewegten sich Krueger und Beck galant über den Steinboden, angefeuert von den Gefangenen und angestarrt von den Wärtern, die sich eigentlich genauso gut in Luft hätten auflösen können. Dies würde dieser Skurrilität nichts mehr Exklusives hinzufügen können.
      Krueger blickte den Bären an, wusste, was dieser in seinem Liedtext ansprach - der er operngerecht vorgetragen wurde. Er vollzog eine drehende Armbewegung, unter der der geschulte Tänzer Beck sich von ihm wegdrehte und sich nach hinten fallen ließ, nur um von Krueger unter aller Anstrengung wieder herangezogen wurde. Besondere Gestalten erforderten besondere Maßnahmen, drum musste wohl auch er singen, um dieses Gespräch in aller Öffentlichkeit unauffällig auffällig durchführen zu können.

      „Wir sind hier gaaanz allein, allein zu zweit, es geht so weit, so weit entfernt, haben wir es denn schooon verlernt?“


      Krueger beendete seine erste Strophe, erhielt ein Nicken des Bären, der sich keine Blöße gab und seinen Schritt beschleunigte.
      Nun waren es die nicht in Luft aufgelösten Wärter, die zu Applaudieren begannen, während Krueger weiter tanzte und den Bären so ausfragte, wie er es noch nie getan hatte.
      Doch dies war anders…
      Kapitel 11: Ihre Hürden III
      „Sie waren ein großer Star.“
      Tänzelnd bewegten sich Krueger und Beck ans Ende des Ganges, weg von den Gefangenen, die mit ihren Fingern den Tanzablauf zu dirigieren versuchten. Fort von den Wärtern, die schmachteten, an Hochzeiten und vornehme Bälle dachten. Irgendwo anders in einem feinen Saal mit hohen Decken, Kronleuchtern und Klaviermusik. Parkett, so gründlich poliert, dass man sich drinnen hätte spiegeln können. Hach! Dann öffneten sie ihre Augen, sahen den Direktor mit schmuddeligem Kittel, wie er sich grazil mit einem Bären durch den Gang bewegte. Und sie wollten sich am liebsten einweisen lassen. Früher wurden Gefangene einfach eingesperrt. Das war einfach zu sehen, zu ertragen. Doch jetzt diese harmonische Schiene? Es war zu schön um wahr zu sein. Zu schön, weil es nicht wahr war.
      „Damit muss ich leben.“
      Das Flüstern von Becks Stimme jagte dem Direktor beinahe einen Schauer über den Rücken. Fast. Er hielt dieses leise Raunen nämlich für unwirklich. Doch tatsächlich war er der Einzige, der den dicht an sich geschmiegten Bären zu hören imstande war. Der fröhliche Gesang war verstummt, der ambitionierte Tanz hingegen wurde einen Schritt beschleunigt. Erst war ein lautes „Ohh“ aus den Zellen zu hören, während sich Krueger und Beck dem Abgrund dieser Etage näherten. Er verband die beiden Etagen miteinander, war ein schnellerer Weg als der Fahrstuhl, und lediglich eine chrompolierte Stange – eine Idee der reizenden Sadi-chan, welche Krueger damals ungerührt nickend annahm – an der man herunterrutschen konnte, war als Sicherheit inmitten des Abgrund angebracht worden. Das „Ohh“ wich einem „Uff“ der Bediensteten, als sich die Tänzer wieder vom Abgrund wegbewegten.
      „Ich vertraue Ihnen.“
      Der Psychiater blickte weit nach oben, um die Knopfaugen Becks unter den Sonnenbrillengläsern zu fixieren. Das Fell des Bären schüttelte sich kurz, kitzelte den Direktor. Dieser blieb ganz ruhig, obwohl er sich nur noch führen ließ. Vor ihm war eine Bühnenpräsenz par excellence. Wieder näherten sie sich dem Abgrund und wieder folgten ihnen die erstaunten Geräusche, die zwischen Neugier und Unbehagen hin und her sprangen.
      Weshalb Beck, ein Symbol der Freiheit? Weshalb Percy, ein Ausbrecher der Blackbeard-Revolte? Weshalb…
      „Genug getanzt!“, merkte Beck gähnend an. Das Flüstern hatte sich gelegt und erneut füllte sich der Gang mit einem langgezogenen Geräusch der Lethargie. Der Glanz in den Augen des Nicht-Gefangenen verblasste. Der Psychiater sah ihm an, dass es alles um ihn herum eine Momentaufnahme war. Ein Augenblick, der ihn an all das erinnerte, das die Tiefe seines Daseins zeichnete. Ein Punkt, von dem aus es nur aufwärts, bis in die höchsten Höhen hinausging. Hin zu einem Moment, an dem er als Berühmtheit den Himmel küsste. Die Fesseln löste und Freiheit erlangte. Dank einem Mann, der sich selbst als Mensch sah. Der mehr zu sein schien und doch einsah, dass sie alle unter einem Himmel lebten. Keinen bildlichen, sondern den, an dem die Wolken standen und das blau, das keines war, doch jedem Menschen sehendes Auges so vorkam. Und beruhigte. Ein Mann, der so bildhaft dachte, die Worte, die Metaphern, die Schönheit von allem sah, schenkte Beck die Freiheit. Dafür musste er bezahlen. Gerüchte. Geschichten. Geschwätz. Becks Fell sträubte sich und Dr. Krueger wusste, weshalb. Die Gedanken des großgewachsenen, plüschig wirkenden Tänzers, sie waren so klar zu sehen. In einem Moment der überspielten Demut öffnete er sich dem Psychiater, der er nur einen kurzen Zeitpunkt brauchte, um all das zu lesen und zu verstehen. Dinge, die so unklar und verworren waren – für den Direktor war es ein leichtes, es zu spüren. Den Moment, an dem er mit einem genauen Hinschauen alles wie auf einer riesigen Leinwand sah. Das Bild, seine Konturen, die Pinselführung des Künstlers – das, was er vor und nach dem gestalterischen Akt tat.
      Krueger schmunzelte. Er dachte genauso wie der Mann, der Beck aus seinem fröhlichen Elend befreite. Genauso bildreich. Genauso optimistisch – in einer düsteren Umgebung. Er war im Gefängnis, wo es dunkel war. Der andere im Himmel, wo es hell war. Doch nur ein Ort zeichnete ein echtes Bild. Beck raunte. Knurrte. Dann, Krueger hatte alle „Ohhs“ um sie herum längst überhört, die sich in laute „Ahhs“ gewandelt hätten, während Beck und er Arm in Arm in den Abgrund stürzten. Der Psychiater spürte den Fall, wie er an seinem Körper zog und Adrenalin in ihm ausschüttete. Es war ein wunderbares Gefühl. Dann, in einem kurzen Moment der Realisierung, schrie er lauthals. Das war ein noch befreienderes Gefühl.

      [in einer anderen Etage]


      Bisher hatte man ihn an der Oberfläche befragt und auszuleuchten versucht. Doch jetzt hatte etwas die Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Solange galt es ihn von den Angreifern zu isolieren. Sie durften sich nicht begegnen, nicht absprechen. Ob sie etwas miteinander zu tun hatten, wusste er nicht. Magellan schlug die Beine übereinander, rückte an die hölzerne Stuhllehne und beobachtete die Zelle vor sich. Der Gang war verwinkelt, die verhöhnenden Stimmen der Gefangenen konnte er kaum noch vernehmen. Ruhig war es. Im Großen und Ganzen.
      „Wer hat dich markiert?“ Die Stimme des ehemaligen Direktors blieb bedrohlich sanft, während er den Patienten sah. Es wurden jetzt andere Saiten aufgezogen. Der Psychiater hatte ihm freie Hand gelassen, einfach, weil er ihm vertraute. Dieses Angebot wollte er bei diesem Kerl doch gerne annehmen. Allerdings rasselten die Ketten kaum, da er sich wenig bewegte. Magellan seufzte. Er vermisste das Rasseln, die Schreie. Er war kein Monster. Die lange Zeit in diesem Gefängnis machte ihn lediglich sentimental. Hach!
      Kopfüber hing der Patient vor ihm, dessen freier Rücken war Magellan zugewandt. Die Wunde, die dem Patienten zugefügt wurde, war kaum zu sehen. Dafür hatte Krueger gesorgt. Doch etwas Unbekanntes verwunderte Magellan. Die Markierung auf dem Rücken des Patienten war ein rotes Kreuz. Keine Tätowierung. Keine Farbe. Kein Blut. Es war ein Leuchten, das in der schwach beschienenen Etage umso auffälliger wirkte. Magellan kratzte sich am Kinn, blätterte im Buch der Teufelsfrüchte.

      Wie konnte das gehen?

      Es rasselte stärker. Magellans Gesicht hellte sich auf, als die Ketten die Geräusche machten, nach denen er sich sehnte. Der Gefangene hat die Augen geschlossen. Eines zuckt, jenes vernarbte, das ihn verfolgt. Die Vergangenheit, die Markierung. Er ist apathisch gewesen, hat kaum noch etwas mitgekriegt, nachdem das Leben der Kaiserin endete. Doch eines war, ist, die Schnittmenge zwischen der Gegenwart und Vergangenheit. Der Punkt, an dem es ihm wehzutun beginnt. Da war jemand. War, Vergangenheit. Es verkrampfte sich alles in seinem Körper, die Ketten rasselten immer stärker, während Magellan im Buch der Teufelsfrüchte vertieft war.

      „Diese Teufelsfrucht gibt es gar nicht?“, murmelte Magellan – und seine Stimme hob sich vor Erstaunen, als er den Patienten sah.
      Kapitel 12: Nichts ist zufällig
      Unfassbar. Das ist alles in seinem Kopf. So vieles, wichtiges. Elementares. Doch nur das wenigste davon kann für ihn von Bedeutung sein...
      „Es wäre ein Jammer.“

      Die Kälte zehrte an seinen Beinen, machte jeden weiteren Schritt zu einem schmerzvollen Kraftakt. Seine Hüfte, sein Hals, alles schien wie festgefroren. Eine abrupte Bewegung und es würde wie gefallenes Glas zerbrechen. Darum war es ihm nicht möglich, nach hinten zu schauen. – Dem Ursprung der Kälte entgegenzusehen, welche ihn nach vorne peitschte. Entweder blieb er stehen, ergab sich dem Stillstand, und würde sehenden Auges durch eine dünne Eisschicht ins Licht starren, jenes, das er nicht mehr erreichen, stattdessen seinem langsamer werdenden Herzschlag lauschen musste. Nichts blieb ihm dann mehr übrig, abgesehen vom Warten auf den Tod. Langsam, schleichend, der fatalen Ironie bewusst, dass sehr viel Zeit vergehen würde, bis es endlich endete. Aus diesem Grund durfte er nicht nach hinten schauen. Es würde ihn brechen – und früher oder später umbringen.
      Die Ketten, die den Patienten in der Luft hielten, rasselten immer stärker, während er gegen dieses lähmende Bild in seinem Kopf ankämpfte. Sein linkes, vernarbtes Auge blickte in die Vergangenheit, etwas, das er nicht wahrhaben wollte.
      Er schätzt die Gegenwart, die ihn von der Kälte fernhält. Ihn schützt. Dieses Gefängnis, so tief und alt es die Geschichten unzähliger Menschen sammelte, es fasziniert ihn. Es lenkte ihn von den Gedanken ab, mit denen er sich auseinandersetzte. Dazu war er nicht mehr imstande. Seit jenem Moment.
      Seit jenem Moment, in dem der zu erwartende Herzschlag aussetzte, das Ende der mächtigen Piratin bezeugend, war er nicht mehr in der Lage in seine Vergangenheit zu blicken. Ein Gefühl der Überwältigung überkam ihn und mit einem Lächeln erstarrte er, verfiel in Apathie. Sein Körper wollte nicht mehr gehorchen, als er ganz allein war, nur noch begleitet vom Wind, der eine Mischung aus süßem Teig und bestialischem Gestank an seine Nase herantrug. Damals auf der Heimatinsel von Big Mum, sie starb und er war anwesend. Dann war er allein und dann, ja dann war er schlussendlich hier – im Impel Down.
      Was genau dazwischen geschah, stellte den Direktor und Magellan vor Fragen, die er ihnen nicht beantworten konnte. Zu unklar war das, was er durch einen Schleier zu sehen glaubte. Was er zu hören glaubte. Was er wahrzunehmen gedachte in einem Zustand zwischen Leben und Tod, etwas, das er kaum zu beschreiben imstande war. Es war ein Jammer, das der schönste Augenblick, so fühlte er ihn, zugleich der Moment ist, den er sich am wenigsten erklären konnte.
      Da war sie wieder: Die Vergangenheit, die ihn jagte. Er würde sich ihr zu gern stellen, gleichzeitig jedoch wollte er sie meiden, im jetzt leben. Jetzt möchte er sein. Doch es fällt, es fiel ihm schwer. Kein Wunder, dass man ihn hier als Patienten titulierte. Er fühlte sich irritiert, wusste nicht mehr, was er denken sollte. Als hätte man ihm ein Hindernis in den Weg gestellt. Eines, das ihn daran hinderte weiterzugehen, zugleich auch vergessen ließ, dass er weitergehen wollte. Zu sehr beschäftigte er sich mit dem Hindernis. Seiner Größe und Beschaffenheit, den Geruch, den er nicht so recht zuordnen konnte.
      „Sind Sie das?“
      Magellan, der eben das Buch zuschlug, stand abrupt auf und mit lautem Knall fiel der Stuhl hinter ihm auf dem Boden. Betroffen drehte sich der ehemalige Direktor um und eine Träne rollte über seine Wange.
      Klappstühlchen..., wimmerte er leise und ließ die einzelne salzige Träne mit einer Schar Säuretränen zersetzen, um dem Patienten wieder mit einer gefährlich kränklichen, anstatt einer vertränt-roten Gesichtsfarbe zu begegnen.
      „Wen um alles in der Welt meinst du?“, polterte Magellan bedrohlich, vor allem, um die Patienten in diesem verwinkelten Trakt in Angst und Schrecken zu versetzen. Der Giftmann verstand bisher nicht sehr viel von dem, das sich hier abspielte. Doch eines verriet ihm sein geschärfter Instinkt: Es war Gefahr im Verzug. Der Patient sprach nicht ihn an, sondern zu sich selbst, viel eher zu einer anderen Existenz, die sich ihnen beiden zu entziehen scheint.
      Unter dem lauter werdenden Tuscheln der entfernten Gefangenen blickte sich Magellan um. Entlang an seinem Klappstuhl, der auf dem Steinboden ruhte, der Wand am Ende des Traktes, welche von einem Gemälde geziert wurde. Nicht einsehbar für die Gefangenen, zugleich eine Muße für jeden nostalgischen Wärter: Das Bild hatte zwei Abschnitte, einen hellen, oben liegenden mit Sonne beschienenen Teil der Erde, auf dem Menschen im Gras lagen und gen Himmel blickten. Der zweite Abschnitt war dunkel und unter der gesegneten Erde standen die Gefangenen auf Knien, den Blick nach unten gerichtet, während eine riesige Hand über ihnen lag, einen Blick nach oben hin verwehrte.
      Hach!
      Verbrecher waren dazu angehalten, in der Dunkelheit zu büßen, während die freien Menschen sich am blauen Himmel erfreuen durften. Einst hielt er, Magellan, sich für diese Hand, die die beiden Welten voneinander trennte, mit wehmütigem Blick in seine dunkle Welt, sich dessen bewusst, dass er auf den Himmel verzichtete, um die gescholtenen Seelen in der Dunkelheit vor der Außenwelt zu verbergen.

      „Es wäre ein Jammer.“

      Magellan, für wenige Sekunden in das Gemälde vertieft, wandte sich um. Tropfen perlten von seiner Stirn und landeten zischend auf dem Boden. Zwischen ihm und der Zelle des Patienten stand eine Person, die an ihm vorbei auf das Gemälde blickte.
      Der Patient zog eine Augenbraue nach unten, was so aussah, da er noch immer kopfüber in seiner Zelle hing. In Wahrheit wirkte er irritiert, als er die Gestalt vor sich stehen sah. Noch wurde er nicht von ihr beachtet, zu vertieft schien auch sie ihre Aufmerksamkeit beim Gemäldebeschau abgegeben zu haben. Jetzt ärgerte er sich, da er nur einen unbesetzten, liegenden Holzstuhl vor sich falsch herum erblickte.
      Etwas anderes allerdings fiel ihm auf: Ihm war warm. Mochte es das viele Blut in seinem Kopf sein, doch er fühlte sich tatsächlich wohl. Vor seinem inneren Auge war zwar noch immer ein Hindernis, doch die Kälte, die er stets als seinen Verfolger wähnte, war wie vom Erdboden verschluckt.
      „Ich bin kein Bote“, murmelte die Gestalt nun und hob ihre klauenartige Hand, die sich aus ihrem langen seidenen Ärmel schälte. Die Kapuze, die die Gestalt trug, verbarg lediglich das fehlende menschliche Aussehen, doch es verbarg nicht die Bekanntheit, die der Fremde in der Welt besaß. Magellan zog scharf die Luft ein, als die Gestalt auf ihn zu- und schließlich unbescholten an ihm entlang zur Wand hinschwebte.
      „Mir wurde gesagt, dass hier ein wertvoller Fund lauert“, fügte sie unbekümmert hinzu und nahm das Gemälde von der Wand. Magellans Gifttropfen vermischten sich mit den Schweißtropfen auf seiner Stirn, zu angespannt war er. Doch letztlich regungslos nahm er es hin, dass der Fremde ein jahrhundertealtes Bild von der Wand nahm und in den Tiefen seines purpurfarbenen Umgangs verstaute. Obwohl das Bild gute zwei Meter maß, verschwand es spurlos in den inliegenden Taschen der Gestalt, die nicht als Bote bekannt war, dennoch heute als ein solcher in Erscheinung trat.
      „Sehr geehrter Herr Magellan, im Namen meiner Auftraggeberin möchte Ihnen und dem hier hängenden Mann folgendes ausrichten: Betreten Sie unter keinen Umständen das Siebte Level. Widerstehen Sie dem Drang!“
      Schließlich betrat die Gestalt die Zelle des Patienten, indem sie mühelos durch die Gitter schwebte, blieb kurz vor dem rot angelaufenen Gesicht des Patienten stehen.
      „Du fragst dich sicher, weshalb du nicht zurückschauen kannst.“
      Die Präsenz der Gestalt verschlug dem Patienten den Atem, drum nickte er lediglich, während er hilflos mit ansah, wie jemand vor ihm stand, der alles verkörperte, was an Leid, an Freude, an Grausamkeit und Edelmut in einem Körper vereint sein konnte. Sein vernarbtes linkes Auge blickte die Gestalt an und er erinnerte sich an den Zeitpunkt, an dem die Kaiserin starb.
      „Sie haben mich nicht markiert?“
      „Ich bin nicht als jemand bekannt, der so etwas macht“, antwortete die Gestalt aufrichtig. Wie gern würde er den Patienten berühren, doch er konnte es nicht. Das war eine der Lasten, die er seit je her mit sich trug. Eine Berührung und manche seiner Erinnerungen und Gefühle, die in seinem grün beschuppten Kopf gehütet wurden, würden auf sein Gegenüber überspringen – wie eine übertragbare Krankheit. Es war seine Geschichte, seine Taten, seine Lasten, die ihn zu dem manchen, was er heute war. Respektiert und insgeheim gefürchtet, obwohl er es niemals wollte. Der Patient, der vor ihm hing, erinnerte ihn an jemanden. Einen Freund. Doch die Erinnerungen des hängenden Mannes wurden beeinflusst. Seine Vergangenheit verschlüsselt und seine Existenz dazu veräußert, einen anderen Weg einzuschlagen. Das war die Last, die der junge Patient auf seinen Schultern trug. Er war jemand anderes geworden, obwohl er es nicht wollte. Nur die Gefühle, die ihn darin bestärkten, jemand Neues zu sein, dominierten das Bild in seinem Kopf. Eine Kälte war geboren, die den Patienten nach vorne trieb. Hinfort von seinem alten Leben, seiner Herkunft und seinem wahren Namen, den er vermutlich gar nicht mehr kannte.
      Die alligatorenähnliche Gestalt seufzte – so kurz -, dass der Patient und Magellan zu keinem Zeitpunkt ein Bedauern feststellen konnten. Doch tatsächlich bedauerte die Gestalt. Der Patient musste etwas an sich haben, wenn er Gefühle auszulösen vermochte. Doch das war nicht seine Aufgabe, drum schwebte er rückwärts durch die Gitterstäbe und deutete auf die nun gemäldelose Wand.
      „Widerstehen Sie dem Drang, betreten Sie nicht das Siebte Level.“
      Dort, wo einst das Gemälde hing, zuvor seit Jahren unberührt, hing ein eisernes Steuerrad, das in der Wand eingelassen wurde.
      „Durch Zufall werden Sie sich jedenfalls nicht in diese Gefahr begeben.“
      Erstmals, seitdem die Gestalt hier war, hatte ihre sanfte, weiche Stimme einen scharf geschliffenen, bedrohlichen Klang angenommen.
      „Besuchen Sie mich doch beizeiten in meinem Geschäft, ich helfe gerne“, fügte der, der nicht als Bote und nicht als Markierer bekannt war, mit freundlicher Stimme hinzu. Anschließend richtete er den Holzstuhl Magellans auf, verbeugte sich und verschwand spurlos.
      „Ich finde ihn sehr freundlich“, murmelte Magellan und setzte sich wieder hin.
      Der Patient hingegen blickte nach links und nur eine Steinwand trennte ihn vom freigelegten Eingang ins Siebte Level. Sein linkes Auge zuckte, drum versuchte er sich abzulenken.
      „Weshalb hat der ehemalige Gefängnisdirektor Magellan einen Diebstahl zugelassen?“ Die Süffisanz in der Frage verbarg die Wut in der Stimme des Patienten. Um so erstaunter war er, als der nasepopelnde, kippelnde Magellan ihm schließlich antwortete.
      „Was Fes sich nimmt, nimmt er sich.“
      Damit war diese Frage geklärt. Wenigstens eine, dachte der Patient kopfschüttelnd, woraufhin die Ketten erneut zu rasseln begannen.
      „Wie schön!“, flüsterte Magellan und horchte dem Gerassel, während er sich in seinen Lieblingsklappstuhl schmiegte. Hach!
      Kapitel 13: Etwas Besonderes sein

      [vor einer Minute im Impel Down]



      „Widerstehen Sie dem Drang, betreten Sie nicht das Siebte Level.“

      [eine Minute später]


      In der Neuen Welt drängte sich das Geräusch des Kanonendonners zwischen das laute Grollen der Wolken, das Meer tobte neben dem Gefecht zweier Schiffe, die Marine stellte sich den Piraten entgegen, die ihr Schiff zu Kapern versuchten. Wie viele Männer auf beiden Seiten umgekommen waren, wusste keiner von ihnen. Es war unübersichtlich, fürchterlich laut, jeder dachte nur noch an sich, dass er diesem würdelosen Aufeinandertreffen nicht sein Leben zu opfern hatte.
      Und daneben, gar nicht weit entfernt, schaukelte ein kleines Boot, von Wellen gehoben und gesenkt, jedoch nicht aus der Balance zu bringen. Jeder darauf hatte nicht zu befürchten, dem Zorn des Meeres anheimzufallen. Auf diesem kleinen Boot aus Holz, da stand ein Zelt in edel anmutenden Stoffen, die kegelförmig nach oben ragten.
      Und in jenes Zelt war soeben eine Person eingetreten, der eben noch der Kanonendonner in den Ohren hallte, der eben noch der starke Regen die dünne Kleidung durchnässte – und der im nächsten Moment auffiel, dass alle Geräusche, alle Temperaturen, die sie eben noch fühlte, mit ihrem Eintreten verschwanden. Die beiden Vorhänge, zwischen denen sie eintrat, fielen zu und sperrten jegliches Bild, jegliches Geräusch ihrer Außenwelt aus. Beim ersten Mal dachte sie, dass sie ins Jenseits eintrat, sich von allem Irdischen trennte und ihre Seele nun hier in diesem kleinen Raum ihre letzte Ruhestätte fand. Doch sie irrte.
      Vor ihren Augen war eine kleine feingeschliffene Holzfläche, der Verkaufstresen, der momentan allerdings leer war. Der Teppich unter ihren Füßen, die mit Kissen ausgelegte Ecke, der Geruch, es wirkte alles so exotisch – orientalisch – wie aus einer anderen Zeit. Ihr gefiel es, die Person mochte es hier, drum merkte sie gar nicht, dass sie hier bereits einige Sekunden wartete. Das war ungewöhnlich. Da öffnete sich der Vorhang hinter dem Verkaufstresen und eine ihr bekannte Gestalt schwebte in den Raum, ein Tablett mit Teekanne und zwei Tassen in den klauenartigen Händen haltend.
      „Entschuldige die Verspätung, du weißt, dass ich fort war.“
      Die Dame blickte den Alligator an. Sie nahm die gefüllte Tasse und setzte sie an ihre roten Lippen.
      „Du bist zu bescheiden“, murmelte sie aus der Kissenecke, in der sie sich niedergelassen hatte. Dann pustete sie in ihre Tasse, obwohl es unnötig war. Die Temperatur des Tees war perfekt, sehr warm und doch auf den Punkt unbedenklich für die vielen Nerven ihrer Zunge. Doch sie war es gewohnt. Darum pustete sie. Sie war so vieles gewohnt, umso öfter wollte sie sich kneifen, sobald sie ihn sah. Sie fürchtete ihn nicht. Es gab vieles, was weit harmloser war.
      Ruhig zog sie den weißen Ärmel ihrer Bluse zurück und öffnete den Vorhang, hörte sofort das donnernde Unwetter, das sich wie das Ende der Welt anhörte – wie das Meer, das nun beschloss, alles zu verschlingen, nachdem es Millionen Jahre das Festland festes Land bleiben ließ. Es war schaurig daran zu denken, was die Wassermassen mit den armen Körpern derer machten, die in die Tiefe sanken und ihre armen Seelen in der unendlichen Dunkelheit des unbekannten Meeresgrundes verlieren würden. Es war ein schaurig schönes Gefühl. Sie ließ den Vorhang los und zog ihren nass gewordenen Arm wieder ins Innere. Stille kehrte ein.
      Sie blickte ihren Bekannten an und lächelte.
      „Fürchtest du das Meer oder liebst du die Ruhe an diesem Ort?“ Sie blickte sich um: Teppiche mit Kreismustern, fransige Kissen, weiche Stoffwände. Hier konnte man sich wahrlich entspannen, während um sie herum der Tod auf die armen Seelen wartete. Auf Seebären, Kaufleute, Abenteurer, Piraten, auf die Marine, auf alle, welche lediglich zusammengebautes Holz von einem nassen Grab trennte. Deren Schiffe sich den Naturgewalten der Neuen Welt beugten und ihre Besatzung dem gnadenlosen Meer preisgab. Sie malte diese Szenarien in ihren Gedanken grausam und gnadenlos, doch das ließ ein aufgeregtes Kribbeln in ihr aufkommen. Sie liebte den schmalen Grat, der eine unbedachte Dummheit in ein gewolltes Risiko verwandelte. Womöglich fühlte sie sich deswegen in seiner Gegenwart wohl.
      „Ich habe Herrn Magellan gewarnt, er wird es sicher bald dem Direktor melden.“
      Die junge Frau strich sich durch ihr braunes Haar und blickte die Kreatur vor sich an. Ihre Augen blitzten, als sie einen tiefen Schluck Tee zu sich nahm.
      „Wer der Frage einer Dame ausweicht, macht sich verdächtig.“
      „Ich bin nicht als unruhige Person bekannt“, antwortete der schwebende Gastgeber abrupt und die Röte, die sich in seinem Gesicht beinahe bemerkbar machte, verschwand so schnell wie sie sich andeutete. Er blickte sie durch seine grünlichen Augen an: Ein junger weiblicher Mensch, wunderschön mit einnehmenden Charme. Glaubte er.
      „Ich bedanke mich für dieses Bild.“
      Er zog das alte Gemälde aus seinem Umhang und legte es auf den Verkaufstresen, der nun bis zum Rand gefüllt war. Mit Gemälde und alter Kunst, einem Unikat. Verkannt vom Personal des Impel Downs, seit Jahrzehnten anscheinend ignoriert, so fristete es in einer Ecke des Gefängnisses sein Dasein, die fast nie betreten wurde. Nun würde er es haben. Sein Körper zitterte, als er mit seinen schuppigen Fingern über den beschlagenen Rahmen strich.
      „Es gehört ganz dir“, sagte die Frau und stellte die leere Tasse neben sich ab.
      Freudig nickte der schwebende Teetrinker und verstaute seine Tasse im Inneren seines Umgangs. „Meine Warnung war für ihn und Magellan nicht falsch zu verstehen.“
      Die Frau war aufgestanden und näherte sich dem Besitzer dieser kleinen Nussschale. Kurz vor seinem Gesicht blieb sie stehen, blickte ihn von nahem an, so nahe, wie ihm schon lange keiner mehr war. Er sah ein Funkeln in ihren Augen, das ihn bestätigte. Sie war nicht gewöhnlich. Nicht krank, nicht wahnsinnig, auch nicht gebrochen. Sie blinzelte kurz und sein Gedankenfaden riss. Sie war kein normaler Mensch. Das war schön. Aufregend.
      Sie sah die spitzen schwarzen Pupillen eines Reptils. Wenn Augen das Tor zur Seele waren, sie trat einen Schritt zurück. Was wollte sie? Aufregung. Spannung. Sie konzentrierte sich. Seine Augen waren nicht echt, sie sah nicht die Seele, die sie sehen wollte. Dann lachte sie.
      „Indem sie es richtig verstehen, werden womöglich andere Schlüsse gezogen.“
      „Deshalb bietest du mir ein Gemälde von unschätzbarem Wert?“

      Erstmals war ein Zug von Überraschung in der Stimme des schwebenden Gemäldebesitzers zu hören. Die Frau lachte und ließ sich wieder in die Kissen fallen. Sie war erleichtert.
      „Das ist nicht mehr meine Entscheidung.“

      Schier unendliche Last fiel von ihren Schultern ab und sie ließ sich tiefer ins Kissen sinken.
      „Ich bin froh, dass sie von einem starken Mann getroffen wird.“

      [vor einiger Zeit]


      „Sie sind eine starke Persönlichkeit.“
      Mit stotternder Stimme nahm der Psychiater seine Brille ab und rieb sich mit seinem Ärmel über die feuchten Augen. Es war unprofessionell. Für seinen Berufszweig verwerflich. Sie blickte ihn an, zitterte am ganzen Körper. Sie war durch die Hölle gegangen und sah endlich das Licht. Sie sah die geröteten Augen eines Mannes, der er der Beste seines Faches war. Er war wahrlich menschlich.
      „Ich danke Ihnen“, stammelte sie, wie sie vor dem Sofa kniete, ihr Gesicht in ihren Armen vergrub.
      „Danke…“

      Dr. Krueger nickte. Stolz überkam ihn, während die Tränen der Erleichterung wichen. Ihre Dämme hingegen waren gebrochen. Das war gut. Sie würde weiterleben.

      Sie war eine starke Frau. Etwas besonderes.
      Kapitel 14: Alles Geschichten

      Es war der reine Wahnsinn, der sie letztlich überkam.


      „Wir verstehen uns…“
      Der Mann fuhr mit dem Finger über seine Schulter, betrachtete den Staub, der sich auf seinem schwarzen Anzug angesammelt hatte. Seine Augen funkelten im Schein der Fackeln, die neben ihnen an den Wänden hingen.
      „...oder nicht?“ Seinen Blick führte er an jeden einzelnen Gefährten entlang, prüfte, spürte und fasste die Angst in ihren trostlosen Augen. Sie waren nicht überzeugt. Etwas, was sie durchaus zu sein hatten. Ihr alter Freund hatte sie an den Rand einer Niederlage geführt. Sie, die Weisen, verloren um ein Haar ihre Macht, welche seit Jahrhunderten unermessliche Größe umfasste. Doch ein Mann wollte es ihnen streitig machen: Weshalb, wussten sie nicht. Wie er es schaffte? Sie fürchteten sich davor, auch dies nicht in Erfahrung gebracht zu haben. Und warum er letztendlich kapitulierte? Die Hände des Weisen zitterten, während er das Gemälde aufhing.
      „Gedenken wir unserem...Freund.“
      Die übrigen Weisen hörten die Verbitterung, die in der Stimme des Wortführers lag. Sie waren die Sieger, behielten ihr Privileg über die Herrschaft der Welt. Doch letztendlich waren sie die Verlierer, eigentlich. Nicht zu wissen, weshalb sie die unabwendbare Niederlage nicht mit allen ihren Konsequenzen zu durchstehen hatten – und letztlich daran zugrunde zu gehen hatten, dieses zehrende Unwissen war es, das sie seit Wochen nicht mehr schlafen ließ. Was an ihnen zehrte, was sie zermürbte. Sie konnten den Mann einsperren. Für jeden Menschen war er verstorben. Nur sie kannten die Wahrheit.
      Es hatte etwas Historisches, denn kein Gefängnisdirektor wusste mehr von diesem Ort. Einem Bereich, der unter dem Meeresboden lag, der über das geheime sechste Level hinausging. Es war nicht einmal mehr ein Gerücht unter den Gefängnisinsassen. Nein, es war schlichtweg nicht mehr existent. Er würde da unten hungern, isoliert sein. Er würde in völliger Dunkelheit nichts mehr wahrnehmen, nichts mehr hören. Irgendwann würde er seinen Namen vergessen, den Grund für seinen Aufenthalt. Sein selbstgefälliges Lächeln würde irgendwann verschwinden.

      Das war ihre Hoffnung. Das einzige Gefühl, das die unendliche Scham betäuben konnte. Doch irgendwann war der Zeitpunkt gekommen, an dem sie ihn vergaßen. Vergaßen, dass er da unten inzwischen gestorben war, sein kalter Leichnam verwest und in der Dunkelheit für alle Zeiten unentdeckt die Zeit selbst überdauern würde. Sie vergaßen, dass sie betäubt waren. Und sie vergaßen, dass dies der einzige Grund war, um diese Schande zu überstehen. So begab es sich zu einer Zeit des Friedens, in der die Regierung bejubelt und ihre Politik begrüßt wurde, dass sie sich das Leben nahmen. Einer nach dem anderen brach innerlich, stürzte sich ins Schwert, kostete einen letzten Trunk, der sie in den Schlaf entführte, ging sehenden Auges im Sturm über Bord.

      Magellan saß auf seinem Klappstuhl, betrachtete die gemäldelose Wand.
      Geschichten. Alles Geschichten.
      Als er hier vor Jahrzehnten im Impel Down seinen Dienst antrat, erzählte ihm der damalige Direktor diese Schauergeschichte. Deshalb sollte er dieses Gemälde mit den Augen sehen, sehen, was darauf abgebildet war und was es für ihn als Bediensteten dieses alten Gefängnisses zu bedeuten hatte. Doch er sollte es nicht anfassen, schließlich galt es seit je her als hohes Geschenk eines noblen Spenders. Und immerhin beging der letzte Mann, der es berührte, Selbstmord, nachdem er über Jahre hinweg den Verstand verloren hatte. Ein mächtiger und zugleich armer Mann. Magellan erinnerte sich an das Lachen seines alten Vorgesetzten, nachdem er diese Schauergeschichte wieder und wieder erzählte. - Ehe er einen tiefen Schluck aus seiner Weinflasche nahm. Was aus ihm geworden war? Magellan lachte.
      Vergangenheit. Alles Vergangenheit.
      Der jetzige Direktor würde diese Geschichte anders erzählen. Er würde jedes einzelne Wort glauben und es jedem Skeptiker so erzählen, bis er es schließlich für die reinste Wahrheit hielte. Das war die Gabe des Mannes, den er als Dr. Ryan Jay Krueger kennenlernte. Mehr brauche man nicht für eine gute Zusammenarbeit wissen, meinte er damals. Tatsächlich war sich Magellan der Unkenntnis über Krueger durchaus bewusst. Doch im Gegensatz zu den Weisen aus der Gemäldegeschichte trieb es ihn nicht in den Wahnsinn. Es reichte, seinem neuen Vorgesetzten zu vertrauen.

      „Sie wissen, dass er das Siebte Level betreten wird?“
      Die Stimme des Patienten ließ Magellan innehalten. Der Klappstuhl knarzte. Die Ketten, die den Gefangenen in der Luft hielten, rasselten. Dessen Kopf dröhnte. Es strengte ihn an, dass die Taubheit in seinen Füßen ihm ein unbehagliches Kribbeln durch den Körper jagte. All das Blut, es sammelte sich in seinem Kopf, doch es sollte weichen, es sollte weiterfließen. Es kribbelte alles in ihm. Unterdessen bemerkte er nicht den aufgestandenen, nach hinten blickenden und kurz trauernden Magellan, der seinen Klappstuhl erneut aufrichtete. Hastig, ehe der Patient das ungestüme Poltern des ehemaligen Direktors mit Argwohn kommentieren konnte. Mit verschränkten Armen stand er vor dem Patienten, blickte in dessen blau angelaufenes Gesicht.
      „Du bist keiner zum foltern, oder?“
      „Wer ist das schon?“, japste der Patient, ehe er von Magellan von den Ketten befreit wurde.

      *


      „WIESO?“, schrie der Mächtige und trat erneut auf den am Boden liegenden Mann ein. Das Blut des Kapitulierenden floss den feinen spiegelnden Fliesengrund dieses altehrwürdigen Palastes entlang. Hier residierten sie, die Weisen. Seit Jahrhunderten. Generation, für Generation, für Generation. Bis sie berufen wurden und bis sie starben. Der unterzeichnete Vertrag lag irgendwo herum, denn kein einziger Tisch, kein einziges Möbelstück stand mehr aufrecht in diesem Raum. Die Weisen blickten auf denjenigen unter ihnen, der er später ein Gemälde aufhängen würde. Er war schon immer der dominanteste, impulsivste Teil ihrer beschaulichen Gruppe. Schweigend beobachteten sie, wie er erneut auf den Besiegten einschlug.
      „WIESO HAST DU KAPITULIERT?“
      Die Verzweiflung war deutlich aus der Stimme des Weisen zu hören. Der eigentliche Sieger lag nur schmunzelnd zu seinen Füßen. Doch was hieß schon eigentlich? Er unterschrieb eben eine Vereinbarung, die jegliche Kampfhandlung gegen die Weisen ausschloss. Er ergab sich. Doch weshalb ließ er sie mit einem blauen Auge davonkommen? Ein Mann hatte es beinahe geschafft, die Weisen, die Weltregierung selbst zu stürzen. Doch er tat es nicht.
      „Ihr habt gewonnen...“, kam es undeutlich aus dem blutgefüllten Mund des Mannes. Er drehte seinen Kopf zur Seite, hustete, um besser verstanden zu werden, sah, wie ein Zahn in der Blutlache davon trieb.
      „...ganz einfach so.“
      Sein Brustkorb, die Fliesen auf denen er lag, sie wurden mit einem Hieb durchbohrt, als sich ein zweiter Weiser zur Tortur dazugesellte. Ruhig und bedächtig zog er seine Klinge aus der Brust des Liegenden. Dieser reagierte gar nicht darauf, blickte stattdessen auf die Klinge, die in aller Länge aus ihm herausgezogen zum Vorschein kam. Blutgetränkt, mit Fliesenbruchstücken, die am Blatt hafteten. Ein Schuss ertönte, als sich der dritte Weise mit einem Gewehr dazugesellte, welches er kurzerhand von der Wand nahm und in heller Vorfreude befüllte. Es sollte immer so weitergehen. Doch eine Antwort bekamen sie nicht. Nichts, was sie in Zukunft erlösen sollte…

      Magellan blickte den Patienten an, dachte an den Teil der Schauergeschichte, den ihm sein alter Vorgesetzter einst erzählte. Beim ersten Mal, er war noch jung und kannte nicht die Gewalt, die an diesem Ort weilte, - beim ersten Mal erbrach er sich, nachdem er die ganze Geschichte zu Ohren bekam.

      „Es gibt sicher Leute, die die Folter mögen“, murmelte Magellan verlegen und führte den Patienten aus der Zelle.
      „Es wird Zeit, mit Dr. Krueger zu sprechen“, fügte er hastig hinzu. Mit dem Klappstuhl unterm Arm und dem Patienten am Genick gepackt, verließen sie schließlich den Trakt der gemäldelosen Wand. Jenem Ort, der einst so viel Wahnsinn freisetzte.
      Schauergeschichten. Alles Schauergeschichten.

      Kapitel 15: Der Mann dazwischen

      [vor wenigen Minuten]



      „Uaaaaaaaaaaaaaaaaaaaah!“

      Das war befreiend.
      Laut und lang, und mit einer Prise Panik, einem Cocktail mit erlesenen Zutaten gleichend, mit Eiswürfeln und Schirmchen, umgerührt mit dem Strohhalm, der farblich zum Getränk passte, so angenehm fühlte sich der Sturz für ihn an. Lauthals schrie er, während er mit Beck in den Abgrund gestürzt war. Die Rutschstange neben ihnen sauste wie ein silberner Streifen an seinen Augen entlang. Wie der Aufprall letztlich aussehen würde, wusste der Direktor nicht. Das war ihm ehrlich gesagt auch ziemlich gleichgültig, zu sehr genoss er die Überraschung, die die aufkommende Nervosität in ihm auslöste. Eine menschliche Reaktion, die allerdings ungeahnte Schübe in ihm auslösten. Adrenalin, Erregung, alles kam in ihm zum Vorschein, was zuvor nur Kalkül und Berechenbarkeit gewesen ist. Er sah den Boden, auf den sie zustürzten.

      *


      Ein Glas ging zu Bruch. Erneut. Ein trüber Schleier lag auf seinen Augen, das flackernde Licht zuckte neben allem, das in seinem verschwommenen Sichtfeld gärte. Sein Kopf lag träge auf der Theke, klebte im feuchten, riechenden Rumfilm, der an seiner Nase entlang lief. Er fühlte sich hundeelend, achtete nur auf das Surren der defekten Lampe, die neben den aufgereihten Spirituosen an der Wand hing. Brummend hob der Wirt den Kopf des Betrunkenen an, um darunter die Alkohol- und Speichelpfützen wegzuwischen. Unsanft ließ er das schwere Haupt auf die Theke donnern, um mit beiden Händen seinen Lappen über der Spüle auswringen zu können. Angewidert blickte er das Häufchen Elend an, das seit Stunden allein an der Theke saß, umringt von mehreren Dutzenden Gläsern. Alle anderen Gäste hatten sich weggesetzt oder näherten sich der Theke mit zugehaltener Nase. Natürlich roch es hier und da nach Urin und Erbrochenem, doch der Halbtote toppte es noch bei weitem. So musste eine Leiche riechen, dachten viele, die an ihm vorbei zu den Toiletten huschten. Was immer es war, es war abstoßend.
      „Ich...kann...nicht...“
      Plötzlich rutschte der Mann zur Seite, kippte vor den Augen des Wirts mitsamt seinem Hocker um und landete krachend auf dem Boden. Die vielen Gläser über ihm wackelten und das ein oder andere fand den Weg über den Thekenrand hinweg, landete neben ihm, zerbrach in unzählige Scherben. Reste des Alkohols spritzten ihm ins Gesicht, während ein nasser Film an ihm entlang lief. Er blinzelte, merkte die fehlenden Scherben in seinen Augen, war kurz erleichtert, der er in seinem Delirium kaum noch Schmerz verspürte. Da lag er, umzingelt von Leuten, die ihn begutachteten. Wobei das ‚gut‘ kaum noch gelten konnte. Sie sahen ihn. Denn gut war an dieser jämmerlichen Existenz nichts mehr. Er war kaum noch mitleiderregend, lediglich ein Leben, das in der Form keinen Wert mehr hatte. Es musste erst etwas zerstört werden, bevor etwas Neues erschaffen werden konnte. Er atmete tief ein. Jeden Moment würde es ihn überkommen. In seinem Schädel donnerte es. Es konnte nur besser werden. Doch vorher musste er durch die Hölle gehen. Alles kam in ihm hoch und er ließ es einfach zu.
      Der Wirt schüttelte den Kopf und ließ Wasser in einen Eimer laufen. Am besten sollte doch ein reißender Wasserstrom allen Unrat aus seiner Bar schwemmen. Doch so einfach war es nun auch nicht. Er seufzte und sammelte die Glasscherben aus der frischen Kotze.
      „Danke…James“, sprotzte die Gestalt, als ihr lauwarmes Wasser ins Gesicht geschüttet wurde.
      Das war befreiend.

      *


      Lachend erhob sich der Direktor aus dem riesigen Fellballen, der er den Namen Beck trug und ihren Sturz gedämpft hatte. Diese Sekunden des freien Falls bescherten ihm einen Schub. Aufgeregt schüttelte er sich. Seitdem er hier war, fühlte er sich kaum noch herausgefordert. Alles war so vorhersehbar, zu erahnen, intuitiv richtig einzuschätzen. Doch jetzt fühlte er sich quietschfidel. Der Direktor drehte seinen Kopf hin und her, hörte ein leises Knacken. Alles war gut. Bis zu dem Moment als sich Beck hinter ihm schüttelte und eine gigantische Staubwolke den verdutzten Krueger in einen Hustenanfall hüllte.
      „Sind wir hier allein?“
      Wo war das fröhlich-groovige in der Bärenstimme hin? Der Direktor ahnte, dass ihnen nur wenig Zeit blieb, ehe jegliches Gespräch mit weiteren Fragen belastet würde. Darum streckte er seine eingestaubte Hand aus und reichte sie dem großen Gegenüber.
      „Lass uns tanzen.“

      So bewegten sie sich galant, abseits der Gefangenen dieses Stockwerks, die sie neben der „Tanzstange“ nicht mehr einsehen konnten. Nahe schmiegte sich Krueger an die Brust des Bären, spürte dessen Herzschlag. Es gab die unterschiedlichsten Methoden, um jemanden zu lesen. In welchen Situationen war jemand mit sich selbst in Einklang? Wann spürte er Anspannung, wann spiegelte er eine Erinnerung?
      „Ich kenne deine Geschichte“, brummte der Direktor, während er ins dichte Fell hinein sprach.
      „Sie kennen die Vergangenheit“, entgegnete der Bär, dessen unruhige Stimme nicht mehr zu seinen koordinierten Bewegungen passte. Ein weiteres Merkmal: Asymmetrisches Verhalten. Nach Außen hin konzentriert, der Herzschlag jedoch schneller. Nun hieß es nur noch: War es körperliche oder geistige Anstrengung? Krueger wusste es, dennoch ließ er sein Gegenüber nicht los. Sein Vertrauen war größer als seine Angst vor einer schmerzhaften Bärenumarmung.
      „Wer ist das Bindeglied zwischen deinem Heiland und mir?“, fragte der Direktor und ließ sich kurz in die Luft werfen, um sich von einem rotierenden Beck auffangen zu lassen. Ja, sein Vertrauen war durchaus vorhanden, auch wenn er nun durch die Gegend gewirbelt wurde. Wie umgedrehtes Capoeira. Sehr lässig. Jedenfalls hatte er die richtige Frage gestellt, zu sehr kompensierte sein Gegenüber seine Wut in immer wilderen Bewegungen. Es steckte viel Aggression in Beck, vieles, was sich über Jahre aufstaute. Doch es war wohl noch nicht die Zeit, sie zu entladen.
      „Können Sie etwas tun?“, fragte der Kodiakbär.
      Wer Vertrauen sät...nein, die Metapher war furchtbar, dachte der Direktor. Dennoch war ihm klar, dass ihm nun auch eine großgewachsene Kreatur vertraute. Das war einfach seine Stärke.
      „Klar!“, antwortete der Direktor lapidar.

      [woanders]


      „Sir, wir haben den Kontakt zu unseren Männern verloren.“
      Die Stimme des Boten klang nervös, deckte sich mit seinen Gefühlen, die er seit Eintritt in diesen prunkvollen Raum verspürte. Weit vor ihm stand ein Mann, kerzengerade in die Höhe gewachsen, die sichtbaren Hände hinterm Rücken verschränkt, aus dem gigantischen Fenster blickend. Wo er den Himmel sah, und Vögel, weites blau, einen Park, in dem Enten gefüttert wurden. Ja, hier war ein guter Platz, um das zu sehen, was schön war. Er drehte sich um und blickte den Boten mit einem Lächeln an.
      „Glaubst du, das sei eine Geschichte?“
      Er schritt ruhig auf den jungen Mann zu, der er nicht einmal ein kleines Rädchen verkörperte. Er liebte es nachzudenken, sich eine Welt auszumalen, die weit schöner war als das, was er hier zu sehen glaubte. Immerhin kannte er alles. Das Leben, die Armut, den Reichtum und den Tod.
      Er legte dem Überbringer der „Neuigkeiten“ seine behandschuhte Hand auf die Schulter und sah ihm in die Augen.
      „Dein Blick spricht Bände. Du fürchtest dich. Daher wiederhole ich meine Frage...“
      Er wandte sich kurz ab, da er wusste, dass zu langer Augenkontakt als unangenehm empfunden wurde. Dem Jüngling wollte er auch keine Angst einjagen. Dafür gab es hier zu vieles, was weit verstörender war als er selbst. Er lachte kurz.
      „Glaubst du, das sei eine Geschichte, eine, in der dem reichen, einsam in die weite Welt blickenden Mann eine missliebige Botschaft überbracht wird und der Überbringer der schlechten Nachricht seinem ungezügelten Temperament anheimfällt?“
      Er ließ diese lang formulierte Frage auf sein Gegenüber wirken, trank ein Schluck Wasser und kehrte zum Fenster zurück. Der Park war leer, die Enten zankten sich ums letzte Brot, das im Teich trieb. Wie er diese heile, falsche Welt verabscheute. Und doch mochte er sich stets fragen: War ihm eine falsche schöne Welt lieber als eine wahrhaft hässliche?
      „Junger Mann, wie findest du diesen Ort?“, fragte der einsam aus dem Fenster blickende Mann und bereitete sich innerlich auf die zu erwartende Antwort vor.
      „Sir, ich finde es hier wundervoll!“
      Als keine Antwort von der Fensterseite kam, blickte der junge Mann auf die geballten Fäuste, die sich unter den weißen Handschuhen des reichen Herren kein Stück bewegten.
      „Weißt du, dass eine Reaktion erwartbar sein muss, selbst wenn es keinerlei Anzeichen...“

      Da sackte der Bote plötzlich zusammen und lag ohne jegliche Regung auf dem polierten Boden.
      Ehe der verbliebene Mann seinen Satz beenden wollte, überlegte er kurz. Wem würde er jetzt die Pointe servieren können?
      „...dafür gibt.“

      Er ließ diese zwei trotzdem ausgesprochenen Worte im weiten Raum erklingen. Nein, das war ohne zuhörendes Publikum nicht das gleiche. Da stampfte er auf und ärgerte sich. In Wahrheit aber musste er ein lautes Lachen unterdrücken. Alles lief wie erwartet.

      Das war schön.
      Kapitel 16: Hasse mich oder nicht

      Ja, das war schön. Wirklich!
      Er wurde von seinem Boten mit 'Sir' angeredet, während dessen Stimme zitterte und jeden Moment zu brechen drohte. Diese Angst, die er im Raum spürte, sie war einfach ein erhabenes Gefühl. Zwar blickte er ihm nicht in die Augen, wo sicher noch mehr Spuren der Ehrfurcht zu entdecken waren, doch der Blick aus dem Fenster, hinaus in die friedliche Landschaft des Heiligen Landes, ja, auch diese Aussicht war von wahrhaftiger Schönheit. Der bildhaft denkende Mann entfernte sich vom Fenster, schritt unaufgeregt über den harten, glänzenden Untergrund und beugte sich zu dem Boten herunter, der reglos auf dem Boden lag.
      „Ich hatte auch mal dieses Gefühl gehabt.“
      Ob er seine Worte hörte, wusste der Mann nicht. Seufzend strich er sich durch sein blondes Haar.
      „Ich werde noch sentimental“, murmelte der Mann und spürte seine Bartstoppeln an seinem Handrücken, wie er sich übers Gesicht strich. Bis er eine Antwort von „ihm“ erhalten würde, musste er Zeit totschlagen. Seine Faust ballte sich unter seinem Handschuh, er näherte sich langsam dem Boten, der noch immer am Boden lag.
      „Totschlagen...“
      Er lockerte seine Faust und hielt die flache Hand in die Höhe.
      „Jetzt wäre es totschlagen“, seine Hand sauste von rechts nach links. Aufmerksam lauschte er dem Geräusch, als seine Hand durch die Luft fuhr. Er ballte wieder eine Faust.
      „Jeder würde bei einem Schlag doch eine flache Hand, einen brennenden roten Abdruck im Gesicht des Geschlagenen erwarten.“
      Er lockerte seine Faust. Dann lachte er kurz.
      Wollte er jetzt ein Leben nehmen, nur weil er ein gesprochenes Wort wörtlich nahm? Kurz überlegte er. Erneut blickte er ins zitternde Gesicht des Boten.
      „Bin ich wirklich so ein...?“
      Ihm fiel keine geeignete Bezeichnung ein, doch es gab durchaus einige, die ihm im Laufe der Jahrzehnte entgegnet wurden. Mit Inbrunst. Mit Verlangen. Mit Zorn und Abscheu, so vieles, was er an sich herankommen ließ, was er vehement leugnete. Erneut blickte er den Boten an, der sich langsam wieder aufrappelte.

      „Lass mich dir helfen.“
      Er streckte dem jungen Mann seine Hand entgegen. Dieser blickte auf, sah das freundlich lächelnde Gesicht des Mächtigen. Obwohl dessen gepflegtes Äußeres und der Tonfall seiner Stimme nichts anmerken ließ, fiel der Bote hinten über auf seinen Hintern, krabbelte instinktiv rückwärts Richtung Ausgang. Seine Angst war zu groß. Er wusste nicht, was es war. Doch sein Instinkt riet ihm zur Flucht. Er blickte den Wohlhabenden mit zitternden Augenlidern an.
      Nein, sein Instinkt riet nicht, es drängte. Es drängte, es zwang ihn zur Flucht.
      „Danke, es geht schon“, schrie er panisch auf, die geöffnete Flügeltüre hinter sich wähnend. Er wollte den Mann, zu dem er entsandt wurde, nicht aus den Augen verlieren, ihm nicht den Rücken zuwenden. Die Gesichtszüge des Verschmähten verkrampften nicht, so blieb er einfach stehen und beobachtete ruhig die Unruhe seines Boten, der er wohl nicht mehr lange sein Bote würde.

      „Ich verstehe deine Angst“, wiederholte der Mächtige mit anderen gewählten Worten und blickte schlussendlich in die mit Tränen gefüllten Augen des Boten. Er bekam beinahe Mitleid, als er die schiere Panik im Gesicht des Neulings sah. Kreidebleich kroch er noch immer in Richtung Ausgang, unfähig seine Gliedmaßen zu koordinieren und aufzustehen. Worte bekam er nicht mehr heraus, da er nicht einmal wusste, was er sagen sollte. Der Mächtige gab ihm nämlich gar keinen Anlass, um irgendeine Form von Unbehagen zu verspüren. Was er zu wissen glaubte, quatsch, er wusste schlichtweg gar nichts.
      Da knallte der Bote mit dem Kopf auf den Boden, mit weit aufgerissenen Augen, und Speichel, der ihm aus dem Mund lief. Seine Arme suchten mit letzter Kraft ihn irgendwie aufzurichten. Doch sein Rücken, sein ganzer Körper sackte in sich zusammen. Da lag er, unfähig mit geöffneten Augen das zu sehen, was sich vor ihm abspielte. Nämlich nichts.
      Der reiche Mann hielt sich die Hand vors Gesicht, wandte sich ab. Er wollte sich dieses letzte hilflose Aufbäumen des Körpers nicht mehr mit ansehen.
      Darum wartete er.
      So trommelte er auf der Lehne des Sofas, auf das er sich niedergelassen hatte. Erst spielten seine Finger auf schwarzem Leder, dann auf einem mit Daunen gefüllten Kissen. Natürlich hörte es sich grundverschieden an, drum lauschte er auch dieser Geräuschkulisse, merkte schließlich die Veränderung, die sich ihm offenbarte. Der Atem fehlte. Das Herz des Boten stellte seinen Dienst ein, entließ ihn mit grauenvoller Unsicherheit ins Jenseits.
      Der Mann blickte sich um, schloss die Tür. Als er den frischen Leichnam des Boten sah, tat er das, was er sich für einen solchen Augenblick ausgedacht hatte. Er öffnete sein Fenster, lehnte sich in den geschliffenen Rahmen, spürte den Wind in seinem Gesicht und lachte. Als hätte man ihm einen köstlichen Witz erzählt, als wäre ein Mann gestolpert und im hohen Bogen die Redline hinunter gestürzt. Er lachte laut, übte die abstraktesten Laute. Er atmete tief ein, hielt sich den aufgeblähten Bauch.
      Hoooo hooo hooo
      Er variierte, brillierte, hustete, seine Stimme hob sich, sie senkte sich. Sie quietschte. Er drehte sich um, sah den regungslosen Körper des Boten, den er unterdessen aufrecht aufs Sofa gesetzt hatte.
      „Ich lache dich nicht aus, mein Freund!“
      Er schloss das Fenster seines großen Palastzimmers und räusperte sich.
      „Ich weiß einfach nicht, was ich sonst machen soll...“

      Der Tote hatte für ihn keine Bedeutung mehr. Streng genommen hatte er nie eine gehabt. Er sollte ihm das sagen, was er hören wollte. Dass er ihre Begegnung nicht überleben würde...
      Er kratzte sich am Kinn.
      ...das passierte nicht zum ersten Mal. Er war eine durchaus einnehmende, ja, streitbare Persönlichkeit.
      Der reiche Mann ballte seine Fäuste. Dieses verdammte Leben, es kotzte ihn einfach an. Und gleichzeitig, ja, eigentlich liebte er sein Leben. Es passierte stets etwas Neues.

      Es musste erst etwas zerstört werden, bevor etwas Neues erschaffen werden konnte. Wie würde Krueger seine Botschaft aufnehmen?

      [Mary Joa – Büro]


      Sein Stuhl knarzte nicht mehr, nachdem er sich prüfend nach hinten lehnte. Ravehouse rieb sich die Stirn. Hatte sie sich etwa an seinem Platz zu schaffen gemacht, während er weg war? Nein, er wollte der Person, die er im Verdacht hatte, keine Vorwürfe machen. Trotzdem ertappte sich der alte Beamte dabei, die Schubladen neben seinem Schreibtisch genauer anzusehen. Er hauchte die metallenen Griffe an und sah...nichts. Selbst der Hinternabdruck auf seiner Stuhlauflage war der gleiche wie zuvor. Ein klassischer eins-A-ravehouse'scher Gesäßstempel. Man hätte ihn als Stempelkissen verkaufen können. Er hob das Kissen an und legte sein Ohr auf die Holzoberfläche seines Stuhls.
      „Hah!“, rief er laut aus und tanzte freudig um den Stuhl herum.
      „Bale!“, schrie er noch lauter – die Entenkämpfe hatten ihn ganz wuschig gemacht. Das spürte er in seinen alten Knochen. Das pure Leben, hervorgerufen durch eine Ente, die sich mit einer anderen, weniger hübschen Ente um Brotkrumen prügelte. Schnatternd mit Schnabel und kleinen flauschigen Flügeln.
      Das war schön.
      „Bale, bring mir Kaffee!“, krähte Ravehouse und polterte unruhig auf seinem Stuhl. Nun war er wieder in seinem Beamtenalltag gefangen. Doch er bereute es nicht, etwas Neues erschaffen zu haben. Zufrieden führte er schließlich die Tasse an seinen Mund und sprotzte sie seinem Gegenüber plötzlich ins Gesicht.

      naak naak naak

      „Die Ente...du hättest sie hören sollen“, flüsterte der alte Mann lachend und beobachtete, wie sich Bale das verbrannte, gerötete Gesicht hielt.
      „Zier dich nicht so“, entgegnete Ravehouse todernst und wandte sich wieder seiner Arbeit zu.
      Rache ist süß...beziehungsweise bitter, dachte er schmunzelnd.

      Niemand setzte sich auf seinen Stuhl. Niemand!

      Dann öffnete er eine Akte, betrachtete das angehängte Foto eines Mannes mit blonden Haaren und weißen Handschuhen, mit denen er sich durch eben selbiges Haar fuhr.
      „Was hast du bloß getan...“
      Alexander...
      Er wollte den Namen, den er da las, nicht aussprechen. Denn erstmals in dieser Woche bebte seine Stimme vor Wut.
      Kapitel 17: Blicke wie Arschtritte


      [vor einigen Jahren]


      „Wie können Siiiiie
      es waaaaaaaaagen?“

      Die dumpfen Laute der Wachen überschlugen sich vor Entsetzen und sie taten alles, um den Eindringling festzuhalten, während ihre zarten Stimmchen an den Wänden des Ganges widerhallten. Sie versuchten ihn durch ihre Sehschlitze zu erspähen, welche in ihre Rüstungen eingelassen waren. Doch nur wenige sahen ihn tatsächlich, zu groß war bereits der Haufen an Rittern, die sich polternd auf ihn gestürzt hatten. Es klapperte und schepperte als der Blechhaufen durch die Luft – und die in den Rüstung steckenden Männer – kreischend durch die Gegend geschleudert wurden.
      „Lasst mich“, entgegnete der Mann kurz angebunden. Er schrie nicht, doch im Vergleich zu ihnen allen würde seine Stimme ihre metallischen Uniformen rosten und sie darin elendig verrecken lassen. Was immer nötig war, um ihnen diese Vorstellung eines grausamen Todes vor den Einspruch zu stellen, der ihnen zu dem Zeitpunkt verwehrt blieb, an dem sie diese zwei Worte mit trockenen Kehlen vernahmen. Nicht wenige von ihnen waren froh, in einer Rüstung zu stecken, so sollte keiner die stinkende Schande sehen, die sich in ihrem jeweiligen Schritt abspielte.
      „A...“, eine der Wachen, die noch mit letzter Willenskraft einen Buchstaben ansetzte, wurde vom Eindringling angesehen. Kurz, ruckartig. Wie von Sinnen sah der zitternde Blechmann die blauen Augen des Mannes, der er ihnen allen bekannt war. Doch wer nicht angemeldet war, der war ein Eindringling. Selbst er, dessen nicht zitternde Augenlider der Wächter erblickte, auf wackligen Knien zu Boden gehend, und ihm schließlich hinterher blickte, selbst er war ein Eindringling.

      „Klopf klopf“, sagte der Mann und riss die Flügeltür auf – und aus ihren Scharnieren heraus. Da er die Gesetze der Physik kannte, ließ er sie zeitig los, sodass sie - ohne ihn - durch die Fenster im Flur krachten und irgendwo in Mary Joa – hoffentlich – einem Sklaventreiber in der Fresse landen würden. Der Mann lachte bei diesem Gedanken, lauschte den klirrenden Fensterscheiben, den berstenden Rahmen und den Stimmchen der Ritter, die vermutlich irgendwo weinend auf dem Boden kauerten. Doch sie sollten froh sein, dass er ihnen nur seelische Gewalt antat.
      Er trat ein.
      Er schnaubte.
      Dampf schoss ihm aus der Nase. Zumindest wäre das in dem Moment etwas, was er sich wünschte, um seine Gemütslage jedem ersichtlich zu machen. Mit hochrotem Kopf stand er in ihrer Halle, spürte einen frischen Windzug, der durch das neue Loch im Palast seinen zu Berge stehenden Rückenhaaren schmeichelte.

      „Ravehouse“, murmelte einer der Männer, die er aufzusuchen gedachte. Die Stimme des alten Mannes, der er noch älter als Ravehouse war, klang melodisch und freundlich, als würde bereits die Aussprache des Namen Ravehouse ein Loblied auf denselben anstimmen.
      „Wir freuen uns, dich zu sehen!“, fügte der alte Mann hinzu, der er mit seinem langen weißen Bart und seiner kerzengeraden Haltung wie auf Stelzen gehend auf ihn zu stackselte. Wäre er nicht wütend, würde er über diese abstruse Gangart lachen. Doch es war einfach, er war sehr wütend.
      „Reize mich nicht, Bob“, antwortete Ravehouse nun ruhig, doch sein Blick verriet den übrigen Vieren, dass es mit der Ruhe kein anhaltender Zustand sein würde.
      „Reiz mich nicht, Booob“, äffte der Bärtige ihn belustigt nach, um die Stimmung ein wenig aufzulockern. Die Mannen hinter ihm hielten sich vor Peinlichkeit die Hände vors Gesicht.
      Ravehouse blickte Bob ruhig an, danach trat er ihm gegen das hohe Bein, brachte ihn unter lautem Knacken seiner Kniescheibe zu Fall. Der Weise schrie vor Schmerz auf, hielt sich wimmernd seinen zertrümmerten Knochen.

      „Was...“
      „DU KENNST MICH!“, brüllte Ravehouse ihn ohne Zögern an und ließ den Weisen nicht einmal mehr dazu kommen, seine Frage zu stellen. Bob holte tief Luft, kniff die Augen zu und schwieg. Eine Träne kullerte über sein faltiges Gesicht, zu stark waren die Schmerzen, die er bis zu diesem Moment nicht mehr zu kennen glaubte.

      „Wir kennen dich“, sagte ein anderer Weise und schob sich seine Brille auf die Nase. Er ließ von seinem Blatt ab, das er gerade polierte, legte sein Katana auf dem Stuhl ab, auf dem er bis eben in aller Stille saß. Dann ging er auf Ravehouse zu und legte diesem in aller Ruhe seine Hand auf die Schulter.
      „Was möchtest Du uns mitteilen?“, fragte der Weise Al Gandhi und blickte den „Eindringling“ durch seine runden Gläser mit Fassung an. Gewalt war ein Weg, der bis zu Bobs Kniescheiben gegangen werden durfte, doch nicht weiter. Alles weitere würde für keinen hier Sinn ergeben.
      Ravehouse zitterte, er blickte dem vernünftigsten Weisen in die Augen, spürte dessen Aufgeschlossenheit ihm gegenüber. Immerhin war er für sie kein niemand, niemand, auf den sie von den Sternen aus herab blickten. Das konnten sie sich nicht erlauben. Das wussten sie – und er wusste, dass sie es wussten und akzeptierten. Mussten.

      „Bestraft Alexander Baelon!“

      Der Wind, der eben noch durchs offene Fenster pfiff, er stand plötzlich still. Das Funkeln in Al Gandhis Augen erlosch und er blickte Ravehouse mit zitternder Unterlippe an. Eine zweite Träne kullerte über Bobs Gesicht, der sich auf dem Boden hin und her wälzte. Etwas brach in ihnen. Der Wille, hier eine einvernehmliche Lösung zu finden, er schwand immer mehr und jeder wusste hier, was es bedeutete, diesem nicht mehr nacheifern zu können. Der Eifer, den eine so kurze wie plötzliche Begegnung unter zwölf Augen eben hervorbringen konnte. Zwölf Ohren, die so vieles hörten, das die Geschicke von allem zu lenken imstande war. Pläne und Ideen, Reden und Ideale.
      Sie alle standen still, nur noch das Scheppern der Blechrüstungen war zu hören.
      Die gedämpften Stimmchen wandelten sich in ungedämpfte, jämmerliche Laute der Palastwachen, die in vollgeschissener Unterwäsche aus den Gängen flohen, wohl wissend, was diese Stille bedeuten musste. Wohl ahnend von ihrem Überlebensinstinkt gesagt bekamen: Verschwindet. Rennt einfach davon.

      Innen im Raum der Weisen holte Al Gandhi tief Luft.
      „Wir werden Alexander nicht bestrafen!“

      Eine riesige weiße Kugel flog auf Ravehouse zu, der er mit schnellem Reflex zur Seite sprang. Danach knallte es und eine riesige Schicht aus weißem Flaum stäubte sich zwischen den Sprechenden auf, stieß den überraschten Al Gandhi von den Beinen. Er landete krachend neben Bob auf dem Boden, der ihn prompt mit gequältem Lächeln begrüßte. Böse funkelte Al Gandhi ihn an.
      „Das war kein guter Schuss“, flötete der dritte Weise, Ludwig, mit seiner Lockenpracht und ließ sein spezielles Perückenkugelgewehr sinken.
      Der Letzte unter ihnen beobachtete den vierten Weisen, Joseph, mit seinem markant feurigen Muttermal, der er begierig schnaubend seinen Sichelbart von der Nase schraubte und mit einer Nagelpfeile zu schleifen begann.
      „Das ist doch Irrsinn!“, brüllte der jüngste Weise. Seine Stimme bebte und entlockte Ravehouse ein erstauntes „oh“. Immerhin war Adam der Erste hier, der seine Sprache zu sprechen schien.
      „Müssen wir uns zwischen Alexander und ihm entscheiden?“
      Er warf sein Jackett auf das Sofa hinter ihm und krempelte sich die Hemdärmel nach oben.

      „Ganz gleich, wie wir entscheiden.“
      Ein Grinsen zierte sein vergleichsweise junges Gesicht.
      „Der gute Ravehouse muss Dampf ablassen.“

      Al Gandhi schüttelte den Kopf. Dieser verdammte Adam. DAS war Irrsinn!
      Kapitel 18: Ziemlich männlich
      Er rotzte unverblümt auf den Boden. Jetzt, ja jetzt war es auch egal.

      Platsch.

      Ein dröhnendes Geräusch pochte mit schnellen Schlägen in ihren haarigen Ohren, ihr Trommelfell war zum Zerreißen gespannt, doch zu ihrem Glück sollte ihnen jener grausame Schmerz erspart bleiben.

      Ba-dam.

      Nicht aber die gebrochenen Knochen in ihren Armen, die geprellten Rippen und schmerzhaften Schädelfrakturen. Jede Bewegung entlockte ein unangenehmes Knacken, Zähne schmerzten, strahlten auf die Gelenke aus, Schultern waren verrengt, was auf den Kopf ausstrahlte. - Gemengt mit den Gehirnerschütterungen und dem wallenden Gehirn eine gemeingefährliche Kombination des klassischen Auf-die-Zähne-beißens. Wenn da nicht die Zahnschmerzen wären - und so ging alles wieder von vorne los. Sie waren alt, und wenn nicht deshalb, dann spätestens jetzt an der Schwelle des Todes.

      „Das war ein...heidenspaß!“, flüsterte Al Gandhi und setzte sich auf den Boden neben seinen Stuhl. Laut atmend legte er sein Schwert auf diesem ab, woraufhin er krachend zusammenbrach. Verdutzt war er nicht, trotzdem zog er entgeistert eine Braue nach oben, als sein verausgabtes stählernes Blatt klirrend im Staub landete. So wie alles andere in diesem Raum, das wohl nur aus reiner Scheu noch nicht wie Putz von den Wänden gebröckelt war.

      „Wir brauchen einen neuen Tagungsraum!“, raunte Joseph und strich sich an die haarlose, ungewohnt glatte Stelle unter seiner Nase, wo vor wenigen Minuten noch ein weißer, mit Pomade bearbeiteter sichelförmiger Bart trohnte - und stets Tribut in Form von Essensresten einforderte. Er spitzte die Lippen und begann zu schielen, um die kahle Stelle böse anschauen zu können. Kurz darauf, sein Körper kannte den strengen Weisen wohl nur zu gut, wuchs ein neuer Bart in die für ihn typische halbmondförmige Ausgestaltung. Zufrieden holte der Weise einen kleinen Kamm aus seiner zerrissenen Anzugtasche und streichelte sein neues, bereits liebgewonnenes Barthaar.

      „Eure Meinung werdet Ihr nicht mehr ändern?“, fragte Ravehouse mit verschränkten Armen. Ein glänzendes Strahlen ging von seinem gestählten Oberkörper aus, augenscheinlich, um all diejenigen Vögel zu blenden, die unverhofft am Loch vorbeiflogen, in dem einst riesige Fenster - und eine tragende Wand - eingelassen waren, und aus Versehen den halbnackten Ravehouse erblickten, dessen Kleidung im flammenden Eifer seiner Wut verbrannt waren.

      Kreischend klatschten diese gegen die noch heile Wand - oder flogen blindlings in den Raum und verfingen sich in Ludwigs lockiger Haarpracht.

      Bob blickte Al Gandhi an, der er von allen Weisen fast keinen Schaden genommen hatte, und rollte sich danach wieder zusammen, um ungesehen in seinem Schmerz zu baden. Weshalb war er auch aufgestanden, um humpelnd an diesem Kampf teilzunehmen? Fünf gegen Einen. Letztlich einigte man sich auf ein Unentschieden, nachdem der erste Weise tatsächlich nicht mehr aufgestanden war - und nun ärztlich behandelt werden musste.

      Dieser törichte Tunichtgut, dachte Bob und schmunzelte über diese vorzügliche Alliteration.

      „Alexander wurde untersucht. Das ist einer der Gründe, weshalb wir unsere schützende Hand nicht von ihm nehmen werden!“

      Ravehouse blickte Al Gandhi an, der ruhig im Schneidersitz auf dem Boden saß und sich die Brillengläser am verdreckten Gewand zu reiben versuchte. Seine, und ihre Meinung war endgültig.

      Der in der Gegenwart kaffeetrinkende Beamte ballte die Fäuste, atmete jedoch auch tief ein und verließ schließlich ohne ein weiteres Wort den offenen Raum, in dem schließlich vier einigermaßen intakte Weise zurückblieben.

      „Der Mann ist topfit“, murmelte Bob anerkennend und blickte Ravehouse sehnsüchtig nach.

      „Sei ruhig“, bemerkte Al Gandhi, in dessen Stimme ein Seufzen Einzug hielt.
      Kapitel 19: Weitermachen!

      [kurz nach der Konfrontation der Fünf Weisen]
      Stille.

      Niemand war da, obwohl er hier um diese Zeit nicht zu erwarten war. Ein Tropfen Morgentau löste sich von einem Blatt, das mitsamt seinem Ast über dem kleinen Teich hing.

      Platsch.

      Sein geschärfter Blick folgte den winzig kleinen Wellen, die sich in Kreisen vom in die Wasseroberfläche eintretenden Tröpfchen entfernten. Selbst kleinste Dinge konnten etwas bewegen. Und er, mit seiner Kraft und seiner Erfahrung, er konnte es nicht.
      Ravehouse ballte die Faust, die Holzbank knarzte unter seiner angespannten Gesäßmuskulatur. Er war alleine an seinem Rückzugsort - und dennoch konnte er nicht innehalten. Er tobte innerlich.

      Nein.

      Risse zeichneten sich in den splitternden Holzlatten ab, auf denen er seit je her saß. Um zu ruhen, um sich vom Stress zu erholen. Weil das seiner Vorstellung vom alt werden so nahe wie möglich kam.
      Leider war es zu spät, um dieser einst romantischen Idee nachkommen zu können. Ein Pärchen im Park, das Hand in Hand dem idyllischen Fleckchen Natur lauschen konnte - dem Wind, der durch die hohen Baumkronen strich, den Vögeln, die sich badeten, Entenküken, die leise schnatternd in Reih und Glied ihrer Mutter folgten.
      Ein Pärchen im Park, das den Sonnenuntergang beobachtete, der hier oben in Mary Joa so nahe wie nirgends sonst den Himmel in abfallende Orangetöne eintauchte. Ravehouse legte seine flache Hand auf den leeren Platz neben sich.

      Nein.

      Er durfte sich nicht seiner Wut hingeben. Nicht an diesem Ort, nicht hier, wo er stets saß und ruhte. Nicht an diesem Ort, an dem er einst kniete - und innerlich betete.

      Ravehouse blickte auf seinen Oberkörper, der hier in der Helligkeit des Morgengrauens noch stärker zu strahlen schien. Er rieb sich über die tiefe Schnittwunde, spürte den brennenden Wundrand, seinen Herzschlag, der beinahe sein Ende fand.

      Nein.

      Er wäre heute ganz sicher nicht gestorben. Adams wahrgewordener Albtraum legte sich erstmals in aller Länge auf die Bank, blickte gen Himmel und hörte ein letztes Platschen, ehe er lächelnd einschlief.

      [in der Gegenwart - Impel Down]
      „Klar!“

      Beck traute seinen wuschigen Ohren kaum, als er sich Kruegers Antwort wieder und wieder durch den Kopf gehen ließ. Vermutlich war es nicht die schlechteste Idee, sich dem Direktor anzuvertrauen. Solage die anderen nicht erfuhren, was er dem Direktor eben erzählte.
      Der Kodiakbär zögerte und brummte, dann spitzte er die Ohren, während sich Schritte mehrerer Personen ankündigten. Man hatte sie gefunden.
      „Dass keiner diese Stange nutzt“, murmelte Krueger, blickte nach oben und schmiegte dann seine haarige Wange an das polierte Metall. Es roch nach Sadi-chan!

      „Ihnen geht es gut!“
      „Hurra!“

      Die Stimmen verrieten die Freude der Mitarbeiter, die sich in einer Traube aus Einheitlichkeit von einer Wendeltreppe aus den beiden Gestürzten näherten. Hinter ihnen, mit weniger Elan und vollgeschwitzter Stirn, näherte sich Magellan in schnellen Schritten, unter seinem linken Arm den dort eingeklemmten und - aus naheliegenden Gründen - weinenden Patienten, auf der anderen Seite ein Polster auf seiner rechten Handfläche balancierend, auf dem sein Klappstuhl in aller Anmut stand.

      „Endlich habe ich Sie gefunden!“, rief Magellan japsend und setzte sich auf das Polster, welches sein Klappstuhl zuvor durch seine hölzerne Wärme für einen guten Sitz vorbereitet hatte.
      „Hach!“, seufzte der ehemalige Direktor im Einklang mit sich selbst und streckte sich vor lauter Entspannung. Wortlos krachte der aus dem Achselgriff befreite Patient auf, wobei dessen Nase den Steinboden zuerst kennenlernte.

      „Was gibt es denn?“, fragte Krueger, der sich unlängst von der noch warmen Stange lösen konnte - und blickte in die Staubwolke, die durch das Gesicht des Patienten aufgewirbelt wurde.
      „Gehen wir am besten in Ihr Büro!“, erwiderte Magellan. Sein Blick traf den des Bären, worauf er sofort den Reißverschluss seines Sitzpolsters öffnete und den regungslosen Patienten darin verstaute.

      „Diskretion ist eine Tugend!“, sagte er und wandte den Blick vom Bären ab. Er ballte nervös die Faust. Beinahe hätte er vergessen, dass sich Beck und der Patient noch nicht begegnen durfen. Nicht bis sie wussten, was hier genau vor sich ging.

      Zum Glück hatte er heute nicht geduscht, sonst hätte er den Patienten nicht mithilfe seines berüchtigten Oberarmschultergiftes betäuben können - so nannte er es. Doch in Wahrheit war es bloß der bestialische Achselgestank, was allerdings niemals jemand herausfinden würde.

      Nein. Dieses finstere Geheimnis würde Magellan mit ins Grab nehmen.

      Mit dem dicht befüllten Polster in beiden Händen schritt Magellan neben Krueger zum Fahrstuhl, um sich schließlich im Büro mit diesem auszutauschen. Es war Zeit, ihr neu gewonnenes Wissen zu teilen.

      Jenes von Fes.
      Jenes von Beck.

      Sie mussten weitermachen!
      Kapitel 20: Vertraute Gerüche

      [vor einiger Zeit]

      „Schau auf das, was dich glücklich macht!“
      Die Stimme des Mannes zitterte, dann griff er das Ohr des Bären, zog ihn daran nach unten. Was diesen erst belustigte, immerhin war er viel größer und schwerer als sein Gegenüber, dieses hochmütige Gefühl wich der Überraschung. Mit solcher Kraft hatte er gar nicht mehr gerechnet, da wurde Beck bereits auf Augenhöhe heruntergerissen.
      Es schmerzte ihn, und es kribbelte, während er Mühen hatte nicht vornüber zu fallen und vor dem Mann zu Boden zu gehen. Jenem Mann, der ihn rettete. Er wollte ihm danken, doch das aus freien Stücken. An einem geeigneteren Moment. Nicht jetzt, nicht in dieser Hektik.
      „Hör mir zu“, wiederholte Becks Heiland zitternd, wie er den Griff am Ohr des Bären lockerte. Schließlich ließ er es los, um sich die Brust zu halten.
      Das Schlagen seines Herzens löste ein wahres Beben in seinem Körper aus. Das Gift hatte einen Arm bereits gelähmt, jegliche Bewegung, jegliches Gefühl war aus ihm gewichen. Er konnte sehen, in verschwommenen Formen sah er das plüschige Gesicht seines Freundes, der er der Begleiter eines jeden Kindes hätte sein können. Der er ein Tier war - und menschlich zugleich. Wie ein Mensch fühlte, Leid empfand, und Dankbarkeit. Ihm gegenüber. Becks Dankbarkeit war aufrichtig und er fühlte, dass es ihn bewegte.
      „Du bist zu gut für diesen Ort...“
      Tränen rannen ihn über die Wangen.
      „...ein Vorbild in Fesseln.“

      Dann fiel er vornüber, knallte mit dem Kopf auf den Boden und der gläserne Helm auf seinem Kopf zersprang in dutzende Teile. Blut rann über seinen Schädel, lief aus den frischen Wunden seines aufgeschlitzten Gesichtes.
      „Dieses Leben, diese Luft...“
      Er unterdrückte die letzten Atemzüge, die ihm verblieben. Er hasste die Eigenschaften dieses Landes. Seine Intoleranz, sein Größenwahn, seine schier unermessliche Grausamkeit. Diese Eigenschaften, sie waren zwar nicht greifbar, doch trotzdem glaubte er fest daran, dass diese bösartige Aura des Landes jene Luft verpestete, die sie alle atmen mussten. Er hustete, Blut rann aus seinem Mund. Luft, die er jetzt atmen musste.
      Beck blickte seinen Heiland an, griff dessen blutige Hand, griff in die Glasscherben, die sich noch in ihnen befanden. Doch es störte ihn nicht, störte nicht den Mann, der ihn durch einen trüben Schleier anblickte.

      „So...flauschig.“
      Noch ein letztes Mal spürte der Kodiakbär die schiere Kraft des Mannes, der er seine Pfote feste griff. Es schmerzte, zu überrumpelt war er von den verbliebenen Kräften eines sterbenden Mannes. Er biss auf die Zähne, ertrug den angenehmen Schmerz. Dann hörte er den lauten Herzschlag seines Freundes. Seine Ohren zitterten bei dem Geräusch. Der Schmerz ließ nach, der wiederkehrende Schlag, er blieb aus. Becks Herz pochte schneller denn je. Er wusste nicht, was er fühlte. Sein Körper war wie erstarrt.
      Der Bär blickte seinen adeligen Freund an.
      Die Farbe seiner ohnehin hellen Haut veränderte sich, die langen Haare fielen ihm aus, der braune feingetrimmte Bart verblich. Was war das für ein grausames Schicksal, selbst nach dem Tod von innen heraus...
      Ein zischendes Geräusch drang an sein Ohr, ein übler chemischer Geruch stieg ihm in die sensible Nase. Es vergingen einige Minuten, bis ein saurer Regen über das Heilige Land hereinbrach. Nun schreckte er auf, als der Geruch um ihn herum nahezu unerträglich wurde.

      Der Bär wandte sich jetzt endlich ab. Er konnte sich das nicht mehr ansehen. Wie die zersetzten Reste seines Freundes durch die Straßen geschwemmt wurden - das konnte er nicht.
      Langsam bewegte er seine Pfote, spürte den verbliebenen drückenden Schmerz. Dann tastete er sich an sein Ohr, das noch regelrecht zu brennen schien. Er genoss diese Schmerzen.

      Sie waren das letzte Gefühl, das Paul ihm mitgeben konnte. So durfte nur er ihn nennen, schließlich waren sie Freunde.

      Kein Weltaristokrat und kein Freigelassener.
      Sondern ein Mann und sein Tanzbär.

      *
      Beck stand mit seinem Tablett vor dem Tisch, an dem die Bediensteten ihre Fleischgrütze aßen.
      „Komm, setz dich!“, brüllten die Uniformierten unisono, wobei sie sich gegenseitig die beigen Hemden vollspuckten.

      Geistesabwesend schlenderte der Bär durch den kleinen Raum, ignorierte die frische warme Pampe, die sich in seinem Fell verteilte.
      Dr. Krueger vertraute ihm sein Leben an. Er hätte ihn einfach in den Tod stürzen lassen können. Doch der Mann freute sich über ihren gemeinsamen Fall.

      Und er, der Bär, er spürte den Schmerz, als sich der Direktor im Fallen enger an ihn gekrallt hatte. Das war...vertraut. Er roch auch gut.
      Beck blieb stehen.
      Drehte sich um und schritt nun mit klarem Blick auf die Bediensteten zu, ließ ihre schiefen, spuckenden Gesänge über sich ergehen. Dann aß auch er diese nahrhafte, leckere Fleischgrütze.

      Krueger war Krueger - nicht Paul. Trotzdem hatte er ein Stück der Wahrheit verdient.

      Zufrieden tupfte Beck sich mit einer Serviette den Mund ab und erntete für dieses Verhalten regen Applaus. Überrascht darüber blickte er auf und sah, dass seine Esskollegen kaum noch unter der Schicht Grütze zu erkennen waren. Beck knurrte.

      Er hasste Mary Joa aus tiefstem Herzen, doch dort konnten die Penner immerhin mit geschlossenem Mund essen.
      Kapitel 21: Pinseluhrwerk

      „Bleiben Sie ruhig sitzen“, sagte Dr. Krueger, während er unter lautem Keuchen seinen schweren unhandlichen Stuhl hinterm Schreibtisch hervorzog und neben Magellans Klappstuhl abzustellen versuchte. Dieser beobachtete seinen Vorgesetzten nur popelnd mit überschlagenen Beinen und einem beherzten Griff in Richtung Keksteller.

      „Ich möchte mit Ihnen auf Augenhöhe reden, es soll kein Blatt zwischen uns passen!“, murmelte der Direktor und legte seine Hände nun auf seinem Schoß ab. Magellan blickte diesen kauend an, dann zog er schließlich seinen kleinen Finger aus der Nase und räusperte sich verlegen.
      „Ich habe verstanden!“, entgegnete er.

      Die Stimmung in diesem Raum war irgendwie anders. Der Direktor war zwar schon immer verbissen, in seine Arbeit vertieft, ganz anders in seiner Amtsführung. Doch er war nie verkrampft.
      Körperlich kam er bereits an seine Grenzen, als er die ganzen Streitäxte von der Wand nahm, um dieses neue Direktorenbüro nach seinen Vorstellungen zu gestalten. Doch eine mentale Verkrampfung, zögerliches Hadern? Das erlebte er bei Dr. Ryan Jay Krueger so gut wie nie. Der Mann war ein geistiges Uhrwerk, jede gedankliche Pause machte er zwischen den Sekunden. Er stand niemals still, schlief beizeiten auf seinem Schreibtisch – zugedeckt mit den Papieren, die er tagsüber so schnell beschrieb, sodass sie ihn nachts noch durch die verbliebene Reibung wärmen konnten. Genauso malte sich Magellan seinen Vorgesetzten aus.

      „Beck hat nachgegeben“, sagte Krueger nun. Seine Stimme klang nachdenklich, die Worte waren langsam, geradezu bedächtig ausgesprochen worden. Er legte die Hände aufeinander, übte Druck aus, spürte die angenehme Spannung.
      „Ich gehe davon aus, dass ich eine Erinnerung in ihm geweckt habe.“ Er legte eine kurze Pause ein.
      „Sie kennen sicher Mr. Ravehouse?“

      Magellans Magen begann zu grummeln, als er sich an eine ihrer letzten Begegnungen erinnerte.
      „Es war ein...flüchtiges Treffen“, sagte der großgewachsene ehemalige Direktor kleinlaut. Er blickte in die Ecke des Raumes, in der früher noch eine kleine begehbare Toilette stand. Wo jetzt ein Bücherregal die Wand zierte, stand dort der alte Beamte, der ihn anflehte, sein Direktorenamt nicht aufzugeben. Krueger blickte den abwesend wirkenden Magellan an und seufzte.
      „Er mag Psychiater nicht...besonders“, Krueger zuckte. Es fiel ihm schwer fortzufahren, weshalb er ein Schluck Wasser zu sich nahm.
      „Aus dem Grund habe ich eine Kontaktperson in seinem Büro, die mir ohne Nachfragen Informationen übermittelt.“ Nun wartete er.
      Er wartete auf Magellans Reaktion, die wütend, die enttäuscht sein konnte. Genau konnte er es nicht vorhersagen, da es für den ehemaligen Direktor nur zu klar war, welche Privilegien sie in diesem Amt genossen. Dass Krueger die Amtswege missachtete...

      „Ist es ein ernstes Problem?“, fragte Magellan schmatzend.

      „Wie...?“

      Verdattert starrte Krueger den kekseessenden Gesprächspartner an. Die Stimme des Giftmenschen war völlig ruhig, ein Vorwurf war gar nicht herauszuhören. Damit hatte er nicht gerechnet.
      Mit offen stehendem Mund blickte der Direktor den Uniformierten an, der ihm nun schmunzelnd einen halben Keks in den Rachen zu werfen versuchte.

      „Sie denken anders als ich“, sagte Magellan und blickte gelassen den würgenden Krueger an. „Vermutlich können Sie effektiver arbeiten, sobald Sie alles nach eigenen Regeln machen.“ Der Direktor kniete sich vor seinen Stuhl und hob das krampfhaft ausgespuckte Keksstückchen mit einem Taschentuch auf.
      „Sie vertrauen mir?“ Seine Verdatterung oder wie immer er dieses Gefühl der Überraschung nennen wollte, es war alles schlagartig verschwunden. Er blickte Magellan mit ernster Miene an.
      „Sie sind der Direktor. Sie sind Dr. Ryan Jay Krueger!“
      Er stand von seinem Klappstuhl auf und zuckte nicht einmal mit der Wimper, nachdem der hinter ihm auf dem Boden krachte. Es schien ihm so ernst wie nie zu sein.
      „Ich vertraue Ihnen, Dr. Krueger!“

      Das Augenlid des Direktors zuckte kurz. Das kurze Unbehagen wich jedoch dem Fortschritt, den er in seinen Gedanken zurecht gelegt hatte.
      „Unsere drei Angreifer sind der ehemalige Sklave Beck Sanbroufth, Percival Ruthers, ein naher Vertrauter von Don Pizzi und unser Karatefreund...“, Kruegers Stimme blieb nicht so ruhig wie sonst, während er es aussprach.
      Magellan stockte der Atem.
      Pizzi war schon ein abartig großer Fisch, doch der Karatemann Harlem, er blickte Dr. Krueger an, der er nicht so geschockt war wie Magellan. War es der Trotz oder das wohlige Gefühl, wenn ihnen beiden unbehaglich war, er konnte es selber nicht mehr halten. Die Worte.

      „Fes war hier, mit einer Nachricht für Sie!“

      „Wie?“

      Magellan erwartete ein Zittern, eine Gesichtsentgleisung. Ein Zögern des Uhrwerks namens Krueger. Doch er erhielt eine viel verwirrende Reaktion. Ruhig setzte sich Krueger auf die Tischplatte, baumelte mit den Beinen hin und her, biss in den letzten Keks, der auf dem Teller lag – und schmunzelte erfreut.

      „Das ist sehr gut!“

      Krueger reckte die Faust in die Höhe. Sein gedankliches Uhrwerk übersprang die übliche Rhythmik, alles ging viel schneller als sonst.

      Also war der Angriff aufs Impel Down doch nur eine Botschaft an mich. Die drei Angreifer haben gar nichts miteinander zu tun, trotzdem wurden sie dazu bewegt, diesen Auftrag gemeinsam anzunehmen: Sie sollten jemanden umbringen, der sich in diesem Gefängnis befindet.

      Aus Kruegers Schmunzeln wurde ein sicheres Lächeln.

      Er sagt mir, dass er Einfluss hat. Dass er Einfluss auf die verschiedensten Personen hat. Ganz gleich, in welchen Kreisen sie verkehren.

      „Das ist deine Botschaft, nicht wahr?“, sprach der Direktor seine Gedanken nun laut aus.
      „Wie meinen?“, fragte Magellan noch irritierter als zuvor.

      „Das Impel Down ist hunderte Jahre alt, beherbergt so einige Geheimnisse, die uns Direktoren gar nicht bekannt sein dürfen.“
      Der jetzige Direktor sprang vom Schreibtisch auf und legte Magellan seine Hand auf die Schulter.
      „Beck hat mir gesagt, dass Sie einen gewissen Havide D. Rennessey umbringen sollen!“

      Kruegers Blick war wieder so typisch...Krueger.
      Magellan wusste nicht genau, was an ihm vertrauenswürdig war, doch er hatte kein schlechtes Gefühl dabei, ihm zu folgen.
      „Wer ist das?“, fragte er ruhig.
      War diese Situation unbehaglich? Magellan zuckte.
      Ein wenig.

      Doch Krueger schien in seinem Element aufzugehen. Er klatschte erfreut in die Hände.
      „Es gibt keinen Gefangenen, der so heißt!“ Er wollte nicht in Ekstase verfallen, obwohl seine wichtigste Entscheidung der letzten Jahre eine richtige wahr.

      Zum Glück war er der Direktor. Und nicht dieser...Einfaltspinsel, der ihnen die drei Angreifer schickte.
      „Es gibt keinen Havide D. Rennessey“, wiederholte Krueger die Irreführung der Drei, die in ihren Einzelzellen – oder bei sabbernden Bediensteten saßen.

      „Ich werde Ihnen jede Frage beantworten, die Sie haben, doch bitte sagen Sie mir, was der gute Fes mir mitzuteilen hat!“, sagte Krueger nun ruhig – und voller Gelassenheit.

      Denn er ahnte, worauf es hinauslaufen würde. Er wusste vieles über das Impel Down, das war einer der Gründe, weshalb er diesen Posten annahm.

      Damit er ihn nicht bekam. Dieser Einfaltspinsel!
      Kapitel 22: Gebrauchter Schlaf

      Endlich wirst du mich übertreffen…

      Der Mann legte seinen Kopf auf die Theke, lauschte den johlenden Gesängen. Er war so müde, obwohl um ihn herum das Leben erblühte. Männer tanzten auf den Tischen, fielen von ihnen herunter, hinein in eine Traube aus lachenden Freunden, die sie nun alle gemeinsam in einer Lache aus Schnaps und ausgespucktem Kautabak lagen. Diese Blüte. Die furchtbar stank und deshalb so einprägsam war.
      Normalerweise würde er es ihnen gleich tun, denn der Anlass zur Freude war kein geringer. Er war zurückgekehrt – und deswegen gab es Freibier. Jetzt saß er da, abseits vom losen Mundwerk und den Hymnen, die sie auf ihn sangen.
      „Oh wie schön, dass du noch lebst…“, weiter vermochte er die freundlich vorgetragenen Zeilen nicht zu ergänzen. Er wollte schlafen und mit einem neuen Gefühl erwachen. Mit einem Lächeln.
      Besorgt schaute Alice ihn an. Er wollte nicht reden, nicht erzählen, was er erlebt hatte. Das war seine Art und vermutlich würde es sie auch nur verstören. Doch sie wusste, dass etwas an ihm zehrte. Das war auch nicht weiter verwunderlich. Ehe sie ihre Gedanken weiter fassen konnte, riss sie eine Stimme aus ihrem nachdenklichen Gesichtsausdruck. Sofort setzte sie ein Lächeln auf und wandte sich der ruhigen Person zu.
      „Was möchten Sie denn?“, fragte sie routiniert interessiert.
      „Ich möchte gerne bezahlen“, antwortete der Mann und zog einen Schein aus seiner unbefleckten weißen Hosentasche. Das war ungewöhnlich, wo doch die Luft durch wohlartikulierte Sabberlaute, wallende Bierrülpser und zischende Tabascofürze einen wässrigen Schleier über das Taverneninnere gelegt hatte – und jedem das letzte bisschen verschwommene Sicht zu rauben drohte. Das alles interessierte den Mann gar nicht. Stattdessen blickte er lediglich ihre Hand an, die den zerknitterten Schein aus der seinigen nahm.
      „Der ganze Abend geht auf mich!“, sagte er, und sie merkte die Zurückhaltung in seiner leiser werdenden Stimme. Niemand drehte sich zu ihnen, niemand prostete ihm aus Dankbarkeit zu. Das war die fehlende Reaktion, die er am liebsten mochte. Denn es wäre nur unnötiges Unbehagen, das ihm so fern lag wie das schale Bier, das angefangen und einsam sein Dasein fristete. Kurz blickte er es an, sog den Geruch ein. Dann schüttelte er sich kurz und wandte sich wieder lächelnd der Bedienung zu.
      „Bier ist nicht so meins“, flüsterte er und kratzte sich verlegen am Kopf.
      „Und die große Bühne“, ergänzte sie verschmitzt und blickte an ihm vorbei auf die Männer, die sich zu einer verschwitzten Pyramide aufstapelten. Der Mann blickte auf die zitternden Arme, die ihren Halt auf dem klebrigen Untergrund zu verlieren drohten. Das menschliche Fundament drohte jeden Moment nachzugeben. Bereits nach einer halben Minute drohte der Spaß im wahrsten Sinne zu kippen, bevor die vierte Reihe mit den kleinsten Männern unter ihnen aufgebaut werden konnte. Er lächelte Alice zu, dann schritt er am einsamen schlafenden Mann vorbei und legte ihm zum Abschied die Hand auf die Schulter.
      „Genieß die Nacht, du hast genug getan.“
      Dann öffnete er die Tür, spürte den eisigen Windzug, der sich über seinen gestählten Oberkörper legte. Seine kalten Brustwarzen durchstießen sein dünnes graues Hemd, was zu seiner Erleichterung keiner mehr sah.
      Er trat in die eisige Nacht hinaus, zog sich mit seinem linken Fuß den rechten Schuh aus und schleuderte ihn hinfort. Als er nach dem zweiten Mal barfuß im Schnee stand, riss er sich das Oberteil vom Körper und genoss die Kälte. Er zitterte nicht einmal mehr, da er nicht frieren wollte.
      Darum ging er gelassen in die Nacht hinein, spürte das Kraftwerk seines Körpers, wie es ihn aufheizte und einheizte, wie es für ihn arbeitete. Er fühlte sich lebendig. Nicht durch Gesang und Getränke, die sein Innerstes in Brand versetzen konnten. Nicht durch die Gesellschaft einer freundlichen Dame oder zwei guten Freunden, die jeweils eine Schulter zum menschlichen Pyramidenbau anboten. Das war eine Welt, die er sah, jedoch nicht erlebte.
      Es war seine eigene Welt, die durch seinen eigenen Eifer Gestalt und Form annahm. Bald wollte er die nächsten Grenzen überschreiten und das menschenunmögliche möglich machen. Er konnte es, er glaubte an sich, an seinen Körper, der voller Energie steckte. Der erst nachgeben würde, sobald sein Leben endete. Sonst würde ihn nichts aufhalten.
      Er lächelte, es sah zwar keiner, doch er spürte seine angestrengten Mundwinkel, das, was andere als Anzeichen für ein wohliges Gefühl wahrnahmen, was er selbst im Spiegel als solches wahrnahm. Er strich sich über den Mundwinkel, freute sich innerlich. Manchmal war es gut zu wissen, was einem Glück bescherte.
      Danach sprang er nach vorne und es würde einige Sekunden dauern, ehe er irgendwo im Bergtal aufprallen würde. Wo immer es sein würde, dort würde er die Nacht verbringen. Denn auch ihn überkam eine leichte Müdigkeit. Mit leichter Wehmut dachte er an die letzten Stunden. Das war ein freudiges Ereignis, das er immer noch in seiner erstaunlichen Lautstärke zu hören imstande war. Dann prallte er mitsamt seinem Körper auf, doch ehe ihn der laute Knall wecken konnte, war er bereits friedlich eingeschlafen. Immerhin war es ein langer Tag, der in Williams Rückkehr gipfelte.
      Gipfelte. Hier in den Bergen. Dieses Wortspiel war bereits Teil seiner lebhaften Traumwelt, sodass ein Lächeln sein schlafendes Gesicht zierte. Das war schön!

      WMD #1

      Erzähler: Endlich wurde die Bestie aus ihrem Käfig gelassen!

      Gelassen klopfte sich der Erzähler über seinen feinen roten Mantel und rückte seine Brille auf die Nasenspitze. Das Erscheinungsbild des vor dem Kaminfeuer im Ohrensessel sitzenden Erzählers mit ruhig melodischer Stimme und einer gewissen Süffisanz in der Kunst der thematischen Überleitung war ihm nachempfunden worden. Zu lange, über zehn Kapitel und einen Prolog, wurde er vernachlässigt. Zu lange wurde er vor der Außenwelt versteckt gehalten.
      Erzähler: Wer spricht da bitte? Ich bin jedenfalls wieder da!
      Vollzugsbeamter: Ihre Nacht in der Ausnüchterungszelle ist vorbei. Es ist zehn Uhr und Sie dürfen jetzt gehen.
      Erzähler: Die Bestie wurde letztendlich...
      [er wandte sich in Richtung des Bildschirms, den die Lesenden soeben betrachten]
      ...auf freien Fuß gesetzt!
      Beamter: Gehen Sie jetzt bitte!

      [einen Tag später]
      Erzähler: Herzlich Willkommen zum World-Military-Draft. Mein Name ist Ernst und ich führe Sie alle durch diese Veranstaltung. *flüstert* Nachdem die Konkurrenz im Moderatorencasting nicht erschienen ist...
      Die Menge tobte in den Rängen der Einwegarena als sie hinter dem legitimen Moderator die drei Jurymitglieder erblickten, die sich winkend und nickend den Zuschauern zuwandten.
      Erzähler: *flüstert nicht – schreit sich in Rage* WIR SUCHEN EINEN NEUEN ADMIRAL!!
      Die Menge tobte, indem sie laut schrie, nicht wie vorher, als sie schreiend durch die Ränge sprang und die ersten Verletzten zu beklagen waren.
      Erzähler: *sich nicht beruhigend* Dafür stelle ich Ihnen nun die ehrenwerte Jury vor, bestehend aus Mitgliedern der Marine, der Weltregierung und dem Impel Down.

      WUHU

      Eine sich schließende metallene Kuppel der Vegapunk'schen Einwegarena hüllte die Arena in Dunkelheit. Doch ehe die Zuschauer in Panik gerieten, wurden Scheinwerfer angeworfen, worauf sich die Jurymitglieder überrascht die Hände vor die Augen schlugen. Nach einigen Sekunden, die der Moderator wartete, um die Jury den Schreck verdauen zu lassen, zeigte er auf den Mann, der Linksaußen auf einem gelben Marmorsessel saß.
      Erzähler: Der großartige, der Mann mit dem Durchblick: Borsalino!!!
      WUHU YEAH DADDY
      Borsalino: Ui, mein Stuhl dreht sich gar nicht. Das finde ich super, maaan!
      Erzähler: Der ekstatische, unbeherrschte und durchtriebene Raaaaavehouse!!!!
      WUHU-HU YAY-YEAH DADDY-OH PUNK IS DAAAD
      Ravehouse: Ja.
      Erzähler: Hannyabal.
      *Grillenzirpen*
      Hannyabal: Warum sitze ich in einem Wok?

      Während der Erzähler sich von der Jury abwandte und zu einem riesigen schwarzen Tuch ging, Jurymitglied #3 aus seinem Stuhl glitschte und krachend Einwegarenastaub aufwirbelte, skandierte das Publikum frenetisch DRAFT DRAFT DRAFT

      Es dauerte, denn Ernst der Erzähler – der sich eben wieder misstrauisch naserümpfend in Richtung der Stimme (aus dem off) wandte – kostete die Blicke der surrenden Teleschnecken und der hübschen Frauen im Rund aus, bis er schließlich das schwarze Tuch unter einer von Borsalino stimmlich unterlegten 'La Ohhhhla'-Welle hinunterzog und einen darunter befindlichen Käfig freilegte. Hannyabal, der am Boden lag, hob die Arme, worauf er von Ravehouse argwöhnisch beäugt wurde.
      Ravehouse: 'La-Ola'-Wellen werden ausschließlich im Stehen oder Sitzen begleitet, nicht im Liegen.
      Hannyabal: *träumend* Irgendwann werde ich Leiter dieser Jury!
      Danach hievte er sich zurück in seine Wokschale, nachdem er seine Hosentaschen mit Sand füllte, um nicht erneut herauszuflitschen.
      Borsalino, die Füße auf dem Tisch liegenhabend, beobachtete die Kandidaten, die ausgehungert und zitternd den Käfig verließen.
      Borsalino: Das mit dem Überlebenstraining war doch nur ein Scherz, oder?
      Ravehouse: Ich finde es erheiternd.
      Hannyabal: Ich sehe nichts!

      Ernst legte dem ersten Kandidaten, Morgan, seine Hand auf die ausgemergelte Statur und hielt ihm seinen Flachmann hin.
      Erzähler: Sie sind einer von...
      Er schaute sich um.
      Erzähler: …drei Überlebenden. Was qualifiziert Sie noch zum Admiralposten?
      Morgan: *glucksend* Tagelang wurden wir wie Tiere gefangengehalten. Was passiert hier eigentlich?
      Borsalino: Wir suchen jemanden für unsere Doppelkopfrunde!
      Ravehouse: Das, und einen neuen Admiral.
      Hannyabal: Ich fühle mich überga
      Erzähler: Und wer sind Sie? *ignoriert den traumatisiert schluchzenden Morgan*
      Iss??: Man sagte mir, das sei die Klinik für Glücksspielsucht.
      Borsalino: Das war doch nur ein Scherz, maaan!
      Hannyabal: Wie reagiert eigentlich das Publikum auf diese Unmenschl
      Ravehouse: Admiral zu sein, das ist ein Job für echte Typen!
      Borsalino: Oh ja!
      ???ho: Ich mach's.
      Borsalino: Und was ist mit Doppelkopf?
      Sie blickten auf die Narbe, die sich über das Gesicht des Schwarzhaarigen zog.
      I??h?: Ich mag euren Humor!

      Erzähler: Wollen Sie wissen, wer der neue Admiral wird? Wollen Sie wissen, wie das Publikum reagiert, nachdem sie erfahren würden, dass diese Arena gleich per Selbstzerstörung Platz für einen Park schaffen sollte?

      Erneut wandte sich der trockene Moderator den Leuten zu, die dies hier lasen.

      Erzähler: Dann freue ich mich auf eine neue Ausgabe von WMD.

      [Die Scheinwerfer gingen aus]

      [Die Arena explodierte]

      [Es wurden keine Tiere verletzt]

      [Ein Wok wurde gebraucht verkauft]

      [Hannyabal fiel keine Arena auf den Kopf]

      [Borsalino bekam einen Stuhl mit Rollen und einen Nagelknipser geschenkt]

      [Den Stuhl ließ er umtauschen]

      [Ernst sang zusammen mit Ravehouse und Sakazuki die neue Marinehymne]

      [das letzte Wort, geäußert in einer zu verinnerlichenden moralischen Lehre wurde Hannyabal gewid

      Auf Wolke 27 #2

      Klank. Da brannten die Scheinwerfer. Alles gehörte zur Show. Sagten sie. Zählten ihr Geld und die Menge schrie. Macht die Tür endlich zu, denn ich hör‘ sie noch immer, drei, vier und fünf. Er zählte immer weiter. Sechs, sieben, acht. Acht Haufen an Scheinen, hinter denen er sich versteckte. Guck her, niemand sieht mich. So reich war er geworden.
      Klank. Da brannten die Vorhänge. Alles gehörte zur Show. Und wenn nicht. Ja, wenn nicht, war es ihnen auch egal. Während seine Anzugtypen hinten zählten und lachten, bei der Zahl acht ankamen, war es für ihn die Acht, auf die es ankam.

      Oh yeah!

      Da stand er auf der Bühne und achtete auf die schreienden Massen, die vor ihm in hellster Aufregung waren. So hell, wie es durch seine dunklen Gläser zu sehen war. Seine Show war das Größte, was sie je gesehen hatten. Lichteffekte, der Groove in seinen Bewegungen – die Freiheit, die er sich auf der großen Bühne nahm. War er ein Gefangener ohne Rechte, so war er hier auf der Bühne frei zu singen, nach Lust und Laune, frei in den Schritten, die er nahm. Von rechts nach links, im Sprung und Dreh. Niemand schrieb ihm vor, was er tat, solange er es tat. Das, was er seit je her konnte. Die Massen begeistern. Selbst die Höchsten in ihren Gläsern tanzten, vergaßen ihren Stand. Sie waren wie elektrifiziert. Als hätten sie einen Zug genommen - und in höchste Höhen entschwebt. Höher, als sie sich ohnehin schon sahen. So hoch, dass sie allen neben sich auf gleicher Höhe begegneten. Zu hoch, um es zu begreifen. Er war wie eine Droge, die keiner konsumierte und gleichzeitig jeder spürte. Die Geburt spielte keine Rolle mehr. Wer in ein hohes Adelshaus hineinkam, entschied der Zufall. Es war keine Leistung, etwas, was sie stets verleugneten. Himmelsdrachen und Nicht-Himmelsdrachen tanzten zusammen, da sie alle auf einer Wolke schwebten.

      Klank. Hinter ihm ging die Kulisse in Flammen auf und er ließ das Mikro fallen. Zurück ging es in sein Leben, die Show war vorbei, das Wölkchen zerstoben. Er war zu gut für diese Welt. Diese Welt über den Wolken, die er auf ein noch höheres Niveau zu heben imstande war. Doch dieser kurze Zauber durfte nicht anhalten. Er richtete sich den Kragen seiner Lederjacke und stapfte von der brennenden Bühne. Zauber, der ewig wirkt, ist Normalität.

      Das durfte nicht sein. Das konnte er nicht verantworten, solange er den Menschen Freude machen wollte. Was um ihn herum passiert, war schon lange kein Maßstab mehr. Die einen erfreuten sich am Geld, das er ihnen brachte, die anderen erfreuten sich am Zusammenleben, das sie erstmals in Ekstase spürten. Nur dann, nur kurz.

      Er war müde. Brauchte den Schlaf. Brauchte die Kraft, um weiterzumachen. Bald auch auf der größten Bühne. Denn das, was er hier im Heiligen Land erlebte – es war nicht genug. Ein Glück waren die Menschen gierig. Sehnten sich nach mehr.

      Eines Tages würde er dieses Heilige Land verlassen. Weil er zu gut war, um nur hier zu singen. Oder weil das Schicksal es so wollte. Es wollte keinen Schein in Ketten sehen. Er war keine Illusion. Doch das sollte er erst noch herausfinden.

      Oh yeah!

      - Für Lemon

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    • Kapitel 23: Bereue nichts!

      [wieder in der Gegenwart - Impel Down]

      Seine selbstauferlegte Trainingseinheit war vorbei und mit einem leichten Seufzer machte er nun eine kleine Erholungspause, legte sich hin. Seine Fersen waren dabei das einzige, das den harten hölzernen Untergrund seiner Pritsche noch berührte. Ansonsten lag er wie ein Brett in der Luft und starrte an die Decke. Das Brennen seiner Füße, seiner Beine, seiner Wirbelsäule, alles, was er beim ersten Versuch dieser sehr eigenen Liegeweise verspürte, so unerträglich es war, glich es nach Jahren der Übung nur noch einem sanften Kribbeln. Sein ganzer Körper erschien stahlhart und doch konnte er das Heben und Senken seines Brustkorbes ohne jegliche Anstrengung wahrnehmen. Er starrte mit müden Augen an die Decke. Diese hohe, weite Decke, die seiner Zelle eine beeindruckende Größe verlieh, konnte nicht darüber hinwegtäuschen, dass er sich eingeengt fühlte. Er brauchte den Freiraum, den er erkunden konnte. Mal in einer Woche, mal in wenigen Sekunden. Wenn ihn seine menschlichen Grenzen nicht davon abhalten würden, so könnte er von Insel zu Insel, von Berg zu Berg springen, - und alles erleben, was ihm innerhalb von Sekundenbruchteilen schier endlos viele Eindrücke seiner Umgebung vermittelte.
      Doch hier, in diesen engen Gemäuern, fühlte er sich sichtlich unbehaglich. Nervös überkreuzte er seine Beine, sodass nur noch eine Ferse auf der ungemütlichen Schlafgelegenheit ruhte. Sein Blick fiel auf die Wand. Harlem blickte auf seine kribbelnde Faust. Er liebte den Freiraum zum leben, zu tun, was immer ihm gefiel. Die Verlockung war nicht groß, sie war schlichtweg da. Eine Überlegung: Ein Schlag seinerseits - und die Wand, die seine Gefängniszelle vom Meer trennte, würde von den eindringenden Wassermassen in Stücke gerissen werden. Die Folgen wären verheerend und er ein freier Mann. Der Karatefreund lächelte still in sich hinein. Mit einem Moment würde sich seine Lage ändern und aus einem engen Raum würde ein schier endloser werden. Ein Schlag und alles würde letztlich verschwinden. Sein Grinsen wandelte sich in ein Lachen.
      Wie Will, es wär' genauso wie bei Will.
      Zumindest nahm er das an.
      Harlem blickte zur Wand und so mancher Gedanke raste ihm durch den Kopf. Diese sinnlose Zerstörung, er konnte es nicht leugnen, sie hatte einen unheimlich belebenden Reiz. Solange er nachher gut schlafen würde, war ihm klar, dass er mit sich selbst im Reinen war.

      [bei Krueger & Magellan]

      Die Reaktion des Dr. Ryan Jay Krueger war zu vorhersehbar. Zu einsehbar für alle, die ihn kannten, die wussten, wer er jetzt war. Magellan blickte ihn ungläubig an, nachdem er Level Sieben soeben in ihrem Gespräch erwähnte. Er tat es so behutsam wie möglich, womit er den gleichen Fehler wie jeder andere Mensch beging. Denn auch er gehörte zu denen, die Krueger zu kennen glaubten. Und mit dieser Einschätzung grandios scheiterten.
      Der Direktor räusperte sich, nachdem er kurz zuvor aufhörte, auf dem Tisch zu tanzen. Er hatte die Krawatte gelockert, die er sich zu dem Anlass um die Stirn gebunden hatte und verstaute sie wieder in der Tasche seines Kittels. Nachdem er schließlich vom Tisch gehüpft war, richtete er sich den Hemdkragen, strich sich durchs graue Haar und räusperte sich noch ein zweites Mal.
      „Fes war also hier?“, fragte er mit solcher Monotonie in seiner Stimme, dass jeder, der die zwanzig Sekunden zuvor nicht sah, denken mochte, dass er sich selbst ein Beruhigungsmittel gespritzt hätte.
      „Ja“, entgegnete Magellan gleichermaßen ernüchtert wie erschrocken. Er rieb sich die Augen und hustete kurz vor Nervosität, da er einfach nicht glauben wollte, was er soeben sah. Im nächsten Augenblick saß Krueger wieder in normaler Haltung neben ihm und legte seinen Kopf in die ineinander verschränkten Hände.
      „Sehr interessant!“, murmelte er.
      Magellan nickte zustimmend, da er nicht wusste, ob er seinen Vorgesetzten nach seinen Tanzschritten fragen sollte. Immerhin waren sie sehr gut. Und die Thematik darauf zu lenken, war sicherlich sehr unprofessionell.

      „Fes und mich verbindet eine tiefgreifende Geschichte!“, erklärte Krueger und legte Magellan seine Hand auf die Schulter, wofür er sich auf seinen Stuhl stellte.
      Magellan zuckte kurz, diese Offenheit hatte er nicht erwartet. Immerhin handelte es sich hier um Fes. Ein Wesen, dass...
      „Ich veralbere Sie nur“, sagte Krueger in lauterem Tonfall und klopfte Magellan gegen die Stirn.
      „Mitdenken, mein Freund. Es ist wichtig“, rief er lachend und ließ sich in seinen Stuhl fallen.
      Er blickte Magellan in die Augen - und jetzt wusste dieser, dass es Ernst wurde. Was immer er zu sehen glaubte, was immer er hörte: Er wusste, wann es seinem Chef ein ernstes Anliegen war. Seine Hand verkrampfte sich zu einer Faust, seine Brille rutschte ihm beinahe über die Nasenspitze, die Atmung Kruegers verflachte. Jede gute Uhr hatte ein Signal, das die volle Stunde anzeigte. Selbst wer nicht im Raum war, konnte es wahrnehmen und wusste somit Bescheid. Genauso verhielt es sich mit dem Uhrwerk, das er als Dr. Krueger kennenlernte. Der Mann hatte Anzeichen, die nicht falsch zu deuten waren. Bei allem, was er sonst nicht wissentlich preisgab.
      „Hatte Fes Ihnen Angst gemacht?“, fragte der Direktor nun, wobei jeglicher Anflug von Süffisanz in seiner Stimme erstarb.
      „Nein, ich denke nicht!“, antwortete Magellan und ballte seinerseits die Fäuste. Was er in Fes' Gegenwart spürte, war keine Furcht, kein Zittern und keine Angst - er spürte lediglich völlige Machtlosigkeit. Hätte der Alligator sein Leben verlangt, Magellan hätte nicht einmal die Zeit zur Resignation gehabt.

      „Sie denken richtig!“
      Magellans Faust entspannte sich, als er diese unausgesprochene Wahrheit in seinem Kopf nun aus dem Munde seines Vorgesetzten hörte. Machtlosigkeit bedeutete eben nicht immer, dass jemand anderes seine Überlegenheit ausspielte. Warum auch immer, doch diese Frage wollte er sich einfach nicht stellen. Er lockerte seine Faust, legte seine flache Hand auf dem Knie ab und versuchte sich ganz auf Krueger zu konzentrieren.
      „Magellan, machen Sie sich eines bewusst. Fes ist keine Gefahr für niemanden. Nicht heute und auch nicht morgen!“
      Der ehemalige Direktor nickte erleichtert. Er wusste es doch selber, allerdings war es einfach ein gutes Gefühl, Gewissheit zu erlangen. Zufrieden streichelte er sich über seinen grummelnden Magen.
      Plötzlich durchfuhr ihn ein gewaltiges Gluckern.
      „Und übermorgen?“, schrie Magellan gedanklich überrumpelt und mit aufgerissenen Augen rannte er in Richtung der kleinen Toilette, die nicht mehr da war, wo er sie stets wähnte und gebrauchte. Nachdem er mitsamt seinem nervösen Unterleib das Büro verließ, ließ er einen kopfschüttelnden Krueger zurück.
      „Als ob ich ein Hellseher wäre...“, murmelte dieser und schob seinen schweren Stuhl wieder hinter den Schreibtisch.
      „Wie unprofessionell“, dachte der Direktor zudem seufzend, als er nun alleine im Raum zurückgeblieben war.

      Er blickte sich kurz um, dann sprach er mehr zu sich selbst.
      „Ich habe dein Zeichen verstanden!“
      Ein Lächeln umspielte die Lippen des Psychiaters. Fes war eine Gestalt, die niemand entschlüsseln konnte. Damit konnte er sich abfinden, solange der Tag nicht gekommen war. Doch es war menschenmöglich, ihn zum handeln zu bewegen. Und Krueger hatte eine solch einflussreiche Person kennengelernt.

      Eine besondere Person.
      Sie war eine Fährte. Neben den drei Angreifern und diesem...Einfaltspinsel, Krueger knurrte bei dem Gedanken an den vermuteteten Hintermann, ja, neben dieser bedenklichen Fährte gab es auch eine, die ihm ein warmes Gefühl in der Brust bereitete.

      „Schön, dass es dir gut geht, Isabelle!“

      Der Direktor lehnte sich zufrieden zurück. Erstmals seit langer Zeit war er wahrhaftig glücklich.

      „Jetzt kann ich zufrieden s...“

      Da riss ihn ein lauter Knall aus seinem Stuhl. Das ganze Impel Down wurde in seinen Grundfesten erschüttert. Krueger rieb sich den schmerzenden Schädel, als er sich vom wackelnden Boden aufzuhieven versuchte. Es ging alles furchtbar schnell.

      Was immer hier geschehen würde, er bereute nichts. Krueger ballte die Fäuste.

      Nichts!

      Manchmal musste etwas zerstört werden, um etwas Neues zu erschaffen. Dieses Motto hatte er schon einige Male genannt und es auch genauso gemeint. Er war Dr. Ryan Jay Krueger - und eben dieser Mann bereute nichts.

      Gar nichts!



      Arcfinale - Teil 1: Der Doktor stirbt

      [Impel Down - Kruegers Büro]



      Die donnernden Geräusche um ihn herum wurden unerträglich laut und die Steinplatten, auf denen er lag, rieben sich immer weiter auseinander. Das ganze Gefängnis geriet in Wallung, ein Gebäude, hunderte Meter lang, umgeben von schier unendlicher Wassermasse - es bewegte sich wie ein Ast im Wind. Krueger schmeckte unweigerlich den Staub, der seinen Mundraum mit jedem Husten weiter anfüllte. Seine Beine fühlten sich betäubt an. Der Direktor lächelte bitter, nachdem eines seiner Regale umgestürzt und ihn zu Boden geworfen hatte. Eingeklemmt von seiner eigens ausgesuchten hölzernen Einrichtung versuchte er die aktuelle Lage ganz nüchtern zu betrachten: Mit Magellans alter Innenausstattung wäre er vermutlich unlängst von einer herabfallenden Steitaxt enthauptet oder von einem Morgenstern erschlagen worden. Insoweit war seine Weitsicht einmal mehr sein Lebensretter. Allein in seinem Büro lauschte Krueger dem Hallen, das wie ein wildgewordener Geist durch den Fahrstuhlschacht sauste. Der Direktor hielt sich die Hände vor die Augen, unfähig, sich allein aus seiner misslichen Lage zu befreien.
      Er hatte jeden einzelnen Mitarbeiter instruiert und für solche Momente sensibilisiert. Selbst wenn er jetzt keinen Notruf mehr an das Personal absetzte, wussten sie, was zutun war. Ihre Sicherheit und ihr Überleben ging vor. Krueger hustete erneut. Vor seinen Augen lag sein prächtiger Schreibtisch, dahinter die Tür seines Büros. Der Direktor schluckte kurz, als er nichts mehr in seinen Beinen zu fühlen schien. Kein Personal würde ihm hier helfen können. Er spürte den bebenden Untergrund, der seinen ganzen Körper unter Druck setzte. Von unten, von oben, überall lastete es auf seine in die Jahre gekommenen Knochen. Er lag schon oft am Boden, doch das wollte er sich nicht mehr freiwillig eingestehen.
      Dieses Leben, es starb.
      Dr. Krueger war sein Ausweg. Seine Chance, die er ergreifen musste. Ein Weg, den er keineswegs bereute. Dr. Ryan Jay Krueger war das, was nach der absoluten Zerstörung geschaffen wurde. Das, was nach der Hoffnung folgte, die einst nach langem Siechtum endlich gestorben war. Der Direktor schloss langsam die Augen.
      Es war ruhig.
      Still.
      Er hörte ein letztes Rascheln - was es war, wusste er nicht. Durch den letzten Spalt seiner sich schließenden Augen sah er etwas Leuchtendes, wie ein warmer Lichtstrahl näherte es sich seinem Gesicht, wärmte es. Seine Gedanken rasten nicht mehr, sie kamen zur Ruhe. Er konnte einschlafen.

      [vor vielen Jahren]



      Seine Nase brannte. Sonnenlicht, das durch die Jalousienspalte auf sein Gesicht fiel, es hätte jeden anderen Menschen mit einem sanften Kitzeln geweckt. Doch er hingegen schrie laut auf und fiel mitsamt seinem Schlafzeug aus dem Bett. Flaschen lagen neben ihm auf den dunklen Holzdielen, begrüßten ihn lediglich mit einem kurzen Klirren.
      Eingerollt in einer vollgeschwitzten Stoffummantelung kroch er wie eine dicke Raupe durchs Zimmer, versuchte irgendetwas im fahlen Licht der gemeinen Sonne zu erkennen, welche unentwegt seine ohnehin schon glühend rote Nase in Brand versetzte. Seine Hände, seine Arme, sie kochten regelrecht. Doch es war eine ganz andere unangenehme Hitze als auf seiner Stirn, die den Boden, den sie berührte, regelrecht zum dampfen brachte. Erst jetzt bemerkte er in seinen unbeholfenen Bewegungen das schleifende Geräusch des Stoffes, der sich in seiner Gänze vor seinen Augen als zugeschnürter Schlafsack entpuppte. Der Spiegel, in dem er das und sich sah, zersprang beinahe, nachdem er zur Reflexion dieses männlichen Abbildes gezwungen wurde. Keine Ahnung, wie er aufgestanden war, doch das war angesichts der Tatsache, dass er überhaupt noch lebte, eine viel kleinere Sorge.

      Meine Fresse, sah er beschissen aus. Zum Glück war er noch so sternhagelvoll, dass er sich nur durch einen milchigen Schleier zu sehen glaubte.
      „Was...war...bloß...los?“, stammelte er so behäbig langsam, dass er gar nicht mal mehr merkte, dass aufgerauchte Kippenstummel aus seinem Mund fielen. Er hustete kurz und ein paar angebrochene Streichhölzer folgten prompt.

      „Du lebst noch?“, die neue Stimme klang mehr belustigt als fragend. Es knarrte kurz, als sich der Neuankömmling in den Türrahmen gelehnt hatte.
      Überrascht und fauchend wandte sich der andere Mann im Schlafsack zur Seite, als frisches - bzw. einfach mehr Licht durch die geöffnete Tür in sein Gesicht fiel. Es war ein Wunder, dass er beim Wanken nicht umgefallen war.
      „Du lebst wirklich noch!“, sagte der Mann im Türrahmen erneut - mit gänzlich anderer Betonung - und wandte sich lachend und mit offenen Armen dem abstoßend riechenden Trunkenbold zu, der er die Umarmung nicht erwiderte - denn noch immer war alles unterhalb seines Halses im rosanen Schlafsack eingeschnürt.
      „Ich wusste, dass du einen starken Willen hast“, murmelte der Mann und ein Schluchzen war in seiner Stimme zu hören. Er blickte über die Schulter seines Gastes, sah die abgesägte Schrotflinte, die diese Nacht nicht zum Einsatz gekommen war.

      Der Alkoholisierte blickte ebenfalls über die Schulter seines Freundes und erkannte dieses Zimmer als privaten Wohnbereich oberhalb der Bar, in der er schon so viele Nächte verbrachte. Wie konnte er diesen Ort vergessen?
      Er wurde doch schon so oft unten vor der Theke, in seiner Kotze liegend aufgelesen und hierher verfrachtet. Doch er vergaß es anscheinend immer wieder.
      Kein Wunder.
      Er spürte seine brennende rote Nase. Der Alkohol. Er seufzte und war froh, dass sein Freund dicht an ihm lehnte. So würde ihn dieser alkoholische Odem des Todes nicht treffen. Puuuh.

      „Ich...danke...dir...James“, lallte der betrunkene Mann nun.
      „Nicht der Rede wert, Doc.“
      Doc. Ein kreativer Spitzname. Er fand ihn gut.

      James und er, sie waren Freunde. Der eine ein Barkeeper, der andere ein Mann, der alle Hoffnungen aufgegeben hatte. Sein Blick fiel auf die ungenutzte Schrotflinte auf seinem Nachttisch.

      Manchmal musste etwas zerstört werden...Ihm wurde schwarz vor Augen.

      Ehe er weiterdenken konnte, sackte er unter der Umarmung seines Freundes hindurch zusammen und schlief wie ein kleines, sehr betrunkenes Baby ein.
      James strich sich über den Kopf. Dann schüttelte er ihn, mitgenommen, nahm die Schrotflinte, verließ das Zimmer und schloss die Tür. Er würde seine Waffen wohl noch besser wegschließen müssen.

      Doc, wie Dr. Ryan Jay Krueger früher genannt wurde, blieb wieder alleine zurück.
      Wenn er doch nur so weitermachen könnte. Betrunken, frei von den Erinnerungen, die ihn verfolgten. Sein Magen verkrampfte sich, alles kam in ihm hoch. Alles. Der Alkohol, seine Schmerzen, sein beschissenes Leben. Wie konnte man sowas noch Leben schimpfen?

      Schreiend rollte sich der Mann in seinem Schlafsack zusammen und weinte, mit geschlossenen Augen, bitterlich. Wieso konnte er nicht endlich sterben? Warum drückte er nicht endlich ab?

      [Ende, Kapitel 24, Teil 1]


      Arcfinale - Teil 2: Was einem wichtig ist

      [noch einige Zeit zuvor]



      „Was...ist...das...wertvollste...hier?“, fragte der, den sie Doc nannten.

      Ein lautes Quietschen ließ die Gäste neben ihm nervös aufzucken, doch ihn, ach, ihn störte das schon lange nicht mehr. Zu den unangenehmen Geräuschen gesellte sich jetzt auch noch hämisches Gekicher hinzu. Wären es keine erwachsenen Männer, so hätte man das hohe Lachen ganz bestimmt kleinen Schulmädchen zuordnen müssen. - Was immer diese in einer Bar wie dieser zu suchen hatten...oder in überhaupt einer Bar.

      „Willst du wirklich weitermachen?“, fragte James kopfschüttelnd und wandte sich einem Glasschrank zu, hinter dessen Scheiben die edelsten Tropfen seines Hauses standen. So teuer und alt, dass sich bereits eine Staubschicht auf ihnen abzeichnete. Als ob sich sein Freund dieses feine Etwas, er konnte die Schrift nicht einmal mehr entziffern, leisten konnte. Da er aber kein Mann des Widerspruchs war, stellte er die Flasche mit ihrem verblichenen Etikett auf dem Tresen ab und stellte fünf Gläser daneben hin.
      „Du...kennst...mich“, gluckste der Mann und wagte einen kurzen Blick über die Schulter. Die quietschenden Geräusche verstummten schlagartig und auch das Kichern erstarb. Der ganze Holzboden war mit menschlichen Umrissen bemalt worden. Sein Blick wanderte nach oben auf die verdächtig weißen Hände der Männer, die nun unschuldig dreinschauend ein Lied anstimmten.
      Der Trunkenbold knurrte, als nun jener Ton sein Ohr passierte, den er auf dieser Welt am meisten hasste: Zahnarztbohrerähnliches Kreidequietschen, grölende Delirien, unmotivierte Prostituierte, rülpsende Schweine, das alles konnte er ertragen.

      Das erste Glas zersprang in seiner Hand, was ihn in dem Moment nicht weiter beschäftigte. Während das Blut aus seiner aufgerissenen Haut lief und er sich ungewollt Scherben ins Fleisch trieb, hörte er menschliches Pfeifen. Zornig versuchte er die Männer nachzuäffen, bekam aber nur klägliches Spucken zustande. Er hasste es zu pfeifen. Pfeifgeräusche. Er hasste es aus tiefstem Herzen!

      Dann aber spürte er James' Hand auf seiner Schulter und er nickte, griff blindlings ans nachgefüllte Glas.
      „Da habt ihr mich...gut eingefangen“, murmelte der Doc und blickte auf die Kreidebilder.
      Mal wieder...
      Immerhin war er in James' „Zum Krugmacher“ eine noch lebende Berühmtheit. Jeden Abend trank er – und jeden Abend schlief er irgendwo auf dem Boden ein, nachdem er sich nicht mehr auf einem der Stühle halten konnte. Eine traurige Berühmtheit.
      Egal wohin man in der Krugmacher-Bar blickte. Überall waren seine Positionen eingezeichnet sowie von all jenen unterzeichnet, die einen waschechten Doc'sturz miterlebten.
      Ihn störte das nicht.
      Sollten sie sich an seinem Alkoholismus erfreuen. Sollten sie des nachts die Umrisse aufmalen und sie tagsüber dicker nachziehen. Nur so entstand ein waschechtes Original. Mit Mühe und Hingabe.
      Nachdem die Berühmtheit nun einen Schluck zu sich nahm, schüttelte auch er seinen Kopf.
      „Widerlich...“

      Der Wirt blickte ihn geduldig an. Eventuell war er zu geduldig. Er wusste, was das hier bedeutete. Doch er konnte es nicht verstehen.
      „Das ist das teuerste Getränk, das ich besitze!“, erwiderte James freundlich lächelnd.

      Der künftige Ryan Jay Krueger blickte auf sein halbleeres Glas, auf die drei Gläser, die auf dem Tresen standen und das fünfte, das in James zitternder Hand lag.
      „Ich will das wertvollste, das du hast!“, brüllte der Trunkenbold und blickte die drei Gläser an.
      „Die drei wichtigsten Dinge...“
      Zornig schlug er über den Tresen, worauf die Gläser klirrend zu Boden fielen. Erschrocken ließen die Spaßvögel ihre Kreide fallen und auch James schluckte betroffen.

      Nur das wertvollste ist noch von Bedeutung. Denn nach drei Schlücken wäre auch das verloren.

      [in der Gegenwart – Impel Down]



      „Danke, mein mhhh Süßer!“, raunte sie verführerisch.
      Der Mann, jeder Mann in ihrer Gegenwart sollte dies tun, errötete. Ein warmes Gefühl breitete sich in seiner Brust aus und könnte er, so würde er zufrieden aufstöhnen. Ganz sachte und unauffällig. Einfach, weil diese Dame, er musste es so formulieren, einfach, da er etwas denken wollte, ...weil diese Dame etwas Heißes ausstrahlte. Das Feuer der Hölle – er war wirklich kein Freund von Metaphern. Nicht gut in solchen Sachen.
      Drum strich er einfach verlegen mit einem Fuß über den Boden. Seine rechte Hand zuckte, auf der er ein metergroßes Bruchstück ausbalancierte. Jenen Teil der Decke, der um ein Haar ein Dutzend Bedienstete, darunter die bezaubernde Sadi-chan unter sich begraben hätte.

      Er kümmerte sich darum.

      „Sind nun alle in Sicherheit?“, fragte eine undeutliche Stimme von draußen, der Sadi-chan und ihr jung aussehender Retter folgten. Nachdem sie die heruntergelassene Zugbrücke passierten, drängten sie sich durch eine Traube von Uniformierten, der Stimme folgend.
      Eng war, was den an Sadi gepressten Helden nur zu sehr gefiel – auch wenn er gewiss niemand war, der Menschenmassen mochte, geschweige denn sich Menschen offenbarte.
      Was waren schon Prinzipien gegenüber einem hochroten Kopf?

      „Schön Euch alle zu sehen“, murmelte die gedämpfte Stimme, woraufhin Sadi-chan und ihr Retter neben einer schmalen Holzbox anhielten. Auf dieser prangte ein kleines Messingschildchen mit der Aufschrift WC unter kleinen zugezogenen Vorhängen.
      Nun war klar, wer sie hier draußen in Sicherheit erwartete. Trommelwirbel setzte ein und die kleinen Vorhänge wurden zur Seite gezogen, offenbarten das Gesicht des glücklich wirkenden Magellan – der er in Wahrheit dümmlich vor sich her grinste.
      „Alle Bediensteten sind wohlauf?“, brüllte er dann, um seine Erleichterungseuphorie zu überspielen.

      Mit einem lauten Salut beantworteten die Mitarbeiter diese Frage – und ein lautes „Jaaaaaaaaaa“ schallte in den sonst so ruhigen Calm Belt hinaus – so laut und gewaltig, dass es dem armen Magellan die Vorhänge ins Gesicht schlug.
      Da standen sie nun in Reih und Glied. Uniformierte, Folterknechte, Beamte mit Krawatten, der Hausmeister. Es waren furchtbar viele, so viele, wie man sie selten auf einem Fleck sah. Die bekannteste und begehrteste Dame des Gefängnisses blickte, inzwischen auf der Holzbox stehend - und die Aufmerksamkeit genießend – über die Schar lüsterner Männer hinweg.
      Einer fehlte.

      „Der Direktor wollte es so?“, fragte Sadi-chan plötzlich an ihren Retter gewand. Überrascht horchte dieser auf, achtete auf ihre Stimme, blendete das Beben in seinem Rücken aus. Blendete den wackelnden Untergrund aus, auf dem sie beinahe alle unter freiem Himmel standen.
      Sie strich sich nervös über den Arm und erstmals war das laszive aus ihrer Stimme verschwunden. Sie spielte nicht mehr, auch dominierte sie nichts mehr. Ihr Retter würde ihr nicht antworten können. Sie blickte das Gefängnis an und sah, wie sich der Eingangsbereich mit weiteren Trümmern füllte.
      „Du solltest uns retten?“
      Sie blickte über die große Menge hinweg, sah keinen lüsternen Blick, keinen sabbernden Mund mehr – zu angespannt waren sie alle.

      Die langhaarige Frau weitete eine Handbewegung aus und schloss darin all diejenigen Männer, Bären und Männer in Bärenkostümen ein, die jetzt unversehrt vor dem Gefängnis standen, welches selbst jeden Moment in sich einzustürzen drohte.
      „Uns alle?“

      Kruegers Leibwächter nickte. Wäre er nicht stumm – er hätte jetzt auch geschwiegen. Stattdessen blickte er auf das Dach des Gefängnisses, jenem Ort, an dem er seinen ersten Tag erlebte, in die Ferne blickte und träumte.

      [Mary Joa]



      „Es ist nicht zu machen, ...bald stürzt hier alles ein...“, drang es mit Percys kaum verständlicher Stimme durch die Teleschnecke, deren kleine rote Latzhosenträger vor Anspannung beinahe rissen.

      Hektisch spazierte er durch den großen, weiten Raum, kratzte sich an der Stirn. Er hatte die Lage ein wenig unterschätzt. Damit würde sich in vielen Dingen zwar herzlich wenig ändern, immerhin war es bislang alles nur loses Säbelrasseln.
      Ein kleiner Scherz.
      Einer, der vielleicht ein paar tausend Leuten das Leben kostete. Naja, sei es drum. Alexander wusste nicht, was er sagen sollte, darum tat er das, was ihm in diesem Moment am besten gefiel.

      „Alles wird sich in Wohlgefallen auflösen“, antwortete er ruhig und lachte herzlich. Dann legte er ohne ein weiteres Wort auf und schritt mit gehaltenem Bauch ans Fenster, öffnete es mit einer Hand und lachte aus tiefster Kehle in den blauen Himmel des Heiligen Landes hinein. So laut, dass es die Vögel in den Bäumen aufscheuchte – und eine junge Dame ihren Kaffee verschütten ließ.

      Es war soweit.
      Das Lachen dieses Wahnsinnigen. Sie blickte auf ihre Uhr und biss ins kleine Biscuit, welches in ihrer Untertasse auf ihre zarten, roten Lippen wartete. Sie liebte Kaffee, Mokka, Cappuccino, alles. Sie liebte die herzhaften Kaffeeduschen, die ihr auf der Arbeit immer mal wieder begegneten. Was die einen für verrückt hielten, war für sie einfach typisch Ravehouse. Der alte Mann mochte sie – und sie mochte ihn.
      Sie nahm eine Serviette und wischte sich über das verbrühte, noch feuchte Handgelenk. Schmerzen, kurz und flüchtig, das war völlig okay. Sie dachte schnell, verwinkelt und aufmerksam, donnerte einen Geldschein auf den Tisch und stand auf, hielt den beinahe umfallenden Stuhl sicher mit einer Hand fest, ohne die Lehne im Blick zu haben. Denn ihre Augen schauten nicht auf den heran eilenden Kellner, der nach ihrem Befinden fragte – und sie musterte, nachdem sie ihn eiskalt ignorierte. Was machte eine solche Frau allein in solch einem feinen Café für...Liebende. Überall um sie herum turtelten die Männer und Frauen miteinander herum, das Geraspel von Süßholz war überall zu hören.
      Es war regelrecht...

      „Widerlich!“, murmelte die junge Dame und schob eine Sonnenbrille aus ihren braunen Haaren hinunter auf ihre Nase. Kurzerhand packte sie den Kellner und warf ihn auf ihren freien Stuhl, sprang auf seinen Schoß und lehnte sich an seine Schulter, während er ihren...auf seinem...gerötet saß er im Café der Liebe und wusste nicht, wie ihm geschah. Das war wie ein wilder wahr gewordener Traum, den er nur schweigend und geistig abwesend genoss, während sie durch ihre dunklen Gläser das ins Visier nahm, was für sie mehr als widerlich war.
      Dieser bärtige Mann auf der Straße, in seinem Kittel sah er genau so aus, wie er gesehen werden wollte. Zusammen mit seinem nicht weniger problematischen Gefolge. Verächtlich spuckte sie in ihre leere Tasse und ein lautes Pling ließ den zur Tarnung gebrauchten Kellner aufschrecken.
      „Sie wollen zahlen?“, fragte er routiniert – und ein wenig irritiert.
      Sie blickte ihn kurz an. Ihre grünen Augen. Sie hatten etwas stechendes, doch als sie lächelte, wiederum etwas charmantes.
      „Bind dir eine Schürze um“, erwiderte sie nickend. Ehe er nach unten und dann wieder nach oben blicken konnte, war sie verschwunden

      [Ende, Kapitel 24, Teil 2]


      Arcfinale - Teil 3: Ungleiche Paare

      [fünf Minuten später]



      Das Scheppern der Blechritter war deutlich zu hören. Es übertönte sogar Alexanders Lachen, der er sein Fenster schloss und sich dem Ursprung dieses übertönenden Lärms zuwandte.
      „Lasst uns beiseite“, polterte es von draußen.
      „Gemach, gemach!“, mäßigte eine zweite Stimme.

      Als die Ritter den Mann im Kittel erblickten, der hinter seinen großen Begleitern erst gar nicht zu sehen war, standen sie sofort Spalier.
      „Bitte sorgen Sie sich um Lord Baelon!“, flüsterte einer der Wachen, was der ältere Herr im weißen Aufzug mit einem Lächeln erwiderte.
      „Ich bin Psychiater, ich werde mich kümmern!“

      Nachdem die drei Neuankömmlinge in den großen Saal eintraten, wurden sie alle mit einer Umarmung begrüßt.
      „Was verschafft mir die Ehr...?“, wollte Alexander gerade fragen, als ihn eine schallende Ohrfeige traf. Der Psychiater, den er als letztes passierte, blickte ihn durch seine dicken Gläser zähneknirschend an.
      „Du hast es übertrieben!“
      Er blickte auf den Leichnam des Boten, der noch immer im Raum herumlag, rümpfte die Nase. Nach einem Schnipsen zog einer der Begleiter eine Teleschnecke aus der Kitteltasche des Psychiaters und hielt diese vor Alexanders Gesicht.

      „...bald stürzt hier alles ein...“, war es erneut mit Percys ängstlich brüchiger Stimme zu hören. Der Psychiater streckte die Arme aus, drehte sich und deutete auf alles, was in diesem Raum lag.
      „Du sitzt in einem goldenen Käfig, vergiss das nicht!“, murmelte er und klatschte in die Hände, worauf seine beiden Begleiter die Leiche des Boten in einem Schlafsack verstauten.
      Alexander rieb sich die Wange und lauschte aufmerksam den Erklärungen seines Freund und Helfers, setzte sich auf eine der Sofalehnen.

      „Was passiert mit dem Direktor, wenn das Impel Down erst zerstört ist?“
      Der Psychiater blickte Alexander an, der sich gar nicht regte. Danach seinen Begleiter im schwarzen Anzug, der nur brummend mit den Schultern zuckte.
      „Gemach, Doktor“, sagte er dann nur trocken und zuckte danach noch einmal mit den Schultern.

      „Krueger darf nicht sterben“, polterte der zweite Begleiter und fasste sich mit den Daumen galant unter die grauen Hosenträger, die über ein löchriges Unterhemd gespannt waren.
      Selbst der Teleschnecke standen diese weit besser, musste Alexander schluckend feststellen.

      „Krueger...“

      Der Psychiater, der in Ruhe eine Antwort abgewartet hatte, knirschte mit den Zähnen. Alexander sah diesem an, dass die Selbstbeherrschung kein leichtes Unterfangen war. Vermutlich hasste er Krueger tatsächlich weit weniger als der ältere Herr in weiß.
      Er selbst war jetzt ein Weltaristokrat, mit Kontakten, Einfluss und furchtbarer Langeweile. Doch sein Freund hier im Kittel war ein Psychiater, der nicht einfach tun und lassen konnte, was er wollte. Vermutlich liefen sie sich deswegen immer wieder über den Weg.

      Da starb die Bedrohung, die sich im kleinen Mann aufgestaut hatte und ein Lächeln zierte sein faltiges Gesicht.
      „Dr. Ryan Jay Krueger ist eine Lüge und es ist an der Zeit, dass dieser Name mit einer solchen Lüge konfrontiert wird!“
      Im Flüsterton des Psychiaters war jegliche Wut verschwunden. Er wandte sich Alexander zu und strich diesem sanft über die gerötete Wange.
      „Hoffen wir daher, dass er deinen kleinen...Scherz...überlebt! Rennessey, was für ein Unsinn!“

      Alexander blickte seinen Freund an – und schluckte erneut.
      „Ich habe bereits den richtigen Patienten gefunden, an dem er verzweifeln wird!“, murmelte jener Mann süffisant, der er von Krueger voller Verachtung nur Einfaltspinsel genannt wurde.

      [im Impel Down]



      „Wozu haben Sie eigentlich einen Bodyguard?“
      Seine Stimme klang belustigt. Er lauschte dem leisen Röcheln des Direktors, der er langsam den Kopf hob und ihn anstarrte. Ohne Vorwurf, ohne Wut oder Verachtung für diese Situation. Wenn er lachen könnte, hätte er es unlängst getan. Mit letzter Kraft räusperte sich Krueger und blickte hinauf zu dem Mann, dem er blind vertraute.

      „Schnapp' dir den letzten Keks und hol mich hier raus!“
      Der Patient blickte den Direktor enttäuscht an, zitterte kurz.

      „Das kann ich nicht machen!“
      Jetzt war es Krueger, der er noch lauter lachte, soweit es ihm noch möglich war.
      „Das ist einfach großartig“, entgegnete er hustend.

      Es ist nicht der Tag, an dem das Impel Down fällt.
      Krueger lauschte der fernen Stimme, so nahe und klar sie an sein Ohr drang.

      „Ich...weiß“, flüsterte er.

      Gut.
      *



      Fes blickte Harlem an, der ruhig vor der brüchigen Wand innerhalb seiner kleinen Zelle stand.
      „Dieser eine Schlag wird dir genügen müssen“, sprach der schwebende Alligator mit präziser Betonung und ohne erkennbare Emotion.

      Der gefasste Mann wandte sich von der grauen Mauer ab, beobachtete zuvor noch ihre größer werdenden Risse.

      „Dann kämpfe!“
      Er lächelte.
      Sieg oder Niederlage, Leben oder Tod. Es reizte ihn alles, denn nur so konnte er sein Limit erkennen – es überschreiten...

      Was eignete sich besser als jemand, der nichts mehr davon kannte?
      „Kämpfe oder das Impel Down wird nicht mehr existieren.“ Dann holte er aus.
      Fes zitterte. Das konnte er nicht tun. Niemals wieder.

      [Ende, Kapitel 24, Ende des ersten Arcs]


      Kapitel 25: Sexraptor

      An diesem Tag, rechtschaffene Menschen besahen den bebenden Bau, der seit unschätzbarer Zeit einem Mahnmal gleichend im Calm Belt stand. An diesem Tag drohte das Impel Down zerstört zu werden. Es wäre rückblickend eine Zäsur geworden, ein Punkt, an dem gesagt werden musste: Bis hierher und nicht weiter. Doch was Sadi-chan, David und Co. schließlich sehen würden, war weitaus, ja, anders.

      *


      „Was willst Du machen?“
      Amüsiert tigerte Harlem um die Bruchstelle an der Wand herum, seinen Blick zwischen dem stillen Händler und der ausgemachten Schwachstelle hin und her schweifen lassend. Die steinerne Mauer war mehrere Meter dick, doch sie hätten ihm genauso gut einen Berg dahinstellen können. Mit der nötigen Konzentration konnte alles mit zwei, drei Schlägen zerstört, aus den Angeln gehoben werden. William konnte dies – weshalb sollte er es nicht auch erlernen?
      Immerhin waren sie beides Menschen, beide mit einem Willen. Der Karatefreund schmunzelte bei dem Gedanken. Man konnte seinen Willen nicht mit einem Martell‘schen vergleichen.
      Genauso wenig, wie man sie beide als ebenbürtig bezeichnen durfte. Er blickte den schwebenden Alligator an.
      Solange er keine Reaktion von diesem erhielt, wollte er den letzten Schlag nicht setzen. Nein. Vor wenigen Sekunden hielt er nämlich inne und überlegte sich, was ihn wirklich reizte: Die Zerstörung eines Gebäudes, gewiss eines relevanten, oder die Aktion eines solchen Fes mit eigenen Augen zu sehen. Er entschied sich für letzteres und wartete. Harlem war ein freiheitsliebender Mann, doch er war auch neugierig. Geduldig lauschte er dem stillen Gemurmel des Schwebenden, der innerlich augenscheinlich einiges abzuwägen hatte. Es wäre niemandem hier das Zittern dieser Kreatur verborgen geblieben. Sie rührte sich keinen Millimeter und doch führte sie einen schier unfassbaren Kampf mit sich selbst. Es grenzte an Wahnsinn, diesen näher in Worte zu fassen.

      So brach die Stille und Fes antwortete schließlich, nachdem er vor gerade Mal einer Minute zum Kampf herausgefordert worden war. Sechzig Sekunden, die ihm wie eine Ewigkeit vorkam. Dieses Gefühl mochte bei ihm einiges bedeuten, so zierte sein Gesicht ein Lächeln. Ein Inneres, das Harlem nicht sah. Für die Außenwelt war er schließlich ein Händler. Ohne große Emotion, ohne großes Aufsehen. Mehr zu wissen, nun, man brauchte nicht mehr wissen.

      „Dieser Ort erzählt eine Geschichte, die zu Ende erzählt werden soll.“
      Das war sie, die Antwort, die einen Konflikt im Keim erstickte.

      Harlem schluckte.
      Irritiert zog er eine Augenbraue nach oben, betrachtete die ausdruckslose Miene seines Gegenübers. Dort zeigte sich keinerlei Regung. Das war tatsächlich sein vollster Ernst gewesen. Diese Worte erschienen Harlem im ersten Moment ausweichend. Im zweiten Augenblick waren sie das immer noch, doch trotzdem konnte er darüber nicht lachen. Schweiß lief über seine Stirn.
      Denn so kam der Karatekämpfer zu dem ernüchternden Schluss, dass es genau die Antwort war, die er zu erwarten hatte. Seine Hände zitterten, hatte er doch insgeheim gehofft, einen Fes zur Handlung zu bewegen.
      Der Karatekämpfer kannte nur den Bruchteil einer angeblichen Wahrheit – selbst hier wusste er nicht einmal, ob diese Informationen der Realität entsprachen. Jene sprichwörtlich in Stein gemeißelten Informationen, die einen Fes zu entschlüsseln imstande sahen. Alles Geschichten.

      Er konnte Fes nicht erpressen. Harlem konnte ihn nicht bewegen. Was für ihn erst eine von Neugier getriebene Frage war, offenbarte sich ihm schließlich als bittere Erkenntnis:

      Große und wertvolle Dinge interessierten den Händler. Ausschließlich bestimmte Situationen erlebte der Einflussnehmende. Einen einzigen Moment bereute Fes.
      Harlem war keines dieser Kriterien.
      Resigniert wandte er sich vom Händler ab, welcher nach wie vor keine Anstalten machte, ihn aufzuhalten. Harlems Neugier war für diesen Moment gestorben, so tat er das, was er ursprünglich tun wollte. Dieses enge Verlies hinter sich lassen. Zeigen, wozu er imstande ist.
      Dann schlug er ein zweites Mal zu.

      ...Bis hierher und nicht weiter.
      Ja, an diesem Tag drohte das Impel Down zerstört zu werden.

      War es die Resignation oder ein letzter Eindruck, der vermittelt werden sollte? Harlems Tat jedenfalls beeindruckte den Händler, etwas, was er leider nicht in einem Kampf zum Ausdruck bringen konnte.
      Ein kurzes intensives, unfassbar lautes Beben war akustisch verklungen und ein erleichtert aufatmender Fes blieb in der Gefängniszelle zurück. Die zu erwartenden Wassermassen blieben aus. Es folgte kein reißender Strom, dem er sich entgegenzustellen hatte. Wäre noch jemand hier, er hätte sicher einen entspannten Händler erblickt. Etwas, was man sich kaum vorstellen konnte.

      Fes blickte an die Wand, bewunderte das Ergebnis von Harlems zweiten Schlag. Präzision und unendlich anzunehmender Druck, mit dem ein meterweites Loch hineingeschlagen wurde. Ohne ein weiteres Wort war der kurzweilig Gefangene eingetreten und ging in gebückter Haltung schräg nach oben in Richtung Meer.
      „Nicht jeder Wunsch kann erfüllt werden“, murmelte der Händler allein und betrachtete den blauen Himmel, kniff die Augen zusammen, als unerwartete Sonnenstrahlen in die sonst so tiefe Dunkelheit eindrangen.
      Harlem hatte nicht einfach einen Ausgang in sein Verlies geschlagen, so etwas würde Fes nicht im mindesten beunruhigen. Das Wasser war in einer Linie bis zur Meeresoberfläche verdrängt worden. Die Gesetze der Physik schienen für ganze Sekunden außer Kraft gesetzt. Wie in einem unsichtbaren Tunnel blickte Fes dem davongehenden Harlem hinterher, bis dieser das Ende der Gefängnismauern erreichte und seelenruhig an der neu erschaffenen Wasseroberfläche an die tatsächliche hinauf schwamm. Fes schmunzelte, hatte er doch beinahe erwartet, dass Harlem auch noch übers Wasser gehen konnte. Doch er war ein Mensch geblieben. Einer, der ihm gewiss keinen einfachen Kampf bereitet hätte.
      Der Händler blickte durch den provisorischen Tunnel, sah, dass das stehengebliebene Meer sich langsam in Bewegung setzte und wieder das zu tun drohte, was nach allen Gesetzen der Schwerkraft schön unlängst hätte geschehen müssen. Es würde jeden Moment hier eindringen und mit allen brachialen Kräften sämtliches Gemäuer neben dem Loch einreißen. Das war nicht der Rede wert. Da gab es sicher was gegen.
      Gelassen zog der Händler eine kleine schwarze Plastikdose aus seinem Umhang, öffnete sie und klopfte ihren zähen Inhalt auf den Boden des Tunneleingangs. Er blickte sich kurz um und als er sich unbeobachtet fühlte, sammelte er seine Spucke, die er ungewollt lautstark auf den rosanen Knetballen rotzte.

      An diesem Tag, rechtschaffene Menschen besahen den bebenden Bau, der seit unschätzbarer Zeit einem Mahnmal gleichend im Calm Belt stand.
      Ja, an diesem Tag geschah ein kleines Wunder, als ein Überlebender, man ging unterdessen vom Schlimmsten aus, an der Oberfläche auftauchte und unter den überraschten Blicken unzähliger Mitarbeiter – und einer beim Anblick seines Oberkörpers raunenden Sadi-chan – an der Plattform halt machte und sich am Rande nach oben zog.
      „Mein Name ist Harlem.“
      Er neigte den Kopf zur Seite, ließ Wasser aus seinen Ohren laufen. Ungläubig tuschelnd betrachteten ihn die Mitarbeiter. Dann schlug sich der Karatekämpfer sachte an die Stirn und verstand ihre Verwirrung. Es wusste ja niemand, dass er das Gefängnis zum Beben brachte. Und nur vier Leuten sahen ihn hier zusammen mit seinen zwei Kompagnons eintreffen.
      Nervös blickte er den Leibwächter des Direktors an, der ihn misstrauisch aus einiger Entfernung musterte. Das Getuschel wurde immer lauter, da sich Harlem inzwischen bewusst war, dass er hier nicht primär als Gefängnisinsasse galt, sondern über anderes geredet wurde.

      „Sie sind...“, flüsterte die errötete Sadi-chan. Sie wusste nur zu gut, was da für ein Typ Mensch vor ihnen stand. Selbst wenn Krueger und Magellan etwas offener kommunizierten, was hier eigentlich tagtäglich vor sich ging, so hätte niemand hier den Karatekämpfer Harlem als einen einfachen Gefängnisinsassen angesehen.
      Doch ehe sie weiter darüber nachdachten, schoss eine riesige rosafarbene Säule aus dem Meer, die die weiblichste Bedienstete bei ihrer ersten Assoziation in eine überwältigende Ohnmacht sinken ließ.

      Auch Fes betrachtete sein Werk aus der Ferne und erschrak, als er erkannte, dass er das falsche Döschen zur Abdichtung benutzt hatte.
      Ehe er sich bildlich ausmalte, was er da tat, verschwand er lieber ungesehen. Denn für Schamesröte war er gewiss nicht bekannt.
      Kapitel 26: Nebel und Namen

      Akteneintrag 2




      Name: Dr. Ryan Jay Krueger
      Grund der Einstellung: Abstimmungsergebnis des Gremiums
      Kopfgeld: Keinerlei Vorstrafen
      Überstellung ins Impel Down: Umgehend
      Einordnung: Siehe Anlage b.
      *



      Man mochte bei diesem Dokument denken, dass Dr. Krueger als jener Mann gilt, der in seinem Fach der Beste war. Der ohne jeglichen Widerstand in dieses Amt getragen wurde. Geschichten erzählten, dass er aus dem Nichts kam und einzig und allein seine Arbeit für sich sprach. Doch wer sprach über den Mann hinter der Arbeit, welche zweifelsohne einen exzellenten Ruf genoss? Diese Akte jedenfalls, die das Gremium über den jetzigen Direktor anlegte, war zweifelsohne ausführlicher gedacht. Doch der Wunsch war der Vater des Gedanken. Einer, der nichts dafür konnte, zu manchen Dingen einfach nicht imstande zu sein. Was immer es war, um dieses Bild fertig zu zeichnen: Es war bezeichnend, dass Dr. Ryan Jay Krueger keinerlei Stammbaum vorzuweisen hatte.
      Der Name Krueger, so berühmt und wohlklingend er in den Ohren der Menschen zu klingen schien, dieser Name hatte keine Geschichte. Etwas, was das Gremium in einem kurzen Moment des Sinnierens verunsicherte. Dieser Mann war im wahrsten Sinne einzigartig. Es kam nichts vor ihm, es kam nichts nach ihm. Und das, obwohl der Mann seit Jahrzehnten in aller Munde war. Eben jener Direktor Krueger hörte in einem Moment der Besinnung ein ihm wohl bekanntes Geräusch.

      Bille bölle bölle boin boing
      bille bölle boin – ba boing

      „Schnapp' dir den letzten Keks und hol mich hier raus!“
      Der Patient blickte den Direktor enttäuscht an, zitterte kurz.

      „Das kann ich nicht machen!“

      Das war eine Minute her, seitdem erging es ihm schon wesentlich besser. Aufmerksam lauschte er der Teleschnecke und noch auffälliger horchte er sich um, seufzte schließlich erleichtert.
      Es hatte aufgehört.
      Das Impel Down würde heute nicht einstürzen. Krueger griff in seine Tasche und warf dem Patienten einen bröseligen Keks zu.
      „Danke!“, murmelte er, während er sich den Dreck von seinem Kittel klopfte. Semantik und Situationskomik, der Direktor schmunzelte, als wäre er hier heute wirklich umgekommen. Da gab es weitaus passendere Momente.

      „Das kann ich nicht machen!“, rief der Patient ihm zu.
      „Ich kann Sie retten, aber die Kekse,...sie sind alle weg!!“, ergänzte er enttäuscht.

      Jetzt waren sie beide zufrieden. Während Krueger die besonders klingende Teleschnecke hervorzog und den Rest des Patientenkekses in ihrem mümmelnden Schlund entdeckte, blickte der Patient den dicker wirkenden Direktor an. Konnte es etwa sein?
      Da hob Krueger einen Finger, hielt sich den Hörer näher ans Ohr und der Patient, war es seine gute Erziehung, hielt inne.

      „Oh, welch angenehme Überraschung. Was gibt es denn, Mutter?“, fragte der Direktor verdutzt und wippte nervös auf seinen Fußballen hin und her.
      Der Patient riss die Arme in die Luft, blickte sich leise fluchend im Raum um. Ihnen fiel hier die Decke auf den Kopf und...dieses Gespräch...verärgert biss er sich in die Faust, wagte es dennoch nicht, dieses Gespräch zu unterbrechen. Ihm war klar, dass es hier alles ein wenig anders ablief. Dass nicht unbedingt das geschah, was er sah und hörte. Doch er war dieser Tage nicht grundlos aufgestanden. Auf seinem Weg war er so einigem Zweifel begegnet und ein lügender Krueger konnte ihn da nicht aus der Fassung bringen. Immerhin wollte er hier noch etwas erledigen.
      So beobachtete er den Direktor, welcher nickend dem Telefongespräch lauschte, dabei gar nichts weiter sagte. Innerlich schäumend stockte der geprellte Patient, als etwas geschah, mit dem er gar nicht mehr rechnete. Er wurde heute in Schränke und Achseln gesperrt, an Ketten aufgehangen und von Fes selbst erkannt. Diese ganzen Momente schwankten zwischen Bosheit und Ignoranz, doch trotzdem blieb er ruhig. Dann kamen die drei Angreifer und agierten so dilettantisch, sodass er völlig vom Bildschirm verschwand. Nicht, dass er die Aufmerksamkeit in einem Gefängnis suchte, doch es hatte seinen Grund, hier zu sein.
      All das nahm er mit stoischer Ruhe auf, denn letztlich konnte er erwarten, den nächsten Schritt endlich zu tun. Er wusste nicht, was ihn erwartete, doch trotzdem sehnte sich sein ganzer Körper danach. Seine Geschichte, seine Vergangenheit, alles in ihm war wie in einem dichten Nebel gefangen. Sein Körper zuckte noch immer, sobald er sich an die letzte Woche zu erinnern versuchte. Er wusste schlichtweg nichts mehr über sich. Nur eines: Der nächste Schritt lag im Impel Down. Dr. Krueger war im Impel Down und es war im Sinne dieses Mannes, dass er ihm half. Was anderes konnte er einfach nicht machen. Genau diese Hoffnung ließ den Patienten seit seiner Ankunft innehalten. Genau diese Einstellung ließ ihn Demütigung und Vernachlässigung erdulden.

      Genau in diesem Moment geschah etwas, mit dem der Patient gar nicht mehr rechnete. Krueger blickte ihn an, während er noch immer telefonierte. Dann sagte der Direktor etwas, was vieles im Patienten auslöste.

      „Lukas...“

      Erschrocken riss der Patient die Augen auf. Die Narbe in seinem Gesicht, die sich über sein linkes Augen zog. Jenes Auge, das immer weniger zu sehen imstande war, es schmerzte.

      „Lukas ist wirklich da...“, murmelte Krueger und nickte.
      „Ich danke dir...Mutter“
      Bale, du bist einsame spitze...!

      Dann legte er auf.
      „Entschuldige die Unterbrechung!“
      Krueger klopfte dem Patienten auf die Schulter und schob seinen dicker wirkenden Bauch an diesem vorbei zur Tür.
      „Lass uns nach draußen gehen und den anderen zeigen, dass es uns gut geht!“

      Der Patient nickte und folgte dem Direktor in den Gang, der heruntergelassenen Zugbrücke entgegengehend. Wie sie so in langsamen Schritten in Richtung Tageslicht liefen, hörte der Patient in Gedanken immer wieder den ausgesprochenen Namen.
      Lukas.
      Ein Name, der mit Interesse ausgesprochen wurde. Mit einer Form der Ungewissheit. Es schwang einiges in Kruegers Stimme mit. Doch eines dominierte die Geräuschkulisse...
      Das Scheppern, das kurz vor ihm zu hören war, es war unerträglich laut. Der Patient schüttelte den Kopf. So konnte doch keiner nachdenken.

      Konnte es etwa sein?

      Ja, es konnte sein. Der Direktor trug tatsächlich eine versteckte Rüstung, die ihm im gleißenden Sonnenlicht ein glänzendes Schimmern durch die Kleidung hinweg verlieh. War er zu irgendeinem Zeitpunkt tatsächlich in Gefahr?

      Der Patient schüttelte lachend den Kopf. So ein brillanter Mistkerl.


      Kapitel 27: Absprachen sind für Laien

      Wozu sollte man um Ecken denken, wenn doch die Gerade die kürzeste Strecke darstellt? Diese Frage stellten sich Laien, die dabei die Trigonometrie dieser Metapher zu erörtern versuchten. Sie dachte nicht einmal über diese leidigen Anfänger nach. Bale dachte schneller und effektiver. Ravehouse konnte sich glücklich schätzen, eine solche Mitarbeiterin zu haben. Sie kam einer Maschine so erschreckend nahe, dass es ihn in einem stillen Moment beinahe beunruhigte. Doch er machte sich bei ihr gewiss keine Sorgen, dass sie sich dem PX-Programm angeschlossen haben könnte. Es wäre, sofern man sie näher kannte, die naheliegendste und plausibelste Lösung, das Phänomen Bale zu erklären. Sie schwieg dazu. Sie ignorierte die leidigen Anfänger, die sich über ihr Nichtkönnen beklagten. Niemand kann alles und jeder etwas. Ravehouse, der sie schon einige Zeit kannte, würde diese Formel auswählen, um sie einer zu bemessenen Regelartigkeit zuordnen zu können. Doch was interessierte sie, was sie war. Darauf hatte sie keinen Einfluss. Es schmerzte sie nicht und überhaupt war es einfach reines Verlangen, das sie gerade überkam.

      Sie war ihm gefolgt und es war furchtbar einfach, ihren jetzigen Aufenthaltsort zu erahnen. Von draußen sah sie ihn und seine zwei Begleiter in einen kleineren Eingang des Palastes verschwinden – und genau jetzt, zwei Minuten darauf, sah sie Alexander und seinen Psychiater durch das große geschlossene Fenster. Die schallende Ohrfeige des kleinen rundlichen Mannes, sie war nicht ohne, denn er war es nun, der das Wort ergriff und zu tadeln begann. Bale spitzte ihre Ohren, um die Worte zu verstehen, während das Glas unter ihren Schritten einen stabilen Eindruck zu hinterlassen schien. Zwei Geräuschquellen, die sie austarieren musste, um diesen ekligen Einfaltspinsel darin zu verstehen. Laien würden sagen, dass sie in gut zwanzig Metern Höhe über eine Fensterscheibe spazierte und dabei einen Blick ins Innere des Raumes erhaschte. Doch diese Erklärung war zu einfach und zugleich unlogisch. Bale bückte sich und presste ihre Nase beinahe an die Scheibe.
      Hätte sie erhöhtes Schamgefühl, sollte man meinen, dass sie jedem Bewohner von Mary Joa ihren Hintern entgegenstreckte und den vier Männern im Raum ihren durchaus beachtenswerten Vorbau. Doch hätte sie sich darüber Sorgen machen müssen, war jetzt klar, dass kein Einlass zur Sorge bestand. Unsichtbar war sie nicht, doch es war im Prinzip auszuschließen, dass man sie entdeckte. Diese Räumlichkeiten zu betreten, das war ihr nicht ohne weiteres gestattet. Ein kurzes Schmunzeln vermochte man auf ihrem jungen Gesicht zu erkennen. Dieser Raum war tabu, nachdem dort Tabus gebrochen wurden. Und diverse Knochen. Jetzt lachte sie herzhaft auf.
      „Wie gern wäre ich dabei gewesen“, murmelte sie und konnte ein schelmisches Grinsen nicht verkneifen. Selbst wenn sie eine Maschine wäre, dann keine perfekte. Ihre Emotionen, so selten vertreten, überkamen auch sie.
      Vor ihrem inneren Auge versuchte sie sich ihren Vorgesetzten vorzustellen. Jünger, athletischer und wütend. Wie er da drinnen gegen die Herrscher dieser Welt kämpfte. Nur um einen Mann an den Pranger zu stellen. Ohne große Aussicht auf Erfolg. Bale drückte ihre Handfläche gegen die Scheibe, blickte hindurch ins Zimmer in dem Alexander Baelon residierte. Wo zuvor die Fünf Weisen ihren Rückzugsort bezogen und nach dieser trächtigen Prügelei, so unwürdig und beispiellos sie war, sie diesen Raum als mahnendes Andenken bewahrten. Alexander lebte seither darin wohlbehütet, doch von der Außenwelt nahezu abgeschnitten. Sein Einfluss währte, doch wann er eigenen Fußes dieses Land zuletzt verließ. Sie musste ehrlich sein – und diesen unheilbringenden Termin nachschlagen. Während ihre Handfläche auf der Fensterscheibe lag, die sie nur wenige Meter von jenem Mann trennte, ballte sie ihre Faust. Kurz, unwillkürlich.
      Sie atmete ein zweites Mal tief ein, lauschte den Worten da drinnen und griff danach zur Teleschnecke. Es war an der Zeit ihren Sohn anzurufen. Diese Lüge war auf seiner Seite bereits hanebüchen, wodurch sie konsequent weitergedacht von ihrer Warte aus absoluter Schwachsinn war. Kopfschüttelnd wählte sie das Impel Down an, nachdem sie sich ganz sicher war, wen sie da drinnen entdeckte.

      [im Zimmer]

      „Was hast Du dir dabei gedacht?“
      Am liebsten hätte er diesem verkommenen Subjekt eine zweite Ohrfeige verpasst, doch er hielt sich im Zaum. Er ließ seine Hände sinken, schloss die Augen und seufzte so hoch und lang er konnte. Haaach!
      Es war wichtig, sich beherrschen zu können. Der Psychiater öffnete die Augen und lächelte versucht sanftmütig. Er war sich sicher, dass sie ihre Konversation nun ohne Probleme fortsetzen konnten. Dachte er.
      Denn noch immer hielt ihn sein großgewachsener Begleiter am Kragen fest, wie er nun einen Meter über dem Boden baumelte.
      „Gemach, gemach!“, sprach der große Mann in seinem schwarzen Anzug, der er von allen Leuten hier der liebste zu sein schien. Selbst Alexander schmiegte sich an eines der Sofakissen, als er der Stimme des Mannes lauschen konnte. Kaum zu fassen, dass er mit Hut und Krawatte wie eine überdimensionierte Version eines Gangsterbosses aussah. Seine Stimme verriet das komplette Gegenteil. Als wäre er ein Welpe im Schafspelz.
      „Es ist in Ordnung, bitte lass mich nun runter“, murmelte der Psychiater leicht zerknirscht, woraufhin er losgelassen wurde und wieder festen Boden unter seinen Schuhen spürte. Sauer war er noch immer, doch nicht unbedingt darauf, was passierte, sondern dass es passierte. Er verstaute seine Hände nun in den großen Taschen seines Kittels und schritt langsam auf die eben geohrfeigte Person zu. Alexander beobachtete seinen Partner schweigend, hielt sich die Wange. Bei seiner eigenen Ohrfeige verspürte er kein unangenehmes Ziehen mehr. Doch sie war auch weitaus harmloser als die von eben.

      Erst wurde Alexander zur Begrüßung geohrfeigt, danach jener Mann, durch den sich Dr. Rainhold – wie ihn Dr. Krueger wohl kaum nennen würde – betrogen sah. Eban Rainhold trat langsam an die Person heran, die sich nun nach kurzer Besinnung aufrichtete. Der Schlag traf ihn so unvorbereitet wie hart, doch das war nicht weiter schlimm. Seinen Stand bezeichnete man nicht selten als Betrüger oder Söldner. Nicht einmal mehr als das, was sie wirklich taten. Doch das war inzwischen so berüchtigt, dass es keine Besonderheit mehr war. Und das, obwohl sie in ihrem Handwerk einzigartig waren.

      Der Mann stand auf, zog sich seine verrutschten Hosenträger über seine Schulter und blickte Rainhold lächelnd an.
      „Sie wissen, dass mein Bruder und ich gegen Geld arbeiten. Wie jeder andere auch.“
      Der Psychiater schnaubte kurz, nahm seine warme Hand aus der Tasche und strich sie sachte über das Gesicht des Geschlagenen.
      „Wenn du für Alexander arbeitest, dann habe ich das zu erfahren!“
      Er wandte sich ab, blickte zum Fenster und sah den weiten blauen Himmel, kein Wölkchen weit und breit. Es war einfach schön da draußen. Manchmal beneidete er Alexander für diesen famosen Ausblick. Doch nicht alles war Gold, was glänzt.

      „Ich habe verstanden, dass du...Krueger...“
      Er rotzte wütend auf den Boden, doch ehe er merkte, was er in diesen Räumlichkeiten tat, griff sein großer Begleiter kopfschüttelnd nach einem Seidentuch und säuberte die Stelle auf den schimmernden Fliesen.
      „...Danke“, murmelte Rainhold kleinlaut. Er war ein Heißsporn und hasste diesen...er wollte den Namen gar nicht denken, doch er war sich auch dessen bewusst, wo er hier stand. Worauf er im Affekt spuckte. Der Psychiater atmete noch einmal tief ein, ließ seine Wut entweichen und legte Alexander seine Hand auf die Schulter.

      „Du wolltest mit Harlem, Beck und Percy ein Zeichen an...du weißt schon...setzen!“
      Er drehte sich um und nahm den Mann in den Blick, der dies ermöglichte. Unsichtbarkeit und Zielmarkierung. Zwei Fähigkeiten, die für solch eine Operation durchaus von großem Nutzen gewesen wären. Irgendwoher hatte der jetzige Direktor des Impel Down einen Informationsvorsprung. Rainhold blickte sich um, schritt langsam in Richtung Fenster.

      Bale sah ihn, wie er immer näher auf sie zu kam. Angewidert wandte sie sich ab, als er nur noch einen Meter von ihr entfernt stand. Sie blickte ihm in die Augen. Dr. Eban Rainhold, Dr. Ryan Jay Krueger. Wenn es nur zwischen ihnen beiden eine Entscheidung geben würde, dann wählte sie letzteren. Rainhold wandte sich ab und versuchte nun seine gewonnene Beruhigung walten zu lassen. Er ging auf den Mann mit den Hosenträgern zu, dessen eigenwilligen Kleidungsstil er seit je her nicht teilte. Doch er war eben auch nicht mehr der unbeschwerte Jungspund von früher.

      Rainhold lachte und erstmals klang dies nicht bedrohlich. Er hatte diese Situation für diesen Moment akzeptiert.
      „Ich wiederhole mich gerne. Solange Alexander mein Patient ist, teilst du mir mit, sobald du für ihn arbeitest!“

      Der Mann mit den Hosenträgern nickte. Er hatte den Patienten markiert, als man ihm die Situation auf dem Silbertablett servierte. Die Kaiserin war gerade verstorben und dieser Mann, der mitten im stillen Chaos stand, so regungslos, ja, er strahlte in diesen Augenblicken etwas aus.
      Er war mehr als geeignet, war kurz davor ins Impel Down überführt zu werden. Diese Situation war wie geschaffen für ein Kunstwerk, das inzwischen in Form eines leuchtenden Symbols auf dem Rücken des Mannes prangte.

      Der Mann in seinem weißen Unterhemd, er war stolz auf dieses Werk, überhörte in einem Anflug von Selbstlob die mahnenden Worte des Doktors. Immer wieder fiel dabei sein Name Lukas.
      Kapitel 28: Zwei Perspektiven - ein Potential
      Perspektive eines Psychiaters

      Es war keine einfache Situation.
      Eban Rainhold war ein impulsiver Mann. Getrieben von seiner Arbeit, gejagt von seinen Prinzipien, die er nach und zu Grabe trug. Sein Ehrgeiz war nämlich zu groß, um akzeptieren zu können, dass er nicht die Nummer eins war. Einem Krueger sagte man nach, dass er das Wesen eines Individuums lesen und berühren konnte. Er schien zu verstehen, was jemand war oder zu sein ersehnte. Doch es durfte nicht sein, dass ein solcher Mensch als Vorbild diente. Krueger war ein Name, der für eine zweifelsfreie Qualität stand.
      Eban Rainhold tobte innerlich, als er diesen Gedanken weiterdachte. Dieser Name, dieses Bild – es war von Grund auf falsch. Jeder Mensch besitzt eine Geschichte, macht Fehler, und scheitert. Wenn man erkennen würde, dass Dr. Ryan Jay Krueger nur eine Fassade darstellte...die Welt hatte dann unweigerlich anders über ihn zu denken.

      Der Psychiater atmete tief ein und aus, begann sich langsam zu entspannen. Krueger durfte ihm nicht den letzten Nerv rauben. Nein. Dann genehmigte er sich schließlich einen Schluck Wein, der ihm von Alexander angeboten wurde. Es war ganz nett hier.
      So ruhig.
      Vielleicht lag es an ihrer besonderen Beziehung, doch in der Gegenwart des Alexander Baelon fühlte er sich ganz und gar nicht unwohl. Rainhold schmunzelte, blickte zum Fenster. Es war herrlich ruhig.

      „Darf ich dich fragen, was du vorhast?“, murmelte der Psychiater endlich tiefen entspannt und ließ sich in eines der weichen Kissen hinein sinken. Sofort wurde von seinem hochgewachsenen Begleiter ein entsprechend großer Block mit einem entsprechend riesigen Stift hervorgeholt, den Eban lächelnd mit einer Handbewegung von sich winkte.
      „Ich frage dies nicht als Psychiater, sondern als ein...Freund“, ergänzte Rainhold und genehmigte sich einen weiteren Schluck. Es wunderte ihn schon lange, weshalb er anders auf Alexander reagierte. Vielleicht hatte er verstanden, was diesen so furchteinflößend machte. Eventuell konnte er aber auch realisiert haben, dass sie einander brauchten. Alexander bekam einen Psychiater, das war eine Bedingung, die an seine Strafe geknüpft wurde.
      Offiziell hätten die Fünf Weisen einen so weit vernetzten Mann nicht einfach inhaftieren können. Das wäre einem Eingeständnis gegenüber einer einzelnen Person gleichgekommen. Einem alten Mann, der nicht in der Position war, um der Weltregierung irgendetwas vorzuschreiben. Doch manche Personen waren eben anders als andere. Rainhold blickte Alexander hinterher, der ruhig durch den Raum ging. Ganz klar, dass es andere gab. Menschen, abseits jeglicher Norm und Hierarchie. Alexander war einer von ihnen. Und er, Eban Rainhold, würde der Mann dahinter sein. Jener unsichtbare Part, der im Verborgenen die Fäden zog. Es war nur noch die Frage, in welchen Sphären sich Alexander wähnte. Der Psychiater lächelte, verbarg dies hinter dem Weinglas, hinter jenem Tropfen, der noch intensiver, noch süßer schmeckte. Alexander war bereits imstande, mächtige Institutionen zu beeinflussen, ohne einen Fuß aus diesem Raum gesetzt zu haben. Das bewies sein missglückter Angriff aufs Impel Down. Doch wenn er diese Fähigkeit erst einmal zu koordinieren lernte, dann waren diesem Mann keine Grenzen gesetzt. Rainhold stellte sein geleertes Glas ab, verfolgte das nachdenkliche hin und her seines Patienten Alexander.

      Dieser Mann suchte seine Optionen, überdachte sie. Eventuell war ein kleiner Schubser in die richtige Richtung vonnöten. Rainhold schmunzelte. Wenn Alexander erst einmal nach dem Höchsten strebte, würde der Adlige gewiss davon profitieren. Er, Eban Rainhold, er würde nicht nur profitieren, im besten Fall würde er absolut alles gewinnen. Das bedeutet nur eines: Er musste Alexander Baelons Potential aktivieren, er musste einen schlafenden Riesen wecken.

      Der Psychiater verspürte gar keinen Zorn mehr. Nicht auf Krueger, nicht auf Lukas, nicht auf Alexander. Nein, nein! Deren scheinbar unbedachte Handlungen hatten ihm nämlich die Augen geöffnet.

      Es war keine einfache Situation.
      Es war eine einmalige Chance, die er beim Schopfe ergreifen musste. Jetzt war er doch kurz verstimmt darüber, diese Gelegenheit nicht beim ersten Mal erkannt zu haben. Kopfschüttelnd schenkte sich Rainhold nach und genoss den Blick in den klaren Himmel Mary Joas. Es war ein gutes Omen, dass in diesem Raum bereits die obersten Köpfe der Weltregierung ihrer Arbeit nachgingen. Das dürfte sich sehr gerne wiederholen. Ruhig lauschte der Psychiater den Worten Alexanders. Es war, wie Eban es sich ausmalte. Ein Baelon kannte kein Pardon.
      Der Wein schmeckte nach diesen Worten, nach diesen Gedanken noch vorzüglicher. Es war doch noch ein annehmbarer Tag geworden. Rainhold lächelte. Das hatte er gar nicht erwartet.

      Wie schnell sich die Dinge veränderten.

      Perspektive eines Alexander Baelon

      Wonach sehne ich mich...?
      Poch.
      Diese Isolation zeigte allmählich Wirkung. Er spürte, dass der Drang in ihm immer weiter anwuchs. Ein Lächeln zierte sein junggebliebenes Gesicht, während er rastlos durch diesen riesigen Raum wanderte. Sein Psychiater war hier, der mit ihm zu arbeiten hatte. Der ihn nicht fürchtete. Das war mal ein neues Gefühl. Hach, wie amüsant.
      Seine Crew hatte ihn verlassen. Keiner überlebte. Seine Familie fürchtete ihn. Was mit ihnen geschah, Spekulation.
      Die Fünf Weisen sahen ihm vor einiger Zeit in die Augen und sie erkannten etwas beunruhigendes. Etwas, dass sie nicht einfach vernichten konnten. Das hatte einen pragmatischen und einfachen Grund: Es war jetzt eine Zeit angebrochen, in der viele verschiedene Faktoren die Machtverhältnisse bestimmten. Eine Zeit, in der eine Kaiserin ohne Vorwarnung gestürzt und getötet wurde. Dieses Machtgefälle durfte die Weltregierung nicht unterschätzen. Niemand durfte sich vor den Veränderungen verschließen, die unweigerlich zu folgen hatten. Alexander Baelon war daneben ein unkalkulierbarer Faktor, doch was ihm die Fünf Weisen mit seiner Inhaftierung in diesen goldenen Käfig verdeutlichten: Er ist ein Faktor.
      Die Weisen hofften, ihn durch eine Therapie und räumlicher Isolation unter Kontrolle zu bringen. Köstlich. Alexander strich sich mit seiner behandschuhten Hand über den Bauch, unterdrückte ein herzhaftes Lachen.
      „Darf ich dich fragen, was du vorhast?“, fragte ihn Dr. Rainhold plötzlich. Der Adlige horchte auf. Das fragte er sich auch. Es war gut zu wissen, dass diese Frage so viele Menschen beschäftigte. Der blonde Mann blickte seinen Psychiater an, der mit hochroter Nase glucksend auf dem Sofa versunken war – sich immer mehr Wein einschenkte.
      „Ich frage dies nicht als Psychiater, sondern als ein...Freund“, legte der dicke Weintrinker rülpsend nach. Alexander rümpfte die Nase.
      Poch.
      Sein Herz schlug immer schneller, als er die letzte Hürde in seinem Kopf beiseite schaffte. Weshalb hatte er das nicht früher erkannt?
      Poch Poch.
      Er blickte in Richtung Fenster, hinaus in den weiten blauen Himmel. Dieser Psychiater war die Hoffnung der Weisen, ihn, einen Baelon, gefügig zu machen. Hah...!
      Nein, er durfte über diese Hoffnung nicht lachen. Noch nicht. Er musste die Füße stillhalten. Sich an seine Möglichkeiten herantasten. Darum setzte er ein süffisantes Grinsen auf, versuchte seine Antwort so amüsiert wie möglich auszusprechen. Ob es seine drei Gesprächspartner hier vor Ort ernst nehmen würden?
      Wonach sehne ich mich...?
      Poch.
      Alexander schluckte kurz, blickte Lukas, Mr. Jones und schließlich Dr. Rainhold in die Augen. Ob sie ihn bremsen würden? Es wäre eine Schande...
      Poch Poch.

      „Ich werde der neue Kaiser werden!“
      Kapitel 29 – Teil 1: Über die Verteilung von Macht und ihre Strategien


      Da stand er in seinem 'Gefängnis', das vorher ein Raum für wegweisende Entscheidungen war. Alexander Baelon wollte ein Mann sein, den man als einen der Yonkou ansah.
      Wonach er sich sehnte?
      Wer seine Familie kannte, musste dies wissen. Die Fünf Weisen mochten meinen, zwischen Geschichte und Realität unterscheiden zu können. Diese Naivität amüsierte ihn – sie amüsierte ihn seit Jahren.
      Zeigten sie in vielen Situationen, dass sie zurecht an der Macht waren, so waren sie blind, sobald es um seine Familie ging. Doch was bedeutete das? Letztlich leider nicht sehr viel, da Alexander der Einzige war, der nach Veränderungen strebte. Seiner biologischen Familie reichte ihr Status, ihr Reichtum, ihr Anwesen und alles, was sie für angemessen hielten. Sie waren gesättigt. Alexander verabscheute diese Leute dafür aus tiefstem Herzen.
      Seine Familiengeschichte war eine Fundgrube an Intrigen, an Spannung und Abenteuerlust. Jene Pioniere sah er als seine wahre Familie. Aber seine Eltern, seine Geschwister – ihnen gegenüber fühlte er sich ganz und gar nicht verbunden. Ob sie tot waren, das interessierte ihn herzlich wenig. Denn ihre einzige Ambition war der Status quo, was hieß, alles zu behalten.
      Alexander seufzte, während er an seine Blutsverwandten dachte. Er hatte noch einen Funken Inspiration in sich, bereiste die Meere, sah weit mehr als das Heilige Land. Er entdeckte die Welt. Der blonde Adlige zitterte.
      Nein, dieses Kapitel durfte noch nicht beendet sein. Selbst wenn er nicht mehr sehen würde, was er da draußen veränderte. Alleine zu wissen, dass er hier im Exil mit einer Handbewegung das unendlich weite Meer in Aufruhr versetzen konnte, ja, diese Erkenntnis war wirklich das, was einem Baelon gerecht wurde.
      Seine dekadente „Familie“ mochte ihn als verstoßenen Abkömmling betrachten. Das war gleichfalls traurig wie amüsant. Denn in Wahrheit war doch er es, der die Familiengeschichte der Baelons weiterschreiben wird.

      Alexander lächelte.
      Erstmals fuhr der Mehrheit seiner Gäste ein eisiger Schauer über den Rücken. Mr. Jones räusperte sich leise und zog zitternd einen kleinen schwarzen Ledereinband aus seiner Tasche. Es mussten wohl ein paar Telefonate getätigt werden. Auch Lukas wischte sich eine Schweißperle aus dem Gesicht.
      Nur Dr. Rainhold musterte seinen Patienten, der ausgesprochen entschlossen wirkte. Seine große und seine größere Begleitung schienen Alexanders Entschlossenheit mit wesentlich größerer Überraschung zu begegnen. Köstlich, sie hatten wohl noch nie einen solchen Ausdruck des Wahnsinns im Gesicht eines Verbrechers gesehen. Gelassen schenkte er sich nach.

      [Neue Welt – Whole Cake Island]



      Big Mums Tod hatte unzählige Inseln und ihre Bevölkerung in die Freiheit entlassen. Eine gewisse Spanne an Lebenszeit war nicht mehr zu zahlen. Dafür blieb der gewährte Schutz aus – was in diesen stürmischen Zeiten nicht weniger Gefahren für Leib und Leben bedeutete.
      Was geschah nun mit diesen Leuten, wie verteilten sich Big Mums Territorien und Schätze? Das war lange Zeit eine äußerst heikle Frage. Mochte man annehmen, dass sich der schnellste Pirat alles unter den Nagel riss, zeigte sich in diesen Zeiten, dass diese Machtneuverteilung doch ein bisschen anders ablief.

      Whole Cake Island war der Sitz einer großen Frau, die über lange Zeit eine einzigartige Herrschaftskonstruktion aufrecht erhielt. Doch dann geschah es vor wenigen Tagen – das Unvorstellbare geschah. Die Kaiserin starb unter ungeklärten Umständen. Noch war absolut unbekannt, welche Gruppierung sich dafür verantwortlich zeigte. Es wurde lediglich ein Mann am Sterbeort der Kaiserin entdeckt. Ob und was er damit zu tun hatte, galt es im Augenblick herauszufinden. Während dieser Frage nicht auf Whole Cake Island nachgegangen wurde, gab es allerdings eine andere Aufgabe, der hier mit größter Sorgfalt begegnet wurde.
      Ein paar Schiffe gingen am zerstörten Hafen Whole Cake Islands vor Anker, sodass es nicht mehr lange dauerte, bis sich die kürzlich noch so menschenleere Insel wieder mit einflussreichen, starken und durchtriebenen Gestalten füllte. Viele von ihnen waren mit großem Misstrauen angereist und noch weit mehr waren gar nicht erst aufgetaucht. Sie waren schlichtweg feige.
      Über Umwege ließ man ihnen einen Brief der Weltregierung zukommen, und keiner glaubte, was er in dem Schreiben zu lesen bekam:

      Die Weltregierung bietet Ihnen einen einmaligen Handel an. Für die Dauer der Unterredung wird Ihr Kopfgeld eingefroren, ihr Strafregister ausgesetzt. Bitte folgen Sie der angehängten Route nach Whole Cake Island. Im Auftrag der Weltregierung.

      Mit den zusätzlichen Informationen war dies durchaus ein Angebot, das man sich anhören konnte. Wer sie wohl erwarten würde? Ravehouse? John? Ein anderes ranghohes Mitglied der Weltregierung?

      So geschah es an diesem Tag, dass viele der einflussreichsten Verbrecher der Unterwelt nach Whole Cake Island reisten, um mit der Regierung einen unfassbaren Deal auszuhandeln. Schweigend, aber mit großer Vorfreude und einer brennenden Neugierde stapften einige führende Köpfe des illegalen Handels über das noch junge Schlachtwelt. Zwar hatte die Marine hier kürzlich sämtliche Leichen weggeschafft, doch ein beißender Geruch lag noch immer über der Insel, die sich sonst mit dem süßesten Duft rühmte. Die Wege waren verregnet und unzählige verwaschene Blutpfützen färbten weite Teile der Wiesen in roten, feuchten Sprengeln. Nach einer halben Stunde waren die initiativen Gäste am Treffpunkt angekommen.
      Nachdem sie den zerstörten Palast der Kaiserin betraten, wussten sie, dass es jetzt kein Zurück mehr gab. Wenn das tatsächlich eine Falle sein sollte, dann fanden sie hier und jetzt ihr Ende. In der Ferne sahen sie den großen Thronsaal, in dessen Mitte ein glänzender Tisch stand. Wer wohl ihr Gastgeber sein würde?

      Fünf geladene Gäste und ihr Gefolge waren nun eingetreten, näherten sich dem ramponierten Saal der gefallenen Kaiserin. Auch hier herrschte eine unangenehme und strenge Luft. Es war einfach furchtbar. Doch was tat man nicht alles, um seinen Einfluss auszuweiten?

      „Herzlich Willkommen, meine Herren!“, wurden sie alle von einer lauten Stimme begrüßt. Nachdem sie Platz genommen hatten, richteten sie ihren Blick auf den großen Thron der Kaiserin, auf dem sie ihr Gastgeber mit strengem Blick in Augenschein nahm. Der zu schluckende Kloß im Hals der vorläufig rehabilitierten Verbrecher war klar und deutlich hallend im Raum – und seinen hohen Decken – zu hören. Nun war klar, wer von der Weltregierung sie erwartete.

      Drei Männer waren ihre Gastgeber. Drei Männer, die die fünf Gäste alle zu gut kannten. Begegnet waren sie ihnen allerdings soweit noch nie. Es schien wirklich eine sehr ernste Angelegenheit zu sein.

      *


      „Ich bitte um Ruhe!“

      Die Stimme des Mannes donnerte durch den riesigen Raum. Die anwesenden Gestalten hielten sich entsetzt die Ohren zu, rümpften die Nasen, um den bestialischen Gestank nicht an sich herantreten zu lassen. Ob es die Akustik war, die jedes Wort hier in Geschrei verwandelte, wusste keiner so recht. Immerhin war es warm geworden, nachdem sie durch unzählige Wasser- und Blutpfützen gestiefelt waren. Das gebesserte Wetter schickte ihnen so manche Sonnenstrahlen, die durch das große Loch in der Decke auf ihre Köpfe fielen.
      Man konnte nicht glauben, dass kaum noch Spuren einer Schlacht dieser Räumlichkeit innewohnten. Lediglich die zerstörte Decke und der Gestank der Verwesung zeigten Ausmaße des Konflikts, der in Charlotte Linlins Saal zahllose Opfer gefordert hatte.
      Jetzt waren sie hier, im Herzen der ehemaligen Kaiserresidenz, und beratschlagten darüber, wie mit diesem Machtvakuum umzugehen war. Wieder sprach der Gastgeber zu ihnen.


      Kapitel 29 – Teil 2: Sonderstellungen

      „Ich begrüße alle Anwesenden und...freue…mich über Ihr offen gezeigtes Interesse!“, verkündete der alte Mann, der – auf dem viel zu breiten Thron – eine angenehme Sitzhaltung einzunehmen versuchte. Neben ihm hätten sogar seine zwei Mitgastgeber Platz gefunden, doch diese machten es sich an anderen Stellen des Raumes bequem.



      Einer von ihnen bewegte sich in kerzengerader Haltung auf einem riesigen Wasserball, rollte dabei immer wieder um den glänzenden Tisch. Sehr zum Missfallen seines Kollegen, der gereizt eine Mandarine an seinem Sichelbart schälte und schmatzend verspeiste. Jeden hier nervte der auf dem Ball balancierende alte Mann, doch sagen wollte ihm das keiner. Da sprach der Brillenträger auch schon weiter, ehe sich irgendjemand aus der Fassung bringen lassen konnte.

      „Wir alle wissen, was nach Whitebeards Tod geschah. Was unser Zögern ermöglichte...“
      Knurrend schob sich der Wortführer seine Brille zurück auf den Nasenrücken, eine Gefühlsregung, die man eigentlich gar nicht von ihm gewohnt war. Immerhin galt er als gefasster, analytischer Diplomat, der sich aber nun weiter in Rage redete.
      „Wir haben gezögert und es Blackbeard ermöglicht, Whitebeards alte Territorien im Sturm zu erobern. Diesen Fehler wollten wir nicht wiederholen!“
      Er schloss die Augen, strich sich über den kahlen Kopf. Die Anspannung an seinem Körper war deutlich auszumachen. Doch zugleich verriet es ihnen allen eines. Es war ihm, es war ihnen ein Anliegen, dem sie mit allen Mitteln nachkommen wollten. Das offenbarte sich in der donnernden Stimme, die nun wahrhaftig laut wurde. Knallend stürzte der alte Kollege von seinem gefundenen Spielball, sehr zum stillen Amüsement der Anwesenden. Doch lachen wollte trotz dessen niemand. Immerhin waren die drei alten Männer keine Personen, über die man scherzte. Ganz gleich, wie sie sich aufführten. Man sollte sie geradezu unterschätzen.
      Wer der Brillenträger, der Mandarinenfreund und der haltungsstarke Hingefallene waren, wusste jeder hier nur zu gut. So gut, dass sie noch immer nicht realisierten, tatsächlich mit drei von ihnen hier in einem Raum zu sitzen.

      „WIR, DIE WELTREGIERUNG, werden die Territorien der Kaiserin unter unsere Kontrolle bringen!“, rief der Weise Al Gandhi, der deutlich von Joseph und undeutlicher vom staubhustenden Bob bekräftigt wurde.
      Respektabler Applaus war die Reaktion der anwesenden Nicht-Weisen. Nicht nur waren diese Leute keine Weisen, viele der Anwesenden waren nicht einmal Angestellte der Weltregierung. Das hatte einen einfachen Grund. Die Weisen hatten nicht nur die verbliebenen Kaiser als Problem ausgemacht, sondern auch den florierenden Handel der Unterwelt. Darum gingen sie in die Offensive, um die verborgenen Strippenzieher an die Oberfläche zu locken. Optimalerweise spannte man diese einflussreichen Verbrecher für sich ein.

      „Wir, die Weltregierung, bieten Ihnen in diesen Territorien Macht und Einfluss, solange Sie offen nach unseren Regeln spielen!“
      Al Gandhi blickte die anwesenden Männer mit einem seichten Lächeln an.
      „Wir bieten Ihnen zwei Möglichkeiten: Sie agieren mit großem Reichtum an der Oberfläche oder es bleibt alles wie bisher. Sie bereichern sich versteckt im Untergrund auf unsere Kosten.“
      Der Weise nahm sein Schwert und ließ es vom Thron auf den Boden fallen. Eine Sekunde verging und die edle Waffe landete klirrend auf dem ramponierten Untergrund. Das Geräusch war ohrenbetäubend laut. Man musste sich konzentrieren, um die daran anschließenden Worte des Weisen zu verstehen. Etwas, was sie im Nachhinein lieber nicht getan hätten. Denn ein gehöriger Respekt wurde mit Al Gandhis Ultimatum verbunden.
      „Machen Sie in Ruhe so weiter. Dann werden wir Sie suchen und vernichten!“

      Die Männer am Tisch wandten sich um, blickten Al Gandhi an, der federleicht landete und sein unbeschädigtes Schwert aufhob, suchten Bob, den sie auf dem Boden liegend wähnten, der jedoch kerzengerade auf dem Dach stand und die Händler durch die Bruchstelle aufmerksam von oben herab musterte. Auch Joseph wirkte nicht minder bedrohlich, während er eine Axt an seinem Bart schliff und dabei den metallenen Kopf entzwei teilte.

      „Vielen Dank für dieses Angebot, doch ich begehre keinen Reichtum“, murmelte eine leise, aber klare Stimme. Schon folgte eine erste Reaktion auf diesen Deal, das ging zügig. Al Gandhi musste sich ein Schmunzeln verkneifen, denn es war so sicher wie atmen, dass er hier auftauchen würde. Immerhin eine Gestalt, der man dahingehend vertrauen konnte, diesen Deal nicht mit Füßen zu treten. Das war ihm nicht möglich. Ohne eine weitere Begrüßung schwebte Fes an den fünf Gästen entlang, näherte sich der Schatzkammer der Kaiserin.

      „Ich werde die Porneglyphe in meinen Besitz bringen.“
      „In Ordnung“, antwortete Al Gandhi ohne einen Atemzug zu zögern.

      „Wie kann das bitte sein?“, regte sich eine zaghafte Stimme aus dem Mund eines Kapuzenträgers. Wie jeder Händler, jeder Gauner – oder was sonst diesem Angebot gefolgt war – saß der Mann erst einmal schweigend am Tisch und ließ diese „Optionen“ der Weisen innerlich Revue passieren.
      Reich leben oder „möglicherweise reicher“ sterben – es war klar, was die Weisen da anboten. Es zeigte, dass diese Machtfrage ihnen ernst war, da sie sich nicht davor scheuten, höchstselbst die Nähe zum Untergrund zu suchen. Sie verknüpften die Verwaltung von Big Mums Territorien mit der Offenlegung der wichtigsten Figuren der Unterwelt. Das war ein kluger Schachzug, dachte der Kapuzenträger anerkennend.
      Zufrieden war er allerdings überhaupt nicht.
      Denn weshalb konnte dieser schwebende Händler wieder einmal ohne ein angedrohtes Wort irgendwo auftauchen und solch einen unfassbaren Anspruch anmelden?
      Der Kapuzenträger biss nervös die Zähne zusammen und richtete sein wütendes Unwissen an den Alligator, der bereits das erste von drei Porneglyphen in den Saal gewuchtet hatte.

      „Woher nimmst du diese unfassbare Dreistigkeit?“
      „Aus der Schatzkammer“, antwortete Fes.

      Das war´s. Das Licht war erloschen. Das rote Tuch wehte vor seinen Augen.
      Wütend stand der unwissende Kapuzenträger von seinem Platz auf. Dann ging er am bekränzten dickeren Mann vorbei, der sich amüsiert auf seinem extra hierher getragenen weißen Sofa räkelte und sich Weintrauben in den Mund legen ließ, entlang am rotbärtigen Mann, der verstohlen hin und her blickte, während er seinen zweitliebsten Goldbarren mit extra starker Au-79-Mixtur polierte, passierte den freundlich lächelnden älteren Herrn im grauen Kittel. Auch der vierte Gast in seinem flammend roten Hawaiihemd wurde eiskalt vom aufgebrachten Kapuzenträger ignoriert.
      Zuletzt verhallten seine Schritte beim Weisen Joseph, der ihm kopfschüttelnd hinterher sah. Der sichelbärtige Weise hatte ein beklemmendes Gefühl, da es gewisse Regeln gab, denen sie seit langer Zeit mit der gleichen Reaktion begegneten. Ehe er den erzürnten jungen Mann bremsen konnte, hatte dieser bereits die entscheidenden Worte ausgesprochen.

      „Was bist du?“, brüllte der Kapuzenträger. War es diese Insel, auf der Wahnsinn und Tod noch kürzlich grassierten? Was immer ihn so aus der Haut fahren ließ, es war wohl die Frage, die sich viele stellten, die aber keiner aussprach.

      Doch das war jetzt auch nicht mehr von Bedeutung. Der junge Kapuzenträger starrte in die Richtung, in die der schwebende Händler entschwunden war. Lauthals schrie er diesem hinterher.
      „FES! Woher kommt dieses Recht...“
      Weiter kam er nicht.
      Die Worte und Fragen versackten in seinem Mund, verendeten im Blut. Wissen und Neugierde, Neid und pure Angst zeichneten sich kurz im Gesicht des Mannes ab. Was immer ihn in diesem Moment an Emotion überkam, es endete.

      „So eine unbedachte Dummheit“, murmelte Al Gandhi und zog sein Schwertblatt aus dem Hals des Kapuzenträgers, der nicht einmal mehr röchelnd zusammenbrach, ehe er starb. Lautlos sackte der tote Körper zusammen. Doch der Aufprall, so plötzlich er kam, um so weniger überraschte er die verbliebenen vier Gäste. In jedem Fall hatten sie allerdings die Botschaft dahinter wahrgenommen.

      „Ich wiederhole mich nur einmal. Wer nach unseren Regeln spielt, überlebt!“
      Al Gandhi fühlte keinen Schmerz, nachdem er ein junges Leben auslöschte.
      Manches Wissen ist aus gutem Grund verboten. Ob es die Porneglyphe sind – oder Fes.

      Eine bittere Erkenntnis überkam den Weisen. Er hielt sich die Hand vors Gesicht, verbarg ein verkrampftes Lächeln. Manchmal war es aber auch ein und dasselbe. Sobald es um die Porneglyphe und ihren Inhalt ging, reagierten sie, die Weisen, immer gleich. Es endete immer im Tod. Das war eine Notwendigkeit, die erkannt werden musste.

      „Lasst uns weitermachen!“, rief Al Gandhi, in dessen hallendem Brüllen keinerlei Reue zu hören war.


      Kapitel 30: Von erfreulichen Liedern und anderen unerfreulichen Geräuschen

      „Lasst uns weitermachen!“



      Die raue Härte in der Stimme des Weisen war wie weggeblasen. Eben noch bekam man es mit der Angst zu tun, als der alte Mann seine Waffe durch den Hals des jungen Händlers trieb. Schnell, ungefragt sowie ungesehen war das Werk vollbracht, und der geladene Gast starb, ehe er sich seines Fehlers bewusst sein konnte. Die gesammelten Blicke der verbliebenen vier Männer wandten sich von der frischen Leiche ab, wanderten langsam zum ungeladenen, dafür aber erwarteten Gast ab, der inzwischen drei riesige Steinquader in den Saal gebracht hatte.
      „Ich wünsche einen ergiebigen Tag!“, murmelte Fes in seiner leisen, scharf geschliffenen Stimme.
      Das echoreiche Hallen, das sonst von jedem Geräusch hier ausging, blieb bei den kurzen Abschiedsworten aus. Zu klar war alles, was man von ihm hörte. Al Gandhi nickte ihm zu, senkte dabei den Kopf – ungesehen von seinen Verhandlungspartnern biss er sich zitternd auf die Lippe – schaute wieder auf. Wenn er sie vernichten wollte, hätte er es sicher schon vor langer Zeit gemacht. Es gab kleinere Gefahren als diesen Alligator. Doch diese waren weitaus ernster zu nehmen.
      „Hüte diese Steine wie deinen Augapfel!“, antwortete der Weise in befehlsmäßigem Ton, um sich der Autorität Gewahr zu werden, die er nach wie vor gegenüber seinen Gästen innehatte. Der Alligator blickte den Brillenträger ruhig an, nachdem er die Porneglyphe in den unendlichen Weiten seines Umhangs verschwinden ließ.
      „Natürlich.“

      Eine Verbeugung und Handbewegung später verschwand er auf der Stelle, ließ die drei Weisen mit ihren vier Anwärtern für Charlotte Linlins Territorien zurück. Besorgt betrachtete Bob seinen Gefährten, dessen kurze Unruhe längst verflogen war. Zumindest die äußere harte Schale war wieder klar und deutlich zu erkennen. Doch wie sah es im Inneren aus?
      Der lang gewachsene Weise fasste sich an den weißen Bart, spürte die angenehme Wärme in seinem Rücken, doch zugleich eine stickige Luft unterhalb der zerstörten Decke. Es war nicht das frische Blut an den Händen Al Gandhis, sondern die lähmende Gewissheit, dass sie verloren gehoffte Informationen einem Wesen überließen, das sich ihrer vollständigen Kontrolle entzog.
      Sie konnten lediglich darauf beharren, dass sich alles so darstellte, wie es auf den Porneglyphen geschrieben stand. Solange hatten sie nichts zu befürchten, was in irgendeiner Form mit ihm zu tun hatte. Ach...
      Bob schreckte plötzlich auf.
      Die Gesichtszüge seines Gefährten veränderten sich spürbar, die ernste und bestimmte Mimik, mit der der Weise eben noch erläuterte und sprach, sie wich einer zornesverzerrten Fratze. Hätte er gerade eben nicht jemanden umgebracht, so wäre er jetzt sicher an die Decke gegangen – um dann oben bei seinem alten Freund Bob zu landen. Der Bärtige lachte bei dieser selbstbezogenen Komik, doch diese kurze Freude konnte keinen Bestand haben. Al Gandhis Gesicht verzog sich immer weiter. Im Affekt zu töten oder es nun länger abzuwägen. Dieser Gedanke tat dem alten Mann ganz und gar nicht gut. Er glich einem Kessel, der jeden Moment zu explodieren drohte – so abstrus dieses Bild auch sein mochte, wie Bob kopfschüttelnd zugab.

      Al Gandhi sah in diesem Moment einfach unheimlich aus. Die anwesenden Dienerinnen wandten ängstlich ihren Blick vom innerlich rauchenden Weisen ab, schafften es dadurch nicht mehr ihren Herrn zu füttern. Überrascht folgte dieser aus den Augenwinkeln heraus einzelnen Trauben, die von seiner Lippe abprallten und auf sein Sofa fielen, anstatt in seinem Genuss einfordernden Mund zu landen.
      Leise räusperte er sich, richtete sich den Lorbeerkranz in seinen Haaren und ersuchte die reizenden Damen dazu, ihn wieder mit vollster Konzentration zu bedienen. Nur weil ein Weiser wegen einem unerwarteten Telefonat in seinen Ausführungen unterbrochen wurde, hieß es nicht, ihn, den großen Pizzi, nicht weiter mit leckeren Früchten zu verköstigen.
      Entspannt räkelte sich der dicke Mann in seinem himmlisch bequemen Sofa und wie er so gähnte, landeten gleich zwei Trauben in seinem Rachen. Dass er sich daran beinahe verschluckte, wollte er sich dabei natürlich nicht anmerken lassen. Immerhin galt er als ein durchaus angenehmer Zeitgenosse. Pizzi lachte leise bei diesem Gedanken.

      Weitaus weniger angenehm war der Mann, dessen klingelnde Teleschnecke partout nicht gefunden werden wollte. Unter den geweiteten Augen Al Gandhis, der seit gefühlt einer Minute keinen Atemzug tat, kramte der Mann im Hawaiihemd in den unzähligen Taschen seiner kurzen Stoffhose, sprach dabei aber kein Wort. Ob es ihm unangenehm oder schlichtweg egal war, ließ sich aus seiner fehlenden Reaktion nicht ableiten.
      „Ja hallo?“, begrüßte er schließlich seinen Gesprächspartner. Ehe Al Gandhi stellvertretend für alle Weisen ein lautes Wort aussprach, wandte sich der Sprecher in dessen Richtung und blickte den Gastgeber nickend an.
      „Jemand will mit Ihnen reden!“, erklärte der Mann im Hawaiihemd stolz und konnte sich ein diebisches Grinsen nicht verkneifen. Al Gandhi zögerte.
      Wieso brachte er diesen vorlauten Bengel nicht einfach um? Seufzend schob er sich die Brille zurecht und ging zum Tisch. Noch mehr Tote sollte es heute eigentlich nicht geben. Al Gandhi nahm den Hörer entgegen und lächelte. Doch was wusste er schon, der Tag war immerhin noch jung.

      [im Impel Down]



      Einige Stunden vergingen, seitdem das Impel Down wider aller Erwartungen nicht zerstört wurde. Ausgelassene Stimmung währte unter den heil gebliebenen Angestellten und ein wahres Orchester der guten Laune erklang, als sich ihr Direktor, Dr. Ryan Jay Krueger den Weg nach draußen ins Tageslicht bahnte. Winkend schritt er durch die Menge, die seiner Unversehrtheit zu Ehren unter tosendem Jubel ein lautes Ständchen schmetterte:

      „Wer lebt denn da, wer lebt denn daaaaaa
      Doktor Ra – hain – Jay – Krue – gaaaaaaa
      Ja, hat er es getan – hat er es getan? Hat...

      uns –
      hinters Licht geführt,
      zu Tränen gerührt,
      innerlich berührt,
      mit seinem Charme verführt.

      Ja, das hat er. Ja, das hat er schon,
      das ist aber gut,
      denn das war uns ja klar,
      denn unser Chef ist Direktor Krue - oh - Krue-hüü-gaaa!

      OHHHHHHHHHHHH YEAAAAAAAAAAH!!

      „Danke“, erwiderte Krueger.
      „Und jetzt zurück an die Arbeit!“

      *



      Die Weltregierung machte ihre Arbeit und er machte seine. Er war nicht der Mann, der sich von anderen Regeln diktieren ließ. Wenn das ihn ernennende Gremium wüsste, was er alles tat, um dieses Amt nach seinen Maßstäben auszufüllen, hätten sie ihn sicherlich nicht genommen. Ein Sicherheitsrisiko wäre er. Womöglich sogar jemand, den man inhaftieren müsste.
      Natürlich nicht nach seiner eigenen Sichtweise, denn Krueger wusste nur zu gut, wie andere Menschen dachten – und wovor sie sich insgeheim fürchteten.
      Sein ärgster Konkurrent hasste ihn, weil dieser eine Vergangenheit hatte, die nicht auf weißen Seiten fein leserlich beschrieben werden konnte. Eban Rainhold, dieser Einfaltspinsel, hatte klare Schwächen, die über seine Kompetenz hinwegtäuschen konnten. Und über die Gefährlichkeit, die von diesem Mann ausging.
      Der Direktor schmunzelte. Rainhold stand zu seiner Schattenseite, seinem Jähzorn, er versteckte das alles nicht. Das machte ihn weniger tauglich als ihn, Dr. Krueger, der sich nicht zu solchen Dingen zu bekennen brauchte.
      Wozu auch?
      Kruegers Schmunzeln wich einem Lachen. Wozu sollte er sich zu etwas bekennen, das nicht mehr existierte? Wie viele Menschen kannten dieses „etwas“, das irgendwann mal jemanden verkörperte, an den er keinen Gedanken mehr verschwenden wollte. Eban kannte dieses „etwas“, doch er konnte es nicht beweisen. Er war nicht in der Lage, diese Schattenseite aufzudecken. Und genau diese Unfähigkeit machte ihn unterlegen.
      Der Direktor merkte gar nicht, dass der Patient ihm die Treppen hinunter folgte, obwohl er ihn eben selbst noch darum gebeten hatte. Er sollte wirklich konzentrierter zu Werke gehen.

      „Nun, mein Freund“, wandte er sich an den Patienten, der Kruegers finsteres Lachen mit keiner Silbe kommentiert hatte.
      „Du hast mir gesagt, dass du hier jemanden sprechen willst!“
      Der Patient nickte.
      „Das habe ich nicht vergessen“, begann Krueger zu erklären, während er eine Fackel aus der Halterung nahm und den Patienten eine weitere Treppe hinabführte. Die Stimmen der oben gelegenen Gefangenen wurden von der Dunkelheit regelrecht verschluckt. Nur die Fackel zeigte ihnen die Stufen, die sie langsamen Schrittes passierten.
      „Ich habe die leise Vermutung, dass du keinen x-beliebigen Gefangenen aufsuchen möchtest“, setzte Krueger seinen Monolog fort. Am Fuße der Treppe angekommen lauschte der Direktor den neuen Geräuschen. Auch der Patient spitzte die Ohren, hörte zu seiner Verwunderung aber keinerlei Stimmen, lediglich ein lautes Surren, das weit lauter war als jedes Atemgeräusch, das man bei genauerem Hinhören wahrzunehmen glaubte. Es waren mehrere dieser surrenden Lautquellen, die den dunklen Gang mit mechanischen Geräuschen ausfüllten.

      „Lass dich davon nicht stören. Es wird nicht lange dauern, bis wir den richtigen Gesprächspartner geweckt haben!“
      Das Lächeln in Kruegers Gesicht war für den Patienten nicht ersichtlich.

      Das war vermutlich auch besser so.


      Kapitel 31: Geheimnisse unterm steinernen Direktorenhintern

      Surren. Pumpen. Zischen. Schmunzeln. Es waren eigenartige Geräusche in diesem entlegen wirkenden Teil des Gefängnisses. Das mochte verdeutlichen, wie unwirklich dieser Ort auf den Patienten wirkte. Es war wie ein Gefängnis – im Gefängnis.



      Dachte er gerade darüber nach, was ein Schmunzeln in dieser Geräuschkulisse bewirkte, spähte er unauffällig zum Direktor hinüber. Dessen Schmunzeln, ein diebisches Grinsen, kurzweilige Laute seines Frohsinns – wenn er Krueger vorher nicht durchschaute, wollte er jetzt wirklich nicht wissen, weshalb ihn dieser Ort so faszinierte. Obwohl, der Patient wischte sich kurz übers Gesicht, bei diesem Mann sollte gerade die unnatürliche Beschaffenheit dieses Zellenblocks – und seiner Insassen – mit größter Spannung verknüpft werden.

      Dieses Gefängnis war sehr alt. Sehr, sehr alt. Im Laufe dieser Zeit hatte es einige Geschichten gegeben, die bis nach Außen drangen. Einfach, weil es so sein sollte. Dieser Ort sollte Angst verbreiten. Angst davor, bis ans Lebensende unter fürchterlichsten Bedingungen zu verweilen, zu büßen, aufgrund des dadurch erst ermöglichten Sadismus zu leiden.
      Dieses Gefängnis barg aber auch Geheimnisse, die unausgesprochen bekannt waren – bekannt gemacht wurden. Ausbrüche machten es möglich. Der Goldene Löwe, der Strohhut, und Blackbeard. Sie waren jene Beispiele, an die die Erinnerungen vorhanden waren, zeigten, dass abgetrennte Gliedmaßen und tödliche Vergiftungen nichts waren, das einen an der Flucht hinderte.
      Diese Fehler galt es zu bearbeiten.
      Krueger war kein Direktor der Folter.
      Viel eher versuchte er zu verstehen, weshalb diese Leute erfolgreich waren, weshalb diese Mauern ihrem Freiheitsdrang keine Einhalt bieten konnten. Ganz gleich, welche Geheimnisse bisher nach Außen getragen wurden, wie zum Beispiel die einzelnen Etagen aufgebaut waren, welche Ressourcen dem Impel Down an Kampfkraft zur Verfügung standen und dass es ein sechstes Level gab. All das war als strategisches Geheimnis nicht mehr von Bedeutung.
      Denn es gab andere Aspekte dieses Gefängnisses, die dem Direktor zugänglich waren. Deren Sinnhaftigkeit er begriffen hatte – und zu denen nicht jeder Zugang erhalten sollte.

      „Herzlich Willkommen im Taufibeta“, murmelte der Direktor und tänzelte freudestrahlend mit dem Patienten an der Hand durch den Gang. Vorbei an den Zellen, die alle von herab baumelnden surrenden Glühbirnen ausgeleuchtet wurden, wobei ein gleich wirkendes Einrichtungsbild offenbart wurde. In jeder Zelle stand exakt ein Bett, auf dem eine zugedeckte Gestalt lag. Lediglich ihr Gesicht war für den Patienten in Teilen ersichtlich, da eine Sauerstoffmaske alles unterhalb der geschlossenen Augen verbarg.
      „Wie heißt denn die Person, mit der zu reden ist?“ Krueger verzog keine Miene. Der Patient zuckte. Keiner außer ihnen war hier bei Bewusstsein. Jeder Insasse im Taufibeta war an Apparaturen angeschlossen, die ihn am Leben hielten. Bei genauerem Hinhören war es nur noch die Atmung von Krueger und ihm, die diesem Gang etwas menschliches verlieh. Es hatte ihn bereits gewundert, dass sie eine Treppe hinabstiegen, die hinter einer Hannyabal-Büste versteckt lag.
      „Weißt du den Namen überhaupt?“, hakte der Direktor nach, blieb stehen. Der Patient bremste, ehe er Krueger in die Hacken lief und sein Blick wich zögerlich aus, fiel durch die Gitterstäbe auf eine Person, deren Augenlider zuckten. Etwas, was ihm sofort auffiel. Interessiert wandte sich der Patient von Krueger ab und betrachtete den Liegenden, der sich von allen anderen abhob.
      Alle anderen lagen nämlich da und machten nicht mehr den Eindruck, wirklich lebendig zu sein. Nur die Maschinen um sie herum bezeugten ihr Fortbestehen, taten das, womit man in diesem Gefängnis nicht mehr rechnen konnte: Ein Leben wurde nicht mutwillig verkürzt, sondern bewusst erhalten.
      Krueger lächelte. Nachdem sie ein Dutzend Personen passiert hatten, blieb er vor dem mutmaßlich richtigen Verlies stehen. Dass der Patient seine Augen tatsächlich nicht von der Person hinter den Gitterstäben abwenden wollte, bestärkte Kruegers Vermutung.
      „Brauchst du vielleicht ein Tuch“, fragte der Direktor rhetorisch, drehte sich um und besah das zitternde linke Augenlid des Patienten. Jenes Auge, das sich vom anderen abhob. Jenes Auge, das das Leben des Patienten mit veränderte. Es stand sinnbildlich für die Entwicklung, auf die sich dieser Mann einließ. Krueger reichte dem abwesend wirkenden Patienten ein Taschentuch und nachdem dieser es nicht entgegennahm, tupfte der Direktor die Tränen ab, die langsam aus dem linken vernarbten Auge flossen.
      „Es stimmt also.“

      Krueger betrachtete den regungslosen Patienten, der nach wie vor die Person anstarrte, die vor ihnen lag. Nur die Gitterstäbe trennten den Patienten und Krueger von dem Mann, dessen geschlossene Augenlider zitterten. Es war wie eine verkehrte Welt. Der Patient neben ihm wirkte immer teilnahmsloser, während der Mann im Bett lebhafter wirkte als alle anderen, die am schlafen gehalten wurden.
      „Beide haben die gleichen Augen...“

      Krueger verstaute die Hände in den Taschen und schlenderte nervös durch den Gang, vorbei an weniger lebhaften Gestalten, surrenden Glühbirnen, piepsenden Geräten. Was sich hier befand, war eines der Geheimnisse des Impel Downs, die er am ehesten mit ins Grab nehmen würde. Menschen, die so lange leben sollten, wie es möglich war.
      Jeder Verbrecher, der hier lag, würde nie wieder das Tageslicht erblicken. Jeder Verbrecher, der hier lag, würde sterben. Später als alle anderen, da sie noch gebraucht wurden.
      Krueger fuhr mit den Fingern an den Gitterstäben entlang, ging an denen vorbei, die vor seinem Amtsantritt noch zusammengekauert in irgendeiner Ecke lagen. Die auf den Tod warteten und sich langweilten.
      „Träumt alle süß“, flüsterte der Direktor, bis er endlich das Ende des Ganges erreicht hatte. Als er sich umdrehte, sah er den erstarrten Patienten, dessen Gesicht ein Lächeln zierte. Jenes Lächeln, das Krueger zuvor genau einmal zu sehen bekam.

      „Big Mums Tod und nun die Begegnung mit ihm.“
      Krueger trat an den Patienten heran, stellte sich neben ihn, um im gleichen Blickwinkel auf den Schlafenden zu blicken. Jenen Mann, der anscheinend weniger süß träumte. Zwar war er wie die anderen nicht bei Bewusstsein, doch die zitternden Augenlider zeigten klar, dass irgendwas in ihm vorging. Aufwachen würde er nicht, doch die Verbindung zwischen dem Patienten und ihm war offensichtlich.

      „Ich frage mich, wie viele Schlafschafe wir noch am schlafen halten müssen“, murmelte Krueger. Er beobachtete die Reaktion des Patienten auf diesen semantisch sinnvollen, vom Ausdruck her allerdings ungewohnten Satz. Ganz nahe kam er dessen Gesicht. So nahe, dass er dessen leichte Atmung neben den Maschinengeräuschen klar und deutlich hörte.
      Krueger wartete. Es geschah aber nichts.

      Genau so wurde er von der Marine aufgefunden. Geistig abwesend, apathisch.
      Krueger ballte die Fäuste in seinen Taschen. Erstmals spürte er an diesem Ort ein anderes Gefühl als unbekümmerte Freude.
      „Das ist nicht mein Patient“, rief er laut, wissend, dass ihn hier niemand hören würde. Jemand hatte den Patienten vor ihm bearbeitet. Bei ihrer ersten Begegnung war ihm nicht klar, wer der Patient war. Jetzt wusste er, dass dies auch keine Bedeutung hatte. Jetzt, wo er dieses apathische Verhalten ein zweites Mal sah, war ihm bewusst, dass dahinter ein klar zu benennendes Phänomen stand. Krueger schnaubte vor Wut. Phänomen...
      Wieso ohrfeigte er sich nicht für diesen denkbar verkehrten Terminus? Das war kein Phänomen, sondern ein Graus. Der Patient wurde bereits therapiert, ehe er Krueger erstmals im Impel Down begegnete. Mit einer Methode, die der Direktor mit jeder Faser seines Körpers ablehnte.

      „Du willst mich quälen?“
      Kruegers Fäuste zitterten in seinen Taschen und er war kurz froh, dass ihn keiner sehen konnte. Denn dieser unverhofft aufmunternde Gedanke wich einem nie dagewesenen Zorn. Schreiend schlug er gegen die Gitterstäbe, entfernte sich vom Patienten und rannte wütend durch den Gang.
      „DU WILLST MICH QUÄLEN!“

      Krueger tobte, seine Schreie legten sich über die maschinelle Geräuschkulisse, veränderten sie in ein Lautbild menschlicher Wut. Der Patient schlug auf eine Therapie an, die nicht weit weg von dem war, das Krueger nur zu gut kannte. Er erkannte eine Therapieform, die er heute ablehnte. Eine Therapie, die ihn an das erinnert, das er zu vernichten geglaubt hatte. Es war zwar nicht dasselbe Vorgehen, doch leider ein vergleichbares Ergebnis. Etwas, was Krueger lange erfolgreich aus seinem Bewusstsein heraushielt. Der Patient löste seine Persönlichkeit Schritt für Schritt, Auslöser für Auslöser, durch eine Neue ab. Bald würde es irrelevant sein, wer er einst war. Dieses Bewusstsein dafür würde nicht mehr existieren.

      Wer immer den Patienten therapierte, wollte Krueger auf das hinweisen, was er vor Jahrzehnten selber probierte. Den Mann zu vernichten, der er einst war. Einen Namen zu tilgen, eine Geschichte auszulöschen. Nur zwei Menschen kamen für diesen unliebsamen Hinweis in Frage. Krueger hielt sich an den Gitterstäben fest, schnaubte, versuchte sich zu beruhigen. Ernest Gray oder Eban Rainhold – einer von ihnen „schickte“ ihm den Patienten. Um ihn daran zu erinnern, dass er nicht immer Dr. Ryan Jay Krueger war. Dass er ebenfalls dafür Sorge trug, sein altes Ich zu eliminieren. Doch wer er vorher war, Krueger schnaubte, an den Menschen wollte er sich nicht erinnern.
      Er rutschte an den Stäben zu Boden, landete langsam auf seinen Knien. Es hatte aber auch sein Gutes. Kruegers innere Aufgebrachtheit verrauchte langsam und stetig. Dafür war er zu erfahren. Er sah in allem Schlechten auch etwas, womit sich arbeiten ließ. Das war Fluch und Segen zugleich - jetzt gewiss ein Segen. Denn immerhin wurde soeben sein Wissensdurst gestillt. Die Welt war kleiner als er dachte. Zitternd nahm er seine Brille ab, wischte sich durch die feuchten Augenwinkel. Ein Lächeln zierte Kruegers Gesicht. Der hier liegende Auslöser des Patienten war ein Gefangener namens Kain.

      Ein Abtrünniger aus dem Heiligen Land und Isabelles Vater. Zumindest ging man davon aus. Kruegers Lächeln weitete sich bei dem Gedanken. Die Welt war wirklich sehr klein.
      Kapitel 32: Der Mann mit den zwei Gesichtern
      [vor einiger Zeit]



      Man sah ihn stets als guten Mann. Einen, den man respektierte, obwohl er so bedeutend anders war. Neben dem Aristokraten Paul war er nämlich der bekannteste Wohltäter des Heiligen Landes. Stets darauf bedacht, Menschen jeglicher Herkunft wertzuschätzen und trotzdem nicht mit den Gepflogenheiten zu brechen. Man konnte glatt meinen, dass Kain zwei Gesichter besaß: Eines, das seine eigene Herkunft erkannte und entsprechend einordnete, ein anderes, das nahe genug an die Menschen herantrat, um ihre Wünsche zu lesen.

      „Ich kann das nicht mehr...“
      Seine Stimme, die für ihren leidenschaftlichen Optimismus bekannt war, sie zitterte bedenklich. Bis zu diesem Moment hatte man sich nicht ausmalen dürfen, dass diesem Mann irgendetwas die Laune verderben konnte. Doch dem war so. Es war der Tag gekommen, an dem Kain eine Träne über sein gealtertes Gesicht lief. Nicht vor Rührung oder Belustigung, sondern aus schierer Angst heraus. Zusammengekauert saß er auf einer Bank, abseits von den belebten Straßen und vergrub sein Gesicht in den Händen.
      „Und du hältst dich für unschuldig?“, fragte ihn sein Sitznachbar, der seinen Kopf hinter einer ausgebreiteten Zeitung versteckte. Kain blickte auf.
      „Natürlich...“, erwiderte dieser. Dieser unfassbare Druck, der auf ihm lastete, lähmte beinahe seine Stimme, zu gebrochen entwichen die Worte seinem ausgetrockneten Mund.
      „Fassen wir es zusammen. Es ist etwas vorgefallen, für das dir die Schuld gegeben wird. Etwas, was du nicht zu verschulden hast?“ Krueger blätterte seelenruhig die Zeitung um, war inzwischen bei der Witzerubrik angekommen. Er hielt kurz inne, seine Augen wanderten von den herrlichen Pointen nach oben, blickten in den strahlend blauen Himmel, dessen Sonnenstrahlen sich in seinen verdunkelten Brillengläsern spiegelten.
      Lies keine Witze, dachte der Psychiater schmunzelnd. Denn er sollte besser nicht lachen, solange sein gebeutelter Gesprächspartner kurz vor einem Nervenzusammenbruch stand.
      „Natürlich...“, begann Kain erneut.
      „Natürlich habe ich nichts dergleichen getan.“
      Krueger nickte.
      „Was weiß deine Familie davon?“, fragte er und legte die Zeitung neben sich auf der Bank ab. Erstmals sah Kain, dass seine erhoffte Hilfe nicht nur eine Sonnenbrille trug, sondern auch eine Melone und einen falschen Schnauzbart, was angesichts seines ergrauten Vollbarts äußerst merkwürdig aussah. Der Beschuldigte zog sachte an seiner Halskette, worauf sich ein Medaillon seinen Weg aus dem Hemdkragen bahnte. Mit einem beherzten Drücken auf die metallene Oberfläche öffnete es sich, woraufhin Krueger die lächelnde Familie Kains auf einem kleinen Foto zu sehen bekam.
      „Meine Tochter hat gesehen, wie ich eines Nachts nach Hause kam und...“
      Krueger nahm seine Sonnenbrille ab, besah das kleine Foto, das im Medaillon verborgen lag. Dieses Mädchen...
      „Deine...Tochter?“
      Kain nickte stolz. Erstmals war wieder ein Funken Hoffnung in sein Gesicht zurückgekehrt. Krueger sah das sich aufhellende Gesicht, blickte kurz zur Seite. Ihm war jetzt nicht mehr nach Witzen zumute. Ruhig warf er seine Zeitung in den nächstgelegenen Mülleimer und stand von der Bank auf, setzte die Sonnenbrille wieder auf.
      „Ich werde mit ihr reden und sehen, was sie von dir hält.“ Kain nickte, wischte sich eine Träne aus den Augenwinkeln.
      „Sie ist alles, was ich habe. Ich kann sie einfach nicht verlieren.“

      *



      „Kaum zu fassen, dass ich nicht meinem ersten Eindruck vertraut habe.“
      Gedankenverloren wanderte Krueger im Taufibeta herum, weg von Kain und dem Patienten. Der Psychiater kratzte sich am Kopf, während er auf die Ansprechbarkeit seines neuen Freundes wartete. Der Patient hatte nach Big Mum und Kain mindestens zwei apathische Phasen durchlebt. Wie viele hatte er bereits hinter sich und vor allem: Wie viele sollten noch folgen, ehe diese Therapieform abgeschlossen war? Was folgte danach, worauf wurde er konditioniert?
      „Wurden Personen als Impulse gesetzt – oder wahrscheinlich etwas anderes?“
      Durfte er den Patienten bis zum Ende seiner Therapie begleiten, sollte er sie abbrechen? Es waren viele Fragen, denen sich der Direktor zu stellen hatte. Fragen, die nur auf eine Person zutrafen. Eine Person, von der er nichts wusste und die gleichzeitig sein einziges Bindeglied zu seinen größten Widersachern zu sein schien. Rainhold oder Gray, wer pflanzte dem Patienten diesen Weg ein? Einen Pfad, der durch das tosende Schlachtfeld von Whole Cake Island bis in die Hölle des Impel Down hineinführte.
      „Er war nicht auf dem Foto...“, sinnierte Krueger. Der Patient war nicht auf Kains Medaillonfoto, doch gleichzeitig verband sie irgendetwas.
      „Vertrau deinem Instinkt, Krueger!“, murmelte er leise. Er blieb vor Kains Zelle stehen, musterte den Mann, der ihn einst um Hilfe anflehte.

      „Es hat kein Wort gestimmt...“
      Der Direktor holte ein silbernes Medaillon aus der Tasche seines Kittels, musterte das darin enthaltene Bild und wandte sich vom verurteilten Kain ab.
      „Dieses Mädchen...hat keinen Vater wie dich!“

      *



      „Blut, es war alles voller Blut!“
      Krueger hob eine Hand und Stille kehrte ein. Die gebrochene Stimme des Mädchens verstummte. Wie er es Kain versprach, nahm er sich Isabelle an, um ihre Sicht der Dinge zu verstehen. Ihr Vater wurde für einen brutalen Mord verantwortlich gemacht, einen, den er nicht begangen haben wollte. Er stritt es vehement ab, suchte den besten Psychiater auf, um seine Schuldunfähigkeit von höchster Stelle nachweisen zu können. Ein Vorgehen, das Krueger bereits sehr verwunderte. Doch gleichzeitig war er neugierig den Menschen Kain kennenzulernen. Eine wahrlich interessante Persönlichkeit in Mary Joa. Doch was er hier und jetzt mit Isabelle erlebte, brach ihm beinahe das Herz.
      „Ich kann nicht glauben, dass er so etwas getan hat!“
      Er blickte das Gesicht des Mädchens an und schluckte. Wie konnte er in diesem Augenblick noch professionell bleiben? Sie rang mit sich, kämpfte, doch auch sie erkannte die bittere Wahrheit. Ihr Vater war ein Mörder, etwas, das sie mit jeder Faser ihres Körpers abzustreiten versuchte. Doch es gelang ihr nicht, die Gewissheit, die Realisierung, all das übermannte sie. Dieses junge Mädchen war kurz davor zu zerbrechen. Krueger fühlte sich machtlos, nahezu ohnmächtig.

      Er sollte sie davor bewahren können, doch bevor es soweit war, zweifelte er erstmals an sich. An dem Menschen, den er mit Ryan Jay Krueger erschaffen hatte. Ein Mann, der gut war, der seinen Sinn im Leben gefunden hatte – das sinnlose, verlorene hinter sich begrub. Isabelle war die erste Person, die ihn herausforderte. Die an das appellierte, das er einst verloren hatte.

      Krueger biss sich in die Faust und Tränen rannen über sein Gesicht.
      Sie erinnerte ihn an seine Tochter.

      Kapitel 33: Von Zuversicht und Inspekteuren

      „Habe ich das wirklich verdient, James?“
      *

      Kruegers Augenlider zuckten, als er gedanklich kurzerhand um Jahrzehnte zurückgeworfen wurde. Innerlich fror er bei dieser Erinnerung, es waren Momente, die so weit zurücklagen, Begebenheiten, hinter denen er so viele Blockaden errichtet hatte. Zitternd griff er nach seiner Tasse Tee, während er den Blick nicht von den Augen des Mädchens abwenden wollte. Strahlendes Grün, in denen sichtbare Trauer lag, in denen er so vieles herauslesen konnte. Der Psychiater hielt inne, schluckte das wohltuende Getränk hastig hinunter. Sah er in ihr das, was er sehen wollte oder das, was er erkannte, da er gut in seinem Beruf war? Gut darin, weil er Jahre an gedanklicher Reise unternahm, um sich von alledem zu lösen, was er verloren glaubte, ablegen wollte und vernichten musste? Wenn er Isabelle helfen wollte, durfte er sie nicht als seine Tochter betrachten. Doch dieses grün, dieses unschuldige Gesicht. Sobald er sie von Scheitel bis Fuß mustern würde, war diese Ähnlichkeit verblüffend. Sie war real, zu real.

      „Woran erkenne ich noch den Menschen, der mein Vater ist?“
      Isabelle zog sich ein Taschentuch aus der Box, schnäuzte ihre Nase. Minutenlang erzählte sie von ihren Eltern, den Menschen, die sie stets auf der Straße antrafen, die anhielten, um ihr für diesen gutherzigen Vater zu danken. Jenem Mann, der so vieles für einen Glauben an Barmherzigkeit tat, der so viele wunderbare Ideale verkörperte und vorlebte. Dessen Sockel mit einer Nacht nicht nur ins Wanken geriet, sondern krachend umfiel. In einem Hort voll angenehmster Stille einen tosenden Lärm verursachte. Der gute Kain war mit einem mal Geschichte. Und Menschen, die sie draußen herzlich grüßten, straften sie, die unschuldige Tochter, mit verachtenden Blicken. Mit Gemurmel, mit Ächtung. Krueger dachte über ihre Frage nach, die er als Psychiater analysierte. Als nichts anderes.
      Er wollte diesem Mädchen helfen, das unverhofft in eine Lage geriet, die er nicht in Worte zu fassen vermochte. Am liebsten hätte er sie vor allem Bösen versteckt, und ihr alles gegeben. Alles was sie brauchte, was sie verdiente. Dieses Mädchen war seine Tochter. Dieses Mädchen war nicht seine Tochter. Sie war ein verklärter Rückblick auf die Welt, die er verabscheute, die er liebte, die nicht existierte und zugleich alles war, was er brauchte, um im hier und jetzt zu leben, zu wirken – sie war etwas Besonderes. Der Psychiater lächelte und beantwortete ihre Frage. Von da an hellte sich ihre Miene auf und in allem, was er zuvor in ihren grünen Augen zu sehen glaubte, flammte eines nur noch stärker hervor, die Zuversicht.

      *

      Das Taufibeta ließ er hinter sich. Es reichte dem Patienten, den schlafenden Kain zu sehen. Auf dass dieser Mann weiterschläft – und nie mehr erwacht. Krueger ballte die Fäuste in seinen Taschen, ein stiller Moment des Zorns wich dem der Neugierde, während er seinen Patienten aus diesem geheimen Distrikt nach oben tragen ließ. Hinter ihm schnaufte Magellan, wie er den immer noch regungslosen Patienten in einem über die Schulter geworfenen Sack die Treppen hoch wuchtete, nachdem das lieblose Hinterherschleifen vom Direktor mit einem Kopfschütteln bedacht wurde.
      „Was sollen wir bloß dem Inspekteur sagen?“, murmelte Magellan, der die ruhige, weit weniger angestrengte Gangart Kruegers vor sich beobachtete.
      „Der Taufibeta existiert nicht, genauso wie das sechste und siebte Level“, antwortete der Direktor gelassen und wartete, bis Magellan sich an der Büste des ehrenwerten Hannyabals vorbei gezwängt hatte. Nach einem beherzten Ziehen am steinernen, langen Direktorenkinn schob sich die Büste nach hinten und verbarg den Eingang in die surrende Tiefe.

      „Wie oft wurde das Gefängnis während Ihrer Amtszeit begutachtet?“, fragte Krueger, der genüsslich um die wohlfeile Büste spazierte, um den vollständigen Verschluss der entlegenen Treppe zu prüfen.
      Prustend wollte Magellan gerade den Patientensack fallen lassen, da legte er ihn allerdings - nach einem strengen Blick - behutsam auf dem Steinboden ab, um ihn schleunigst zu entknoten.
      „Das vorletzte Mal blieb mir in lebhafter Erinnerung, da es zu der Zeit Probleme mit meinem Partner Shiryuu gab. Ravehouse war hier – und danach gab es diese Probleme nicht mehr.“
      Krueger lachte, ging unentwegt weiter.
      „So ist er, der gute Ravehouse. Konsequent!“ Dann blieb er stehen und kratzte sich nachdenklich am Kinn.
      „Ist mein Büro eigentlich wieder bezugsbereit?“

      Neugierde. Ja, die Neugierde überkam den Direktor, legte sich über seine stille Wut. Die aufgewirbelte Wut auf Kain, die ihm schlafend entgegen sprang. Die Wut auf Rainhold und Gray, die nicht aufhörten, in alten Wunden zu bohren. Die geplante Infiltration und Ermordung eines Havide D. Rennessey, die Behandlung des Patienten.
      Krueger lächelte bitter.
      Seine einstigen Mitbewerber glaubten wohl, dass sie ihm den Spiegel vorhalten und dadurch zermürben konnten. Sie mochten vieles über ihn wissen, noch mehr über ihn denken. Aber er hatte mit seiner Vergangenheit abgeschlossen, und war stolz darauf. Ryan mochte nicht der Name sein, den ihm seine Eltern vor siebenundfünfzig Jahren gaben, doch trotzdem war er an jedem neuen Tag froh darüber, diesen Namen zu tragen, mit diesem Namen verknüpft und angesprochen zu werden. Dr. Ryan Jay Krueger war kein wütender, kein zorniger Mann. Er war neugierig, wissbegierig – und er wusste, wie man ein Spiel spielte.
      Wenn Eban und Ernest ihn provozierten, wollte er sich dieser Konfrontation gewiss nicht entziehen. Er hatte die beiden das letzte Mal gesehen, als sie sich mit ihm um den Direktorenposten bewarben. Es waren Tage, an denen sich zeigte, dass sie unmöglich kooperieren konnten. Dass jeder seine eigenen Motive besaß, um sich dieses Höllenjobs anzunehmen.

      Mit beschleunigten Schritten stapfte der Direktor seinem neuen Büro entgegen, bereit, seine Gesprächsgäste zu sprechen. Zu viel Unruhe legte sich über die letzten Stunden. Zu viel innere Anspannung, die sich nach und nach legte, je näher er seinem angeblich vorzüglich neu eingerichteten Büro kam.
      Zeit, den drei Männern und Bären darin ein neues Angebot zu unterbreiten. Mit dem Unterschied, dass sie auf Kruegers Seite weit mehr Erfolg haben würden. Ein vergnügtes Lächeln umspielte Kruegers Lippen. Wer würde nicht die süße Genugtuung genießen wollen?

      Danach würde er sich das Siebte Level anschauen. Krueger seufzte erleichtert, während er durch den belebten Gang spazierte. Das sollte ein sehr ereignisreicher Tag werden.

      *

      „Kein Mensch hat das…“
      Starr vor Schreck blickte James in die Augen seines Freundes. Diesem Grün, fernab jeglicher Hoffnung und Zuversicht, wohnte etwas schreckliches inne. Dann sank er blutend zusammen und starb.
      Kapitel 34: Sitzen - Stehen - Liegen

      [Whole Cake Island]

      Das war eine Unterredung ganz nach seinem Geschmack. Ein Toter, ein Nachrücker, es passte nahtlos zusammen. Doch was bedeutete das für ihn? Nachdenklich strich er sich über sein glattes Kinn. Nun, die aktuelle Aufmerksamkeitsspanne des Menschen lag statistisch gesehen bei 17 Sekunden. Ein Schmunzeln legte sich auf das Gesicht des Mannes, der eine kleine Uhr in die Tasche seines grauen Kittels fallen ließ. Er hatte genau darauf geachtet. 17 Sekunden dauerte es, bis sein Blick von der Leiche des jungen Mannes hinüber zum hawaiihemdigen Störenfried wanderte. Der Weise Al Gandhi nahm dessen Telefonat entgegen und die Dinge nahmen ihren Lauf.
      Genüsslich stopfte sich der Träger des grauen Kittels seine Pfeife, beugte sich vornüber, als es zu regnen begann. Eben, im eisigen Klima der einseitigen Diskussion, schien noch die strahlend schöne Sonne und jetzt, wo alles vorbei war, jeder seines Weges ging, da ging zugleich ein Wolkenbruch darnieder. Wie amüsant.
      Ein Mann, der früher zum Tode verurteilt wurde, telefonierte mit dem Mann, der einst Gnade walten ließ, und doch im hier und jetzt in überstürzter Hast einen kleinen Kriminellen hinrichtete. Welch köstliche Ironie. Er wartete kurz, ehe er an seiner Pfeife zog. Da er beim rauchen nicht lachen wollte. Momente der Stille legten sich über ihn. Noch viel wichtiger war ihm die Präsenz seines werdenden Gesprächspartners, der sich zu ihm in den Regen gestellt hatte.

      „Was denken Sie über unsere Gäste, Dr. Gray?“
      Al Gandhi klang ruhig, geradezu erleichtert. Innerlich aufgeräumt und doch ein wenig ekstatisch. War es das laute Wetter, das ein hehres Unheil ankündigte – oder doch einfach notwendig war? Um die letzten Blutlachen von der Insel zu spülen, die verbliebenen bunten Wölkchen aus den Kuchenschornsteinen zu durchlöchern, das frische Blut vom letzten Interessenten der Porneglyphe aus dem Thronsaal zu schwemmen? Der Weise neben ihm war mit sich im Reinen.
      Verständlich, wenn man es aus diesem Blickwinkel betrachtete. Das konnte Ernest Gray hervorragend. Seine Position war ein Fundament. Zugleich war er imstande, die Positionen von Patienten und Gesprächspartnern einzunehmen. So auch hier. Al Gandhi dachte folgendes, mutmaßte Gray mit innerlichem Wohlsein: Manches sollte man nicht wissen und das Wissen, dass jemand nicht akzeptiertes Wissen wissen musste, war eine gleich formende Voraussetzung. Die Begierde nach dem Wissen war mit der Begierde, eben jene Begierde auszumerzen, gleichzusetzen. Ernest Gray, Psychiater, Anwärter und Bewerter dieses kaiserlichen „Nachfolge-Treffens“ verstand die Sachlage. Ein Mitglied der Fünf Weisen tat alles in seiner Macht stehende, um seinen Stand zu wahren. Wenn dafür jemand starb, dann, weil er es musste.

      Ruhig hob Gray seinen Kopf, hörte ein leises Zischen als sich vereinzelte Regentropfen auf die Glut seines entzündeten Tabaks stürzten.
      „Ich habe nicht den Eindruck gewonnen, dass von einem der Anwesenden unmittelbare Gefahr ausgehen wird.“
      Erfreut lauschte er dem hörbaren Seufzer, dem aufgeprallten Stein, der von Al Gandhis Herzen fiel. Den gar nicht störte, dass die Worte des Psychiaters zwischen zusammengepressten Zähnen entwichen – die Pfeife haltend. Denn keine Hand war mehr dafür frei, nachdem der Doktor einen kleinen Notizblock hervorholte und blätternd durch seine viel zu groß geschriebenen Notizen raste.
      „Person a) Herr D. Pizzi besitzt ein ausgeprägtes, aber endliches Weltbild, das sich nicht mehr aus den Angeln heben lässt. Seine Sehnsüchte gelten der Gegenwart, dem Genuss, dem Sofa und dem Komfort, das er für alle Zeiten auf diese Lage projizierte...“
      Al Gandhi hob eine Hand, lauschte dem prasselnden Regen und nickte. Den Eindruck hatten sie auch gewonnen. Pizzi war dem Schicksal sehr ergeben, nachdem es ihm zweimal alles nahm, der er jetzt nur noch den schönen Seiten des Lebens frönte. Tagein, tagaus lag er in seinem Sessel, der heute sogar von seinen Dienern über das ehemalige Schlachtfeld namens Whole Cake Island getragen wurde. Dieser Mann hatte sich geschworen, keinen Fuß mehr auf den Boden zu setzen. Nicht einmal am Verhandlungstisch hatte er Platz genommen. Dort, wo gefragte Herren den – im wahrsten Sinne – Kuchen untereinander aufteilten. Die drei anwesenden Weisen, Al Gandhi, Joseph und Bob, der Beobachter und Begutachter Dr. Ernest Gray, der verfluchte Minenbewohner, den sie nur noch Rotbart Goldbarren nannten, der spontan verstorbene Jüngling und der dreiste Mann im Hawaiihemd, Sakul von den Lukas-Brüdern. Keiner der Anwesenden war eine Gefahr. Sie waren vielleicht durchtrieben und nachweislich wahnsinnig. Al Gandhi lächelte. Alles bessere Option als Alexander Baelon, der ihn aus dem Heiligen Land anrief.
      „Welch köstliche Pointe, dass wir an diesem Ort von einer moralischen Überlegenheit sprechen können!“
      Al Gandhi blickte den sprechenden Psychiater an, dachte an Alexander und rieb sich die nassen Schläfen. Dann begann er lauthals zu lachen. Bei dem lauten Donnerwetter sollte es ohnehin kaum einer zu hören kriegen.
      „Sie gefallen mir, Dr. Gray.“
      Dieser beugte sich erneut nach vorne, während ihm auf die Schulter geklopft wurde. Erneut versuchte er seine Pfeife zu entzünden.
      Angestrengt hörte er das frohe Lachen des Weisen, wobei ihm bei diesem tosenden Sturm nur nach einem zu Mute war. Da entzündete die Glut seinen leicht feucht gewordenen Tabak und Gray vergaß seinen hehren Wunsch. Genüsslich ließ er den Rauch aus beiden Nasenlöchern schießen. Der Tag war so gut wie vorbei. So stand er im Regen und wartete. Bald würde ein neuer Morgen anbrechen, einer, an dem er nicht bis auf die Knochen durchnässt wäre.
      Was tat man nicht alles für die hohen Herren. Ernest blickte nach oben, atmete oder vielmehr seufzte frischen Rauch aus.
      Trotzdem habe ich den Posten nicht bekommen.

      *

      Ernest Gray stand auf Whole Cake Island, Eban Rainhold saß in Mary Joa. Seine größten Konkurrenten befanden sich gerade an den aktuellen Schaltzentralen der Welt.
      Krueger begrüßte seine Gäste freundlich, die auf umgedrehten Putzeimern saßen. Er selbst aber wollte es ihnen nicht gleich tun. Nicht stehen, nicht sitzen. Ach was!
      Mit diebischem Grinsen bestieg der Direktor acht Stufen und legte sich auf seine neue weinrote Ledercouch, von der er aus seinen Lieblingsbären betrachtete. Neidisch dreinblickend kullerte eine Träne unter Becks pechschwarzen Augengläsern hervor und bahnte sich seinen weg, während Percy versuchte den ungeschliffenen Kanten des metallenen Sitzuntergrundes auszuweichen. Doch bei seiner überdurchschnittlichen Größe war es kein leichtes Unterfangen. Lediglich Harlem saß mit einem Bruchteil, geradezu einem Fragment seines Gesäßes auf dem Eimerrand, balancierte galant den Rest seines Körpers über dem Boden.

      Die drei Gestalten waren so, wie er sie kennengelernt – und gewiss nicht falsch eingeschätzt hatte. Davon ging er fest aus, wie Krueger von seinem protzigen Thron auf sie alle herabblickte.

      „Meine Herren, ich habe Sie aus einem ganz bestimmten Grund hierher zitiert.“
      Freundlich gebot er Magellan den Raum zu verlassen und die Türe zu schließen.

      „Lassen wir uns reden!“
      Geskriptete FPS-Antworten (#1)
      qoii: 1. Was weißt du über qozemüsveng? Bist du der Hintermann?
      blink: Ich werde dir alles sa...ah, sie dort. ↓

      Lemon: 1. Ich habe eine sehr dringende Frage und zwar möchte ich - Die FPS ist eröffnet!!
      blink: Huuuahrrrgh so sei eeees

      qoii: 2. Wer würde den Kampf gewinnen, Goku, Saitama, Ravehouse, William, oder Harlem ?
      blink: Und Goku wäre wohl 5. Yep!

      3. Wer ist besser, Dr. Krüger oder Dr. Irit Waldmannstraut?
      blink: Er stellt weit weniger Fragen und geht offener mit seinen Gästen um. Muss ich ja sagen. ;)

      4. Heißt der Patient Paul?
      blink: Nope. Ab Arc II mehr.

      5. Wie ist Ravehouse dem Tierschutzministerium gegenüber eingestellt?
      Solange Schwarzschnabel- und Großkopfenten sich feindselig gegenüber...äh treiben, sieht es Ravehouse argwöhnisch bis kritisch!

      6. Ist Magellan mit Axel Schweiß verwandt?
      blink: Ne, er stinkt auch so.

      7. Wie geht es Hanybal?
      blink: Fehlerhaft singt er Can't touch this für die Schwestern, hrhr! Also gut.

      8. Wie will der Leibwächter Krüger schützen, wenn er auf den Dach von ID sitzt?
      9. Und woher bekommt dieser überhaupt etwas zu Essen?
      blink: Er hockt nicht immer dort. Er ist "pro forma" als Bodyguard eingestellt. Als Kruegers ehemaliger Patient bliebe ihm sonst nur: Knast/(Gummi-)Zelle

      10.Wie hat Isabelle Fes davon überzeugt ihr zu helfen? Ist er "weiblichen Argumenten" aufgeschlossen?
      blink: Sie hat ihm das Gemälde angeboten. Und zum zweiten Punkt: Er ist nicht dafür bekannt.

      Lemon: 2. Wo kauft Beck seine Lederjacken? Die Antwort beschäftigt mich so sehr, dass ich mir seit 3 Wochen nicht die Füße waschen konnte. Bitte antworte mir!
      blink: Diese eine war ein Bühnenoutfit, einer [der] letzten "Lasten" des Hl. Landes

      3. blink, warum haben alle Frauen in deiner FF so kleine Rollen? Ist es, weil du ein Perversling* bist?
      blink: Isabelle & Bale werden größer. [Bale = ♀ confirmed]
      * I am smart ;)

      4. Wird sich der Rhythmus der Veröffentlichungen im nächsten Arc wieder ändern oder bleibt er erst einmal so?
      blink: Nach dem Arcfinale mach ich x Tage Pause, damit einige aufholen.

      5. Werden wir irgendwann in der Story nochmal ein Turnier aktiv miterleben (z.B. die Martelliarts)?
      blink: Ja!

      6. Wird es irgendwann einmal ein Beliebtheits-Ranking der Charaktere aus deiner FF geben?
      blink: Nach Arc I gibt es einige evaluierende Fragen

      7. Darf ich mir wünschen, dass Hugo einen Gastauftritt als ein Typ im Bärenkostüm in der Story bekommt?
      blink: Träum schonmal davon!

      8. Bist du enttäuscht von den Fragen die dir von den Lesern gestellt wurden oder hast du damit gerechnet? :D
      blink: Dass Hashtags zur Übertreibung neigen lassen...ansonsten kann ich so gut drauf eingehen.

      Hugo: Welche sinneserweiternden Drogen nimmst du, um auf solche Ideen zu kommen?
      blink: Kaffee, null bis sechs Tassen pro Tag.

      cinnamon: Trägst du Unterhosen beim Schreiben? Und wenn ja, welche Farbe?
      blink: [Bilder einer karierten Unterhose] #approved

      Moxie: 1. Hat Krueger irgendwo studiert, bzw. hatte nen Mentor?
      blink: Er hat mehrere "Idole"/"Wegweiser". Er nennt sich heißt nicht umsonst Dr. Ryan Jay Krueger.

      2. Welcher deiner Charaktere ist am bewundernswertesten?
      blink: Bale, Krueger & Ernst

      3. Welchen deiner Charaktere kannst du nicht ausstehen?
      blink: Bislang keinen.

      4. Mehr Details zu den Martelliarts!
      blink:
      - Man muss stark sein, um sie zu gewinnen
      - Menschen mit verwerflichen Absichten scheitern idR → Vorbild: Stein der Weisen
      - The Hunger Games sind ein ******dreck dagegen (dies Franchise ist als BR-Fan ohnehin nichts für mich)
      - William Martell hat mindestens zwei M'arts abgehalten
      - Adam musste ein Fauxpas mit seiner Teilnahme bereinigen
      Outtakes (Arc I)

      Was ursprünglich geschehen sollte:
      1. Es wird eine sexuelle Handlung zwischen Krueger und Isabelle angedeutet
      2. Isabelle sieht in Fes' Augen einen Menschen
      3. Ursprünglich sollte Boundary Colant, Hauptantagonist der ersten FF, anstelle von Alexander Baelon in die Handlung eintreten
      4. Alexanders Krankheitsbild wird beim Namen genannt
      5. Alice erkennt in Harlem Williams Schüler und in William einen Alkoholiker
      6. Fes wirkt in der Gemälde-Gruselgeschichte mit
      7. Bale und Isabelle sind die gleiche Person
      8. Harlem deutet die Zerstörung des Impel Downs zwar an, doch ursprünglich sollte es durch Magellans Blähungen ins Wanken geraten und Chaos ausbrechen lassen

      Hier geht es weiter in der Handlung.

      Dieser Beitrag wurde bereits 141 mal editiert, zuletzt von blink () aus folgendem Grund: Character-Files entfernt (Aufbereitung erfolgt im neuen Kapitelbeitrag) - 24. April.

    • Das Finale des FFT geht noch nicht los, dann mache ich mal den Anfang und äußere mich zur neuesten Geschichte von Opa blink ^^

      Das ganze ist etwas wirr, wobei das vermutlich beabsichtigt ist.
      Falls nicht, dann gehe darauf gar nicht ein, denn es passt sehr gut zu der Umgebung des Psychiaters. Und ich habe es als solches akzeptiert.
      Außerdem muss im Prolog ja nicht alles direkt erklärt werden. Ein wenig seltsam fand ich aber, dass man zwar das Alter des Patienten kennt, nicht aber sein Kopfgeld.
      Den Namen weiß keiner so recht, okay. Aber warum wird er ins Impel Down gesteckt, wenn er scheinbar kein Kopfgeld hat, bzw. es niemand kennt?
      Ich bin mir dabei selbst nicht so sicher, aber schreibt man "nichts" im dritten Absatz, fünfte Zeile nicht groß? Ist aber nicht so schlimm, da jeder mal Fehler macht und das der einzige ist der mir aufgefallen ist.

      Das war so ziemlich das, was mir etwas negativ aufgefallen ist. Aber es gab natürlich auch viel positives.
      Gefallen hat mir die Verbindungen zwischen dem ständigen Kekse-Essen des Patienten und Big Mom. Da könnte man ja direkt eine Verbindung vermuten. Da stellt sich natürlich die Frage wie ein einfaches Crewmitglied die Kaiserin einfach so töten konnte und dann auch noch gefangen werden konnte.
      Die Sache mit dem Auge hat mich übrigens an Spike aus Cowboy Bebop erinnert, den du vermutlich kennst. Denn dieser hat ein normales Auge welches ihn selbstverständlich die Gegenwart sehen lässt und ein bionisches Auge mit dem er in die Vergangenheit sehen kann.
      Bin mal gespannt ob noch mehr in diese Richtung kommt. Verdenken kann man es dir nicht, da dieser Anime einfach ganz große Klasse ist.

      Hast du denn schon geplant wie es weiter geht? In deinem Vorstell-Text klingt es so als könnten die Leser entscheiden wie es weiter geht. Leider habe ich keine Ahnung vom FF-Bereich und deinen früheren FFs, weshalb es nett wäre wenn du mich da aufklären würdest. Das kennst du ja schon so aus der Korrespondenz mit mir und den beiden anderen Lucky Loser-Galgenvögel =D
    • Ach wie schön, dass sich sogar noch einer vom FFT inspiriert zeigt. Und dann auch noch jemand, dem man schon einiges an Erfahrung nachsagen kann. Ich muss hier glaube ich keinem was vormachen; ich hab lange nicht alles von dir gelesen, um dein Können perfekt einschätzen zu können, aber bei den Parodien hab ich mal reingeguckt und die FFT-Runden kenne ich auch. Dazu kommt noch, dass du ohnehin eine sehr gute Reputation als Autor zu besitzen scheinst hier im Forum. Ich bin also gespannt und hoffnungsfroh.

      Zur Handlung gibt es hingegen noch nicht zu viel zu sagen. Die reichlich wirr erscheinende Erzählung schreibe ich mal schlicht und ergreifend dem Beruf des Psychologen zu. Gut vorstellbar, dass der etwas eigen ist. Dasselbe gilt auch für sein Gegenüber. Wenn das also der Mörder von Big Mum ist, darf man gespannt sein, inwiefern unser Psychologe bei seiner Suche nach dem wahren Bösen fündig wird. Ich bin mir zwar nicht sicher, ob sich das fettgedruckte ihn auf den Patienten oder den Psychologen selbst bezieht - was wohl einige weitere spannende Fragen aufwerfen würde -, aber beim Mörder von Big Mum würde ich spontan nicht von jemandem ausgehen, der von Grund auf böse ist. Die Kaiserin wurde uns bisher schließlich nicht gerade als Unschuldslamm präsentiert. Es bieten sich also einige mögliche Handlungsstränge. Und wenn du schon im Einleitungstext den Dialog mit der Leserschaft ansprichst, darf ich ja sicher den Gedanken äußern, dass mir eine Art parallele Erzählweise zusagen würde. Also Sprünge zwischen der Handlung im Vorfeld, insbesondere natürlich Big Mums Ermordung, ruhig auch aus der Sicht des Patienten erzählt, und dann natürlich die Handlung, die du dir für unseren Psychologen ersonnen hast. Das würde im Übrigen auch durch den Wechsel der Zeitformen (Das Präsens ist finde ich mal wieder sehr erfrischend) eine schöne Struktur in die Geschichte bringen und könnte bei parallelem Voranschreiten gegen Ende hin sehr spannend werden. Beispielsweise wenn der Doc sich seine Gedanken macht und mit jedem weiteren Fortschritt der Geschichte verwirrt wird oder Ähnliches. So viel Theorie nur dazu, weil sich außer in geringen Maßen durch den Impel Down Abschnitt bisher keine aktive Handlung andeutet. Was auch immer da in Planung ist, es verspricht interessant zu werden.
    • Also ich hatte ein ähnliches Problem zum Thema "wirr", ob es das gleiche ist weiß ich natürlich nicht. Aber ich hatte im ersten Absatz kleine Schwierigkeiten zu erkennen, aus wessen Perspektive gerade beschrieben / gedacht wird, zumal das zumindest an einer Stelle ja wechselt glaube ich. Aber ich finde durch die Erkenntnis, dass die Perspektive des einen Charakters in der Gegenwart und die des anderen im Präteritum ist und nach dem 2.-3. Lesen des ersten Absatzes, klärt sich das wieder auf. Ist nur beim ersten Lesen ein gedanklicher Stolperstein für für mich gewesen.

      Ansonsten hat mir der Prolog sehr gut gefallen, du hast es in nur wenigen Zeilen geschafft, das ich jetzt alles über dieses ominöse Krümelmonster erfahren will. Er wirkt echt mysteriös, enorm selbstsicher und ich bin gespannt, was zu seiner Tat und letztendlich auch zu seiner erfolgreichen Verhaftung führte, ob er tatsächlich den Mord an BM durchgeführt hat und was ihn böse macht.
    • Von Keksen und Kaisern

      Es ist doch immer wieder erstaunlich, wie belebend sich ein FFT auf den FF-Bereich auswirkt. :D Hoffentlich hält die Wirkung bei all den neuen FF-Schreibern diesmal länger an, als das letzte mal. Wobei ich mir bei dir da eher weniger sorgen mache, denn immerhin bist du eine alte Größe in diesem Bereich, auch wenn ich diese Zeit noch nicht miterlebt habe. Nur dein letztes Projekt, welches trotz Neustartversuchen nicht wieder ans laufen gekommen ist. Um so besser finde ich es, dass du nun mit etwas ganz neuem Anfangen möchtest, denn um ehrlich zu sein, hatte ich schon Probleme in >Der Traum von neuem Glanz II< reinzukommen, auch wenn es nach deiner Aussage nicht notwendig gewesen wäre Teil I zu kennen.

      Aber das ist Vergangenheit und mit deinem neues Projekt hast du jedenfalls meine volle Aufmerksamkeit. Ob dies jetzt gut oder schlecht ist musst du selbst beurteilen, denn meine Titel habe ich nicht bekommen, weil ich so viele FF Kommentiere, sonder weil ich mit meinen Spekulationen und Vermutungen so oft in die richtige Richtung gehen. :P

      Dann schauen wir mal, was ich noch aus deinen Prolog herausziehen kann, dann anders als sonst habe ich mir die ersten Kommentare und deine Antwort schon durchgelesen, weswegen sich einige erste Ideen und Vermutungen entweder schon bestätigt oder erledigt haben.

      Wie man schon an deinem Titel sehen kann, ist deine oder eine deiner Hauptfiguren ein Psychiater. Dieser möchte etwas über das Böse im Menschen oder was einen Menschen Böse macht herauszufinden. Ich persönlich würde ihn Antworten, dass es hauptsächlich die eigene Sicht der Dinge ist. Kann man selbst mit der anderen Person und seinen Taten sympathisieren ist diese nicht Böse.

      Aber derzeit geht es wohl mehr um seinen derzeitigen Patienten. Dieser scheint sich vor einigen Tagen eine Verletzung zugezogen zu haben, bei etwas auf dass er sehr stolz ist, etwas was die Welt veränderte. Da kurz danach auf die Zeitungsmeldung über den (angeblichen) Tot von Big Mum geblickt wird, liegt natürlich die Vermutung nahe, dass er etwas damit zu tun hat. Auch seine Begeisterung für Kekse, welche wie du bereits bestätigt hast auch auf Big Mum Hinweisen sollen, deuten darauf hin, dass er zumindest etwas mit dieser Frau zu tun hatte. Besonders da es die besten Kekse sind die er seit Tagen gegessen hat, vielleicht seit dem Tag als er so verletzt wurde.

      Das Wichtigste ist aber, dass der Psychiater anscheinend nichts über seinen Patienten weiß, da ihm weder Name noch Kopfgeld bekannt sind und ich glaube nicht, dass ihm die ID-Leitung diese Informationen einfach so vorenthalten hat. Da der Psychiater mehr über das Böse herausfinden möchte, könnte ich mir auch gut vorstellen, dass er diese Informationen mit Absicht nicht eingesehen hat, um seinen Gegenüber unbeeinflusst zu beurteilen. Wir werden jetzt also vermutlich nach und nach erfahren, was genau vorgefallen ist, indem der Psychiater es seinem Patienten nach und nach entlockt.

      Sobald man die Information hat, welche Zeitsicht zu welcher Person gehört, ist der Prolog auch nicht mehr so verwirrend bei lesen.
      Ich bin jedenfalls schon sehr auf das nächste Kapitel gespannt. ^.^
      :thumbsup: Nicht nur in One Piece die reine Wahrheit: :thumbsup:
      Pirates are evil?!!... ...The Marines are Justice?!!
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      Kids who have never known peace... ...and kids who have never known war... ...Their values are too different!!!
      Whoever stands at the top can define right and wrong as they see fit!!!
      Right now, we stand in neutral territory!!!
      "Justice will prevail"?!... ...Well, sure it will!
      Whoever prevails... ...is Justice!!!! (Doflamingo)

      So kann man es aber auch sehen
      "THERE IS NO JUSTICE, THERE IS ONLY ME!"
      Death, Discworld, Terry Pratchett

    • Von Patienten und Psychiatern

      blink schrieb:

      Es ist schon viele Jahre her, da waren Icedragoon, Panda Lee, Dillian und ich - um FFT-Teilnehmer als Autoren zu benennen - die "neue" Generation nach Sirus.0 und Sheppard, die etwas eher anfingen und deren Abschluss dann in unsere Zeit fiel.
      Da würde mich ja dann mal glatt interessieren, in welche Generation ich mich einreihen darf. Neo-Neue-Generation? Wobei, dazu müssten dann ja OB und Vexor zählen, meine erste FF startete immerhin deutlich später als die ersten Versuche der beiden. Hm. Das müsste man mal angehen, den einzelnen "Generationen" coole Titel geben. xD

      So, wieder fein um eine Einleitung gedrückt und weiter geht’s. Deine letzte FF habe ich irgendwie nie angefangen, frag mich nicht wieso. Generell habe ich mich schwer getan, in eine FF neu einzusteigen, weshalb ich bei Dillian auch nie über den Prolog hinauskam. Da kommt mir deine neue Motivation natürlich sehr gelegen.^^

      Der Titel ist ungewöhnlich und der Prolog macht ihm alle Ehre. Passt. Mein erster Gedanke war, dass es sich bei unserem verfressenen Schwerverbrecher um Ruffy handelt, der Big Mum zwar besiegt hat, aber kurz darauf von der Marine eingesackt wurde. Schließlich hat der Strohhut die Angewohnheit, einen Sieg gegen körperliche Mobilität einzutauschen. Aber das ist erstmal zweitrangig. Wichtiger ist, dass ich den Erzählstil persönlich nicht so wirr fand. Nach der Aussage des "Patienten", im Hier und Jetzt leben zu wollen, habe ich mich mit dem Präsens schnell arrangiert und die kleinen Wechsel gen Impel Down brachten eine willkommene Dynamik in den Text. Und mal davon komplett abgesehen: Das ist ein Prolog. Die sind fast immer etwas wirr oder wirken im ersten Moment verstiegen. Immerhin sollen Leser bloß Blut lecken und nicht gleich die ganze Kuh fressen. ;)

      Ansonsten bin ich gespannt, wie du die Geschichte aufziehen willst. Bleiben wir im Büro des Psychiaters, während uns in Rückblenden die Geschichte des Patienten geschildert wird? Quasi Selbstreflexion mit schließlich psychischer Epiphanie in der Gegenwart durch Aufarbeitung der Vergangenheit. Oder du stellst die "Abenteuer" des Psychiaters in den Mittelpunkt. Der Patient bricht aus und der Psychiater wird zum Profiler verdonnert, der bei der Ergreifung helfen soll oder so. Ich bleibe dran.

      Gut. Mehr von mir, sobald mehr von dir kommt. Der Prolog gefällt mir jedenfalls schon sehr gut und dein Schreibstil ist wohl keiner Erwähnung mehr wert. Prägnant, stimmig und gut weglesbar. :)


    • Das FFT läuft allmählich aus und endlich komme ich auch mal dazu, ne Kritik zum ersten Kapitel zu schreiben.

      Spannung kam nicht so wirklich auf, muss ich sagen. Trotz der Randalier-Szenen am Ende. Obwohl es auch daran liegen kann, dass dem Protagonisten das einfach mal voll am Arsch vorbeigeht was da passiert. Was dann wiederum künstlerisch gut gelungen wäre. Fand ich auch eine nette Idee, dass Ravehouse fast lieber im brutalsten Gefängnis der Welt arbeiten würde, als einen Büro-Job in Mary Joa zu haben. Muss wohl echt langweilig sein auf der Redline oder steckt da etwa noch mehr dahinter?

      Der Humor dagegen konnte voll meinen Geschmack treffen. Der hat ein richtig schönes One Piece Niveau. Mein Highlight war hier die Fixierung vom Beamten auf Enten oder generell Geflügel. Oder auch die Anspielungen darauf, wie schwachsinnig Bürokratie manchmal ist, durch die Pralinen die bei einem offiziellen Gespräch gereicht werden und nicht privat verzehrt werden dürfen. Und den Klassiker mit Magellans Verdauungsproblemen muss man ja gar nicht erst erwähnen ^^

      Nur schade, dass das Kapitel nicht so viel storyrelevantes zu bieten hatte.War letztlich nur dazu da, die Notwendigkeit eines neues Direktors für Impel Down aufzuzeigen, da der alte ständig auf dem Klo sitzt und es den neuen mit Giftgasen vom Dixi-Klo zerlegt hat.Was aber bedeutet, dass wir jetzt zeitlich fast beim Prolog sind und ich denke mal, die nächsten Kapitel handeln dann vom Mord an Big Mom. Zumindest kann ich mir nicht vorstellen, dass sie zu dem Zeitpunkt schon tot ist, da das mit Sicherheit nicht unerwähnt geblieben wäre.
    • Kapitel 1: Dienst nach Vorschrift

      Das FFT ist nun endgültig beendet und ich komme endlich mal dazu mich mit deinem neuen Kapitel auseinander zu setzen.

      Diese scheint einige Zeit vor dem Prolog zu spielen und durch die enthaltenen Informationen, kann ich mich auch schon eine meiner FF-To-Do-Liste beschäftigen. Einer der ersten Punkte ist nämlich, >Ordne das FF in die One Piece Zeitlinie ein<. Zwar klappt dies nicht bei allen und einige entfernen sich auch immer weiter vom Original, aber es gehört für mich einfach dazu :D .
      Deine Geschichtet setzt auf jeden Fall nach den GE an, aber da Magellan kein Leiter mehr ist, kann man diese Feststellung wohl nicht als große Leistung betrachten, also weiter im Text. Es wird ein neuer Leiter gesucht, da Direktor Hannyabal den Job (derzeit) nicht mehr wahrnehmen kann. Besonders auffällig ist, dass Ravehouse Magellan bittet die Stelle wieder zu übernehmen und am Ende die Stelle neu ausschreiben lässt. Daraus würde ich schleißen, dass Hannyabal die Stelle auf längere Sicht nicht mehr wahrnehmen kann. Sonst wäre es sinnvoller gewesen, einen neuen Vizeleiter oder einen Ersatzleiter auszuschreiben bzw. Magellan zu bitten die Stelle zeitweise wieder zu übernehmen. Deswegen würde ich letztendlich vermuten, dass dein FF nach der Fischmenscheninsel, vielleicht sogar nach DR ansetzt, denn Hannyabal wurde in einer der Coverstorys noch als neuer Leiter vorgestellt. So dass war jetzt wieder viel Text, der sich eigentlich überhaupt nicht mit dem Kapitel beschäftigt. XD

      Inhaltlich passiert aber auch nicht wirklich viel, wir erfahren vor allem, dass ID schon wieder einen neuen Leiter braucht, da der Aktuelle Probleme hatte, seine Aufgaben zu definieren. Was hat denn bitte ein Gefängnisleiter bei Abbau des >>Stillen Örtchens<< seines Stellvertretendes zu suchen. XD Das ist eine Aufgabe für die Praktikanten, Neulinge oder in Anbetracht der Gefahren für die Dauergäste in ID ;) . Hannyabal ist also so gesehen selber schuld. Der neue Leiter, welchen wir wahrscheinlich schon im Prolog kennenlernt haben, heißt also Dr. Ryan Jay Krueger und hat mit seiner neuen Stelle genau den richtigen Ort für seine Forschungen gefunden.

      Da gesamt Situation war einfach wunderschönes One Piece. Maggelan wurde wunderbar getroffen und auch Ravehouse passt wunderbar dazu. Ganz der gealterte Beamte, welcher eigentlich keine Lust mehr auf den Job hat und sich steif an die Vorschriften hält. Wenn er Feierabend hat kann ihn nichts mehr aufhalten und Vorschrift ist Vorschrift, also müssen die Pralinen zurückgeben werden. Ich konnte mit die gesamt Situation richtig schön bildlich Vorstellen, also keine Abzüge bei der Schreibkunst, aber das war bei einem alten FF-Hasen wie bei dir eigentlich schon von vornherein klar. Der Humor kommt bei dir ebenfalls nicht zu kurz. Auch wenn ich mich nicht mehr an viel, aus >DerTraum von neuem Glanz II< erinnere, so weiß ich doch noch, dass du eine sehr interessante Art von Humor hast, die besonders bei Leitenden und Amtspersonen zum tragen kommt. Zumindest war da irgend so ein schräger Bürgermeister und ein (ehemaliger) Firmenboss. :D

      Alles im allem ein sehr schönes Kapitel, ich freue mich schon darauf zu erfahren wie es weitergeht. :)
      Langsam wird es wohl mal wieder Zeit meine FF-Liste im Profil zu überarbeiten. ;)


      Mein 750 Kommentar, die 1000 erscheint plötzlich so viel näher. ^.^
      :thumbsup: Nicht nur in One Piece die reine Wahrheit: :thumbsup:
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      So kann man es aber auch sehen
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    • Feedback @King´s Grampa, qoii, -Bo-, Lemon

      Hehe, noch ist nicht viel passiert. Es ist wie dieser Fingertrommelwirbel an der Tischkante vor dem [heyyyyy im Sinne von ohhhhh heyyyyy] Momentan sind wir noch bei einem der vielen h's, ehe ich mit einem hey um die Ecke komme. Damit ihr in etwa auf meinen Gedankenzug aufspringen könnt. Ich nehme mir meist viel Zeit und lasse es anklingen. Wie das sachte Abkühlen nach der Sauna, um den Kreislauf nicht zu überfordern. Nur, dass wir noch nicht einmal die Umkleidekabine vor dem Saunagang verlassen haben. Ach, das wird in den kommenden Wochen und Monaten noch sehr metaphernreich. Ich gebe mir alle Mühe! ^^

      King´s Grampa, du hast schon sehr gut beschrieben, worauf ich mich selber freue. Diese Ereignisse sind durchaus zentral, doch der Weg dahin ist zum einen kurvig, zum anderen wird er am Ende - also beim Prolog angelangt - noch nicht 'das' Ende verkünden. Da habe ich mir einiges vorgenommen und wenn ich sehe, dass heute oder Donnerstag bislang Kapitel rauskamen, bedeutet dies: Entweder lege ich heut Abend - eher unwahrscheinlich - oder heut Nacht - realistischer - bzw. morgen am Mittag nach: Das liest sich sogar für mich realistisch. Hoffe, ich kann deine Motivation auf einem hohen Niveau halten. Das ist nicht einfach, doch stets fordernd für Autoren und somit was gutes.

      qoii, ich fand es schade, dass ich meine zweite FF nun abgebrochen habe. Eigentlich mache ich wenig bis keine halbe Sachen, doch hier hat das Studium zu viel Tribut gefordert. Und dann auf eine Schaffenskraft von 10% heruntergedrosselt zu werden, ist einfach zermürmend. Dann lieber klare Kante, wenn es in dem Moment kaum - bis gar keiner - vermissen würde. Das Ende kann entweder angefragt - oder hier - mit verbaut werden. Wer es versteht, versteht es. Falls nicht, vermisst auch keiner was. Ein brillanter Plan, sagte wer anders mal. Eigenlob stinkt ja zurecht. ^^
      Da war keine Absicht, ich habe hier zwei Tabs offen: Einen hier zum schreiben, den anderen, um den Wortlaut der Rezensierenden vor Augen zu haben. Da schrieb ein gewisser qoii:

      i'm not alone schrieb:

      sonder weil ich mit meinen Spekulationen und Vermutungen so oft in die richtige Richtung gehen. :P
      Ich bin nicht der einzige Mann hier, der sich selber mal über den grünen Klee lobt. Dann ist es okay. Und ich freue mich, wenn du dieser Einschätzung gerecht wirst. Der Traum von neuem Glanz war verzwicket- zT um die 25 parallele Handlungsstränge - da kann ein wachsamer Blick durchaus helfen. Auch für mich. xD
      Das Wichtigste ist aber, dass der Psychiater anscheinend nichts über seinen Patienten weiß, da ihm weder Name noch Kopfgeld bekannt sind und ich glaube nicht, dass ihm die ID-Leitung diese Informationen einfach so vorenthalten hat.
      Mit dem ersten Kapitel wird diese These in eine Richtung gelenkt, denke ich. Da du inzwischen neu kommentiert hast, werde ich darauf auch noch einmal aktualisiert eingehen. Zwei zeitlich unabhängige Betrachtungen sind dann differenziert zu sehen. Mag nun auch keine von beiden unter den Tisch fallen lassen, da es evtl ein Update gegeben hat. :)

      -Bo-, welcher Generation du angehörst, entscheiden FF-Anthropologen. Ich bin zu dem Zeitpunkt eher woanders tätig bzw. untätig gewesen. Allerdings wird mir deine FF oftmals ans Herz gelegt, da bin ich schon neugierig und werde schauen, ob und wann ich Zeit fände, um einen Blick hineinzuwerfen. Wären wie Dillians FF für dich schon ein paar Kapitel, doch einmal ausgedruckt wirkt es nicht mehr ganz so erschlagend. Nimmt man mit in die Uni, wo man eh immer irgendwas - meist studienfachrelevantes - liest. Oder wie ich seine FF schreibt. Kann Zuhause einfach nichts gescheites zu Papier bringen. Zu eng, zu unbewohnt, who knows. xD /
      Deine Ansicht zum 'nicht wirren' Prolog fand ich sehr beruhigend und der Kuh-Vergleich passend. Schön, dass ich auch fremde Metaphern hier einbauen kann. Dann wirkt es nicht ganz so...verrückt. Was mich zu deiner These bringt, der ich den Wind aus den Segeln nehmen mag: Ruffy ist es nicht. Wichtig aber von dir zu erwähnen, wie der 'Patient' letztlich ins Impel Down gelangt ist. Zwischen einem Kampf und einer freiwilligen Sühne kann ja jegliches Motiv vorhanden sein - stets zu berücksichtigen. ;) / Wie der Psychiater genau agieren wird, lasse ich erstmal so stehen. Habe Ideen im Kopf, doch die strukturelle Gewichtung ist noch nicht ganz austariert. Zwischen 0 und 100 kann ich jetzt noch gar nichts ausschließen. Fußt auf einem speziellen Charakter, der sich in allen Geschichten von mir finden lässt - und dem diese Zuordnung klar anzurechnen wäre. Werdet ihr merken - und Dillian & Panda Lee, denke ich, wüssten bereits, wer damit gemeint ist. (Ob sie Zeit für diese Referenz finden, jedenfalls traue ich es ihnen zu. Den treuen Seelen erster Stunde. :) )

      Lemon spricht es aus: Jobs in Mary Joa können langweilig sein. Da hat der gute Ravehouse - das war gewollt - klar gezeigt, was er für ein Beamter vom alten Schlag ist. Keine Fragen nach drei Uhr. Da du es danach noch fragend angehangen hast: Hinter dem Beamten steckt noch mehr. / Viel ist noch nicht passiert, doch um die zeitliche Einordnung zu erhalten, fand ich es ganz passend, erstmal anzuteasern, dass es einen Magellan gibt und theoretisch einen Leiter Hannyabal, wenn nicht gerade das Scheißhaus über ihm zusammengestürzt wäre. ^^ / Bis zu Big Mum kann noch Zeit vergehen, da nicht bekannt ist, wie lange RJK im Amt ist, hehe.
      Ein ganz großes Danke für den empfundenen One Piece Humor. Im FFT klang es in den Rezensionen an, doch es ist eines meiner liebsten Steckenpferde, es möglichst oda'esk im Humor zu gestalten. Das ist beim schreiben erfrischend und beim lesen hoffentlich ähnlich. Da qoii mit diesem Kommentar eigentlich fast eins zu eins behandelt würde, muss ich leider schon schließen und freue mich darauf, wenn es weitergeht. Entweder bei euch oder bei mir, denn gerad hab ich Spass. :D
      PS: Selbst ist der Mann, was Hannyabal leidvoll erfahren musste, und womit sein Traum vom Chefsessel auf brachiale Art und Weise torpediert wurde. ^^
    • Tschuldige, dass ich Kapitel 1 nicht kommentiert hab, aber als ich es wollte, war schon alles gesagt. Es gab eben auch wirklich wenig zu berichten. Dafür werde ich jetzt wohl der erste sein, der sich direkt auf das Kapitel stürzt, weil ich (leider leider leider) nichts zu tun hab...

      Passend zum Kapitelnamen gibts jetzt vorm Lesen erst einmal die passende Musik auf die Ohren. Wobei dieser Track den Vorzug vor dem erhält, der einfach nur Erinnerungen heißt. Warum? Weil ich ihn schöner finde. Und warum ich das aufschreibe? Weil die passende Musik sicherlich das Leseerlebnis verstärken wird :!:

      Den ersten Absatz bis beantworten finde ich sehr schön geschrieben, er verdeutlicht einen so analytischen, sachlichen Gedankengang, wie er auf einen Psychologen zugeschnitten sein sollte, der meinen Erwartungen entspricht. Klingt vielleicht etwas negativ 'den Erwartungen zu entsprechen', aber so ist es nicht. Er formuliert wirklich sehr schön den stattgefundenen Umbruch und die Eigenschaften der ehemaligen Herrschaft. Wenn der Dok immer so vorgeht, werde ich noch viel Vergnügen mit ihm haben.
      Schön, wie er sein Büro nach seinen Vorlieben dekoriert, wer würde das nicht tun? Er scheint sich ja seiner selbst und seinen Vorzügen und Unzulänglichkeiten recht klar bewusst zu sein. Hoffen wir, dass ein wacher Verstand genug ist, um diese Geschichte zu überleben. Aber ich glaube nicht, dass wir großartig Action im Präsens erleben werden.
      Dann bedient sich Herr Krueger noch dem Butterflyeffekt als Grundlage seines Denkens und denkt an den berühmt-berüchtigten ihn. Wie oft man sowas als Aufhänger vorgesetzt bekommt. Ich schreib ja selber ab und an mal die Auswüchse meines bescheidenen Geistes in so manchen (ultraerfolgreichen) Zusammenhängen nieder und bin selbst auch erstaunt, wie schwer es ist, um dieses Anteasern ohne ihn/sie herumzukommen.

      In gestähltem Körper und schwarzem Anzug war in dieses Gebirge gewandert.

      Ich verstehe das nicht. Wer denn jetzt? Also klar, da fehlt nur n kleines Subjekt, aber hier machts mir Kopfschmerzen. Der große ihn kann es nicht gewesen sein, denn für den ist das ominöse Subjekt ja hergekommen. 'Die Anwesenden' können es auch nicht sein, war steht ja im Singular. Eigentlich macht nur der andere er, also wohl Herr Krueger Sinn, aber vorher und nachher wird nur von sie und ihnen geredet. Ich glaub ich mach gerade sdie Maus zum Elefanten, es wird der Dok sein, entschuldigt.
      Halt, da muss ich doch noch mal auf was Ähnliches anspringen. Ich würde mir bei Passagen wie dem Mittelteil danach etwas mehr äh Spezifität wünschen. Das war für meinen geistigen Zustand etwas sehr viel ihn und sie. Und diesem und so. Ne? Klar, trägt irgendwo zu einer einzigartigen Atmosphäre bei, aber war schon ne Gratwanderung zwischen Feeling und Lesebehinderung.
      Egal, weg davon. Inhaltlich wirft das alles viele spannenden Fragen auf, etwa nach den Martelliarts (etwa eine Anspielung auf die guten Martells? Wobei der coolste von denen ja leider tot ist) oder warum er so krass ist und wieso er sowas veranstaltet, um sich dann einen Auftrag geben zu lassen? Spaß am Leid anderer? Würd ich nicht ausschließen.
      Oh, und Adam gehört zu den Weisen, war er einer von den ganzen Umschreibungen weiter oben? Wahrscheinlich ja. Was ist denn dann mit dem Dok, heißt der zufällig Adam Krueger und verdingt sich nach seinem Austritt von den Weisen sein Geld als Psychologe?
      Also angenommen, der Herr, der sich gleich als William herausstellen wird, ist ein Ehrenmann und steht zu seinem Wort, dann wünsch dir doch den Tod von Dragon. Er wünscht sich den Tod von nem Yonkou, wird wohl Big Mum treffen. Wirft wieder Fragen auf, wer zur Hölle ist William Martell, dass er sowas auf die leichte Schulter nimmt? So wie er da noch eins, zweimal seine Familie betont, hätte ich fast auf den Nachnamen Vinsmoke getippt, würde irgendwie auch zur Big Mum-Verwicklung passen. Naja, ich wir werden es gewahr.

      Alles in allem inhaltlich spannend und klug durchdacht, sprachlich eigentlich auch schön, wobei ich mir schon eeetwas mehr Präzision wünschen würde.

      PS:
      s4pk - S fo(u)r PK (Pirate King) - so sprech ich mir immer den Namen aus. Darf ich das so weiterdenken oder steckt doch das ebenfalls lautmalerische Sapk hinter?

      Erste Variante trifft es recht gut. Hab mich damals aus Unkreativität einfach nach dem behindertsten Charakter des Universums benennen wollen, weil das aber langweilig war, hab ich ihn zum Piratenkönig gemacht. Wer es ist? Spandam. Ich hoffe aber, bald mal die durchschlagende Idee für ne Umbenennung zu haben. Ist zwar nicht so, dass ich überall Spandam die Krone wünsche, aber die anderen Namen würde nur so bedingt passen. Mal sehen. Übrigens coole Idee, per PN-Verteiler Nachricht zu machen. Da muss nur noch der Reis rein und dann kommt alles in den Wok können wir den Aktualisierungsthread schließen, oder?
    • Hey blink!

      Erinnerst du nicht noch an damals, vor keine Ahnung wie vielen Jahren, als ich noch ganz frisch im FF-Bereich und stets bemüht war deine damalige Fanfiction, "Der Traum von neuem Glanz", aufzuarbeiten, es aber aus diversen Gründen nie fertig gebracht habe? Seitdem hatte ich mir fest vorgenommen bei deinem nächsten Werk möglichst von vornherein dabei zu sein, was mir bei der Fortsetzung deiner ersten FF, die ja mittlerweile wohl kein Thema mehr zu sein scheint, jedoch auch nicht gelungen ist. Weniger wegen mangelnder Lust, Zeit oder Motivation, sondern einfach, weil ich keine Fortsetzung von etwas lesen wollte, was ich nie bis zum Ende mit verfolgt hatte. Auch wenn es hieß, dass man den Vorgänger nicht zu kennen bräuchte, so hat mich dies doch instinktiv immer etwas abgeschreckt ^^

      Umso froher bin ich jetzt, dass ich gerade ein paar Minuten zum Totschlagen hatte und deine neue FF, die jetzt scheinbar ihren ganz eigenen Weg gehen wird, damit aufarbeiten konnte. Abgesehen davon, dass das für mich schon fast Pflicht war, nachdem du auch der Erste warst, der in meinem neuen Thread hier ein paar konstruktive Worte dagelassen hat ;)

      Jedenfalls glaube ich jetzt erkannt zu haben aus welchem Grund dir mein Schreibstil bezüglich meines geplanten Romans so gut gefallen hat. Auszüge wie der Folgenden hätten nämlich auch in einem meiner Absätze stehen können, rein von der Formulierung her:

      Nicht alles lief wie erwartet. Er betrachtete sein Diplom, nickte noch einmal zur Selbststätigung. Schloss die Augen. Ohne Zweifel. Er war der Beste in seinem Gebiet. Der Mann am Ende des Schreibtisches nahm sich einen weiteren Keks und tunkte ihn in ein Glas Milch. Er war jetzt friedlich, dachte nicht daran, was war, was ihn verfolgte. Nur so konnte er ihn sehen, ihn betrachten. Ihn studieren!

      Vom Schreibstil gefällt mir das, was ich zu lesen bekommen habe, zumindest schon mal ausgesprochen gut. Auch wenn sich mir noch so manche Frage bezüglich deines gewählten Stils auftut ... So bspw. ob es gewollt ist, dass der Prolog im Präsenz, deine Kapitel selbst allerdings im Past geschrieben sind? Es wäre zumindest insofern einleuchtend, und ein cleveres Stilmittel, dass die ersten beiden Kapitel in der Vergangenheit geschrieben worden sind, weil diese zeitlich noch vor dem Prolog angesiedelt zu sein scheinen. Wobei der Absatz aus Kapitel 2, vor dem Flashback, ja auch in etwa dort zeitlich wieder ansetzt, wo auch der Prolog gespielt hat. Insofern würde mich deine Intention für den Zeitenwechsel doch schon mal sehr interessieren. Hätte jetzt spontan angenommen, dass du wieder ins Präsenz wechseln würdest, wenn die Situation aus dem Prolog in den Kapiteln erreicht wurde. Hätte auf jeden Fall eine gewisse Wirkung gehabt.

      Inhaltlich kann ich momentan noch nicht so viel sagen. Imo tun sich da noch zu viele Fragen auf, insbesondere was den Charakter von William betrifft. Denn ein Kaiser ist ja nicht irgendwer. Es stellt sich hier vor allem die Frage wie er es fertig gebracht hat Big Mum zu töten. Imo gehe ich einfach mal davon aus, dass deine Geschichte zeitlich in etwa dort spielt, wo auch der Manga derzeit angesiedelt ist, was den Schluss nahelegt, dass William Charlotte getötet hat nachdem sie von Ruffy besiegt wurde. Da der Strohhut seine Gegner ja nicht tötet, sie nur bis zur Besinnungslosigkeit prügelt, hätte William ihr im Grunde nur noch den Gnadenstoß versetzen müssen.
      Eine andere Frage wäre natürlich wie, oder wieso, er jetzt im Impel Down zu sitzen scheint. Hat er sich absichtlich schnappen lassen? Der anfängliche Akteneintrag von Kapitel 2 zeigt ja auf, dass er steckbrieflich nicht gesucht wird, also, mehr oder weniger, ein unbeschriebenes Blatt ist/war.

      Die "Kritik" dahingehend, dass das Geschehen etwas wirr erscheint, kann ich selber nicht teilen. Wird aber vermutlich nur daran liegen, dass ich womöglich eine andere Auffassungsgabe habe, als manch anderer hier. Vielleicht liegt's aber auch daran, dass ich zumindest Teile deines ersten Werks gelesen habe und mir dein Stil daher nicht gänzlich unbekannt ist.
      So oder so hatte ich bisher keine wirklichen Probleme dem Geschehen zu folgen und hoffe persönlich auch, dass du diesen Stil beibehalten wirst. Finde ihn sehr erfrischend, ebenso wie das gewählte Setting. Eine Geschichte über einen Psychiater und dessen Patienten liest man schließlich nicht jeden Tag. Schon gar nicht mit der Welt von One Piece als Grundlage.

      Freu mich auf's dritte Kapitel!
    • Feedback @s4pk, OneBrunou

      Moin! Gut, dass hier der Eindruck von OneBrunou hinzukam, denn ich habe das Kapitel gestern ziemlich eilig abgeschickt - musste um halb zwölf noch weg - weshalb ich eben noch das fehlende Wörtchen 'er' und ein paar kleinere Beschreibungen ergänzt habe, damit klarer wird, wer mit wem spricht. Und da es eine Editiererei ergibt, wenn ich s4pk antworte und danach nochmal OB, gehe ich jetzt in Ruhe auf euch zwei ein. So frühe Kommentare - morgens - bin ich nämlich gar nicht gewohnt. Normalerweise wäre ich um die Uhrzeit auch noch nicht aufgestanden. ^^

      Vorweg ein Entschuldigung an s4pk, da du mir etwas bewusst gemacht hast, was ich beim schreiben leider zu oft vernachlässige. Ich habe beim schreiben nämlich immer ein Bild von dem im Kopf, was gerade passiert, wie jemand im Raum auf welche Weise positioniert ist und mit welcher Intonation angesprochen wird. Dazu habe ich ein Aussehen im Kopf, im Prinzip das ganze animierte schriftliche Konzept. Von dem setze ich schriftlich sehr wenig um, da es zu lange dauern würde. Da sollte ich in Zukunft etwas genauer drauf achten, da ich Namen meist sehr spät nutze. Wenn ich vorher sage, dass einer der Fünf Weisen eine einsame Spelunke in den Bergen aufsucht, würde ich erstmal denken: Wieso tut er sich das an? Darum beschrieb ich erst einmal, wie wichtig Adam und William sind. Bei Adam ist es klar, da er nun einmal mit den anderen die Welt beherrscht. Bei William ist es Spekulatius. Denke, da werde ich zukünftig eher drauf achten, ob ich nicht sofort mit der Tür ins Haus falle. Sonst könntet ihr nach weiteren zehn Kapitel mein Konzept langweilig finden. Spannungsbogen - Bombe. (Ob es das ist, sei dahin gestellt.) Denke, dass ich auch mal andersherum agieren werde, um den Aufbau vollständiger gestalten zu können. ^^
      Deine Onkelz-Referenz hatte ich beim schreiben nicht direkt im Sinn gehabt und der Butterfly-Effekt ist auch schon einige Jahre her, also die Sicht des Films. Das Prinzip der Chaostheorie ist aber durchaus zutreffend. / Was Krueger angeht, da sind Insider meiner ersten FF im Vorteil, ist er wirklich ein guter Mann auf seinem Gebiet. Sein analytischer Verstand ist wie eine scharfe Klinge, nur eben rein nicht-physisch. Ob er im Präsens aktiv werden wird - sehr wahrscheinlich. Der Prolog ist nicht das Ende, das noch behandelt werden muss, um alles zu schließen. Danach ist eigentlich noch was angedacht. Wie viel genau, lasse ich mal so stehen. / Was die Präzision der Bar-Szene angeht, so habe ich diese - bereits gestern auf dem Weg - nochmal auf dem Handy überlesen und mir gesagt: Wenn du wieder am Rechner bist, änderst du es. Da ich mich nun so ein bisschen auf einen acht-Tage-Veröffentlichungsrhythmus eingrooven will, sollte es unbedingt noch im Laufe des Freitags online gestellt werden. Mea culpa! [Hoffe, es ist nun klarer: Adam reist in die Berge, um William in seiner Stammkneipe aufzusuchen. Als Gewinner eines Wettbewerbs, der Martelliarts, darf er der Familie Martell einen beliebigen Auftrag erteilen.] / Und nach deiner Anmerkung habe ich Martell bei google eingegeben und gesehen, dass es was mit Game of Thrones zutun hat. Hierzu ist zu sagen, dass ich noch keine einzige Folge Game of Thrones gesehen habe und mich daher null in diesem Universum auskenne. Ich hör nur immer, dass jede Menge sterben, jede Menge vergewaltigt werden, alle betrauern Jon Snow und hassen ein kleines klassisches inzestuöses Adelsbürschchen. Martell hab ich aus dem Studium, 8. Jhd., entlehnt. Dahingehend leitet sich sein Kampfstil ab. / Adam und Ryan Jay Krueger sind nicht dieselbe Person. Der eine ist ein Weiser, der andere ein Psychologe - und jetziger Leiter des Impel Down. ;) / Am Ende ist anzumerken, dass es mich sehr freut, dass der analytische Stil Kruegers deinen Geschmack zu treffen wusste. Könnte sowas seitenlang praktizieren, doch dann würde noch weniger passieren. Das versuche ich dann doch in Grenzen zu halten - auch wenn ich klar der Typ Autor bin, der vieles vorbereitet, anleitet und nicht von Kampf zu anderem Scharmützel springt - sondern allgemein springt. xD

      First time @ OneBrunou. Glaube, du hattest meine allererste FF sogar kommentiert. Zwar nicht alles, doch ein wenig hattest du gelesen. Schau ich nach dem Absenden mal nach, wer damals überhaupt alles dabei war auf dieser langen Reise. (Daher bin ich nicht so traurig, dass Teil II nicht weitergeführt wird. Teil I ist in sich abgeschlossen, Teil II wäre reiner Bonus geworden. Manches lässt sich selbst in meinem Kopf nicht so einfach zu Ende führen - wie eine Begegnung zwischen Mind und Boundary Colant [Anm.: Protagonist und Antagonist meiner ersten FF, hier - denke ich - noch [?] nicht relevant.] Doch du kennst vermutlich das Gefühl, wenn man seinen Schreibfokus neu orientieren mag/muss. Aus vielen Flaschen kommen noch einzelne Tropfen heraus, doch dann irgendwann nur noch wenig, irgendwann tatsächlich nichts mehr. Passiert! / Dein Pflichtempfinden ist gut ausgeprägt, denn es war natürlich eine klare, unaufschiebbare 1a-priorisierte Verpflichtung deinerseits dem Werk gegenüber. Daran gibt es auch bei einem Erdbeben nichts zu rütteln. ^^
      Auch wenn sich mir noch so manche Frage bezüglich deines gewählten Stils auftut ... So bspw. ob es gewollt ist, dass der Prolog im Präsenz, deine Kapitel selbst allerdings im Past geschrieben sind?
      Ist so gewollt. Der Patient sieht, seit einem gewissen - noch unbekannten - Zeitpunkt alles um sich herum in der Gegenwart. Es wurde angemerkt, dass die Vergangenheit den Patienten schädigt/quält - wie man es nehmen mag - weshalb er sich auf das hier und jetzt versteift. Daher ist es ein stilistischer Kniff, wenn alles, was vom namenlosen Patienten ausgeht, im Präsens geschrieben ist. Alles andere, die erzählende Handlung, die Sicht des Psychologen - und allen anderen - ist im üblichen Präteritum gehalten. Da der Patient aus unbekannten Gründen seine Vergangenheit von seinem gedanklichen Umfeld abtrennt (oder abtrennen soll?) - schreibe ich im Präsens. Das macht es auch einfacher, da der Typ schlichtweg keinen Namen hat und daher irgendein Indikator drinnen sein muss, um zu zeigen: Er, der namenlose Patient, der irgendwas mit dem Tod von Big Mum zutun hat, ist gemeint. - An der Stelle sei drauf verwiesen, dass ich alles vom Manga trenne, was noch nicht passiert ist. Theoretisch kann die Sunny nun noch einige Monate auf See herumschippern, daher sage ich: Wenn ich es vor der eigentlichen Mangahandlung hier veröffentlicht hab, kann man mit konform gehen. So habe ich in meiner ersten FF beispielsweise geschrieben, dass Kuzan die Marine verlassen hat, bevor das GE zu Ende war. Oder das es labor-entwickelte Teufelsfrüchte gibt, bevor Punk Hazard betreten wurde. Da hat es glücklicherweise alles genauso gestimmt, doch auch nur, weil Oda meine Geschichte kopiert hat - oder so ähnlich. Jedenfalls wird alles, was dem OP-verse nicht explizit widerspricht, normalerweise auch nicht eingebaut. (Das beantwortet im Vorlauf die Frage, ob William von Ruffys Vorarbeit profitiert. Sind sich Big Mum und Ruffy etwa begegnet. ;)
      Eine andere Frage wäre natürlich wie, oder wieso, er jetzt im Impel Down zu sitzen scheint. Hat er sich absichtlich schnappen lassen? Der anfängliche Akteneintrag von Kapitel 2 zeigt ja auf, dass er steckbrieflich nicht gesucht wird, also, mehr oder weniger, ein unbeschriebenes Blatt ist/war.
      Das Wort 'scheint' lasse ich mal stehen. Es hat jedenfalls einen handlungstechnischen Grund, dass der Akteneintrag zu Beginn keinen Namen enthielt, während William Martell nicht nur einen Namen hat, sondern den Fünf Weisen wohlbekannt ist. Die weitere Detektivarbeit überlasse ich euch. (Im Teufel liegt das Detail - oder wie dieses Sprichwort lautete xD)
      Finde ihn sehr erfrischend, ebenso wie das gewählte Setting. Eine Geschichte über einen Psychiater und dessen Patienten liest man schließlich nicht jeden Tag. Schon gar nicht mit der Welt von One Piece als Grundlage.
      Dankesehr! Gibt schon viele FFs und ich wollte, wenn ich was Neues anfange, auch was Neues anfangen. Macht beim Strukturieren Spass, da man ganz andere Wege sucht, um das ganze aufzuziehen. Yeah!

      Mal gucken, ob währenddessen eine neue Rezensionen eingegangen ist. Dann käme die Editierung gleich hinten dran. Wenn schon, denn schon. ^^
    • Kapitel 2: Erinnerungen

      Auf ein neues Kapitel folgt bei mir (hoffentlich) immer ein neuer Kommentar. ^.^

      Der erste Teil scheint mehr oder minder direkt an den Prolog anzuknüpfen bzw. spielt wenige Minuten vorher. Wir bekommen einen weiteren Einblick die die Gedankenwelt von Dr. Krüger und die neue Raumgestaltung des ID-Chef-Büros. Dr. Krüger scheint das rational und das emotionale bei seinen Überlegungen zu trennen , wodurch er sehr analytisch denkt. Mehr kann man derzeit noch nicht zu ihm sagen, allerdings wirkt er jetzt schon sehr interessant und ich freue mich schon darauf mehr über seine Gedankenwelt zu erfahren.

      Der zweite Teil ist da schon etwas interessanter oder auch verwirrender, je nachdem was der eigentlich Inhalt deines FFs werden wird. Denn nach diesem Kapitel sehe ich derzeit zwei mögliche Grundhandlungen deines FFs.

      Bei der einen möglichen Grundadlung würde sich dein FF rundum Dr. Krüger selbst entfalten. Dabei begleiten wir ihn ihn dann bei seinem gesamten Werdegang und vielleicht sogar bei der letztendlichen Erreichung seines Zieles. Wir würden also die wichtigsten Stationen und Personen seinem Leben kennenlernen und erfahren, was und wer ihn so beeinflusst hat, dass er zu dem Dr. Krüger wurde, den wir im Prolog kennengelernt haben. Im Prinzip erfahren wir seine Lebensgeschichte.

      Die zweite Möglichkeit ist, dass es hier um die Hintergründe und Wege zu Big Mums Tod gehen wird. Wir also letztendlich erfahren, wie und warum der Patient in ID gelandet ist. Wenn ich mir die Kommentare der Anderen durchlese, habe ich das Gefühl, dass die meisten von dieser Variante ausgehen.

      Abhängig davon, welcher der beiden Möglichkeiten du gewählt hast, kann man die Geschehnisse etwas anders interpretieren. Wobei ich eine dritte Option oder die Kombination der beiden auch noch nicht ausschließen möchte.

      Wenn es die zweite Möglichkeit ist, wäre natürlich sofort klar, um welches Kaiser es sich bei dem Auftrag handelt. Allerdings muss ich dann s4PK recht geben und fragen warum sie nicht Dragon gewählt haben. Dieser ist für sie wahrscheinlich doch viel gefährlicher und Big Mum dürfte keine größere Bedrohung sein, als die anderen Kaiser. Andererseits wissen wir nicht, ob Dragon >vor ein paar Jahren< schon so gefährlich war, aber ähnliches würde auch wieder für Big Mum gelten. Ganz abgesehen von der Möglichkeit, dass es damals noch andere Kaiser gegeben haben könnte, als heute und warum sollte die erledigung eines Kaiser den Fünf Weisen solche mühen wert sein, aber dazu später mehr.

      Weiterhin habe ich den letzten Satz des ersten Abschnittes >Diese Sichtweise sollte damals er auf eindrucksvollste Art und Weise verinnerlicht haben. Immerhin lernte er ihn kennen... < so interpretiert, dass Dr. Krüger irgendwie, in die sich im nächsten Teil beginnenden Ereignisse, verwickelt wurde. Er hat damals >ihn< getroffen und das hat zu seiner heutigen Sichtweise auf die Welt beigetragen. Je mehr ich also über das aktuelle Kapitel nachdenke, des so wahrscheinlicher wird es für mich, dass diese FF von die Lebensgeschichte Dr. Krügers handelt. Ganz abgesehen davon, dass der Titel dieses Kapitels auch auf so etwas hindeutet.

      Wie auch immer, in diese Bereich komme ich irgendwie zu keinem Ergebnis. Also zurück zum eigentlichen Inhalt, der durch die beiden Möglichkeiten nicht beeinflusst wird.

      Auf der einen Seite haben wir Adam. Er ist einer der Fünf Weisen und hat sich auf den Weg zu dieser abgelegenen Kneipe gemacht, um William Martell zu treffen bzw. seine Siegerurkunde abzuholen. Er hat die Martelliarts gewonnen, einen Wettkampf der alle paar Jahre stattfindet und den Gewinner dazu ermächtigt, der Familie Martell einen Auftrag zu erteilen, der auf jeden Fall ausgeführt wird. Die Martelliarts enthalten zum einen den Namen der Veranstalteten Familie, haben mich aber zuallererst an >martial arts< (Kampfkünste) erinnert. Da dieser Wettkampf sicher einiges an körperlicher Stärke voraussetzt und Adams mit >gestähltem Körper < beschrieben wird, scheinen die Fünf Weisen bei dir alle sehr gute Kämpfer zu sein. Die ganze Ausdrucksweise und Hintergrundinformation zu und von Adam deuten ebenfalls darauf hin. Sonst hätten die Fünf Weisen auch sicher jemand anderen in ihrem Auftrag schicken können, denn Kämpfer haben sie in die CPs, aber auch in der Marine sicher genug. Auffällig ist weiterhin, dass Adam persönlich vorbeikommt um die Siegerurkunde entgegen zu nehmen, bzw. den Auftrag zu erteilen. Entweder ist die Familie Martell so wichtig und mächtig, dass er persönlich kommen musste oder kein anderer, der etwas mit der Regierung zu tun hat, soll von dem Auftrag wissen. Dagegen spricht allerdings, dass jeder in der Bar Adam erkannt hat.

      Aber auch William Martell bzw. die Martells allgemein müssen sehr sehr gute und geschickte Kämpfer sein, sonst würden die Fünf Weisen sich sicher nicht solche mühe machen, sie für diesen Auftrag zu gewinnen. Denn wie bereits erwähnt, gute Kämpfer hat die WR zu genüge und wenn die Martells nicht irgendetwas sehr sehr gut können, würde sich der ganze Aufwand selber an dem Wettkampf teilzunehmen überhaupt nicht lohnen. Vielleicht sind die Martells auch sehr geschickte Attentäter und die Fünf Weisen hoffen, dass sie erfolgreicher sind als ihre eigenen CP-Einheiten. Denn sonst sehe ich derzeit keinen wirklichen Grund, warum sie jemand Fremden für die Kaiserbeseitigung benötigen. Die Kaiser sind Gegner der WR oder sagen wir besser, sie handeln nicht ihn ihrem Sinne, weswegen es eigentlich keinen Grund gäbe ihren Tod im geheimen zu beauftragen.

      Zwar ist der Auftrag auch sicher sehr gefährlich, aber die Möglichkeit bei den Martelliarts zu verlieren und somit das ansehen der fünf Weisen zu beschädigen muss auch in betrachtet gezogen werden, wodurch es immer wahrscheinlich wird, dass an den Martells irgendetwas besonders ist.

      Ich glaube damit habe ich es einigermaßen geschafft, meine Gedanken zu Papier zu bringen. War diesmal schon etwas schwer, besonders da du zwischendurch auf die Kommentare geantwortet hast und dadurch meinen Gedanken dadurch nochmal ganz andere Richtungen gebenden hast. :pinch:

      Es ist natürlich letztendlich deine Entscheidung, allerdings hat sich im FF-Bereich oder sagen wir besser bei den derzeit noch laufenden FFs folgende Handhabung eingebürgert, die mir sehr entgegen kommt. Auf die Kommentare wird dort immer dann eingegangenen, wenn auch das neue Kapitel veröffentlicht wird. Dadurch sind (meistens) alle Rückmeldungen in einem Post gebündelt und man erfährt auch gleich, dass es ein neues Kapitel gibt. Diese Version gefällt mit auch deswegen so gut, da ich mir eigentlich immer etwas längere Zeit Gedanken um den Inhalt mache und sobald der Autor auf andere Kommentare antwortet, kommen nochmal neue Aspekte hinzu. Wie gesagt, alles deine Entscheidung sind nur meine persönlichen verlieben.

      Das Kapitel hat mir mal wieder sehr gut gefallen und ich bin gespannt darauf zu Erfahren wie es weitergeht. ^.^
      :thumbsup: Nicht nur in One Piece die reine Wahrheit: :thumbsup:
      Pirates are evil?!!... ...The Marines are Justice?!!
      These labels have been passed around Heaven knows how many times...!!!
      Kids who have never known peace... ...and kids who have never known war... ...Their values are too different!!!
      Whoever stands at the top can define right and wrong as they see fit!!!
      Right now, we stand in neutral territory!!!
      "Justice will prevail"?!... ...Well, sure it will!
      Whoever prevails... ...is Justice!!!! (Doflamingo)

      So kann man es aber auch sehen
      "THERE IS NO JUSTICE, THERE IS ONLY ME!"
      Death, Discworld, Terry Pratchett

    • Zu Beginn möchte ich gleich mal hervorheben, dass mir dein Schreibstil unheimlich gut gefällt. In den bisherigen Situationen kam immer ein passendes Gefühl bei mir auf und ich konnte mich sehr gut in die entsprechenden Gegebenheiten "eindenken". Das ist für mich persönlich ein besonders wichtiger Punkt beim Lesen, da es mir quasi das Gefühl gibt, mich selbst im Raum der aktuellen Handlung zu befinden und alles dargebotene aufzunehmen.

      Allerdings werde ich mit manchen Namen nicht so ganz warm. Dr. Krueger ist für mich zwar absolut passend für einen Psychiater, allerdings fällt es mir schwer, ihn ins OP Universum einzugliedern. So ging es mir heute auch mit dem guten Herrn Martell. Adam als Name für den Weisen ging dagegen einwandfrei klar.

      Das beschriebene Szenario in der Bar kam für mich sehr gut rüber, wobei ich zugeben muss, bei dem blonden, gefährlichen Herrn im schwarzen Anzug, direkt an Sanjis Vater gedacht zu haben. Der Gedanke hat sich aber auch einen Moment halten können, da ich zwischendurch einen kleinen Gedankendreher hatte und dachte, Adam sei der Mann mit der traditionsreichen Killer Familie.

      Zu den Martelliarts: Ich kann mir leider nur schwer vorstellen, wie ein Wettkampf aussieht, an dem einer der 5 höchsten und unantastbarsten Männer der Welt teilnimmt, aussieht. Ich habe hier auch einen Filmvergleich im Kopf, komme allerdings nicht mehr auf den Namen! Aber das würde ja eigentlich wie folgt aussehen: jeder verliert absichtlich, nur um die Ehre der höchsten Macht der Welt nicht zu beschmutzen. Aber das hast du ja nicht ausgeschlossen in deinem Text, es nimmt mir persönlich nur die Herausforderung des Wettkampfes.

      Weiterhin frage ich mich, warum die 5 Weisen einen "Killer" brauchen, um BM auszuschalten. Sie ist ein Pirat, das ganze könnte also theoretisch gesetzmäßig von der Marine + CP erledigt werden. Klar gäbe es große Verluste aber die Weisen wirkten bisher nicht wie Menschen, die sich um Verluste scheren. Also soll es wohl keine öffentliche Aktion sein, sondern geheim. Warum aber dann persönlich vorbeikommen und das Risiko eingehen, erkannt zu werden (was ja auch der Fall war)?

      Abgesehen von diesen, für mich schwierigen Punkten, war das Kapitel sehr gut, vor allem die Spannung in der Bar hat ordentlich Wirkung gehabt und mir als Leser die Unterhaltung geboten, die ich suche, wenn ich so eine Story lese. Ich bin schon sehr gespannt wie die Erklärung dafür ist, das ausgerechnet BM die Person ist, die den Löffel abgeben soll und was der gute Herr Kruemelmonster bei unserem Doktor Krueger daran für einen Anteil hatte. Auch erwarte ich zumindest noch die Auflösung, wer er eigentlich ist, den Dr. Krueger kennengelernt hat. Ist hier William Martell gemeint?

      Ich werde deine FF auf jeden Fall gespannt weiter lesen :thumbsup:
    • Dann wollen wir mal sehen. Zwei Kapitel weiter und kaum schlauer als zuvor. Laufen alle deine Geschichten so ab?^^

      Wirklich entscheidende Punkte der bisherigen Handlung dürften sein, dass wir anscheinend die Namen der beiden bis dato wichtigsten Akteure erhalten. Psychiater Krueger und Kaiserinnen-Mörder William Martell.

      Irgendwie fühlte ich mich beim Lesen permanent im Nachteil, da dieser Krueger wohl eine bekannte Figur deiner früheren Werke ist, nehme ich an. Daher habe ich auch Probleme gehabt, mich in seine Gedankenwelt bzw. die Figur zu versetzen. Oder besser gesagt: Ihn mir vorzustellen. Du bist mit äußerlichen Beschreibungen ja ohnehin recht sparsam, was nicht unbedingt negativ zu bewerten ist, aber speziell bei Krueger und seinem Patienten hätte ich doch gerne zumindest ein-zwei Hinweise bezüglich ihres Erscheinungsbildes. Und sei es nur Haar- und Hautfarbe.

      Ansonsten hält sich die Handlung wie gesagt in Grenzen, deutet aber eine recht interessante Richtung an, da wir anscheinend tatsächlich zwischen den Zeitebenen umherspringen. Zumindest vorerst. Auch mir stellte sich die Frage, wieso man gerade Big Mum wählte und -bedingt durch die schwammige Zeiteinteilung- was denn mit Dragon sei. Die Haupthandlung spielt nach dem Großen Ereignis, Magellan ist bereits einfacher Wärter und sitzt sich seinen Arsch nicht mehr auf dem Direktorenklo wund. Und aufgrund der bisherigen Aussagen bezüglich Martell, gehe ich davon aus, dass Big Mum erst "kürzlich" das Zeitliche gesegnet hat. Aber das muss ja nicht heißen, dass "vor einigen Jahren" gestern war. Einen Kaiser zu töten ist sicherlich nichts, dass man von heute auf morgen mal eben vor seinem wöchentlichen Yoga-Kurs erledigt. Selbst mit Jahren mühsamer Vorbereitung dürften die Chancen 1:100000 stehen. Formidable Rechnung, ich weiß.^^
      Jedenfalls ist es durchaus möglich, dass Big Mum damals noch eine deutliche militantere Ausrichtung gegen die WR fuhr oder sie aus anderweitigen Gründen ein Dorn im Auge der Regierung war. Wobei es dennoch unsinnig erscheint, da jeder Thron im Piratenmilieu früher oder später wieder beansprucht wird. Siehe Blackbeard, siehe in Zukunft Ruffy. Hier bin ich also wirklich auf eine Erklärung gespannt.

      Gut, da es das von mir aus inhaltlicher Sicht war, widme ich mich kurz dem Schreibstil. Natürlich gibt es nicht viel zu meckern, aber da beide Kapitel verschiedene Genres bedienten, jedenfalls sublim betrachtet, ist es durchaus eine Erwähnung wert. Persönlich habe ich das Gefühl, dass dir die humoristischen bzw. satirischen Momente besser liegen als jene, die es nicht sind. Die ganze Chose um den Abgesandten der WR Ravehouse und dessen kleinbürokratische Anwandlungen waren wirklich witzig gemacht und bekamen durch die teils eklatant-chaotischen Zustände im Impel Down einen angenehmen Kontrast spendiert. Spätestens, als er sich der medizinischen Versorgung seiner aufgeschlitzten Wange entzieht, um seinen pünktlichen Feierabend nicht zu riskieren, musste ich wirklich schmunzeln. Generell gefiel mir dieses Kapitel besser als das zweite. Dort setzt du halt einfach mit einem Charakter an, mit dem ich (noch) nichts anzufangen weiß.
      Dr. Krueger ist schon faszinierend, aber ich kann ihn weder bildlich noch sonst wie greifen. Ich erwähnte es eingangs, ich würde es dir nicht übelnehmen, wenn du zumindest ein paar Worte über die Äußerlichkeiten deiner Figur verlieren würdest. ;)
      Das muss nun kein bildgewaltiges Feuerwerk sein, in dieser Hinsicht bin ich mit meinen ausschweifend zelebrierten Beschreibungsarien eh etwas bekloppt, aber so winzige Eckpunkte würde ich mir dann doch wünschen. Und seien es wirklich bloß Haarfarbe, Hautton und Statur. xD

      Abseits dessen machst du aber natürlich weiterhin alles richtig. Du hast deinen Stil, der unaufgeregt wie treffgenau ist und niemals in den literarischen Grützebottich fällt. Das muss ich einem alten Hasen wie dir zwar sicher nicht sagen, aber irgendwie muss ich ja von der Tatsache ablenken, dass ich schon vor 15 Zeilen nicht mehr wusste, was ich noch schreiben soll. In diesem Sinne: Bis zum nächsten Mal.^^


    • Feedback @qoii, King's Grampa, -Bo-

      Dann werde ich doch dem qoii'schen Hinweis nachkommen und eher antworten, ehe ich das neue Kapitel poste. Beziehungsweise in diesem Fall danach, damit ich dann nächstes Mal im bundle antworten kann, ehe Kapitel 4 herauskommt. Vielleicht kommt es wieder eher, doch im Normalfall peile ich mal den 7,5 Tage Rhythmus an, um mich nicht auf sieben oder acht festzulegen. ^^

      Da niemand, das wäre um die Uhrzeit nicht zu erwarten, Kapitel 3 rezensierte, schließe ich hier alle Kommentare bis einschließlich Kapitel 2 ein - und gehe auf neue Äußerungen ein:
      Dr. Krueger hat eine menschliche Seite, die sich vor allem in seinem Willen äußert, in seiner Handlungsweise letztlich etwas Gutes für das Gemeinwohl herauszuarbeiten. Der Weg dabei ist allerdings nicht absehbar bzw. eingeschlagene Routen nachvollziehbar, jedoch wägt er ab, ob es sich lohnt, Opfer für einen höheren Zweck zu bringen - oder hier auch in Einzelfällen dezidiert abzuwägen. Dies hinterfragende Moment ist Teil seines Typs, wodurch er auch Fehler machen kann - und muss - die sich auf seinem Lebensweg abzeichnen. Ob es sein Leben bis zum Zeitpunkt [Prolog] X ist, welches aufgearbeitet wird - oder der Vorlauf für eine größere Handlung sein wird, lasse ich mal stehen. Der Tod von Big Mum jedenfalls ist eine große Sache, jedoch nicht die Größte. Falls doch, ist es für mich als Autor jedenfalls nicht die handlungsrelevanteste. Eine. ;) / Die Wahl auf Dragon ist eine Abwägung, weshalb der ausgewählte Kaiser Charakteristika aufweist, die einen Zugriff ermöglichen oder vielleicht sogar dringend erforderlich machen, während ein Dragon in seinem Aufbau doch etwas geplanter und mit mehr Zeit agiert, Zeit, die man hätte, um Gegenmaßnahmen in die Wege zu leiten. / Krueger hat 'ihn' kennengelernt. Wann und in welchem Kontext bleibt offen, jedoch hat dieser jemand einen bleibenden Eindruck hinterlassen, der Krueger jetzt im Gespräch mit dem Patienten in den Sinn gekommen ist. Ob als Vergleich oder als krasser Widerspruch, you'll see. / Martelliarts ist in der Tat eine Mischung auf dem Familiennamen und der Kampfkunst. Wobei es nicht nur Stärke bedarf, um bei den Martelliarts teilzunehmen. Ein paar relevante Kriterien gibt es durchaus noch. / Bei mir sind die Fünf Weisen allesamt Kämpfer, wenn sie nicht gerade in einer Parodie für die Großmächte herhalten. ^^ / Da die Weisen Martell kennen, wissen sie, was man von ihm in etwa erwarten kann. Wenn es klappt, ideal, wenn nicht, gibt es keine eigenen Verluste. Ein möglicher Hauptgewinn ohne eigenen Einsatz ist für Strategen die sicherste Wahl. ;) /

      Ui, danke KG für das Lob bzgl. des Schreibstils und der beschriebenen Szenen. Da geht mein Herz auf, wenn Szenen, die mir Spaß beim schreiben bereiten, ebenfalls beim lesen etwas auslösen - das kein 'Bitte, wat?' ist. Sehr, sehr cool, da freue ich mich. / Mit den Namen habe ich es sehr assoziativ gehalten. Psychologe Sigmund Freud analysiert Träume, Freddy Krueger mordet in Träumen. Psychologe Dr. Krueger hingegen analysiert (im Impel Down) Mörder, da war für mich sehr schnell der gedankliche Kreis geschlossen. / Martell ist aus einen Haus aus dem frühen Mittelalter angelehnt, das ließ sich mit einem markanten Gegenstand, den er nutzt, für mich als Historiker nicht vermeidetn, zumal es von der Übersetzung her eins zu eins spitz auf Knopf zusammenpasst. ^^ / Der Weise Adam ist in meinen Geschichten stets so genannt. In meiner früheren Parodie haben die Weisen allesamt Namen erhalten, die ich auch fortan in jeder meiner Geschichten so genutzt habe. Ist mein persönlicher Running Gag, so wie noch einige andere vorkommen werden. :D / Die Martelliarts werde ich evtl. (rückblickend [?]) beschreiben, falls möglich. Dafür müsste es in der Gegenwart noch einen Martell geben, was ja nicht gewiss ist. :'( / Big Mum wird nicht von Martell anvisiert. Bin auch etwas verwundert, wie man darauf kommt: Im Prolog berichtet die Zeitung von einem zeitnahen Ereignis, während die Erinnerung an Martell einige Jahre zurück liegt. Vermutlicher Gedanke: Martells Jagd auf Big Mum dauerte bis vor kurzem an, doch den Wind darf ich euch aus den Segeln nehmen, hehe. / Wer 'er' ist: Einer der beiden Akteure (Yonkou/William). Oder jemand hinzugezogenes? / Hoffe, ich kann die Spannung aufrecht erhalten bzw. hin und wieder eine Bombe hochgehen lassen. Mit etwas mehr Aufbau wird das vielleicht klappen können. Ich geb mir Mühe. ^^

      William Martell tötet nicht so viele Frauen freiwillig, dies vorab. ;)
      Was Äußeres angeht, so baue ich dies früher oder später schon ein, doch ich persönlich bevorzuge es nebensächlich, da ich nicht der Autorentyp bin, der jemanden vorstellt und dann gleich hinterher sagt: Max trägt eine blaue Cordhose mit zwölf Rillen und dazu rote Schuhe mit grünen Stahlsohlen, die im Sonnenlicht noch stärker Funkeln als sein silber gewichstes Haar, welches er lässig gekämmt über seinen mit Anstecker versehenen Ohren liegen hatte. - Ist nicht meine Schreibwelt. Sobald Dr. Krueger stärkere Präsenz aufweist, sag euch was über seine Statur - im Kapitel wurde ja angedeutet, dass er kein starker und sportlicher Charakter ist, womit man schon einmal den schmächtigen langen oder den dicklichen kleinen Intellektuellen im Fokus hat. Ruhig Vertrauen, ich beschreib das in der Regel zeitnah, wenn der Charakter es wert ist. :-)
      / Humoristische Szenen find ich super zu schreiben, sofern ich es einigermaßen op-artig hinbekomme. So viel eigenen Humor, außer schwarzen Humor, möchte ich da eher dosiert einbringen. Sodenn, ich finde es sehr gut, dass kritische Wort durchaus nachvollziehbar ausformuliert werden. Das macht das Feedback gehaltvoller, da verwertbar. Utopische Forderungen oder radikale Umbrüche sind dann doch der offene Salzstreuer in der Suppe und dann ist es für den Autor auch kein Spaß, das zu servieren bzw. zu kosten.

      Danke für dieses gute Feedback!
    • Die Martells & William


      So, die Martells sind also ‚nicht in eine bestehende Ordnung der Welt‘ einzugliedern. Damit kann man wohl alles innerhalb der Dreimacht ausklammern, da die wohl der Großteil von dem ist, was man in OP Weltordnung nennen könnte. Dazu kommen die Weltaristokraten, bzw. die Weltregierung, die über allem thront und nach unserem Wissen tendenziell keine Neigungen zu derartigen Sperenzchen hat (wobei ein paar abtrünnige Eigenbrötler sicher spannend wären), sowie unbedeutendere Piratenbanden. Die Zugehörigkeit zu diesen würde ich nicht voreilig ausschließen, auch wenn der Familienbegriff hier bisher nicht synonym zu dem der Donquixote-Familie verwendet wurde, sondern schon eher im herkömmlichen Sinne. Bleibt als Wette mit Top-Quote also die Unterwelt. Ich hatte ja bereits beim letzten Kommentar die Assoziation zu den angeteaserten Vinsmokes geäußert und würde da auch weiterhin große Stücke drauf halten. Die Martells wirken so exzentrisch, die können ja bald nur aus der Ecke kommen. Dann wundert mich aber wiederum, dass William ‚Tag ein Tag aus‘ da in den Bergen herumturnt, ich hätte mir dann schon etwas mehr in Richtung la familia gedacht, also gemeinsame Planung und generell mehr Wert auf dem Beisammensein der einzigen Menschen, die einem diese Welt – in der man ja keinen Platz hat – schmackhaft machen. Vielleicht sind die Martells aber auch schlicht ein weiterer Haufen schräger Typen mit merkwürdigen Marotten, die die bucklige Verwandtschaft nur alle Jubeljahre beim hauseigenen Wettschlachten sehen mögen. Apropos Wettschlachten: Sowas in die Richtung habe ich mal in die Martelliarts interpretiert, die scheinen ja wie angenommen nicht ganz ohne zu sein. Um dem Palaver mal ein Ende zu setzen, ich finde die Familie bisher wirlich sehr interessant aufgebaut und freue mich, mehr über sie zu erfahren.

      Was die folgende Charakterisierung Adams und Williams seitens Alice angeht, machst du es einem schon etwas leichter, wenn auch lange noch nicht leicht. Dass Adam so eine Ausstrahlung hat, glaube ich ihr gerne, wenn sie sogar so weit oben in den Bergen noch übernatürlich kalt wirkt. Was der Ernsthaftigkeit dieser Darstellung eine klitzekleine Schramme verpasst hat, war der Spruch vom alten Mann am Ende des Absatzes, der wirkte in dem Zusammenhang ein wenig zu locker. Aber auf der anderen Seite auch wieder typisch OP. Über William kann indes auch die Wirtin keine Auskunft geben, der Mann bleibt ein Geheimnis und auch über diesen Umweg erfahren wir leider nichts Interessantes. Außer vielleicht, dass seine Beschäftigung auch ‚Sammelerpel‘ einschließt, was die These von Martells Eigenartigkeit wohl weiter befeuert.

      Gigas, der Gentleman


      So oder so ähnlich wünsche ich mir seinen Beinamen als Pirat von Format! Todbringer, pfft. Aber egal, dürfte ohnehin nicht weiter von Belang sein, wie der Gute unter Freunden, falls er welche hat, genannt wird. Der Mann bringt es auf den Punkt: Scheiß auf Taktierereien, Hauptsache Kopf ab. Dürfte doch dem guten Bo gefallen, oder? Mir zumindest tut es das. Wie auch immer, der Kerl ist Yonkou und damit ist endgültig raus, dass wir hier in einer anderen Zeit spielen. Und weil Big Mom ja erst noch stirbt, wohl ein paar Jährchen nach der Originalhandlung, der du unterstellst, Kaidou beseitigt zu haben. Ich hoffe mal, dass diese Analyse treffend ist und ich gerade kein schlüpfriges Detail vergesse. Außerdem scheint Gigas eine Teufelsfrucht gegessen zu haben, das würde zumindest am ehesten den beschriebenen Kampfesrausch und seine scheinbar ziemlich unaufhaltsamen Fähigkeiten in puncto Menschen auseinander reißen erklären. Die Bestätigung folgt wenige Sätze weiter und weist auf eine kryptische Zoan hin, genauere Vorstellungen konnte die Beschreibung bei mir gerade noch nicht auslösen. Was mir dann ebenfalls gefiel, war Ravehouses zurückgelehnte Art weiter oben. Ganz einfach hinnehmen, wenn am anderen Ende der Leitung gerade einer vor Spannung die ganze Goldinsel zuscheißen dürfte, und ihn zappeln lassen, so stell ich mir Ravehouse vor, ein exzellenter Charakter bis dato.

      Abschließend zu diesem schon wieder länger als geplanten Kommentar noch ein paar Gedanken zum Hammer. Der Hammer ist also ‚Wahrhaftige Macht‘, aber gleichzeitig kämpft jeder Martell mit einem solchen. Stellt sich die Frage, ob das Ding ein Einzelstück ist und je nach Bedarf umherwandert, oder ob tatsächlich alle davon einen haben. Letztere Variante würde es dann irgendwie schwerer erklärbar machen, dass er ein solch großartiges Instrument ist. Denn so viele gute Teufelsfrüchte auf Hämmer verwenden? Glaube ich nicht. Also steckt da etwas anderes dahinter, auch wenn ich absolut ahnungslos bin, was es sein könnte.

      Und bevor ich da am Ende gar nichts zu schreibe: Lass Gigas doch bitte nicht im nächsten Kapitel schon verrecken, ok? Wäre sicherlich der Auslöser für ein später evtl. entscheidendes Einschreiten der nach Rache dürstenden Flotte, die du erwähnt hast, aber es würde dem Charakter komplett die Tiefe nehmen, wenn er 2 Kapitel nach Debüt wieder weg wäre, weil sein erster starker Gegner ihn plattgehämmert hat. Generell wäre das Powerlevel der Martells dann unglaublich hoch anzusiedeln, nach Kaiser kommt ja nach unserem Wissensstand nicht mehr allzu viel.

      Alles in allem ein weiteres, spannendes Kapitel. Es ist schön zu sehen, dass die FF auch inhaltlich Fahrt aufnimmt.

      Edit:
      Da niemand, das wäre um die Uhrzeit nicht zu erwarten, Kapitel 3 rezensierte, schließe ich hier alle Kommentare bis einschließlich Kapitel 2 ein - und gehe auf neue Äußerungen ein

      Eine verdammte Minute, bevor der beschäftigungslose s4pk abschickte. EINE Minute!
    • Und zack, geht es auch schon weiter mit dem guten William. Doch zunächst schließe ich mal aus dem Umfang dieser "Erinnerung", dass sich die ganze Story doch zu einem deutlich größeren Teil außerhalb des Impel Downs und der Gegenwart abspielen wird, als ich zunächst angenommen hatte. Freut mich, denn andernfalls hätte ich nach ein paar Kapiteln auf Grund von einem etwas beklemmenden Gefühl des Eingesperrtseins wohl die Lust verloren, wie es teilweise während des Impel Down Arcs der Fall war. Abwechslung ist immer gut!

      Das Kapitel setzt nahtlos am Vorgänger an, so nahtlos, dass man die von Adam zurückgelassene Kälte förmlich noch spüren kann. Mir hat es gut gefallen, dass WM in dieser Szene nun doch als sehr menschlich rüber kommt, wie es die gute Alice treffend beschrieben hat. Hier frage ich mich, ob wir die Dame nochmal zu sehen bekommen? Möglicherweise um William nach erfolgreicher Erledigung seines Auftrags in seiner Lieblingskaschemme willkommen zu heißen oder vllt trauernd an seinem Sarg (was ich aber bezweifle)? William ist mir in dieser kurzen Zeit bereits sehr sympathisch geworden, er bewundert den Schlächter Gigas, zieht aber konsequent sein Ding durch.

      Die Szene um den Schauplatz des begonnenen Kampes wurde schön aufgebaut, Gigas scheint eine Routine im metzeln von unschuldigen Inselbewohnern entwickelt zu haben und die Leute verfallen zu Recht in Panik. Die Teleschnecken-Szene war hier einfach klasse, der gute Ravehouse war scheinbar schon immer der typische Klischee-Beamte und diese Szene bringt eine Prise Humor in das sonst sehr ernst gehaltene Kapitel, ohne es zu veralbern.

      Gigas Charakter gefällt mir, ich würde gern wissen, welche TF er nutzt. Zunächst dachte ich an Drakes T-Rex Frucht, bis mir einfiel, das Dinos keine Schuppen haben. Daher habe ich jetzt etwas drachenmäßiges im Kopf, wobei du dann sicherlich auch ein paar große, sich entfaltende Schwingen nicht ausgelassen hättest, denn was gibt es schon eindrucksvolleres?! Bleibt also abzuwarten!
      Nicht ganz passend fand ich Gigas Spruch "Ich bin mächtig, jedoch nicht lebensmüde." Warum sagt er das? Als Rechtfertigung, warum er direkt in seine Tierform wechselt? Ich denke nicht, das ein Kaiser sich für irgendwas rechtfertigen muss, auch nicht im Kampf. Dafür zeigt es uns als Leser aber deutlich, dass mit den Martells wohl echt nicht zu spaßen ist, wenn sie einen Tötungsauftrag erhalten haben.

      Die Wahl des Hammers als Waffe freut mich, das hatten wir in OP bisher echt zu selten und bisher waren es nicht so schöne Kriegshämmer, wie ich mir den der Martells vorstelle. Ist es ein Erbstück oder führt jeder Martell seinen eigenen? Das Ding hat bestimmt auch einen Namen, wobei "Todbringer" ja leider schon vergeben ist!

      Welche Frage für mich jetzt noch sehr interessant bleibt ist: Wenn Gigas stirbt, wer nimmt seinen Platz unter den Yonkou ein? Wird Big Mom seine Nachfolgerin? Oder Kaidou? Oder Shanks? Ich denke Kaidou liegt nahe, da es sich bei Giga wohl um eine vor Kraft strotzende, gewalttätige Bestie handelt und wer wäre da ein passenderer Nachfolger, als der gehörnte Säufer?

      Habe mir eben nochmal die Charakterliste betrachtet; wenn ich mich nicht irre wurde Magellan nicht amtsenthoben, sondern ist zurückgetreten oder?!

    • You expected a sinnvolle Kritik, but is was me, Lemon!

      Als du in Gedanken über deine Zeit im Krieg als Mod geschwelgt hast und dich über den Spambereich beschwert hast, hab ich so ein schlechtes Gewissen bekommen, dass ich jetzt unbedingt die letzten beiden Kapitel hier nachholen muss um was sinnvolles für das Board zu tun. Außerdem haben mich deine Besuche auf meinem Profil nervös gemacht. Zum Glück hab ich keinen Pferdekopf in meinem Bett gefunden :S
      Aber genug Kaffeeklatscherei....Kaffeegeklatsche....Kaffee....Ich kritisiere nun! :D


      Kapitel 2: Erinnerung

      Zuerst einmal - Ich bin ungefähr einhundertfünfzig mal über den Satz Mit verwundet. gestolpert. Fehlt da irgend ein Wort? Oder ist das eine Phrase, die ich nicht kenne?
      Des Weiteren glaube ich kaum, dass Big Mom sonderlich intelligent ist. Aber ich habe schon gesehen, dass es im 3. Kapitel scheinbar einen von dir selbst entworfenen Yonkou gibt. Was bedeutet, dass du dich nicht so streng an die Gesetze der OP-Welt hälst und das damit klar geht. Ich meine halt nur, im Manga zieht sie Süßigkeiten Geld vor, frisst einfach mal Leute und zündet Insel an, ohne über die Konsequenzen nachzudenken. Das zeugt alles nicht gerade von hoher Intelligenz. Obwohl du ja im Text erwähnst, dass sie ein strukturiertes Netz entworfen hat und man dafür schon Grips braucht.

      Naja, was auch immer. Ich mochte den Anfang jedenfalls. Charaktere die in Gedanken große Veränderung beschreiben, kommen ja sowieso immer gut an.
      Beim Auftritt des blonden Mannes dann musste ich auch direkt an Sanjis Vater denken. Schwarzer Anzug, blonde Haare - da ist man in der heutigen Zeit als OP-Fan doch direkt drauf sensibilisiert. Dass es dann einer der Fünf Weisen war, erklärt seine Stärke. Ich finde es übrigens eine gute Idee, die Weisen etwas zu charakterisieren. Im Manga sind die nur farblos und sitzen immer in Mary Joa rum. Umso mehr gefällt mir hier Adam, der das Martelliarts-Turnier scheinbar ziemlich gerockt hat.
      Ein bisschen habe ich mich über den Namen des Turniers gewundert. Ich dachte erst, du hättest Martial Arts falsch geschrieben. Aber das hat sich im Nachhinein dann ja als eine Art Wortwitz entpuppt.
      Und mit William Martell haben wir dann wohl den Mörder von Big Mom. Oder auch nicht. Da hast du es echt geschafft, Spannung aufzubauen. Irgendwie passt der dicke Mann in der Kneipe nicht zu dem Typen, der letztlich bei Krueger in Impel Down sitzt. Vielleicht ist soviel Zeit vergangen, dass er sich so sehr verändert hat. Oder er hat jemanden geschickt sie zu töten. Oder er soll einen anderen Yonkou töten. Oder, oder, oder...


      Kapitel 3: Gigas

      Gigas kommt mir irgendwie bekannt vor. Hab gegoogelt und nichts gefunden. Jetzt bin ich darauf gekommen: Von dem Pokémon Regigigas. Hat wohl nichts mit deiner Geschichte zu tun.

      Auch in diesem Kapitel wird Adam wieder gehyped. Diesmal aber richtig. Er kann also mit einem Augenzwinkern eine ganze Insel dem Erdboden gleich machen. Ob das wörtlich gemeint ist oder im übertragenen Sinne? Wahrscheinlich beides. Er kann wohl ganz einfach ein paar Dutzend Buster Calls bestellen und richtig Party machen oder mit nem Handkantenschlag die Redline spalten. Ich denke ja mal, du hast mit ihm noch was vor in der Richtung. Also, ihn im Kampf zu zeigen. Nicht, die Redline zu spalten. Falls er aber später nicht mehr wichtig wird, dann bin ich enttäuscht. So richtig :D
      Daraufhin wird Alice noch etwas ins Licht gerückt. Die ist mir momentan noch zu farblos und konnte auch hier nicht so überzeugen. Sie erscheint mir viel zu sehr wie ein Makino-Klon. Die nette Barfrau, die ständig starke Typen in ihrer Kneipe hat und sich um einen gewissen Stammgast ganz besondere Sorgen macht. Aber im Endeffekt war der Teil wohl auch dazu da, Martell näher zu beschreiben. Und was muss ich da lesen? Er wurde mal beauftragt, einen Sammlererpel zu suchen? Gab es da nicht...?
      Ravehouse ist zurück und seine Arbeit langweilt ihn so sehr wie immer. Ich muss zugeben, er ist momentan mein Lieblingscharakter und sollte ich jemals eine FF schreiben, ich würde ihn echt gerne als Cameo auftauchen lassen. Auf jeden Fall scheint es ihn nicht zu stören, dass am anderen Ende der Leitung gerade ein Kaiser Amok läuft und ich muss mich schon wieder freuen.
      Gigas, ein normal großer Yonkou! Es hat mich in OP immer schon gestört, dass vier von fünf Kaisern so überproportional groß sind. Wobei du seine Körpergröße nirgendwo erwähnt hast, glaube ich. Aber ich nehme das einfach mal so an. Da es auch mehr Epik hätte, wenn ein "normaler" Mensch metzelnd durch die Gegend zieht, als ein Riese. Der Kampf gegen Martell war auch gut geschrieben. Normalerweise lese ich Kampfszenen nicht gerne, da es zu schnell hin und her geht. Aber hier hat mich das nicht so gestört.
      Somit dürfte jetzt auch geklärt sein, dass Martell nicht der Mann bei Dr. Krueger ist. Offenbar haben die Weisen sich starke Leute gesucht um einen jeden von ihnen gegen einen Kaiser aufzuhetzen. Stellt sich halt die Frage, warum die feinen Herren das nicht selbst erledigen. Angst vor dreckigen Händen kann es nicht sein, sonst würden sie nicht extra an einem Turnier teilnehmen um einen der starken Leute zu rekrutieren. Wobei mir gerade auffällt - Es gibt fünf Weisen und vier Kaiser. Bis jetzt hast du einen Yonkou erfunden. Vielleicht tauchen Kaidou, Shanks und Blackbeard ja trotzdem noch auf und dann hat jeder Weise die Aufgabe sich um die Tötung eines Kaisers zu kümmern. Wäre interessant, mal sehen wie es kommt.
    • Kapitel 3: Gigas

      Huch ich bin schon der vierte mit einem Kommentar zu deinem aktuellen Kapitel? Normalerweise ist man hier im FF-Bereich doch schon froh, wenn es überhaupt drei Antworten gibt.
      Na dann will ich mal schauen, was ich noch so finde. :)

      Die Martells eine Familie welche >nie in die bestehende Ordnung der Welt zu integrieren< ist. Einig hier scheinen daraus zu schließen, dass die mit der WR mehr oder weniger im Konflikt stehen und deswegen in der Unterwelt agieren müssten, da sie auch keine Piraten zu sein scheinen. Ich hingegen interpretiere es so, dass sich diese Familie von anscheinend sehr starken Kämpfern einfach keiner Organisation in irgendeiner weise Angeschlossen hat. Sie unterstehen nicht dem Befehl der WR in dem Sinne, dass sie von dieser einfach so in den Kampf geschickt werden können. Also dass die WR, anders als bei den CPs oder der Marine, ihnen nicht einfach den Befehl geben kann irgendwo anzugreifen. Sie sind keine Unterstützer der WR, aber auch nicht ihre Feinde, sie leben wie ganz normale Leute in dieser Welt, sind aber durch ihre Kampfkraft ein Faktor der beachtet werden muss. Wenn sie sich als Kämpfer der WR unterstellen würden, hätte diese eine weitere schlagkräftige Truppe. Wenn sich die Martells den Piraten oder Revolutionären anschließen würden, hätte die WR ein Problem. Im weitesten sinne sind sie also sehr starke Privatleute, welche alle paar Jahre ihre Martelliarts veranstalten und danach den Auftrag des Gewinners erfüllen. Dabei könnten sie zwar mit der WR/Marine oder wem auch immer in Konflikt geraten, aber nur für diesen einen Auftrag.
      Ich hoffe meine Ideen zu der Familie sind einigermaßen deutlich geworden. Sie sind eine starke und nicht zu unterschätzende Macht, welche sich aber nie offiziell irgend einer Seite der Dreimacht, des Untergrundes oder sonst irgendeiner Organisationsform dieser Welt angeschlossen haben. Sie sind ein unabhängiger Machtfaktor, der die meiste Zeit mit keiner der vielen Seiten groß in Konflikt gerät. Trotzdem sind sie ein weltweit bekannte Größe, da William sofort von Gigas erkannt worden ist. Auch die Aussage von Gigas >Ich bin mächtig, jedoch nicht lebensmüde.< deute ich in die Richtung, dass es sich bei ihm und seiner ganzen Familie um weltweit bekannte und gefährliche Kämpfer handelt. Auch sehe ich nicht warum diese Aussage Gigas schwach darstellen soll. Er weiß sofort, dass es es hier mit einem starken und ebenbürtigen Gegner zu tun bekommt, bei dem er direkt ernst kämpfen muss. Er würde wahrscheinlich ähnlich reagieren, wenn ein Admiral vor ihm steht. Die Martells scheinen nun mal einfach Gegner zu sein, die man nicht unterschätzen und direkt mit voller Kraft bekämpfen muss. Die Martells schwingen in ihren Kämpfen den bzw. einen Schlachthammer. Ob dieser nun als Erbstück immer an den nächsten weitergereicht wird oder jeder Martell seinen eigenen Schlachthammer hat, ist mir noch nicht ganz klar geworden. Wobei ich mir auch eine Kombination aus beidem vorstellen kann.
      William und seine ganze Familiengeschichte gefallen mir bis jetzt sehr sehr gut, sie sind sehr interessant und ich hoffe, dass sie uns noch eine weile erhalten bleiben. Ob jetzt in Form von William selber oder vielleicht seinem Sohn, Onkel, Bruder oder Neffen ist für mich dabei erst mal zweitrangig, wobei ich mich besonders über einen weiblichen Vertretet der Linie freuen würde. ^.^


      Gigas eine Kaiser der das Vernichten liebt und eine sehr mächtige Teufelsfrucht hat. Sein Beinahme ist zwar nicht wirklich kreativ, passt aber wohl einfach zu ihm und seiner Art. Führ ihn zählt nur Kraft und Stärke, jeder der Schwächer ist und ihm in seiner Kampfeswut zu Opfer fällt ist selber schuld, er war einfach zu schwach für diese Welt. Irgendwie hat er mich in seinen ganzen auftreten sehr stark an Waylon Jones aus Dillans FF erinnert, weswegen ich auch direkt von einer Krokodilfrucht ausgegangen bin. Jedenfalls nimmt er William gleich als ebenbürtigen Gegner war und kämpft direkt mit voller Kraft plus TF Einsatz. Übrigens macht William das Gleiche, auch wenn er anscheinend keine TF hat. Aber zu Gigas vs. William habe ich ja schon im William Abschnitt etwas geschrieben. Jetzt wird auch klar, warum die Weisen William angeheuert haben, es ging nicht um eine geheime Mission, sondern um ein reines Kräftemessen, wobei sie anscheinend keinen Admiral riskieren wollten.

      Ravehouse bekommt auch einen kleinen Auftritt und schon damls war er durch und durch Beamter, der sich durch nichts aus der Ruhe und den Vorschriften abbringen ließ. Der Kontrast zwischen seinen Bürokartengehabe und der Panik des Agenten & der gesamten Insel war wieder so schön herrlich skurrile, gerne mehr von dieser Art von Humor. :thumbsup:

      Zu Alice fällt mir jetzt nichts wirklich neues ein, ich denke mal sie wird für die Geschichte auch niemals wichtig werden.

      Das war wieder ein sehr schönes Kapitel, an dem es nichts ausgesetzten gab. Auch die Story allgemein scheint sich sehr gut und interessant zu entwickeln und wird meiner Art zu kommentieren sicher sehr entgegen kommen. Ich wittere zumindest eine große Menge Hinweisen, Anspielungen und Andeutungen, welche man Endecken kann. ^.^
      :thumbsup: Nicht nur in One Piece die reine Wahrheit: :thumbsup:
      Pirates are evil?!!... ...The Marines are Justice?!!
      These labels have been passed around Heaven knows how many times...!!!
      Kids who have never known peace... ...and kids who have never known war... ...Their values are too different!!!
      Whoever stands at the top can define right and wrong as they see fit!!!
      Right now, we stand in neutral territory!!!
      "Justice will prevail"?!... ...Well, sure it will!
      Whoever prevails... ...is Justice!!!! (Doflamingo)

      So kann man es aber auch sehen
      "THERE IS NO JUSTICE, THERE IS ONLY ME!"
      Death, Discworld, Terry Pratchett